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Mel´s Mikrokosmos

The Circle of Leid

Ich glaube nicht an die große Liebe, die alle zwei Monate durchs Fenster herein gesegelt kommt. Ebenso wenig glaube ich daran, dass es Liebe ist, wenn man den anderen daran hindert, sich innerhalb einer Beziehung selbst zu entfalten. Leider scheinen viele Menschen heutzutage genau dieses Verhalten an den Tag zu legen und denken dann, so geht Beziehung. Nein, es ist lediglich eine Art Abhängigkeit, eine Ego-Tour, deren Hochphasen man nur dann erreicht, wenn man den anderen so gut es geht emotional ausbeuten kann. Und dann ist es nicht verwunderlich, wenn das Vögelchen plötzlich mit Sack und Pack reiß-aus nimmt.

Okay, ich bin derzeit etwas erzürnt. In meinem Umfeld trennt sich mal wieder jeder. Und ausgerechnet ziehen diejenigen einen Schlussstrich, die zuvor noch auf „es war Schicksal“ gemacht haben und bei deren öffentlichen Kuss-Marathons und Fummel-Spielchen man ständig unfreiwillig Zaungast wurde. Aber mal ehrlich: Aufgrund der Tatsache, dass wir wie Ertrinkende aneinander kleben können und kurze Zeit später ist schon wieder alles vorbei, stelle ich mir nicht ganz unfreiwillig die Frage:

„Verhalten wir uns alle wie Junkies, deren Drogen ausschließlich Aufmerksamkeit, Zuwendung und Bestätigung sind?“

Augenscheinlich ja. Denn wir scheinen uns nicht mehr nur deshalb zu verlieben, weil wir uns schlichtweg verlieben, sondern um offenbar eine Allianz einzugehen. Eine Handelsbeziehung, in denen mit Bestätigung, Ego-Pushing und Gefühlen Ping-Pong gespielt wird.

Es erscheint ganz einfach: Man suchet und findet und ist irgendwann zusammen. Bloß gehen wir heutzutage meistens aus völlig falschen Beweggründen eine Liaison ein. Man stellt utopische Erwartungen, zum Beispiel, dass der zukünftige Partner einen glücklich machen sollte, ablenken sollte oder einem möglichst viel Liebe geben sollte. Wie naiv! Ein Partner ist nicht dazu da, uns glücklich zu machen oder gar von irgendwas abzulenken. Dafür müssen wir schon selbst sorgen. Außerdem ist ein Partner kein 24-Stunden-Showmaster oder Entertainer, der mit Gute-Laune-Spielchen von den dunklen Seiten des Lebens ablenken muss. Und Liebe geben? Was für ein Quatsch. Die meisten unter uns lieben sich nicht mal selbst, wie soll das dann ein anderer tun? Im Endeffekt läuft das Ganze dann irgendwann immer nach Schema F: Wie zwei Penner greift man in die jeweilige Tasche des anderen und erkennt „Oh, du hast da ja auch nix drin!“ und ist dann augenblicklich so geschockt, dass man hinschmeißt und zum Nächsten übergeht, der einem hoffentlich endlich das gibt, was man braucht. Ist doch so, oder?

Partnerwechsel im Akkord

Funktioniert man nicht so, wie der andere sich das vorstellt, nimmt man sich einfach den Nächsten oder die Nächste. Natürlich nicht, ehe man vorher lang und breit erklärt hat, dass man ja nun überhaupt nicht zu der Sorte Mensch gehört, der den einen durch den anderen leichtfertig ersetzt. Das wäre ja schändlich und spiegelt nur den heutigen, kaputten Zeitgeist wieder. Aber dann tut man es doch und liegt heute noch Partner A neben einem in der Kiste, ist es morgen schon Partner B. Und man muss höllisch aufpassen, dass man den dann nicht mit falschem Namen anspricht. Einen Stempel hat man dem Ganzen auch schnell aufgedrückt: Beziehungsunfähig. Obwohl man selbst natürlich nie der Beziehungs-Unfähige ist. Es sind immer die anderen. Deshalb die Frage: Wo genau endet ein gesundes Bedürfnis nach Distanz und Selbstständigkeit und wann ist man wirklich beziehungsunfähig?

Beziehungsunfähigkeit  ist als Begriff eine modische Erscheinung und man liest bisweilen gefühlt ähnlich oft davon, wie von Burnout, Generation Y und serieller Monogamie. Das ist einerseits gut, weil wir so für eine Herausforderung sensibilisiert werden, vor der tatsächlich viele Paare und Partner stehen. Andererseits sorgt das aber auch dafür, dass wir immer schneller zu Laiendiagnosen neigen. Dabei vergessen wir zudem gerne, auch einen kritischen Blick auf uns selbst zu werfen und uns zu überlegen, warum wir in einer Beziehung jedes Mal wieder am gleichen Punkt scheitern. Weil alles zu eng wird, zu schwierig, zu kompliziert. Zu viel Beziehung eben.

