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Mel´s Mikrokosmos

Stay strong

Als ich noch ein Kind war, hatte ich eine Freundin, mit der ich mich zuweilen heftig in die Haare bekam. Unsere Streitereien entstanden meist aus Nichtigkeiten: Ein verlorenes Spiel, Neid darüber, dass die andere eine schönere Barbie-Puppe hatte oder kleinere Machtspielchen, wer denn nun schneller Radfahren konnte. Eines Tages verlor ich gegen sie im Federball, denn Ballsportarten, egal in welcher Form lagen mir nie sonderlich. Aus lauter Wut über meine Niederlage hatte ich keine bessere Lösung, als ihr mit dem Federball-Schläger eins überzubraten. Und sie? Verzog keine Miene und schlug nicht mal zurück. Stattdessen nahm sie wortlos ihren Schläger und den Federball und stolzierte mit erhobenem Haupt an mir vorbei. Danach sprach sie ganze zwei Wochen kein Wort mit mir, ehe ich sie schlussendlich um Verzeihung anbetteln musste. Noch heute denke ich oft über dieses Erlebnis nach und frage mich: „Warum ist es für manche von uns so schwer, in gewissen Situationen Ruhe zu bewahren und objektiv zu bleiben?“ Und: „Kann man eine gewisse Gefasstheit und Stärke erlernen?“

Zuallererst mal müssen wir uns vor Augen führen, warum wir nun mal so sind, wie wir sind. Und woher es kommt, dass die einen recht stark und beherrscht auf sämtliche Herausforderungen reagieren, die ihnen das Leben stellt, während bei anderen schon ein kleines Lüftchen ausreicht, um sie regelrecht aus der Bahn zu werfen. Dass mittlerweile jeder von uns einen kleineren oder größeren psychischen oder seelischen Schaden hat, ist klar, aber in der Psychologie gibt es mittlerweile unzählige verschiedene Kategorien von Persönlichkeits-Störungen, in die theoretisch ein jeder eingeteilt werden kann. Und unterm Strich gesehen, kostet uns der Kontakt mit jeder dieser Persönlichkeiten eines: Nämlich unsere Kraft. Die amerikanische Psychiatrie-Dozentin an der UCLA in Kalifornien Judith Orloff beschreibt diese Gattung Menschen als „Energievampire“. Menschen, die uns aus dem seelischen Gleichgewicht bringen, weil sie uns anzapfen. Es kann die Freundin sein, die dauernd von ihrem tollen Job erzählt. Und dabei nie nach unserem fragt. Es kann die Mutter sein, die immer wieder ungebeten unser Beziehungsleben kommentiert, die Kollegin, die sich unablässig über alles und jeden beklagt, ohne jedoch an Lösungen interessiert zu sein, oder der Partner, der uns permanent das Gefühl gibt, etwas falsch zu machen. „Energievampire sind überall. Sie können Optimismus und Gelassenheit regelrecht aussaugen“, so Orloff. Doch die Psychiaterin betont auch: „Menschen, die uns Energie stehlen, sind häufig in irgendeiner Weise verwundet.“

Verwundet war meine Freundin damals auch, allerdings hatte sie nur eine Beule und kein Trauma aufgrund meines Wut-Ausbruchs. Aber Kraft kostete dieser Streit und die darauf folgende Funkstille allemal. Und dennoch: In der Kindheit und Jugend stellen sich so manche Weichen, die man als Erwachsener dann schlussendlich so verinnerlicht hat, dass es zeitweise schwierig ist, als Partner, Freund oder Familienmitglied dauerhaft damit umzugehen. Eine entsprechende Energieräuber-Typologie kann deshalb gelegentlich ganz hilfreich sein.

Der Narzisst

Der Narzisst redet gerne. Besonders über sich selbst. Oft ist er der Mittelpunkt einer Party. Narzissten können zunächst sehr anziehend wirken, da sie sehr kontaktfreudig und unterhaltsam sein können. Doch wer einem Narzissten ins Netz geht, lernt schnell die unangenehme Seite kennen: Narzissten wünschen sich Aufmerksamkeit und Bewunderung. Die Gefühle und Interessen anderer nehmen sie nicht wahr oder bagatellisieren sie. Wenn aber unsere Bedürfnisse nicht beachtet werden, machen sich schnell Frust und Enttäuschung breit: Wir spüren, dass wir zu kurz kommen und stets nur geben müssen. Narzissten sind deshalb so gefährlich, weil ihnen Empathie fehlt und sie nur eine begrenzte Fähigkeit haben, bedingungslos zu lieben.

