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Grüne Tomaten schlafen wütend

Safariurlaub

Es ist doch irgendwie jedes Jahr dasselbe. Nichts bräuchte man dringender als einen erholsamen Urlaub mit etwas Abstand vom Alltag und von der längst überfälligen Steuererklärung. Doch beim Blick auf den Kontoauszug wird einem plötzlich klar, dass es auch diesen Sommer statt für kühlen Wein, Meeresfrüchte und Strand-Bekanntschaften mit Traummaßen wieder nur für lauwarmes Bier, Fischstäbchen und Freibad-Bekanntschaften mit Alptraummassen reicht. Irgendwie hatte man sich den Urlaub dieses Mal anders vorgestellt: Cocktails aus Kokosnusshälften, Bungalow am Meer mit Bad unter freiem Himmel und Blick aufs Wasser. Und jetzt soll es dann doch wieder nur Sangria aus Plastikbechern, Zelt am Moselufer mit Toilette im Gebüsch und Blick auf eine Kläranlage sein…?

Statt einer jungen Spanierin mit flotten Händen, die morgens Sekt ans Bett bringt, also wieder nur ein alter Afghane mit flohigen Pfoten, der ans Zelt pinkelt. Das ist nicht gerade etwas, was bei Freunden und Kollegen für Neid sorgt. Offen gestanden ist Neid aber genau das, was uns alle von unseren Urlauben erzählen lässt. Wir wollen beneidet werden! Wer hat nicht schon einmal planlos nach einem Urlaubsziel gesucht und dann die Destination gewählt, bei der der Neidfaktor am größten ist? Hawaii kommt eben bei jedem besser an als Hessen und die Bermudas besser als Bottrop! Was also tun, um im Büro nach zwei Wochen Abwesenheit nicht wieder gestehen zu müssen, dass man die freien Tage statt wie die Made im Speck wie eine Ratte im Dreck zugebracht hat…?

Das geht sehr wohl und sogar ganz ohne Lügen! Geschickt ausgewählte Urlaubsdetails sind hier die Lösung, die durch Verzicht auf die eine oder andere Randinformation in ein besseres Licht gerückt werden und so für den Neid sorgen, den Urlaubsberichte nun einmal erwecken sollen. Da sich die Bewunderung in Grenzen hält, wenn man berichtet, dass das Essen im Urlaubshotel kaum zu definieren war und einen mit Brechdurchfall auf der Toilette hielt, sollte man lieber von „extravaganten Mahlzeiten“ schwärmen, deren Geschmack einem noch Tage später auf der Zunge lag und die einen den ganzen Urlaub über fesselten. Eine romantische Nacht mit Wein am Strand reicht als Information übrigens auch völlig aus. Keiner muss wissen, dass man sturzbetrunken am Meer eingeschlafen war…

Auch sollte man stets von langen Spaziergängen reden, wenn man den Bus verpasst hatte und kilometerweit laufen musste. Und sollte die Urlaubskasse für einen Mietwagen nicht gereicht haben, gilt es, vom tollen Wanderurlaub zu erzählen. Eine mit Kakerlaken verseuchte Absteige wirkt übrigens deutlich netter, wenn man sie als „traditionelle Finca“ beschreibt, und Baustellenlärm am Morgen klingt als „kostenloser Weckservice“ umschrieben gleich schon wieder beneidenswert. Man sollte auch niemals erzählen, Opfer eines Taschendiebs geworden zu sein, sondern lieber den „Austausch mit den Einheimischen“ betonen. Überteuerte Restaurants sind schlichtweg „exklusiv“, überfüllte Strände beliebte „Hot Spots“ und tagelang schlechtes Wetter eine „angenehme mediterrane Frische“…

Mit Details ist also grundsätzlich vorsichtig umzugehen. Man möchte den Zuhörer nicht langweilen und noch weniger ihm den Eindruck vermitteln, der eigene Urlaub wäre nichts Besonderes gewesen. Es interessiert niemanden, dass man den Bike-Urlaub in Wirklichkeit auf einem klapprigen Damenrad verbracht hat oder aus dem Hotelfenster zwar auf einen endlosen Strand, aber eben auch auf eine endlose Autobahn blicken konnte. Auch Einzelheiten über weibliche Urlaubsbekanntschaften sind nur erwähnenswert, so lange man deren muskulösen Freund nicht anführt, der einem ein blaues Auge verpasst hat. Die Nachfrage, ob man noch Kontakt zu seinem Urlaubsflirt hat, kann man ruhig bejahen. Es braucht ja niemanden zu interessieren, dass der Kontakt über den Anwalt läuft…

