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Mel´s Mikrokosmos

Schubladen im Kopf

Am Anfang steht der Stereotyp! Frauen können nicht einparken! Professoren sind schusselig! Und AfD-Wähler sind alle Rassisten! Wir fassen Menschen eigentlich immer in Gruppen zusammen. Ein völlig normaler, nahezu automatisch ablaufender Prozess. Denn so muss man über Dinge, die möglicherweise auf die große Mehrheit einer Gruppe zutreffen, nicht jedes Mal neu nachdenken. Sondern die schnell abrufbaren Stereotypen können den Umgang mit anderen extrem vereinfachen. „Was für eine Tussi!“, dachte ich, als die Neue in meine Laufgruppe kam. Sie trug die neuesten Jogging-Schuhe, die trendigsten Lauftights, perfektes Make-Up und hatte die Haare zu neckischen Zöpfchen geflochten. Sofort stellte ich mir damals die Frage, wie man sich augenscheinlich so zeitintensiv herrichten kann, um lediglich bei miesem Wetter joggen zu gehen? Zumal just in diesem Moment auch noch ein fieser Nieselregen einsetzte. Sei es drum, nach etwa zwei Kilometern begann der Niesel in Starkregen umzuschwenken. Irgendwann schiffte es wie aus Eimern. Ihre Frisur war im Arsch. Meine übrigens auch. Und was soll ich sagen? Es war ihr schlichtweg egal. Stattdessen war sie die Einzige, die das Ganze mit Humor nahm. Während ihre Schminke weggespült wurde, brachte sie mich unermüdlich zum Grinsen mit ihrer lockeren Art und so revidierte ich meine Meinung über sie. Der erste Eindruck hatte mich getäuscht. So wie die vermeintliche „Tussi“ in meiner Laufgruppe traf ich in meinem bisherigen Leben schon auf so manche „Mogelpackung“, die eben nicht das war, was sie verkörperte. Im positiven aber auch im negativen Sinne. Aber täuscht uns unser Schubladen-Denken tatsächlich so oft über die Wahrheit hinweg?Es ist leichter einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil
Eines steht fest: Vorurteile haben mit der Realität nichts zu tun. Sie sind ein Wahrnehmungsfehler, ein Aufmerksamkeitsphänomen mit gesellschaftlicher Dimension. Sie ganz loszuwerden ist unmöglich. So meinen etwa 52 % der Bevölkerung, Deutschland sei in einem gefährlichen Maße überfremdet. Die Mehrheit der Europäer glaubt, dass der Islam eine intolerante Religion sei. Und auch wer nichts gegen Homosexuelle, Ausländer, berufstätige Frauen oder Muslime hat, hat Bilder im Kopf, erwartet gewisse Eigenschaften von Friseurinnen, Asiaten oder Fußballspielern und hegt vielleicht eine Abneigung gegen reiche Erben. Und dann diese Jugend! Der angeeignete Möchtegern-Habitus gewisser Jugendlicher wird oft begleitet von einer merkwürdigen Handbewegung und einem „Yo“. Das ist offensichtlich das Ergebnis der beiden Variablen Wohnviertel und Musikgeschmack. Menschen, die dort wohnen, wo das rassifizierte Arbeitermilieu zu Hause ist, hören nämlich alle Rap und damit einher geht selbstverständlich auch eine bestimmte Gestik und die Übernahme von Codes aus dem Genre Gangster-Rap. Yo, was für ein Mist! Jeder hat Vorurteile. Sie sind eine zutiefst menschliche Eigenschaft und fest im Gehirn verankert. Und fast jeder kennt auch die andere Seite: Wer geschieden oder arbeitslos ist, blond oder dunkelhäutig, weiß, wie es ist, in Schubladen gesteckt zu werden. Wie oft wurde ich aufgrund meiner Haarfarbe und meiner etwas flapsigen Art schon als Dummchen hingestellt? Unzählige Male. Die Schablonen des menschlichen Denkens bilden sich schon früh, sie sind sogar Teil unserer Entwicklung. Wenn Kinder von ihrer Umgebung lernen, die Welt zu verstehen, ordnen sie sie in Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Auch als Erwachsene speichern wir Wissen in solchen assoziativen Netzen ab. Ausgehend von den Konzepten in unserem Kopf, unterstellen wir anderen spezifische Eigenschaften oder Verhaltensweisen, nur weil sie einer bestimmten Gruppe angehören: der FDP beispielsweise, den Bayern oder den Kopftuchträgerinnen. Also sind Vorurteile im Grunde ein Trick des Gehirns, um bei der Informationsverarbeitung Energie zu sparen? Augenscheinlich ja, denn ein Mensch mit einer Glatze ist ja nicht automatisch ein Neonazi. Aber es ist einfacher, die Schublade zu öffnen und den Glatzenträger eben in die Kategorie Nazi abzulegen. Je schneller wir unser Umfeld einordnen können, desto mehr Kapazitäten bleiben für andere Denkvorgänge. Was wir heute Abend kochen sollen beispielsweise. Und desto schneller können wir auf etwaige Gefahren reagieren. Sehen wir eine dunkle Gestalt auf nächtlicher Straße, sammelt unser Gedächtnis, was es gelernt hat. Blitzschnell rechnen die Nervenzellen Wahrscheinlichkeiten durch und aktivieren die zuständigen Areale. Die Amygdala, also die sogenannten „Mandelkerne“ im Gehirn etwa signalisieren Angst. Die Basalganglien, der Ort im Kopf, an dem eingespielte Bewegungsabläufe abgelegt sind, lassen uns den Schritt beschleunigen. Quasi automatisch. Entscheidend ist nicht die tatsächliche Gefahr, sondern es sind die Bilder und Informationen, die im Gedächtnis gespeichert sind. Sie dienen als Interpretations- und Verhaltenshilfen. Kleidung, Herkunft oder Beruf geben, wenn es schnell gehen muss, Hinweise darauf, ob jemand zur eigenen Gruppe gehört oder nicht.

