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Mel´s Mikrokosmos

Unn…?

Hallo Mikrokosmonauten: Dialekt ist und bleibt die Sprache des Herzens!

Mein ehemaliger Chef kam aus dem Raum Lebach und hatte nicht nur die Angewohnheit, das „R“ zu rollen, sondern auch komische Fragen zu stellen, die ich, als gebürtige Saarbrückerin, die in einer völlig anderen Dialektzone aufwuchs, erst mal verarbeiten musste, um sie halbwegs  zu verstehen. Manchmal verstand ich sie allerdings gar nicht. Eines Morgens zum Beispiel saß ich etwas verschnupft und kränklich an meinem Computer. Ich hatte also schlicht und ergreifend die „Freck“. Als er ins Büro kam, musterte er mich mitleidig von oben bis unten und fragte: „Oh, Frau Hartmann,  angestoch‘ woar?“ Ich ließ die Frage sacken, ohne, dass sich mein Gehirn einen Reim auf den Sinn machen konnte. Und wenn ich keinen Sinn in Sätzen erkenne, steckt vermutlich etwas Schmutziges dahinter, oder?

Angestochen werden. Das war doch ein Synonym dafür, dass man Sex hatte. Also so etwas wie: „Oh, Frau Hartmann, angebumst worden?“. Ich war entsetzt. So ein Schwein! Was dachte der sich eigentlich? Ich stammelte also völlig zusammenhaltlos: „Ähm, ja, also nein, also ähm….“, und dachte tatsächlich kurz darüber nach, ihn über mein letztes Techtelmechtel aufzuklären. Erst Minuten später begriff ich, dass er mich nur gefragt hatte, ob ich mich irgendwo angesteckt habe. Blöd nur, dass er mir Wochen später schon wieder so eine komische Frage stellte, nämlich „Frau Hartmann, hann se abgeholl?“, woraufhin ich verstand, ob ich etwas abgeholt hätte. Seinem Blick zu urteilen musste es sich offensichtlich um etwas sehr Wichtiges handeln. Etwas, was er vielleicht dringend benötigte. Die Jahresbilanz beim Steuerberater etwa? Die Akten aus dem Büro der Grafik-Abteilung? Ich überlegte fieberhaft, was so entsetzlich wichtig war, dass ich es in meiner Verwirrtheit vergessen konnte und lief rot an. Die Antwort folgte nur eine Millisekunde später und ziemlich nuschelnd: „Ähm, ja, tut mir leid.“, woraufhin er die Stirn runzelte und ich in einem Anflug plötzlicher Hektik davonrauschte, mit der Begründung, ich müsse mich da noch um ein paar Akten kümmern. Dass er mich lediglich gefragt hatte, ob ich abgenommen hätte, darauf kam ich leider erst wieder viel zu spät. Mittlerweile ist mir auch durchaus bekannt, dass im Nordsaarland das Wort „abholen“ für „abnehmen“ steht, aber damals war ich schlichtweg überfordert.

Noch heute bin ich manchmal verwirrt und frage mich anlässlich der großen Dialekt-Vielfalt hier im Saarland: „Wer blickt da noch durch?“ und „Sehen wir vor lauter Dialekten den Wald noch?“ Den Wald zu erkennen wäre grundsätzlich eigentlich nicht schwer, schließlich heißt „Wald“ auf saarländisch auch „Wald“, während die „Bäume“ halt die „Bääm“ sind, was gerade einem Nicht-Saarländer, der nach dem Weg fragt, recht ratlose Blicke einbringen würde. „Ei faahre se do rechts ninn bei denne Bääm. Awwer passe se uff, do is gespoor!“. Ein Leichtes für einen heimischen Landsmann – rechts reinfahren bei den Bäumen, aber aufpassen, weil gesperrt ist – aber wer bitte versteht einen solchen Satz, wenn er von „außerhalb“ kommt?

Und es kommt noch besser: Nämlich, wenn Saarländer den Versuch unternehmen, auswärts ihre Herkunft zu verbergen. Hochdeutsch und Saarländer ist nämlich oftmals eine heikle Kombination. So zum Beispiel rief ein Bekannter von mir ärgerlich aus, er sei gerade in den „Baddsch“ getreten, als er mit Freunden aus Hamburg unterwegs war. Die verstanden natürlich nur Bahnhof, weil das Wort „Baddsch“ oder „Batsch“ in deren Wortschatz allerhöchstens ein Synonym für „Klaps“ sein könnte. Aber doch nicht für „Matsch“ oder „Schlamm“. Und wir wissen auch nicht erst seit Heinz Becker, dass „Tuten“, also das Wort für „Hupen“ nicht nur bei Taxifahrern von „außerhalb“ missverstanden wird: „Do, tuut e mol!“

Wie also kommt es, dass wir den saarländischen Dialekt wie ein Kulturgut behandeln, wenn sogar schon zwischen Nord- und Südsaarland eine Kluft der Verständnislosigkeit besteht, sobald geredet wird?

Selbst in der Liebe und beim Flirten scheint uns der Dialekt häufig als abschreckendes Beispiel voranzugehen. So hat mir eine Bekannte mal berichtet, sie habe abends in der Kneipe (als man noch in Kneipen gehen durfte!) mit einem recht gutaussehenden Mann Blickkontakt gehalten und als er sie endlich ansprach, sei sie erst mal sehr überrascht gewesen, als er im breitesten saarländisch loslegte: „Ei hallo! Willschde was tringe?“, und dabei sein schiefstes Grinsen à la Geißen-Peter auflegte. Sie dachte schließlich: „Hey, irgendwie macht ihn das ja doch sympathisch.“ und man kam ins Gespräch. Sie auf hochdeutsch, weil halt nicht jeder Saarländer wie Heinz und Hilde Becker sprechen kann. Als er ihr jedoch etwas später und etwas angetrunken ins Ohr säuselte: „Sorryyy, isch muss mol brunze geh’n.“ (pardon, so hat er es gesagt), waren die eingeheimsten Sympathiepunkte auf einen Schlag wieder weg.

Ganz ehrlich? Dirty Talk auf saarländisch? Geht gar nicht. Da kann man auch gleich angezogen bleiben und die liegengebliebene Hausarbeit erledigen. Keine Frau will im Schlafzimmer und in der neuen, sexy Lingerie zu hören bekommen: „Oh leck, do wärr‘ isch jo dodaal rollisch!!“ Wobei man an dieser Stelle anmerken muss: Leute, die im Schlafzimmer und im Leben so reden, schreiben auch über WhatsApp ausschließlich auf saarländisch.

Und wo wir gerade beim Schreiben sind: Ein „Elowe“ ist kein Name für ein Fabelwesen, sondern der „Ölofen“. Aber da man in der Familie meines ehemaligen Klassenkameraden in der Schulzeit offensichtlich noch nie hochdeutsch gesprochen hatte, hat er nun mal gedacht, man schreibt Wörter so, wie man sie versteht. In diesem Falle halt der „Elowe“. An dieser Stelle geht bei mir der Ofen aus.

Und trotzdem: Wir Saarländer werden nie etwas an unserer Sprache ändern. Wir werden auch in Zukunft das „isch“ dem „ich“ und das „do“ dem „da“ vorziehen und werden immer den Sinn des Satzes verstehen: „Gemmer mohl ens von deine babbische Guddsjer!“ Natürlich ist die Sprache Teil unserer Kultur und wir sollten sie auch niemals verleugnen. Aber dennoch sollten wir auch stets der hochdeutschen Sprache mächtig sein, wenn‘s drauf ankommt. In diesem Sinne: Isch hann die Flemm, isch geh jetzt hemm!“

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