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Grüne Tomaten schlafen wütend

Sommer am See

Wer wie ich mit einem Körper gesegnet ist, der bereits beim bloßen Anblick von Eiscreme zunimmt, der steht dem Sommer mit einem lachenden und einem weinenden Auge gegenüber. Die Freude über gutes Wetter währt nur bis zu dem Moment, in dem man die Badesachen hervorkramt und schockiert feststellt, dass diese über den Winter schon wieder von irgendwelchen Wichteln enger genäht wurden. Die Hoffnung, dass das ausgiebige Naschen ohne Folgen geblieben ist, wird beim Blick in den Spiegel zerstört, wenn einen der eigene speckige Zwilling gegenüber in der zu knappen Badehose wissen lässt, dass man noch nie so weit vom Surferkörper entfernt war wie in diesem Jahr…

Die Begabung, jede Kalorie in Hüftspeck umzuwandeln, verschaffte mir eine Kindheit, die kaum hätte schlimmer sein können. Während meinen Freunden ein Stück Kuchen Kraft fürs Klettergerüst gab, kam ich nach einer Torte nicht einmal mehr alleine aus dem Sandkasten. Meine Oma meinte damals, dass ich wegen meiner Energiereserven den nächsten Weltkrieg viel eher überstehen würde als meine dünnen Freunde. Das tröstete mich dann, zusammen mit einem großen Stück Torte. Und so warte ich nun seit meinem achten Lebensjahr darauf, dass mir ein Krieg endlich zur guten Schwimmbadfigur verhilft, wie sie Opa Ewald hatte als er aus der Gefangenschaft kam…

Da es sich auch diesen Sommer nicht absehen ließ, dass ich durch eine Diät im Luftschutzbunker mein Idealgewicht erreiche, entschied ich mich letztens mit Freunden und meiner momentanen Figur an den See zu fahren. Schon als Kind mochte ich Ausflüge, bei denen es etwas zu beobachten gab, wie solche in den Zoo. Da konnte man behaarten Primaten zusehen, wie sie breitbeinig in der Sonne fläzen, Futter verschlingen und Artgenossen aus ihrem Revier vertreiben. All das ist noch weitaus beeindruckender, wenn es nicht Affen im Gehege sind, denen man zusieht, sondern Menschen in freier Wildbahn. Dieser Ausflug zum See sollte der beste Zoobesuch meines Lebens werden…

Mir war nicht bewusst, wie viele Menschen es im Sommer am Wochenende in Autokarawanen an Badeseen treibt. Ihr Anblick erinnert an Gnuherden, die in brütender Hitze das nächste Wasserloch suchen. Während es bei den Vierbeinern darum geht, dem Tod zu entkommen, wollen Zweibeiner bloß dem Alltag entkommen. Es scheint, dass jeder wenigstens einmal pro Woche die enge, laute und überfüllte Stadt hinter sich lassen und raus in ein enges, lautes und überfülltes Strandbad möchte. Denn ein Ausflug zum See bietet alles, was man braucht, um sicher sein zu können, dass man sich montags wieder auf die Arbeit freut…

Vorfreude: Vorfreude heißt Vorbereitung. Genügten früher Handtuch, Decke und Spontanität, erfordert ein Badeausflug heute akribische Planungen, wie man den halben Hausstand ohne nepalesische Sherpas zum See bekommt. Tage im Voraus werden Bollerwägen probeweise mit Getränkekisten, Balkonliegen und Schlauchbooten beladen, dass es den Anschein hat, man wolle nicht einen Tag ans Wasser, sondern ein Jahr zum Mond. Die Freude ist groß, wenn nach stundenlangem Kofferraum-Tetris der Ausflug dann endlich startet, währt aber nur bis zur Ankunft am See, wenn man bemerkt, dass man die Räder für den Bollerwagen vergessen hat und daher nun doch alles schleppen darf…

