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Mel´s Mikrokosmos

Tick! Tick! (Baby)Boom!

In den Dreißigern sehen sich Frauen urplötzlich mit einer Sache konfrontiert, die ihre bisherige Lebensweise auf den Prüfstand stellt. Nein, es ist nicht der Besuch bei den Anonymen Alkoholikern. Die Sache wiegt schwerer. Es ist die sogenannte Erwartungshaltung der anderen an dich, endlich schwanger zu werden. Manchmal schmettert dir die Wahrheit mit voller Wucht entgegen. Mama will nämlich endlich Oma werden! Ergo soll ich Mama werden! Und Instagram will das offensichtlich auch, denn es suggeriert mir, wie absolut stylisch es jetzt ist, mit einer Baby Björn-Trage samt Inhalt – also dem Balg, ähm Baby – shoppen zu gehen. Natürlich im angesagten „After-Baby-Body“. Und ich spreche nicht von einem feschen Einteiler zur Jeans, sondern von einem Göttinnen-ähnlichen Körper, den jede Frau etwa zwei Wochen nach einer Geburt vorweisen muss. BABY ist derzeit der absolute Frühlings, Sommer, Herbst, – und Winter-Trend!

Hast du keins, bist du nichts!
Ganz ehrlich, Leute, ich habe genug! Ob Werbung, Zeitschriften, gleichaltrige Kolleginnen, Familienmitglieder oder Bekannte: Allesamt zeigen sie mir, wie toll es augenscheinlich gerade sein muss, mit einem Maxi Cosi „avec bebe“ durch die Gegend zu jagen. Ich jedoch will etwas ganz anderes. Und deshalb stelle ich mir immer häufiger die Frage: Ticke ich noch ganz richtig?

Okay, ich fange mal an, mich ernsthaft zu durchleuchten. Ich bin jetzt 37 (oh mein Gott!), lebe in einer konventionell unkonventionellen Beziehung, bin an vielen Wochenenden verkatert und habe keinen Kinderwunsch. Eher noch zieht es mich zu einem weiteren Haustier, neben meinem 15jährigen Kater, den ich übrigens über alles liebe. Er ist ein einzigartiges Tier. Aber irgendetwas scheint doch mit mir nicht zu stimmen, schließlich habe ich nicht diesen urinstinktigen Wunsch, mich zu reproduzieren. Und bin obendrein trotzdem glücklich! Wahnsinn! Darf ich das dann überhaupt? Augenscheinlich nicht, denn die Versuche, mich bekehren zu wollen, hören einfach nicht auf. Dabei denke ich noch nicht mal so viel darüber nach. Es sind vielmehr die anderen, die für mich denken. Und das ist das eigentlich Bemerkenswerte an der Sache. Denn keine Kinder zu wollen, war für mich nie ein Thema, bis es für mich zu einem gemacht wurde. Egoistisch und selbstsüchtig soll ich mich fühlen. Ich soll verstehen, den falschen Weg eingeschlagen zu haben, damit die, die den angeblich richtigen Weg gehen, sich bestätigt fühlen. Dabei will ich doch nur eines: Mich nicht rechtfertigen müssen.

Versteht mich nicht falsch, ich finde Kinder toll. Aber ich bin auch froh, wenn ich irgendwann wieder von ihnen weg bin, meine nächste Reise planen und dabei Wein trinken kann. Ich finde es außerdem tip top, dass meine Brüste das bleiben, was sie sind: Schöne Accessoires zu meinen Outfits und nichts weiter! Ich feiere mich tagtäglich dafür, dass mein Körper sich niemals in den von Jabba the hut verwandeln wird, es sei denn, ich übertreibe es mit dem Junk Food. Aber nun ja, das habe ich selbst in der Hand, oder? Ich weiß, als Frau sollen wir immer sagen: „Kinder zu bekommen ist toll und Muttersein das vollkommene Glück.“ Aber es gibt gewiss auch viele, die sich manchmal denken: „Das Balg nervt.“. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das über das ein oder andere Kind auch schon gedacht habe, aber das macht mich nicht automatisch zum Misanthrop und Kinderhasser.