Was aber tun, wenn man plant, seinen Urlaub zuhause zu verbringen? Von Balkonien oder Terrassien schwärmen? Das entlarvt doch jeder. Warum nicht einfach von einer Safari berichten? Wer sagt denn, dass die stets nach Südafrika führen muss und Wochen beansprucht? Auf Campingplätzen gibt es mindestens genauso viele exotische Anblicke an nur einem Wochenende. Und das statt für einige Tausend Euro für nur einen Zehner pro Nacht plus 50 Cent für die Dusche. Mit Safari verbindet jeder Abenteuer und Erlebnisse fernab des Gewohnten. Nichts anderes bietet ein deutscher Campingplatz! Hier hat man die Möglichkeit, befremdliche wie gleichsam faszinierende Arten der Gattung Mensch in natürlicher Umgebung zu erleben und mit dem Gefühl zu beobachten, fast unter ihnen zu leben…

Kein Zoo ermöglicht, was einem hier ohne Gitter und Käfige geboten wird: Balzrituale, Drohgebärden, Revierkämpfe und Futterneid. Es gibt kaum eine Tierart, die auf einem deutschen Campingplatz nicht ihr zweibeiniges Pendant findet. Allein die Spezies Dauercamper lässt keine Zweifel zu, dass Gorilla, Seekuh und Hängebauchschwein in unseren Gefilden heimisch sind. Hinzu kommen Zugtiere mit gelben Autonummernschildern, die als Einsiedlerkrebse in Schneckenhäusern wie die Heuschrecken einfallen. Sie verhalten sich solange ruhig bis es um Fußball geht und sie ihr normales Gefieder gegen ein orangefarbenes Balzkleid eintauschen. Außerhalb ihrer Behausungen sind sie dadurch zu erkennen, dass sie nüchtern sprechen wie heimische Arten erst nach einer Kiste Bier…

Trotz nilpferdähnlichem Aussehen und iltisartigem Körpergeruch ist der deutsche Dauercamper der Löwe im Campingreich. Er ist das übergewichtige Alphatier des Wohnwagenrudels. Während andere von Revier zu Revier ziehen, wählt er seinen Caravan-Standplatz wie sein Grab nur einmal im Leben aus. Er will ungestört sein, was ihn jedoch nicht davon abhält, jeden anderen zu stören. Er widmet sich am liebsten seinem Aufsitzmäher, dem englischen Rasen vor dem Vorzelt und seinem Acht-Flammen-Gasgrill, sofern er nicht als selbsternannter Platzwart für Ordnung sorgt. Sein Weibchen als Kreuzung aus toupiertem Ackergaul und geschminktem Schabrackentapir löst derweil Kreuzworträtsel, klöppelt Deckchen und hält alle über die Neuigkeiten aus dem britischen Königshaus informiert….

Anders als bei Löwen in der Savanne markieren Dauercamper ihr Territorium nicht mit Urin, sondern mit Jägerzaun und Gartenzwergen. Diese Reviergrenze sollte niemals überschritten werden. Nichts wird vom Campingplatzhirsch im Feinrippunterhemd weniger gern gesehen als fehlender Respekt! Gnade dem, der sich nicht an Parzellenzuschnitte und Mittagsruhe hält oder gar unwissentlich die Dauercamper-Stammdusche im Waschhaus belegt. Einem Revierkampf sollte mal als rangniedrigerer Gelegenheitscamper tunlichst aus dem Weg gehen. Schnell wird man sonst Opfer der Dauercamper-Meute und findet sich mit seinem Zelt neben den Mülltonnen wieder. Devote Unterwürfigkeit wird dagegen gern gesehen, sofern kühles Bier das Mittel der Unterwerfung ist…

Welchen Campingplatz man sich für seine Safari aussucht, ist im Grunde egal. Überall werden sich Dinge abspielen, die so unfassbar sind, dass Freunde und Kollegen zuhause einen für diesen Urlaub beneiden werden. Wem Camping in der Eifel jedoch nicht exotisch genug ist, kann als Safariziel einen FKK-Strand an der Ostsee wählen. Dort gesellen sich zu Hängebauchschweinen auch noch kleine Buschvögel und süße Pussis. Safariurlaub… gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

P.S. Warum werden Zebras immer genau an Fußgängerüberwegen überfahren?

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