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Titelstory

STILLE NACHT oder die Ruhe nach dem Sturm.

Das Nauwieser Viertel ist für viele der spannendste Stadtteil Saarbrückens. Dabei spielt natürlich die vielfältige Gastronomie zwischen Großherzog-Friedrich-, Richard-Wagner- und Dudweiler-Straße eine entscheidende Rolle. Doch gerade an der Gastroszene, und ihrer überbordenden Beliebtheit, schieden sich diesen Sommer die Geister und wirklich Ruhe ist erst jetzt mit den einstelligen Temperaturen eingekehrt. Fragt sich nur, ist das die Ruhe nach oder vor dem Sturm.

Natürlich war der Sommer 2018 ein echter Jahrhundertsommer und natürlich trieb es da die Menschen ins Freie – auch vor die Kneipen im Kult Kiez. Bei Temperaturen um die 30 Grad Celsius, praktisch von April bis Oktober, erreichte der Zulauf insbesondere um die Kneipen im sogenannten „Bermuda-Dreieck“ ungeahnte Ausmaße, mit den bekannten, unliebsamen Nebeneffekten, wie Lärm und Müll. Für die lokalen Tageszeitungen schien da fast die Apokalypse ins Haus zu stehen und sei es nur als schönes Thema fürs Sommerloch. Da war die Rede von einer Polizei, die die Situation „nicht in den Griff kriegt“ und „überfordert“ sei und von Anwohnern, die Angst hätten, „beschimpft und bedroht“ zu werden. Zur Illustration der Situation wurden dann noch praktisch ausnahmslos Bilder von vergangenen Nauwieser-Viertelfesten abgedruckt – honi soit qui mal y pense. Dass da vielleicht ein bisschen übertrieben wurde, was im Übrigen der Situation auch nicht dienlich war, ist auch Helge Jungfleisch vom Mono, quasi dem Epizentrum des Bermuda-Dreiecks, aufgefallen: „Es war nun wirklich nicht so, dass man morgens nicht aus dem Haus kam, weil alles voller Scherben war oder die Hauseingänge voller Erbrochenem.“

Der Winter kommt

Die Situation hat sich zwischenzeitlich beruhigt. Ob es an den kälteren Temperaturen oder an der Zusammenarbeit der Wirte mit dem Ordnungsamt liegt, weiß keiner so genau. Jedenfalls fasste Bürgermeister Ralf Latz das Ergebnis seines Engagements wie folgt zusammen: „Auch nach Einschätzung des Ordnungsamtes ist es im Nauwieser Viertel in den vergangenen Wochen nachts deutlich ruhiger geworden. Der Einsatz der RuheBewahrer hat sich ausgezahlt, aber auch die Gastwirte haben von Anfang an gut mitgearbeitet. Soweit überhaupt noch Lärm durch Gäste in oder vor den Kneipen von der Bevölkerung angezeigt wurde, konnte dieser bei anschließenden Kontrollen durch die Polizei nicht bestätigt werden. Abgesehen vom „Bermuda Dreieck“ gab es nur noch vereinzelten Lärm auf dem Kinderspielplatz Nauwieserstraße, dort wurden die Ruhestörer vom Platz verwiesen. Die RuheBewahrer werden auch 2019 zum Einsatz kommen.“

Helge Jungfleisch hebt auch noch die Leistung der betroffenen Wirte hervor: „Anfang August gab es ein Treffen mit Ordnungsamt, Polizei, Bürgermeister und den Gastronomen. Dabei wurden im Wesentlichen zwei Maßnahmen besprochen, die dann gleich umgesetzt wurden und auch wirklich erhebliche Verbesserungen gebracht haben. Das war erstens ein überpünktliches Abbauen der Außenbestuhlung, was dazu führte, dass mit Ende des Außenausschanks, keiner mehr die Möglichkeit hatte, sich da noch hinzusetzen. Die Hauptmaßnahme waren natürlich die Türsteher, die dann an allen vier Hauptkneipen des „Bermuda-Dreiecks“ Auslasskontrollen durchgeführt haben, so dass nach 24.00 Uhr niemand mehr mit Getränken raus gehen konnte. Ohne Getränke konnte und kann man selbstverständlich vor die Tür gehen, zum Beispiel zum Rauchen. Das lässt sich ja nicht verbieten. So konnte man davon ausgehen, dass wenn nach Mitternacht noch Leute mit Getränken auf der Straße anzutreffen sind, dass das ziemlich sicher keine Gäste der ansässigen Gaststätten sind. Das sind dann sogenannte Selbstversorger, die sich in einem Späti oder an der Tanke ihre Getränke holen, aber in diesen Fällen haben die Gastronomen und auch der Sicherheitsdienst überhaupt keine Handhabe, etwas dagegen zu unternehmen. Genau so wenig wie bei Anwohnern selbst, denn unsere Türsteher haben mal eine Gruppe, die hier gegen 02.00 Uhr mit Getränken im Hauseingang saß, gebeten, bitte aufzustehen und weiterzugehen. Dabei stellte sich dann heraus, dass es sich um Anwohner handelte, die es sich hier mitten in der Nacht auf den Stufen gemütlich gemacht hatten, wie sie mit ihren Ausweisen belegen konnten. Nichtdestotrotz hatte sich die Situation, auch als es noch so heiß war, definitiv verbessert. Die Trauben vor den Gaststätten haben sich spürbar verkleinert, weil jetzt nur noch die Raucher raus gegangen sind und relative zeitnah auch wieder rein kamen.“

