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Mel´s Mikrokosmos

Sehnsucht nach früher

„Der Mensch will immer, dass alles anders wird und gleichzeitig will er, dass alles beim Alten bleibt.“ Paulo Coelhos Zitat ist recht treffend, wenn man bedenkt, wie oft und gerne wir uns an die „guten, alten Zeiten“ erinnern oder in bestimmten Situationen sogar fast schon erleichtert aufatmen und uns sagen hören „Wie in alten Zeiten!“. Als ich neulich in London war, fühlte ich mich unzählige Male an meine Klassenfahrt zurück erinnert und mit den Erinnerungen kamen spezielle Gefühle in mir hoch, die seit fast zwanzig Jahren irgendwo in mir drin geschlummert hatten. Aber jetzt, in dieser Stadt, erwachten sie plötzlich wieder zum Leben und ich war zurück im Jahre 1997 auf meiner Klassenfahrt. Wie in „alten Zeiten“ ließ ich mich vor dem Buckingham-Palace fotografieren und bei Marble Arch versuchte ich mich daran zu erinnern, ob mir irgendwas bekannt vorkam. Alles in allem reiste ich auf diesem London-Trip ständig in die Vergangenheit, während sich aber schon wieder aktuelle Eindrücke in meinen Kopf einbrannten und in meinem exklusiven Erinnerungskatalog verschwanden. Und ich kam nicht daran vorbei, mich zu fragen: „Warum sehnen wir uns eigentlich so sehr nach vergangenen Tagen?“. Natürlich weiß ich inzwischen, dass die Vergangenheit meist mit goldenem Pinsel malt, also quasi vieles schöner, gigantischer und toller im Kopf abgespeichert ist, als es zu jener Zeit wirklich war, aber im Herzen wohnen immer noch diese konservierten Gefühle, die man damals hatte und die sorgen dafür, dass man sich mit einem Male wieder in diese Zeit zurück wünscht, In diesem Zusammenhang wünsche ich mir übrigens immer ganz stark, dass Zeitreisen endlich Wirklichkeit werden.

Schöne, neue Welt im Vintage-Look

Nostalgische Sehnsüchte. Irgendwie haben wir sie doch alle. Sei es in Form von unzähligen Erinnerungen, die wir in Tagebüchern niederschreiben oder sagenumwobenen Erzählungen unserer Großväter, die unsere Fantasie beflügeln und uns in andere Zeiten katapultieren. Wir ertappen uns ständig dabei, wie wir in unseren Erinnerungen kramen und einige davon retro-like wieder aufleben lassen. Zum Beispiel nachts in Freibäder einsteigen oder uns von Mama unser ewiges Lieblingsessen kochen lassen. Ich sage es mal ganz unverblümt: Wir haben uns kaum verändert und das ist schön. Zwar senden wir Liebesbotschaften inzwischen lieber über WhatsApp als mit Tinte auf Papier, aber wir tragen dabei immer noch ausgetretene Doc Martens und hören Nirvana-Songs. Wie in den Neunzigern.  Und das bittersüße Schwelgen in der Vergangenheit, nun, das ist eben auch geblieben. Weil es in der Natur der Menschen liegt. Weil auch schon unsere Eltern und Urgroßeltern von „früher“ sprachen, als sei es etwas Magisches. Und heute spricht halt unsere Generation von „früher“. Und wie früher wollen wir in mancherlei Hinsicht auch leben. Zurück zur Natur zum Beispiel mit „zerowaste“. Zerowaste heißt übersetzt „null Müll“, aber auch „null Verschwendung“. Gemeint ist, ein Leben zu führen, bei dem kein Abfall produziert und kein Rohstoff vergeudet wird. Alle Rohstoffe, die benutzt und dann nicht mehr gebraucht werden, sollen wiederverwendet oder neu verwertet werden. Im optimalen Fall entsteht ein geschlossener Ressourcenkreislauf. Eigentlich eine prima Idee angesichts der Tatsache, dass man in Supermärkten inzwischen sogar geschälte Orangen in Plastikschale verpackt kaufen kann. Und damit nicht genug: Im Netz kursieren unzählige Selbstversuche über „No-Poo“, also die Entscheidung, seine Haare nicht mehr zu waschen. Fast schon wie im Mittelalter also. Tieferer Sinn dieser Aktion ist die Tatsache, dass wir unsere Kopfhaut mit unzähligen Chemikalien belasten, die in Shampoos und Spülungen enthalten sind. Die Chemie dringt durch den Kopf in unseren Körper und macht uns auf längere Sicht krank. Zeitgleich mit „No poo“ wird auch zusätzlich gerne auf Deo und Co verzichtet, da viele immer noch zu viel Alkohol oder Aluminium enthalten. Und als wäre das nicht genug, fangen wir nach und nach an, unsere Klamotten zu überdenken. Klamotten in Bio-Baumwolle und Made in Germany erscheinen plötzlich wieder wichtiger als günstige Mode aus diesem bekannten schwedischen Modehaus. Irgendwie gehen wir nach vorne und doch wieder ein paar Schritte zurück, denn wir fangen wieder mehr und mehr an zu leben, wie zu Omas Zeiten. Selbstgemachter Kuchen schmeckt auch echt besser als eine Backmischung, oder?

