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Mel´s Mikrokosmos

Same procedure as…

Hallo Mikrokosmonauten: Notlügen zu Weihnachten sind erlaubt! 

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber dieses Jahr bin ich erst spät im weihnachtlichen Taumel angekommen. Obwohl im Vorfeld alles wie immer war: Die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen hing ab Ende Oktober, den Lebkuchen gab es schon vorher. Und ab September weichten die Sommerkleidchen den kratzigen Wollpullis. Zumindest im Einzelhandel. Ich habe mich dieses Jahr echt schwer getan, mir einzugestehen, dass jetzt wieder die Zeit beginnt, in der es früher dunkel wird und die Welt ein Stückchen an Farbe verliert, nachdem auch die letzten goldenen Blätter von den Bäumen gefallen sind. An Farbe verlieren auch wir, denn die Sommerbräune verabschiedet sich mehr und mehr und das von der Sonne ausgebleichte Haupthaar bekommt wieder diesen verwahrlosten Straßenköter-Touch, obwohl man längst keiner mehr ist. Ich bin erschüttert, dass nun ein weiteres Weihnachten ganz nonchalant anmarschiert kommt, als hätte man sehnlichst drauf gewartet. Haben wir nämlich irgendwie nicht. Offen gestanden war ich immer Fan von Weihnachten. Aber dieses Jahr erscheint es mir ferner denn je, zumindest in diesem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe. Denn Weihnachten und die Wochen davor – da bin ich mir sicher – ist auch die Zeit von Lug und Trug. Ich frage mich deshalb jedes Jahr aufs Neue:

„Täuschen wir ihn nur vor, den Weihnachtstaumel-Freudentanz?“

Ich ertappe mich ja besonders in der Vorweihnachtszeit dabei, wie ich mir selbst den Jutesack voll lüge. Das fängt beim Gebäck an. Ein Lebkuchen hat fünf Weight-Watchers-Punkte. Ist nicht viel, aber ich will mir jedes Jahr aufs Neue partout nicht eingestehen, dass mein Lebkuchen in Wahrheit 500 Gramm wiegt und aus zwanzig Einzelteilen besteht. Und de facto 100 Weight-Watchers-Punkte hat, was einem Extra-Punkte-Puffer von etwa drei Wochen gleichkommt, das ich in nur fünf Minuten aufbrauche. Mein Selbstbetrug wiegt übrigens etwa zwei Kilo. Aber okay, wir Menschen haben ja die seltsame Angewohnheit, uns gerne selbst glücklich zu machen. Passt die Hose nicht mehr, kaufen wir uns einfach eine mit Gummibund und fühlen uns gleich so, als hätte es das Malheur nie gegeben. Bei Glühwein ist das nichts anderes. Denn wie so oft gestehen wir uns auch hier nicht ein, dass wir das Gebräu eigentlich hassen, da zu viel Zucker und Nelkengestank, aber wir uns förmlich hingerissen fühlen, in der vorweihnachtlichen Träumerei davon zu kosten und das nicht zu knapp. Spätestens nach dem ersten verklebten Schnabeltassen-Stiefel auf dem Weihnachtsmarkt wissen wir: „Stimmt, so geil ist der gar nicht.“, und sollten spätestens jetzt die Finger davon lassen. Da aber Weihnachten ist, suggeriert uns das Gehirn, dass wir gerade jetzt und hier Unmengen Zuckerwein in uns hineinschütten müssen, weil das halt so ist. Ich wechsele ja irgendwann immer von Glühwein zu diesen anderen niedlichen Getränken mit neckischen Namen, die wie Erotik-Spielzeug klingen. „Blonder Engel“ oder „Süßer Traum“ zum Beispiel. Leider halten auch die nur bedingt, was sie versprechen, denn süße Träume habe ich davon nie. Eher Sodbrennen. Aber was soll’s, es ist Weihnachtszeit und man malt sich die Welt in dieser Zeit kunterbunt und bestäubt sie sogar noch mit Puderzucker. Dass der Puderzucker für manche auf illegalem Wege auf dem Zimtsternchen gelandet zu sein scheint, ist dann wohl auch wahrhaftig der absolute „Vanillegipferl“! Nun denn, in welchem Orbit wir uns in der vorweihnachtlichen Zeit nun wirklich befinden, lässt sich nur erahnen. Jedoch frage ich mich:

„Was wäre Weihnachten, wenn wir immer unverblümt ehrlich wären?“

Wahrscheinlich das Fest der Hiebe.