Die gleichen positiven Erfahrungen hat auch Marwan Amr vom Bleistift gemacht. Nur knapp 50 Meter vom Mono entfernt, war die Situation am Bleistift, ebenfalls in der Nauwieserstraße, zwar nie so schwierig, dennoch ist er sich der Problematik bewusst: „Obwohl es wirklich nur ein paar Schritte vom Zentrum des sogenannten „Bermuda-Dreiecks“ sind, hatten wir hier selber eigentlich nur wenig Probleme. Die Maßnahmen haben sicher was gebracht, aber natürlich liegt es im Augenblick daran, dass es deutlich kälter geworden ist. Allerdings wird das Problem nächstes Jahr wieder von vorne losgehen. Vielleicht nicht so schlimm wie dieses Jahr, weil man halt schon von Anfang an die Situation im Auge haben kann und mit den gemeinsamen Maßnahmen Mittel hat, dagegen anzugehen.“

Des Pudels Kern

Die Nauwies ist seit Mitte der 80er, das wohl beliebteste Ausgehviertel abseits des St. Johanner Marktes. Aus der Studenten- und Kultur-Szene heraus entstanden damals viele Kneipen im einstigen Chinesen Viertel, die sich auch heute noch großen Zuspruchs erfreuen. Schon damals zieht es die Leute bei entsprechender Witterung auch vor die Türen vom Bingert, Stadtschenke oder Kurzem Eck. Schon damals ging es auch mal etwas lauter zu und schon damals bleib da auch Müll liegen. Die Beliebtheit des Viertels steigt noch weiter, als in den frühen 2000er Jahren mit u.a. Karate Klub Meier, Mono, Fleur de Biere eine neue Kneipengeneration hinzukommt. Seitdem allerdings ist die Zahl der Lokale festgeschrieben und da auch die Einwohnerzahl, optimistisch ausgedrückt, stagniert, drängt sich immer mehr die Frage auf: was ist jetzt so anders, woher auf einmal diese vielen Menschen vor der Tür, was hat sich da geändert?

Nun die Antwort ist nicht nur für Helge Jungfleisch ziemlich naheliegend: „Das Problem ist das saarländische Nichtraucherschutzgesetz. Bayern und das Saarland haben diesbezüglich die härtesten Gesetze bundesweit – und mir erklärt sich nicht warum. Die erste Amtshandlung der Jamaika- Koalition nach deren Zustandekommen vor ein paar Jahren war die Verschärfung des Nichtraucher-Schutzgesetzes, obwohl wir hier vorher bereits eine Regelung hatten, mit der eigentlich jeder zufrieden war, und die es der „getränkeorientierten“ Gastronomie gestattete, selbst zu entscheiden, ob geraucht werden darf oder nicht. Es gab hier im Nauwieser Viertel Nichtraucherläden, genau wie Raucherläden, und Mischformen, wo nur in bestimmten Bereichen geraucht werden konnte. Wenn jetzt die Landesregierung die aktuelle Regelung dementsprechend noch mal überarbeiten würde, dann würde sich die aktuelle Problematik dadurch komplett lösen.“

Und ein weiterer Faktor, der nicht wirklich etwas mit der Gastronomie zu tun hat, könnte durchaus das Potential in sich tragen, den Konflikt im nächsten Jahr wieder zu verschärfen. Bei aller Kneipenherrlichkeit, darf man nämlich nicht vergessen, dass das Viertel auch gesamtgesellschaftliche Probleme teilt und das unabhängig davon, ob eine Ecke weite Leute vor einer Kneipe eine gute Zeit haben. Dazu passen auch die Beobachtungen von Anwohnerin Daniela Blaß, die es kurz und knapp auf den Punkt bringt: „Wir haben immer alles vom Balkon aus gehört. Ich finde den Partylärm auch nicht schlimm, aber die Zerstörungswut! Ist halt ein Unterschied, ob man feiernde Leute hört oder fliegende Mülltonnen und Flaschen.“

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