Nostalgie im Herzen

Was ist Nostalgie überhaupt? Sozialanthropologen definieren sie gern als eine „lebhaft-sentimentale Sehnsucht nach dem Vergangenen“. Wissenschaftler sind sich aber inzwischen einig, dass hinter dem Begriff nicht nur ein vages Konzept steht, sondern ein realer Abwehrmechanismus unseres Gehirns, der unser seelisches Wohlbefinden regulieren soll. So ist es auch kein Wunder, dass wir vor allem immer dann nostalgisch werden, wenn wir uns in einer Krise befinden, uns einsam fühlen oder dem Ende eines bisherigen Lebensabschnitts nachtrauern. Manchmal wird man auch einfach nur nostalgisch, wenn man rotzevoll auf dem Festival steht und Paul van Dyk auflegt. Und man noch rotzevoller seinem Freund ins Ohr lallt „Dasch Liied is schon zwanzisch Jahre aallllld!“, und dann zu heulen anfängt. Laut Wissenschaftler ist so etwas aber auch als durchaus positiv zu betrachten, denn die sagen, dass Nostalgie gezielt eingesetzt unser Gehirn trainieren kann. Dafür müssen wir uns jedoch keineswegs an unsere letzte beschissene Trennung zurückerinnern oder absichtlich mit dem kleinen Zeh gegen ein Tischbein rennen. Stattdessen nutzen wir die typischen Katalysatoren der Nostalgie: alte Erinnerungsstücke, Filmklassiker sowie bestimmte Düfte wirken besonders gut. Oder wer von uns Frauen kann hier behaupten, sie verbinde rein gar nichts mit dem Joop-Parfum „Le Bain“? Da die meisten nostalgischen Erinnerungen zudem beziehungsorientiert sind, kann es helfen, sich mit Verwandten und Freunden zusammenzusetzen und gemeinsam Familienfotos durchzublättern. Wieder ein gutes Argument für die oft belächelte, aber überhaupt nicht altmodische Leidenschaft, Fotoalben zu jedem noch so kleinen Lebensereignis zu erstellen. Noch schöner sind übrigens alte Super8-Filme, sofern das Equipment noch funktioniert. In meiner Familie übrigens ein ewiges Diskussions-Thema, weil entweder immer die Lampe vom Projektor im Eimer ist oder der Ton nicht funktioniert.

Auch wenn man nicht in den Sechzigern oder Siebzigern groß wurde, wie ich zum Beispiel, lohnt sich Fleetwood Mac, um gewisse Synapsen im Gehirn zu aktivieren. Und generell bleibt Musik doch ein weiterer nachweislicher Faktor, der lebhafte Erinnerungen begünstigt. Das Album „Tango in the night“ von 1987 zählt nicht umsonst zu den Stücken, die meine Kindheit am besten wiederaufleben lassen. Irgendwie lief immer ein Song dieses Albums entweder im Radio oder bei uns zuhause und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich beim Hören die damalige Zeit regelrecht riechen kann. Bands wie Metallica oder Pearl Jam rekonstruieren dann eher meine wilde Jugend und gewisse House- und Electro-Klassiker öffnen eine Tür in meine Zwanziger. Es ist wirklich faszinierend.

Flanieren in die Vergangenheit

Das „Memory-Lane“-Projekt in einem Seniorenheim im englischen Winterbourne geht mit besonders gutem Beispiel voran. Dort hat man nämlich eine gesamte „Straße der Erinnerungen“ mit alten Fassaden, originalgetreuen Möbeln und benutzbaren Gebrauchsgegenständen wie Wählscheibentelefonen und antiken Standbriefkästen eingerichtet. Eine Promenade durch diese Kulisse soll nicht nur Gefühle von Verwirrung und Angst verringern, sondern auch das Langzeitgedächtnis auf Trab halten. Wir sollten unser eigenes „Memory-Lane-Projekt“ starten! Wobei es manchmal auch schon reicht, in seine alten Doc Martens zu schlüpfen, Nirvana zu hören und Tagebuch zu lesen.

 

 

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