Spannung: Nichts ist aufregender als die Suche nach dem idealen Parkplatz: nahe am See, schattig und kostenlos. Dafür schleicht man gerne mit schleifender Kupplung im Kreis, um dann urplötzlich wie eine Wildkatze zu einer freiwerdenden Lücke zu jagen, die nicht etwa demjenigen gehört, der blinkend davor wartet, sondern dem, der als erster einparkt. Wehe dem Parkplatzpersonal, das einen auf weiter entfernte Plätze leiten möchte! Man hat keine sechzig Minuten Anfahrt hinter sich gebracht, um nun fünf Minuten laufen zu müssen! Da investiert man lieber eine halbe Stunde mehr fürs Suchen oder parkt mit Opas Behindertenausweis direkt vor der Strandbadkasse auf dem Gehweg…

Herausforderung: Liegeplätze in idealer Entfernung zu See, Imbissbude und Toilette sind rar. Daher gilt es, das eigene Territorium frühzeitig abzugrenzen. Schlangen an der Strandbadkasse sind da nur hinderlich. Es heißt links antäuschen und rechts vorbeidrängeln. Die Evolution lehrt bekanntlich, dass nur die Stärksten überleben. Vielleicht wären die Dinosaurier nie ausgestorben, hätten sie sich in der Kreidezeit nicht immer höflich hinten angestellt. Osteuropäische Familien sind, was das angeht, weit vom Aussterben entfernt. Sie ziehen selbstsicher mit Kind und Kegel am Kassenstau vorbei und kommentieren Unmut anderer gern mit blumigem Russisch oder gleich einem Veilchen…

Entspannung: Als guter Deutscher kommt man erst zur Ruhe, wenn sämtliches Hab und Gut seinen Platz hat, Erste-Hilfe-Set und Feuerlöscher positioniert sind und der Sonnenschirm fünfminütlich an den Sonnenstand angepasst wird. Die Sonnencrememenge wird per Smartphone-App an die Ozonwerte angepasst, auch wenn man nach reichlich LSF 50 aussieht wie am Ende eines Pornos. Während Deutsche wegen ihres ständigen Nachcremens auch nach einem Tag in praller Sonne noch den Teint eines Schneemanns haben, ist bei Osteuropäern Krebsrot das neue Braun. Bereits nach einer Stunde sind sie kaum noch von ihrem Grillgut zu unterscheiden…

Essen: Zum Besuch am See gehören Pommes, die dank eichenholzfarbenem Frittierfett und grünstichiger Mayonnaise nirgends schmecken wie hier. Sie lassen viele Badegäste nach einem Tag in der Hitze des Strandbades die Nacht in der Kühle des eigenen Bades verbringen. Wem Fastfood zu schnöde und ein Einmalgrill nicht standesgemäß ist, scheut sich nicht, die halbe Einbauküche oder zumindest den Kugelgrill samt zehn Kilo Holzkohle anzukarren, um für eine Grilltomate die gesamte Liegewiese einzuräuchern. Würde man zeitgleich alle Kühlboxen öffnen, die sich an einem heißen Sommertag im Strandbad ansammeln, die Klimaerwärmung wäre kein Thema mehr…

Sport: Jeder liebt Sport, vor allem, wenn er dabei zuschauen kann. Männer bevorzugen daher Liegeplätze an Beachvolleyballfeldern in der Hoffnung auf Spielkameradinnen, die Lust auf Pritschen und Baggern und danach auf Baggern und Pritsche haben. Frauen mit Lust zum Einlochen findet man in jedem Fall beim Minigolf. Im Wasser sind weniger blonde Meerjungfrauen als eher bleiche Tümmler anzutreffen. Wenn man nicht wüsste, dass Wale keine Bademode tragen, man würde der Versuchung erliegen, den ein oder anderen am Ufer dümpelnden Säuger zurück ins Wasser zu ziehen…

Ob mir nun der Ausflug zum See gefallen hat? Er hat mir zumindest gezeigt, dass die Wirklichkeit weitaus schlimmer ist als mein Spiegelbild und dass spindeldürre Mädels mit rosafarbenen Bikinis und zum Nagellack passendem Lidschatten es nicht lustig finden, wenn man sie wie Flamingos mit Brotkrumen füttern will. Sommer am See… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Der Unterschied zwischen Baywatch und DLRG ist, dass im Fernsehen Frauen die Brüste haben.

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