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Die
Bewerbungsschreiben um den Titel »Peinlichste Prominenz
des Monats« sind zahlreich und kaum mehr überschaubar.
Sie aber dürfen wählen, wem Sie den Pokal überreichen
wollen, die Urkunde für den originellsten Kopf im öffentlichen
Palaver der Dödel. Dafür habe ich mich gequält
und bin für Sie knöcheltief durch den medialen Quark
gewatet.
Einer Bemerkung Harry
Rowohlts zufolge sind Schauspieler die dümmsten Menschen,
was sie freilich nicht hindert, in jedes ihnen hingehaltene
Mikrophon höchst Merkwürdiges zu sagen. Z.B. Armin
Rohde, als Schauspieler bestimmter Rollen unvergessen, hat seine
Liebe zu seiner Heimat Ruhrgebiet in Worte gefasst: »Das
Ruhrgebiet ist irrsinnig schön. Und grün! Wenn ich
jemanden an einem Knick der Ruhr absetzen würde und raten
ließe, wo er ist – der würde eher auf Kanada
oder Tasmanien tippen als auf das Ruhrgebiet.« Darauf
wär ich jetzt nicht wirklich gekommen, dass sich in einem
Knick an der Ruhr Tasmanien befindet. Vom Meer umtost kann man
auf der Insel Ruhrgebiet stundenlang durch Laupenpiepersiedlungen
gehen, ohne auf eine Menschenseele zu treffen. Ja so ist das
im dünnbesiedelten Tasmanien Deutschlands. Aber dieses
Idyll ist in Gefahr, und Armin Rohde sieht auch die Probleme:
»Ich sehe auch die Probleme. Opel ist in Gefahr.«
Und Armin Rohde hat auch Angst: »Ich habe Angst.«
Aber um was? Um die »verfallende Industrie, wo Birken
und Farne allmählich durch rostige Zahnräder wachsen«?
Nein? Nein, denn ganz im Gegenteil: bei diesem Anblick »geht
mir das Herz auf«. Na, ich möchte Sie nicht länger
auf die Folter spannen. »Ich habe Angst um jeden Einzelhändler«,
sagt Armin Rohde. Ich schätze, dass er damit den Rest seines
Lebens beschäftigt sein wird, und dabei will ich ihn auch
gar nicht länger stören. Manche Leute machen sich
das Leben aber auch richtig schwer.
Ein anderer mit einem
Naturtick de luxe heißt Enoch zu Guttenberg. Er ist Dirigent,
Manager, Umweltschützer, Großgrundbesitzer und hat
einen ungarischen Jagdhund. Einen Sohn hat er auch noch. Der
ist Verteidigungsminister, heißt Karl-Theodor und trägt
Rollkragenpullover, wenn er den Deutschen und seinen Soldaten
in Afghanistan erklärt, dass sie sich im Krieg befinden,
weil da ja vorher noch keiner drauf gekommen ist. Dafür
mögen ihn die Deutschen, was nicht für ihn spricht.
Enoch zu Guttenberg jedenfalls hat »die Natur schon immer
wahnsinnig geliebt«. Und die muss man auch lieben, weil
es im oberfränkischen Kaff Guttenberg nun wirklich nichts
anderes gibt. An den Menschen, die dort leben, ist die Aufklärung
jedenfalls spurlos vorübergegangen, immer noch brütet
dort die dumpfe, reaktionäre Mentalität aus den 30er
und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, und noch heute werden
»Soldatenkameradschaftsabende« begangen mit »Festgottesdienst,
Weißwurstfrühschoppen und großer Waffenschau«.
Ich weiß das, denn ich komme von da her. Was also soll
man bei den Hinterwäldlern schon anderes machen als Umweltschützer?
