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Grüne Tomaten schlafen wütend

Überleben unter Kollegen

Wer kennt die Momente nicht, in denen man sich mit lauter nackten Models auf seiner Luxusyacht räkelt, kühlen Champagner aus heißen Bauchnabeln schlürft und Delfine bei deren Luftakrobatik beobachtet, bevor man sie mit der Harpune zum Essen einlädt. Augenblicke, von denen ein Mann sich wünscht, sie würden nie enden. Was sie jedoch abrupt tun, wenn einen der Wecker aus der sonnigen Traumwelt reißt und in die düstere Realwelt zurückholt. Plötzlich ist alles nur noch halb so erotisch, wenn einem im Halbschlaf bewusst wird, dass da die ganze Zeit keine heiße Mieze am Ohr knabberte und zu einem ins Bett wollte, sondern bloß der eigene Hund…

Da wäre er also wieder, der Montagmorgen. Von der Fiktion zurück in die Frustration. Eben noch im Wochenende und in einer süßen Traumwelt, in der man Spaß bis zum frühen Morgen hatte, sich den Waschbrettbauch einseifen ließ und nicht wusste wohin mit dem sich stapelnden Geld. Nun zurück am Wochenanfang in der bitteren Alltagswelt, in der man Arbeit bis zum späten Abend hat, sich den Waschtrommelbauch selbst einseifen muss und bloß Rechnungen und Schmutzwäsche sich stapeln. Das einzige, was noch an Karibik erinnert, ist da das Duschgel aus dem Discounter. Und von der Yacht geblieben, ist bloß der Rettungsring um die eigene Hüfte und der Mast unter der Bettdecke…

War das als Kind nicht andersherum? Hatte man da nicht Alpträume, aus denen man aufwachte, um dann beruhigt festzustellen, dass sie nicht wahr waren? Als Erwachsener wacht man aus Träumen auf, um dann beunruhigt festzustellen, dass es nicht wahr sein kann, dass der Alptraum noch bevor steht: der Arbeitsalltag. Jeden Montagmorgen beginnt der gleiche Horror, der erst Freitagmittag endet. Bis dahin gilt es mit Menschen zusammenzuarbeiten, für die man am Zebrastreifen nicht einmal dann bremsen würde, wenn sie schon mitten auf der Fahrbahn stünden. Freunde kann man sich aussuchen, Verwandten aus dem Weg gehen, Arbeitskollegen jedoch ist man hilflos ausgeliefert…

Wenn man der Corona-Pandemie etwas Positives abgewinnen kann, dann dass man lange Zeit im Homeoffice arbeiten konnte, in dem man sich nicht nur die Hose, sondern vor allem auch die Kollegen sparen konnte. Die meisten von uns haben nun einmal leider keinen Einfluss darauf, ob ihr Schreibtischnachbar nun eine flotte Biene oder eher ein lahmer Imker ist. Langweilige alte Kollegen, die vom Tubablasen am vergangenen Sonntag erzählen, hat jeder. Zur Abwechslung wäre da einmal eine interessante junge Kollegin nett, die bei ihren Wochenendgeschichten auf die Tuba verzichtet. Das wäre Motivation genug, um mit spitzem Bleistift auf das zu warten, was noch kommt…

Die Realität ist leider eine andere. Motivierend ist da allenfalls die Hoffnung, den Arzt überzeugen zu können, dass ein eingerissener Fingernagel einen Krankenschein rechtfertigt. Oder die Praktikantin dazu zu bringen, dass diese nicht nur im Team, sondern auch intim mitarbeitet. Acht Stunden mit Menschen in einem Büro eingesperrt, die ihre Kleidung nach dem Wochentag auswählen und eine fast intime Beziehung zum Ficus auf ihrem Tisch pflegen. Das lässt einen jeden Tag, den man im Büro verbringen muss, mehr Gefallen an dem Gedanken finden, Kollegen Reißzwecken in den Kaffee zu tun oder auf Start zu drücken, wenn sie mit ihrer Krawatte nah genug am Aktenvernichter stehen…