Freund oder Feind?
Beim Anlegen der Denkschablonen saugt das Gehirn auf, was das Umfeld hergibt. Häufigkeit und Intensität des Erlebens sind dabei wichtiger als der Wahrheitsgehalt der Informationen. Wenn nach einem Anschlag Medien und Politiker immer wieder von Selbstmordattentätern und dem Islam sprechen, dann wird das Gehirn diese Verbindung abspeichern und in anderen Situationen aktivieren. Sind solche Vorurteile erst einmal verinnerlicht, ist es schwer, sie wieder loszuwerden. Denn sie übernehmen die Kontrolle über die Informationsverarbeitung und bestätigen sich so immer wieder selbst. Was mit unseren Vorstellungen zusammenpasst, sehen wir schneller, gewichten wir stärker und glauben wir eher. So ist es kein Wunder, wenn wir dank Facebook und Co immer mehr in einen Strudel aus Hass und Ablehnung gezogen werden, sei es in Bezug auf Ausländer oder auf Deutsche oder generell auf Andersdenkende oder anders Aussehende. Es gibt nur noch Schwarz oder Weiß. Nur noch Freund oder Feind. Richtig gefährlich wird das Ganze, wenn das Denken in Vorurteilen nicht nur die Wahrnehmung der Realität verzerrt, sondern die Vorurteile sogar Wirklichkeit werden lassen. Wenn wir von allen Patrioten annehmen, dass sie rechtsextrem sind, wird die Entwicklung nach rechts eventuell gar nicht mehr so abwegig sein. Wenn wir von allen Ausländern glauben, dass sie gefährlich und barbarisch sind, wird es genug geben, die das auch tatsächlich so umsetzen. Warum auch nicht? Warum andere vom Gegenteil überzeugen? Bringt doch eh nix! Vorurteile, die andere haben, bringen das eigene Selbstbild zuweilen bedrohlich ins Wanken. Es gab da dieses Mädchen in meiner Grundschulklasse. Sie kam aus ärmlichen Verhältnissen, ihre Eltern waren wenig gebildet und förderten das Kind kaum. Die Vorurteile waren enorm. Man räumte diesem Mädchen null Chancen ein, nirgendwo im Ort. Denn wenn die Eltern schon so sind, muss das Kind schließlich auch so werden. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. In Wahrheit war diese Klassenkameradin aber ganz und gar nicht dumm. Im Gegenteil. Sie war ein echtes Mathe-Ass, aber je schlimmer und härter sie vorverurteilt wurde, desto weniger glaubte sie an sich selbst. Am Ende schaffte sie mit Ach und Krach den Hauptschulabschluss und sieht heute so aus, wie ihre Mutter damals. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie mehr hätte erreichen können, wenn man mehr an sie geglaubt hätte. Und vor allem, sie an sich. Aber wie soll das gehen, wenn man stets in Schubladen gesteckt wird?

Schubladen sind für Unterwäsche da, nicht für Menschen
Am Ende ist es doch so: Vorurteile sind so unwichtig wie ein Fundbüro in Polen. (haha!) Wichtig ist, dass wir uns die vorgefertigten Bilder selbst eingestehen. Bemitleiden wir geistig Behinderte, ohne zu wissen, wie es ihnen wirklich geht? Nehmen wir an, dass Dunkelhäutige anders denken als wir? Alles Bullshit, solange wir diese Menschen nicht kennen. Klar gibt es tatsächlich auch die Arschlöcher, die wir vornherein auch genauso eingeschätzt haben, aber oft werden wir auch knallhart vom Gegenteil überzeugt. Traut euch einfach, den Mund aufzumachen und andere kennenzulernen. Hinterher können wir immer noch sagen: „Was für eine Tussi!“

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