Denn gehen wir auf das vermeintliche Fest der Liebe zu, erreicht der Schummelmarathon seinen Höhepunkt. Spätestens dann, wenn man eröffnet bekommt, dass die unbeliebte Tante samt griesgrämigem Gatten jetzt doch zur Heiligabend-Völlerei eingeladen wurde und zusätzlich auch noch Mitbestimmungsrecht erhält, was auf den Tisch kommt, während man selbst noch nicht mal einen Hauch Entscheidungsgewalt hat, wer an den Tisch kommt und das auch nicht ehrlich sagen darf. „Des Lieben Frieden Willens.“, hallt es dann aus dem Alibi-Requisiten-Lager der eigenen Truppen, während man selbst insgeheim bereits die Messer wetzt, weil eine feindliche Belagerung der Weihnachtstafel droht. Weihnachten mit der ganzen Familie an einem Tisch zu sitzen mag zwar in der Phantasie wie das fröhliche Weihnachtsmann-Hauptquartier wirken, kann aber in Wahrheit eine Schlittenfahrt in die Hölle bedeuten. Die Antwort liegt ganz allein im Wein. Ein Glas zu viel des guten Rebensaftes kann in weihnachtlicher Gesellschaft eine ganze Familie entzweien. Vielleicht, weil in vino immer noch mit veritas einhergeht oder weil einige ihn schlichtweg nicht vertragen. So manch einer ist an einer geschmückten Tafel schon in den Genuss von Ohrfeigen zum Lamm gekommen. Habe ich gehört. Die Wahrheit, Freunde, ist zuweilen ein ganz schön garstiger Wichtel, deshalb sollte man sie zu Weihnachten innerhalb der Familie tunlichst vermeiden. Gleiches gilt auch bei einem ähnlich leidigen Thema: Den Geschenken. Ich frage mich jedes Jahr aufs Neue, weshalb wir im Vorfeld stets tönen, dass wir uns dieses Jahr nichts zu Weihnachten schenken, aber dieses Nichts dann am Ende noch möglichst schön in Goldpapier wickeln? Diese Flötentöne können jedenfalls ganz schön böse ausgehen, spätestens dann, wenn man sich wirklich daran hält. So kam mir neulich zu Ohren, dass ein Pärchen über Monate vor Weihnachten bereits bei jeder sich bietenden Gelegenheit betonte, sich an Weihnachten nichts zu schenken. Und sich auch wirklich mal daran zu halten, denn die Jahre zuvor war es ähnlich abgelaufen, aber man brachte es dann nie übers Herz, wirklich nichts zu schenken. Nun ja, diesmal jedoch setzte der männliche Part des Paares es tatsächlich in die Tat um und schenkte – oh Wunder – nichts. Ich war nicht dabei, als sie ihm freudestrahlend am Heiligen Abend die Schlüssel eines Oldtimer-Cabrios überreichte, das mit Schleifchen in der Kies-Auffahrt stand. Ich war auch nicht anwesend, als sich um seine Nasenspitze herum eine leichte Blässe bildete und ihr Lächeln versiegte, als er ihr sein „Nichts“ gestand. Ebenso konnte ich der Szenerie auch nicht beiwohnen, als sich ihre Miene versteinerte und sie versuchte, normal weiterzuatmen, damit sie nicht in Ohnmacht fiel. Aber wenn ich ehrlich bin, kann ich mir genau vorstellen, dass man die Luft dort hätte schneiden können, so dick wie sie war.

Frohe Weihnachten

Im Grunde gibt es zu Weihnachten keine wirklich guten Tipps, sollte die Familien-Fehde bereits zu weit fortgeschritten sein. Vielleicht mehr Humor und Notlügen und das Vertuschen der nackten Wahrheit, obwohl ich kein Freund davon bin. Von Nacktheit allerdings schon, aber erst nach der Weihnachtszeit, wenn der Sport wieder Einzug hält. Darüber hinaus soll es doch tatsächlich Familien geben, die sich recht gut verstehen. Meine ist eine davon. Zu Weihnachten sind wir nämlich eher damit beschäftigt, ein bisschen rund um unsere Hüften zu schummeln als dem anderen ins Gesicht. Weil das mit dem Weight-Watchers funktioniert eh nicht.

Am Ende ist es doch so: Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet, allerdings passt sie eher weniger zum familiären Weihnachtsfest. Warten wir noch bis Silvester!

Fröhliche Weihnachten, ihr da draußen!

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