Von Ratten weiß man, dass sie Artgenossen töten, wenn sie zu lange mit ihnen eingepfercht sind. Handgreiflichkeiten im Büro sind also ganz natürlich. Zum Beispiel in der Mittagspause, wenn die Frittenbuden-Fraktion, für die jedes Stück Wurst unter 300 Gramm bloß Aufschnitt ist, auf die Bio-aus-eigenem-Garten-Fraktion trifft, die sich eine Viertelstunde Zeit nimmt, um eine Nektarine zu schälen. Zum Eklat kommt es da spätestens, wenn der Pastinaken-Freund dem Cholesterin-Junkie Hafermilch in den Kaffee schüttet. Aus Rache wird dann am nächsten Tag im Wasserkocher, in dem der Ökollege sonst Wasser für seinen Fenchel-Anis-Kümmel-Tee heiß macht, Gulaschsuppe gekocht…

Es ist meist nur eine Frage der Zeit bis zur Eskalation. Wenn Kollegen im Büro die Hände nicht bei sich halten können und anderen am Schreibtisch ungefragt in den Ausschnitt fassen, ist das allein schon Grund genug für zumindest eine Abmahnung. Wenn solche Kollegen sich dann jedoch auch noch erdreisten, anderen am Schreibtisch ungefragt in die Schublade zu fassen, muss die Kündigung das Mindeste sein. Man hat im Büro nicht einmal Privatsphäre in der Toilette, dann sollte man sie zumindest im Schreibtisch haben. Spitze Kollegen, die im Büro klammern, mögen ab und an ja noch erträglich sein, bei Spitzer und Büroklammern hört der Spaß aber auf…

Kriegsgefangene können sich auf die Genfer Konvention berufen. Psychische und physische Folter sind demnach verboten. Den Arbeitnehmer schützt jedoch nichts vor Qualen von 7 und 17 Uhr. Zwar gibt es Vorschriften, wie lange man den Ausdünstungen eines Kopierers ausgesetzt sein darf, jedoch keine Beschränkungen, wenn es um die Ausdünstungen eines Kollegen geht, der Rasierwasser benutzt, mit dem anderswo Wälder entlaubt werden. Zur Schonung der Augen ist gemäß Verordnung ein Mindestabstand zum Bildschirm einzuhalten. Keine gesetzlichen Regelungen gibt es dagegen beim Anblick zu draller Sommerkleider der Kollegin Ü50 vom Büro gegenüber…

Büroalltag hat aber auch Vorteile. Nirgends erfährt man schneller Dinge aus dem eigenen Privatleben und dem der Kollegen, die man vorher nicht wusste. Zum Beispiel dass sich die Frau des Chefs beim Nachbarn letztens zwei Eier ausgeliehen hat, wenn auch nicht zum Backen. Oder dass der neue Kollege dauernd zur Toilette muss, was belegt, dass er die meiste Zeit nur Scheiße macht. Man erfährt auch, ob gewollt oder nicht, wenn jemand wieder ungefragt den Kaffeebecher eines Kollegen benutzt hat, was in Sachen Abscheulichkeit Beischlaf mit dessen Frau gleichkommt. So wird man allmorgendlich mit Absurditäten versorgt und spart sich die Bild-Zeitung in der Frühstückspause…

Dank eines Bürojobs hat man im hohen Alter zumindest etwas, was man seinen Enkeln von früher erzählen kann, wenn schon keine Kriegsgeschichten. Obwohl… Eigentlich ist Büro wie Krieg: Gehorsames Ausführen von Befehlen, Feinde hinter jeder Ecke und stets in der Gefahr leben, eines Tages zwar nicht ohne Bein, dafür aber ohne Job nach Hause geschickt zu werden. Jeder Krieg hat irgendwann ein Ende und jeder Alptraum auch: In vier Tagen ist wieder Freitag. Bis dahin heißt es: Überleben unter Kollegen… gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

P.S. Bürostatistiken lügen nicht: Neun von zehn Kollegen finden Mobbing okay.

 

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