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Grüne Tomaten schlafen wütend

… und fragen Sie Ihren Arzt und Apotheker

Als ich neulich aus Langeweile mein Campingzelt im Esszimmer aufbaute, stieß ich auf der Suche nach Überbleibseln, die ich beim letzten Zusammenbau im Zelt vergessen haben könnte, diesmal nicht auf eine stark in die Jahre gekommene Banane, sondern auf einen Zettel des Zeltherstellers, der anmahnte, bei der Zeltbenutzung die „Regeln des gesunden Menschenverstandes“ zu beachten. Ich war offen gestanden etwas verwundert: Bei einer Kettensäge oder einem Milchaufschäumer hätte ich eine solche Warnung verstanden, sorgen diese Geräte durch falsche Handhabung doch immer wieder für schlimme Unfälle. Aber bei einem Zelt? Welche Gefahr geht von einem einfachen Zwei-Personen-Zelt aus, außer dass man bei nächtlichen Toilettengängen über die Abspannschnüre stolpert…?

Auch wenn sich Deutschland in den letzten Jahren in der Pisa-Studie verbessert hat, scheinen wir noch nicht so weit zu sein, dass man uns zutraut, ein Campingzelt benutzen zu können, ohne dabei den Weltuntergang herbeizuführen. Eigentlich sollte ein Igluzelt vom Discounter niemanden vor größere Probleme stellen: Auspacken, aufbauen, reinlegen, Kreuzschmerzen, fertig! Das erfordert weder einen Doktortitel noch ein Y-Chromosom und nicht einmal mehr viel Geschick, seitdem es Zelte gibt, die man zum Aufbauen einfach kurz in die Luft wirft und nach Benutzung einfach auf dem Campingplatz zurücklässt, da man sie zum einen nicht wieder zusammengebaut bekommt und zum anderen sowieso kein zweites Mal freiwillig benutzen wird…

Aber just das hierfür benötigte Bisschen an Menschenverstand scheinen Zelthersteller infrage zu stellen. Wieso sonst der Hinweiszettel? Hat sich womöglich wirklich irgendwo jemand zu einem Grillfeuer im Zelt statt vor dem Zelt hinreißen lassen und daraufhin sich samt Campingplatz in Schutt und Asche gelegt? Haben die Hinterbliebenen dem Zelthersteller danach etwa die Schuld für das unverhoffte Barbecue gegeben, weil in der Bedienungsanleitung des Zelts nicht explizit erwähnt wurde, dass man innerhalb des zwei Meter langen Polyesterbaus keinen Holzkohlengrill aufstellen darf? Falls ja, wäre eigentlich auch der Autohersteller Schuld, wenn man im Halteverbot einen Strafzettel kassiert, und die Tupperpartytante, wenn nicht schmeckt, was man eingedost hat…

Mit dem Verstand ist es wie mit einem Vertrag fürs Fitnessstudio: Ihn zu haben, heißt nicht, ihn auch zu nutzen! Eigentlich sollten banale Dinge wie das Reißverschlussverfahren und das Blinken beim Autofahren wie auch das Pinkeln im Sitzen eine Spezies wie den Menschen, die auf den Mond geflogen ist und das Yps-Heft erfunden hat, im Alltag vor keine allzu großen Herausforderungen stellen. Die Wirklichkeit belehrt uns tagtäglich jedoch eines Besseren. Wie Emus im Laufe ihrer Entwicklung das Fliegen verlernt haben, haben wir Menschen die Fähigkeit verloren, instinktiv zu handeln. Seitdem uns das Internet mit vermeintlich genialen Lifehacks und Video-Tutorials überall und immer zur Seite steht, denken wir nur noch so weit, wie der Akku unseres Smartphones reicht…

Fragt man heutzutage einen Teenager, ob er Entscheidungen instinktiv trifft, wird er verneinen und antworten, dass er täglich duscht und Deo benutzt! Reichte früher selbst einem wenig begabten Kind ein kurzer Griff auf eine heiße Herdplatte, hat ein vermeintlich hochbegabter Sprössling von heute bereits die halbe Hand verbrutzelt, bis er realisiert, dass der Geruch nicht von der Dönerbude um die Ecke kommt. Solch ein Nachwuchs erscheint dann später als Erwachsener auch mit einer Armlehne beim Arzt, wenn er eine Stuhlprobe abgeben soll. Anders als wir Menschen folgen Tiere keinen Handy-Apps, sondern rein ihren Instinkten. Abgesehen von Kröten, die sich nach der Uhr richten und gemäß den Krötenwanderungsschildern strikt nur zwischen 20 und 6 Uhr Straßen überqueren…