Sonst könnte Enoch zu Guttenberg ja nicht mehr mit seinem
ungarischen Jagdhund auf die Jagd gehen, wenn »auf einmal
überall Straßen in die verwunschensten Täler
gebaut« werden. Da wird Enoch zu Guttenberg zumute, »als
würde meine Seele zubetoniert«. Vermutlich, weil
die Seele von Enoch zu Guttenberg sich in den oberfränkischen
Wiesen und Wäldern befindet. Und weil das so ist, lebt
Enoch zu Guttenberg nach eigener Aussage in »Saus und
Braus« und geht jeden Tag reiten, aber freilich, »wer
weiß, wie lange ich das noch kann«, und predigt
nur zwei Sätze weiter: »Wir müssen lernen zu
verzichten.« Auf was zum Beispiel: »Wir müssen
zum Beispiel nicht außerhalb der Spargelzeit Spargel essen.«
Verstehe! Auch bei anderen Dingen geht Enoch zu Guttenberg mit
gutem Beispiel voran: »Das gesamte Schloss wird mit Energiesparlampen
beleuchtet... Und die gesamte Anlage mit allen Gebäuden
wird mit Hackschnitzeln beheizt.« Hackschnitzel? Na, wird
schon sowas sein. Aber das sind selbstverständlich Kinkerlitzchen,
denn der alte Herr auf Schloss Guttenberg malt ein Untergangsszenario
an die alten Schlossgemäuer, welches das aus den guten
alten Tschernobylzeiten in den 80ern wie ein altertümliches
Puppenspiel aussehen lässt, dagegen, sagt Enoch zu Guttenberg,
»war der Zweite Weltkrieg ein Spaziergang«. Armin
Rohde mit seiner Angst um jeden Einzelhändler würde
Enoch zu Guttenberg zu den Luxusproblemen zählen, wirklich
Angst hat er vor den 1,4 Milliarden Menschen, deren Heimat nach
seinen Berechnungen demnächst durch das Abschmelzen der
Grönlandkappen unter Wasser gesetzt wird, und weil die
ja nicht ständig mit nassen Füßen herumlaufen
wollen dann nach Deutschland kommen werden: »Und wenn
die zu uns kommen, dann sicher nicht freundlich winkend mit
dem Reisebus.« Dann ist der Traum vom eigenen »Lebensraum«
ausgeträumt. Nach dem selbstverständlichen Gebrauch
des Nazivokabulars, seiner Phobie vor Ausländern und der
Bagatellisierung von sechs Millionen ermordeter Juden kann man
Enoch zu Guttenberg eigentlich nur wünschen, dass er die
Untergangsvision, die ihn in den Träumen plagt, tatsächlich
noch erlebt.
Dagegen ist Frank
Schirrmacher ein kleines Licht. »Was mich angeht, so muss
ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit
nicht mehr gewachsen bin«, lautet der erste Satz seines
neuen Buches. Und abgesehen davon, dass ein aufmerksamer Lektor
das »mehr« gestrichen hätte – aber Lektor
ist ja ein ausgestorbener Beruf –, muss man über
Schirrmachers Buch auch gar nicht mehr wissen. In diesem Satz
steht bereits alles, was man über seinen neuen Ratgeber
wissen muss. Den Rest besorgte Ulf Poschardt, der sich anlässlich
einiger Farbbeutel, deren Ziel die BKA-Zentrale in Berlin gewesen
waren, besorgt fragte, ob es sich nicht um eine »neue
linksextreme Gewalt«, um eine »Erosion der freiheitlichen
Gesellschaftsordnung« handle, und der ehemalige Kolumnenschreiber
über Autos zeigte damit, dass sein Vertrauen in den Staat
trotz seines Wahlaufrufs für die FDP nicht sehr groß
ist, wenn er glaubt, ein paar Farbbeutel könnten die freiheitlich-demokratische
Grundordnung erschüttern. Die RAF hätte auch so angefangen,
sagt er, und wenn man jetzt noch die ganzen Heimwerker dazu
zählt, die ja auch so anfangen, dann könnte aus der
Revolution vielleicht doch noch was werden. |