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Berlinale: Die Hauptstadt im Ausnahmezustand Empfehlung

Berlinale: Die Hauptstadt im Ausnahmezustand

Es glich einer Dekadenz-Szene aus einer bissigen Gesellschafts-Satire, wie sie einst Fellini oder Dietl gern inszenierten, um dem frivolen Treiben einer realitätsverlustigen High-Sciety den Spiegel vorzuhalten. Bei der diesjährigen Cinema-For-Peace-Gala, die am Rande der Berlinale stattfand, hüllten sich die 1.000 Gäste, darunter Charlize Theron, Wolfgang Joop und ein Pussy-Riot-Girl - in goldglänzende Notfalldecken, wie sie sonst die unterkühlten Flüchtlinge als Erstversorgung auf Rettungsbooten bekommen, um Selfies zu machen und dann weiter an Champagner und Kaviar zu schlürfen. Berlinale-Direktor Kosslick sprach später von „Obszönität“ und „Idioten“. Vielleicht hätten diese B-Promis und ihr Ideengeber Ai wei wei (ein Name, der immer mehr Programm wird) auch Abstand genommen, hätten sie zuvor Gianfranco Rosis Dokumentarfilm „Fuocoammare - Fire at sea“ gesehen, der hautnah das Schicksal afrikanischer Mittelmeer-Flüchtlinge nachzeichnet und dafür zurecht mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. 

Apropos Bär, Kosslick, Filmfestspiele: Diese jährte sich zum 66. Mal und hatte auf dem Papier richtig was zu bieten, denn: Was kann schon schief gehen bei einer Berlinale, die von Stars wie George Clooney und Channing Tatum eröffnet und einer Jury-Präsidentin wie Meryl Streep im wahrsten Sinne des Wortes gold-richtig beendet wird? Nichts, wenn da nicht noch diese Sache mit den Filmen wäre, die dummerweise innerhalb dieser Zeitspanne von zehn Tagen gezeigt werden müssen. Diese Filmausbeute - es sei hier nur kurz geklagt - war zwar arm an Flops (3), aber noch ärmer an Highlights (2). Sieht man einmal vom ärgerlichsten aller Wettbewerbsbeiträge ab, der deutsch-französisch-britischen Koproduktion "Jeder stirbt für sich allein" fallen einem nur noch die 8(!)-Stunden-Tortur des Philipinen Lav Diaz ein, für die ein kompletter Wettbewerbstag frei geräumt wurde, sowie die kanadische Kopffehlgeburt "Boris sans Beatrice". Ansonsten gab es kaum etwas zu klagen (gut bis solid) aber eben auch kaum etwas zu bestaunen, sieht man einmal vom ebenso lebensnah unterhaltsamen wie klugen und präzisen französischen Wettbewerbsbeitrag “L’avenir" von Mia Hansen-Løve ein, die hier Isabelle Huppert, die Altersrolle schlechthin auf den Leib geschrieben hat.

Gewonnen hat dann aber doch, was schlichtweg gewinnen musste, nämlich Gianfranco Rosis Lampedusa-Doku-Drama "Fuocoammare". Es ist bekannt, dass, wann immer sich Spielfilme mit Dokus zu gesellschaftlich hochaktuellen Themen messen müssen, die Fiktion gegenüber der Realität unterliegt. Man kann diese beiden Erzählformen nun einmal ähnlich schlecht miteinander vergleichen wie Sushi mit Rehbraten (beides kommt aus der Küche und damit hat es sich auch schon)

Aber sind wir mal ehrlich, wen - außer ein paar unverbesserlichen Hardcore-Cineasten - interessieren schon wirklich die Filme? Der Starauftrieb ist das was bleibt, ist das was zählt, ist das, was Sponsoren anlockt und frierende Fans tagelang vor dem Berlinale Palast ausharren lässt in froher Erwartung auf Autogramme (George sign my butt), Fotos (Kirsten - a selfie please) und Umarmungen („Meryl hug me“). Und sie kamen ja auch alle. Gerade zur Eröffnung gleicht der Teppich dem „Who_Is-Who“ des Deutschen Films. Jeder wollte dabei sein, wenn Clooney, Tatum, Swinton und die Coens feierten, doch die machten es sich nach der Präsentation von "Hail Caesar" exklusiv im streng abgeschirmten obersten Stockwerk gemütlich, während der Rest der geladenen Gästeschar (Daniel Brühl, Tom Schilling, etc.) es sich in den mittleren und unteren Etagen mit Normalo-Volk wie dieser Autorin rumschlagen musste. Freigetränke und Edelhäppchen wurden gereicht und bildeten den Auftakt für ein 10tägiges Empfänge-Partys-Hopping, das dann erst Samstagabend im Crackers (ehemals Cokies) sein wohlverdientes Ende nahm. Dort tanzte dann ein sichtlich gelöster Gianfranco Rosi mit seinem Goldenen Bären um die Wette.

Text: Marisa Winter

Letzte Änderung amSamstag, 05 März 2016 16:09
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