In den USA hat der Instinktverlust des Menschen dazu geführt, dass jedes im Handel erhältliche Produkt – ob nun Zahnbürste, Glühbirne oder Panzerfaust – über eine Gebrauchsanweisung verfügt, die in einem Satz darauf hinweist, wofür das Produkt genutzt werden kann und danach in einem zigseitigen Anhang aufzählt, wofür nicht. Mit dazu gehört stets eine Liste an Körperöffnungen, in die der erworbene Artikel nicht eingeführt werden sollte. Nächster Schritt dürften hier dann Gebrauchsanweisungen für Gebrauchsanweisungen sein. Auch in Deutschland finden sich immer mehr Beipackzettel, die Nutzer mit erhobenem Zeigefinger darauf hinweisen, dass kochendes Wasser heiß sein kann und sich eine Mikrowelle nicht zum Trocknen von Haustieren eignet …

Im Neandertal lag einem Feuerstein noch keine buchdicke Gebrauchsanweisung bei wie heutzutage jedem Grillanzünder, die in zehn Sprachen erklärt, wie man Feuer macht und wie besser nicht. Dennoch fackelte damals jede Höhle ab. Im Gegensatz zu heute, wo ständig irgendwo eine Gartensiedlung niederbrennt, weil jemand im Hinweis „In keinem Fall Spiritus zum Grillanzünden verwenden“ fälschlicherweise ein „in jedem Fall mit reichlich Spiritus“ gelesen hat. Für die Arterhaltung des Menschen scheinen demnach Hinweise wichtig, dass Mixer nicht für Fußmassagen und Backöfen nicht zum Heizen der Wohnung geeignet sind. Ohne Packungsbeilage wären Fieberzäpfchen heutzutage wohl auch nur Kautabletten, die zwischen den Zähnen kleben…

Anders als in den USA ist es bei uns nicht möglich, die eigene Dummheit auf andere zu schieben und einen Sägenhersteller auf Trilliarden Dollar Schadensersatz zu verklagen, weil er nicht darauf hingewiesen hat, dass man eine Kreissäge nicht zum Schneiden von Fingernägeln verwenden darf. Betrachtet man jedoch die wachsende Zahl an Bundesbürgern, die sich laut gängiger Statistiken jedes Jahr beim Benutzen ihrer Zahnbürste erhebliche Verletzungen von Mund, Augen oder After zufügen, ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch bei uns auf Toilettenpapier stehen muss, dass dieses nur einseitig benutzt werden kann und auch nicht für die Waschmaschine geeignet ist. Auf Packungen mit Knoblauchbutter muss heute schon stehen, dass diese Knoblauch enthalten…

Sicherlich gibt es ab und an Gelegenheiten, bei denen Verstand und Logik nicht weiterhelfen. Bei der Lohnsteuererklärung oder Diskussionen mit dem eigenen Chef zum Beispiel. Aber dass wir kurz davor sind, dass Kokosnüsse nur noch mit dem Hinweis verkauft werden dürfen, dass ihre Schale vor dem Verzehr zu entfernen ist, sollte bedenklich stimmen! Weiß ein Großteil von uns wirklich nicht mehr, dass beim Essen eines Eis am Stil am Ende ein Stück Holz übrig bleiben muss? Vielleicht ist es da gar nicht so übel, dass heutzutage sogar bei Bügeleisen darauf hingewiesen wird, dass Kleidung nicht geglättet werden darf, solange sie noch getragen wird, und auf Pizzaverpackungen der Hinweis steht, dass die Plastikfolie vor der Zubereitung entfernt werden muss…

Aber mal ehrlich: Wer nicht genug Menschenverstand hat, um so etwas von sich aus zu wissen, der hat auch nichts Besseres verdient als eine Gummipizza und verbrannte Nippel! Wenn ich es mir recht überlege, dann ist der Hinweiszettel in meinem Zelt vielleicht doch gar nicht so überflüssig, sondern vielleicht eher sogar zu klein! Vielleicht sollte man die Warnung zukünftig lieber gleich quer auf die Zeltplane drucken? Post mit gesundem Menschenverstand an: gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Steht in der Gebrauchsanweisung für Herrenunterhosen mittlerweile eigentlich als Warnung schon so etwas wie „Kann Spuren von Nüssen enthalten“?

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