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Mel´s Mikrokosmos

Stellt euch dem Leben!

Hallo Mikrokosmonauten: Wir werden heute nicht sterben!!

In Zeiten wie diesen, ist es für mich immer wieder wichtig, den Schornsteinfeger aus Marzipan zu betrachten, der auf meinem Schreibtisch steht. Er hält ein vierblättriges Kleeblatt vor seinem Bauch und ich weiß genau, dass er nicht schmecken würde, wenn ich ihn anbeißen würde. Aber er ist ja nicht auf dieser Welt, um gegessen zu werden, sondern damit er mich regelmäßig daran erinnern soll, wie optimistisch und voller Mut ich in dieses Jahr 2020 gestartet bin.

Wir starten doch alle immer zuversichtlich in ein neues Jahr, oder? Egal, wie gut oder schlecht das vorherige war. Wir schöpfen immer wieder neuen Mut, obwohl ihn viele in eine Mottenkiste gepackt und ganz hinten im Schrank verstaut haben. Der Mut ist ein alter Saufkumpan, der zusammen mit der Hoffnung immer mal wieder daher kommt, um uns auf andere Gedanken zu bringen. An Tagen wie diesen ist der Mut allerdings in Quarantäne oder hat Hausarrest. Und an Tagen wie diesen frage ich mich umso mehr:

„Wie sehr kann eine Welt aus den Fugen geraten?“

Ja, ich weiß, das klingt jetzt sehr pathetisch. Grundsätzlich mag ich ja auch alles Dramatische und Überschwängliche. In diesem Falle machen mir die Entwicklungen in der Welt aber eher Angst. Zum ersten Mal bin ich sprachlos. Mir fällt nichts mehr ein, über was ich schreiben könnte und mein Kopf ist leer. In jeder anderen Krise meines Lebens war ich doch immer besonders kreativ. Als ich 2011 mit „Mels Mikrokosmos“ begann, war ich eine von ständigem Liebes- und Lebenskummer geplagte Philosophin. Ich schrieb, weil ich durch das Schreiben meine Gedanken und Gefühle besser ordnen konnte. Und mit jeder Zeile, die ich niederschrieb, hauchte ich mir selbst wieder neuen Lebensmut ein.

Plötzlich ist alles weg. Ich bin ratlos. Stattdessen werde ich nachts wach und checke die aktuellsten „Breaking News“. Ich möchte mich am liebsten täglich mit Schokolade, Nudeln und Pizza belohnen, weil ich einen weiteren Tag überstanden habe. Gleichzeitig möchte ich mich ablenken, die ersten Sonnenstrahlen genießen, spazieren gehen oder der absurden Situation angemessene Erfindungen entwickeln. Zum Beispiel ein Hut mit einem Sensor dran, der sofort Alarm schlägt, wenn ein anderer den Sicherheitsabstand zu mir nicht einhält. Oder eine Art Greifer, der Türklinken herunterdrücken kann. Selbstdesinfizierende Oberflächen. Selbst designte Mundschutze. Ich bin sicher, dass man in diesen düsteren Zeiten damit das große Geld machen könnte.

Dabei ist es ja nicht so, als hätte es diese schlechten Zeiten nie gegeben. Gerade in uns selbst herrscht doch immer mal wieder Dunkelheit. Wenngleich das da draußen etwas völlig anderes ist. Und trotzdem meldet sich in mir drin gerade in diesen Momenten immer wieder eine Stimme. Ich habe sie Susi genannt. Susi ist sowas wie mein alter Ego. Als ich ein Kind war, schrieb ich mal eine Kurzgeschichte, in der die Hauptprotagonistinnen Melanie und Susi sich in einem wirren Kampf darum stritten, wer die Bessere ist. Dabei waren sie ein und dieselbe Person. Meine Mutter war damals ziemlich beunruhigt darüber, dass ihre zehnjährige Tochter Geschichten über ein schizophrenes Mädchen schreibt. Letztlich lebt Susi aber immer noch in mir und meldet sich hier und da zu Wort, wenn sie meint, ich sollte Dinge anders angehen. So auch in diesem Falle.