Das Opfer

Der Job ist anstrengend, der neue Freund hat es schon wieder verlassen, und jetzt ist auch noch das Auto kaputt. So jammert das typische Opfer. Die Botschaft: Alle sind gegen mich, du musst mich jetzt retten. Selbst Verantwortung zu übernehmen liegt diesen Energiesaugern fern. Am Anfang einer kräftezehrenden Beziehung zu einem Opfer steht oft der Impuls, zu helfen. Doch es kann belasten, sich ständig anzuhören, wie schlecht die Welt ist: Wir fühlen uns ausgebrannt. Solche Menschen suchen sich meist jemanden aus, der sehr sozial eingestellt ist. Sie brauchen jemanden, der sie immer wieder rettet.

Der Gespaltene

Schwarz oder Weiß, Hassen oder Lieben und nichts dazwischen – so reagiert die gespaltene Persönlichkeit. Vor allem in Freundschaften strengt das an: Schnell wird man als neue beste Freundin vereinnahmt und fühlt sich auf einen Thron gehoben. Doch ebenso rasch stößt sie einen wieder herunter, wenn wir etwas mit einer anderen Freundin unternehmen. Und wer es wagt, sie zu kritisieren, fällt in ihrer Gunst ins Bodenlose. Dann lässt sie einen das mit Wutausbrüchen oder Intrigen spüren. Folge: Wir halten mit unseren wahren Ansichten und Gefühlen hinter dem Berg, weil wir ihre Bestrafung fürchten – und fühlen uns in dieser Freundschaft regelrecht gefangen. Denn wer ständig darum bemüht ist, den Frieden zu wahren, weil er fürchtet, dass der andere ihn sonst hasst und sich rächt, wird sich schnell kraftlos fühlen.

Und darüber hinaus begegnen uns ständig Menschen, die zu emotional, zu überdreht oder einfach anstrengend sind. Und dennoch: Diese Menschen gleich als psychologische Härtefälle abzustempeln wäre zu hoch gegriffen. In gewisser Weise haben wir alle etwas vom „Borderliner“, sind aber als „Gesunde“ immer wieder geschützt durch eine integrierende selbstbewusste Ich-Identität, eine stabile emotionale „Haut“ die uns auf das Normalmass zurückschraubt, die uns hilft, zu erkennen, dass wir wütend und doch wieder zugewandt sein können. Und damit die Freiheit und gleichzeitige Ungewissheit des Sowohl als Auch im Leben zulassen können.

Stark bleiben, Schwächen zulassen

Machen wir uns nichts vor: Uns allen begegnen Menschen, die sich schnell vom Jackpot zum Crackpot entwickeln. Aber psychisch gestört müssen diese Menschen nicht zwangsläufig sein. Verrückt und durchgeknallt schon, aber nicht automatisch gefährlich und massiv krank.

Am Ende ist es doch so: Ob Beziehungen, Freundschaften oder familiäre Verhältnisse: Wir alle sind wie Felsen im Meer, die durch die jahrelangen Launen der Natur und der Gesetze von Wind und Wetter geschliffen und geformt werden. Nur, dass wir in diesem Falle hauptsächlich durch unsere persönlichen Beziehungen geformt werden. Und ist man von Natur aus eher emotional, impulsiv und launenhaft wird man über Nacht nicht einfach so mental und emotional stark. Wenn man aber beginnt, die Herausforderungen des Lebens als eine Chance zu betrachten, um stärker zu werden, besteht die Chance Weisheit und Klarheit zu erlangen. Und mehr noch: Sich Herausforderungen stellen und Ziele setzen, mit seinen Gefühlen umzugehen versuchen, seine eigenen Stärken erkennen und lernen, eine gewisse Ausgeglichenheit an den Tag zu legen, können die ersten Schritte sein, um den eigenen Wankelmut etwas zu reduzieren.
Luc de Clapiers sagte einst: „Das Verstehen deiner Stärken macht sie größer.“

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