Statt sich also gar nicht erst darüber im Klaren zu sein, vielleicht selbst der Beziehungsunfähige zu sein, da zu stur, zu kauzig oder zu egoistisch, sollten wir vielmehr anfangen, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen. Klar wollen wir den oder die Eine, mit dem wir alt werden können. Das wünsche ich mir genauso wie zig Millionen andere auch. Aber warum wechseln wir die Partner wie andere ihren Pullover? Warum kommen wir mit unseren Partnern immer wieder an diesen „Point of no return?“, an dem man einfach nur noch hinwirft und die Beziehung als gescheitert abstempelt? Sind wir vielleicht selbst zu hart zu uns und zum anderen? Haben wir keine Nerven mehr für Beziehungsstress? Oder haben wir einfach verlernt, wirkliche Liebe zuzulassen, weil wir aufgrund vergangener Beziehungs-Traumata zu geschädigt sind? Oder schlimmer noch: Suchen wir uns am Ende immer den falschen Partner aus?

Ist notnageln besser als festnageln?

„In der Not frisst der Teufel Fliegen“, sagt man. Und im Zwischenmenschlichen vögeln wir lieber mit den Falschen, als gar nicht, oder wie? Dabei bringt es uns augenscheinlich erst mal gar nichts, wie wild nach neuen Bekanntschaften Ausschau zu halten und mit dieser das Bett zu teilen, wenn die alte noch nicht vollständig überwunden ist. Es ist außerdem nicht verwunderlich, dass besonders Männer nach einer gescheiterten Beziehung oder Ehe schneller zu einer neuen  Partnerin greifen als Frauen. Männer verdrängen nämlich lieber, als dass sie Schmerzen zulassen, sich selbst hinterfragen und einfach über die vergangene Liebe nachdenken. Wissenschaftlich ist jedoch belegt: Männer werden trotzdem irgendwann vom Schmerz eingeholt und dann trifft es sie mitunter stärker, als Frauen, die eben nicht verdrängen, eher nachdenken und grübeln und öffentlich leiden. Auch sie greifen zum berühmt berüchtigten Lückenfüller, allerdings weniger aus Ego-Gründen, sondern vielmehr als Schulter zum Anlehnen und um die Nähe zu bekommen, die sie so vermissen.

Also Finger weg vom Herzschmerz-Tröster?

„Nothing so easy as catching a heart on the rebound“, schrieb die britische Schriftstellerin Mary Russell Mitford schon Mitte des 19. Jahrhunderts. Ja, Halt suchende Herzen liegen seit jeher rum wie Fallobst, jemand braucht sie bloß einzusammeln. Dann allerdings laufen wir Gefahr, das zu werden, was man früher Lückenbüßer nannte. Die Therapie mit Benefits nach einer gescheiterten Liebe. Oder eben in zeitgemäßem Denglisch: Rebound Romanze. Eine Stütze fürs angekratzte Selbstwertgefühl ist das allemal, aber dieses ungesunde Konstrukt kommt selten ohne neue Verletzungen aus. Denn wer wieder alleine laufen kann, legt die Krücken weg. Soll heißen: Sobald man die „Ex-Akte“ ad acta gelegt hat, braucht man zwangsläufig keinen emotionalen Lückenfüller mehr.

The „Circle of Leid“ beenden

So ist das mit Substituten: Sie sind naturgemäß nie von Dauer. Es kann funktionieren, aber muss nicht. Haben beide gerade ein ähnliches Drama hinter sich, könnte man sich gegenseitig stützen, aber ohne jedoch herauszufinden, was man selber wirklich will, kann eine neue Bindung höchstens der Verband sein, der die Wunde bedeckt, darunter schwelt die Entzündung aber weiter. Die Devise heißt deshalb: Sich selbst lieben lernen und selbstzentriert sein! Und erst dann eine neue Liebe beginnen oder einer neuen potenziellen Liebe die nötige Zeit geben, zu wachsen. Treffender formuliert es der amerikanische Autor Neale D. Walsch: „Der Sinn und Zweck einer Beziehung besteht nicht darin, dass ihr eine andere Person habt, die euch vervollständigt, sondern darin, dass ihr mit dieser Person eure Vollständigkeit teilen könnt.“

Seid bei euch!

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