Sorgen sind okay, lassen sich aber verschieben

Nicht umsonst reimt sich das Wort „Sorgen“ auf „morgen“. Ich meine, gerade jetzt ist es ja okay, dass wir uns Gedanken machen und ernster sind als sonst. Aber was bringt uns das? Mein Alter Ego Susi hat da so ihre ganz eigene Theorie. Je mehr Sorgen wir uns nämlich machen, desto tiefer stürzen sie unsere Seele in einen Abgrund. Von den Falten, die Sorgen verursachen, möchte ich hier gar nicht anfangen. Irgendwann sind wir gefangen in einem Strudel aus negativer Energie, obwohl wir an der Gesamtsituation nichts verändern. Wir sollten uns alle daran erinnern, als wir zum ersten Mal auf einem Sprungbrett im Schwimmbad standen. Damals vor zwanzig, dreißig Jahren… Wie hat sich das angefühlt? Ich weiß es noch genau. Ich war neun Jahre alt. Es war Sommer und ich trug einen pinken Badeanzug mit neongelben Schleifchen am Träger. Ich wollte damals unbedingt springen, aber irgendwas in mir drin hielt mich zurück. Meine ältere Cousine baute mich auf, sprach mir Mut zu und sagte, ich solle es einfach tun. Aber ich hatte unheimliche Angst. Ich stand in drei Meter Höhe und überblickte das ganze Freibad. Es kam mir extrem hoch vor. Gleichzeitig drängelten von hinten ungeduldige Jungs. Sie seufzten und verdrehten die Augen, weil ich den ganzen Verkehr aufhielt. Aber irgendwann machte es wohl Klick bei mir. Ich dachte: „Egal.“, und hätte es damals den bescheuerten Wendler-Song schon gegeben, hätte ich ihn wahrscheinlich gesungen. Der Moment, als ich sprang geschah dann wie in Zeitlupe, obwohl es in Wirklichkeit ja recht schnell ging. Und dann war es auch schon vorbei. Ich hatte den Mut, es zu tun und war danach einfach nur froh. Ich glaube, wir sollten uns heute, als Erwachsene immer mal wieder an solche Erlebnisse erinnern, um festzustellen, wie wichtig es ist, über seinen Schatten zu springen. Und deshalb frage ich mich: Warum sind wir in Zeiten wie diesen nicht einfach tapfer?

Es ist doch so: Wir sind jetzt schon so weit gekommen. Wir haben Arm- und Beinbrüche, Schrammen, Prügeleien, komatöse Besäufnisse, sexuelle Abgründe, Rinderwahnsinn, 9/11, die Wirtschaftskrise 2008 und Michael Wendler überlebt. Warum also nicht auch das? Unser geliebtes kleines L!VE-Magazin hat 35 Jahre überlebt, und das, obwohl es sich in den düstersten Ecken Saarbrückens herumtreibt. Susi hat überlebt. Ich habe überlebt. Warum also nicht wir alle?

Ich glaube, das Leben hält noch vieles für uns bereit. Zwar können wir die dunklen Gedanken nie so ganz vertreiben, jedoch sollten wir in diesen Tagen zusammenstehen (im Abstand von einem Meter aber bitte!), Herz und Kopf einschalten, unseren Egoismus etwas zurückschrauben und vor allem: Miteinander sprechen!

Und wenn doch alles den Bach runter geht?

Für mein alter Ego Susi ist das keine Option. Aber meine geschätzte Kollegin und Freundin hat für alle Eventualitäten gesorgt. Sie meinte nämlich neulich: „Wenn gar nichts mehr gehen sollte, feiern wir den Untergang da draußen gemeinsam. Mit viel Alkohol. Und laden alle ein, die wir kennen.“.

Während ich die letzten Zeilen dieser Kolumne schreibe, blicke ich wieder auf den kleinen Marzipan-Schornsteinfeger und bin mir eigentlich sicher: „Nächstes Jahr um diese Zeit leistet ihm wohl ein Kollege Gesellschaft und sie grinsen mich beide vom Schreibtisch aus an mit ihren Kleeblättern vor den  Bäuchen.“

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