Mit Baby an die Belastungsgrenze
Was wirklich nervt, ist, wenn man mir ein Baby in den Arm drückt, um meinen Mutterinstinkt zu wecken. Mir die Vorzüge von einem Familienleben zu erklären, obwohl ich gerade einfach zufrieden mit dem bin, was ich habe, nämlich einen tollen Freund. Die typischen Vorzeige-Familys aus der Waschmittelwerbung sind sowieso pure Illusion. Dieses Gehabe glorifiziert die Familie. Aber machen wir uns nichts vor: In jeder Familie gibt es Spannungen, Eifersucht, negative Leidenschaften. Es ist nicht alles wie in dieser Werbung. Mütter, die gleichzeitig arbeiten und Kinder haben, sind vor allem eins: müde! Diese politische Binse, Job und Familie seien leicht zu vereinbaren, ist eine glatte Lüge. Und leider ist es in den wenigsten Fällen so, dass Mutti zuhause bleiben kann, weil sie einen Öl-Milliardär geheiratet hat. Der im Übrigen irgendwann seine Assistentin oder die Aufsichtsratsvorsitzende vögeln wird, weil er Mutti nicht mehr sexy oder schlichtweg langweilig findet. Oft verschwindet Papa auch schon vor der Niederkunft. Weil er zu jung, zu alt oder einfach zu verantwortungslos war. Oder schlichtweg nur Sex wollte. Dumm gelaufen! Ich möchte mein Leben nicht an der Grenze des Belastbaren führen. Im Gegenteil. Ich möchte viele Optionen haben. Und ich möchte noch vieles ausprobieren und erleben.

Was wäre, wenn…
Ich würde lügen, wenn ich mir nicht manchmal vorstellen würde, wie mein Kind aussehen würde. Und nicht nur das: Ich stelle mir dann vor, wie ich es anziehen, ich meine natürlich erziehen würde. Ich würde es in dem Glauben erziehen, dass die Natur und die Tiere das Wichtigste überhaupt sind und man beides schützen muss. Ich würde ihm die Stärke geben, an sich und seine Träume zu glauben. Ich würde ihm Entschlossenheit mitgeben und Kampfgeist, sich für die Dinge einzusetzen, die ihm am Herzen liegen. Mein Kind wäre gewiss kein ätzender Quälgeist, der Käfer zertrampelt und sich an der Supermarktkasse kreischend zu Boden wirft, weil er kein Überraschungs-Ei bekommt. Und obwohl ich hier und da diese Gedanken hege, habe ich nie diesen unbändigen Wunsch verspürt, wirklich Kinder haben zu wollen. Ich habe mich sehr lange damit auseinandergesetzt und mich immer wieder dagegen entschieden. Vollen Herzens und in dem Bewusstsein, dass die meisten anderen Frauen nur zu gerne Kinder hätten. Ich überlasse das Thema deshalb sehr gerne den anderen. Schade ich mir damit selbst? Nein, denn ich müsste mich verbiegen, wenn ich etwas tun würde, was mir widerstrebt. Schade ich damit der Gesellschaft? Nein, denn es gibt genug Frauen, die unbedingt Kinder haben wollen. Auch meine Mutter konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als ein Baby großzuziehen. Sie war trotzdem berufstätig. Ich hätte diesbezüglich also auch ein Vorbild. Und will es trotzdem nicht. Ich könnte jetzt der Politik die Schuld dafür geben. Weil es in Deutschland, im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern, nur schwerlich möglich ist, Beruf und Familie zu vereinbaren. Meiner Meinung nach liegt das auch immer noch an den Nachwehen des Nationalsozialismus, weil in großen Teilen der Bevölkerung immer noch die Angst vor dem Vorwurf herrscht, eine „Rabenmutter“ zu sein. Die Wahrheit ist aber: Das spielt gar keine so große Rolle für mich. Höchstens unterbewusst. Der Hauptgrund, warum ich keine Kinder haben will, lautet: Ich bin viel zu gerne frei. Ich bin zu gerne spontan. Ich schlafe zu gerne. Ich bin zu gerne faul. Ich bin zu gerne chaotisch und unstrukturiert. Und ich liebe das Leben viel zu sehr als es mit Babyschwimmen und Kita-Suche zu verplempern. Und damit bin ich nicht alleine. Der „Club of Rome“ würde mir sogar eine Prämie zahlen für meine Kinderlosigkeit. Auch deshalb, weil ewiges Wachstum sich als Irrtum herausgestellt hat, gibt es Gruppen, die aus ökologischen Gründen jede neue Schwangerschaft als eine zu viel ansehen. Sie betrachten den Fortpflanzungsdrang des Menschen als kulturell anerzogen, nicht als unabdingbar. Ein heißes Eisen, ich weiß und ich könnte ewig so weiterschreiben, ob es nun gut oder schlecht ist, keine Kinder zu haben. Aber eines ist sicher: Wir sollten damit aufhören, Leben vergleichen zu wollen. Wenn du morgen beschließt, nach Australien auszuwandern, einen Gnadenhof für alte Tiere zu eröffnen und für den Rest deines Lebens nur noch rot zu tragen, ist das völlig okay. Wir haben nur dieses eine Leben, also sollten wir gefälligst das tun, was wir wollen und nicht das, was andere erwarten.

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