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Die fröhlichen Moralisten Empfehlung

Foto: Jens Herrendorf Foto: Jens Herrendorf

Die Welt steht Kopf und Fettes Brot können sich keinen Reim drauf machen. Also outen sie als Außerirdische und widmen sich auf ihrem Album „Teenager vom Mars“ erstaunlich irdischen Themen. L!VE Redakteur Olaf Neumann traf in Berlin auf Boris Lauterbach, Björn Warns und Martin Vandreier alias König Boris, Björn Beton und Dokter Renz. Die E.T.s der deutschsprachigen Rap-Musik sitzen an einem Biertisch vor der Oberhafenkantine in Alt-Treptow und schlürfen Weißwein. Der Geist im Glas macht das Trio redselig. Ein Gespräch über Schlagermusik, Moral und Spießbürger

Der Titelsong eures Albums suggeriert, dass ihr einst als Teenager vom Mars auf die Erde kamt, um hier die Existenzen von Menschen anzunehmen. Blickt ihr auf die Erdbewohner herab?

Björn Beton: Wir fühlen uns manchmal wie auf einem fremden Planeten, weil die Menschen so komische Dinge machen. Dasselbe gilt natürlich auch für uns als Außenseiter Spitzenreiter von Fettes Brot. 

 

Gibt es etwas am Verhalten der Menschen, was ihr überhaupt nicht verstehen könnt?

König Boris: Jede Menge, gerade jetzt. Brennende Asylbewerberheime oder Hetze gegen Flüchtlinge kann ich zum Beispiel überhaupt nicht verstehen. Oder Leute, die sich im Jahr 2015 überhaupt noch darüber Gedanken machen, ob jemand schwul, lesbisch, hetero oder alles auf einmal ist und ihm deshalb seine Liebe zu einem anderen Menschen absprechen. 

 

Verwundert es euch, dass im Jahr 2015 viele Dinge, die nicht der Norm entsprechen, noch immer sozial unerwünscht sind? 

Björn Beton: Aber ja. Wir sind auch darüber verwundert, dass sich gerade die junge Generation mit einem ganz rückwärtsgewandten Weltbild eine schöne heile Welt durch Schlagermusik erträumt. Manche tun das ganz ernst, andere als Gag. Da wird eine Welt beschworen, die mit unserer Realität nichts zu tun hat. Ich finde es fast schon zynisch, wenn man von Musik nicht mehr verlangt, als sediert zu werden. 

 

Vielleicht wollen junge Menschen gegen ihre Eltern rebellieren, indem sie das genaue Gegenteil dessen leben wollen, was ihnen anerzogen worden ist.

König Boris: Das sind ja nicht nur junge Leute, das Phänomen Schlager ist generationsübergreifend. Ich glaube, es ist eine Reaktion auf unsere unübersichtliche und vielleicht angsteinflößende Welt. Die Leute versuchen sich ihr kleines heiles Refugium zu bauen und alles, was ihnen Angst macht und fremd ist, lassen sie schön draußen. Den Blick auf die Realität zu verweigern kann aber nicht die Lösung sein. 

 

„Wir sind verwundert, dass sich gerade die junge Generation mit einem rückwärtsgewandten Weltbild eine schöne heile Welt durch Schlagermusik erträumt.“

Dokter Renz: Das sind teilweise dieselben Menschen, die vor ein paar Jahren noch Peter Fox gehört und sich ganz anderen Themen zugewandt haben. Wir verstehen nicht, warum es wieder so ein Massenphänomen gibt mit einer Musik, die komplett ohne Haltung daherkommt, in allem rückständig ist und unmodern klingt, obwohl es einen flotten Beat drunter hat. Aber das passt zu dem einlullenden Gesamtbild. 

 

Ist Fettes Brot das Gegenmodell zu Helene Fischer?

Björn Beton: Diese Rolle würde ich uns beim besten Willen nicht alleine zuschreiben. Wir versuchen einfach, unsere Gedanken und uns selbst in unsere Musik mit einzubringen. Unsere Musik soll für die Welt sensibilisieren. Im besten Fall ist es Unterhaltung mit Haltung. Ein Partysong muss nicht automatisch ohne Bedeutung sein. 

König Boris: Wenn sich eine große Masse von Leuten in einer Zeit, in der es überall brennt, darauf einigt, so eine Musik gut zu finden, dann sagt das etwas über unsere Gesellschaft aus. Schlager zu hören galt früher als reaktionär, heute gilt man als Spaßbremse, wenn man bei der Party nicht mitmachen möchte. Die Stimme, die ausspricht, dass das irgendwie komisch und konservativ ist, gab es bisher nicht. Und das haben wir jetzt gemacht. Für uns ist das befreiend. 

 

Helene Fischer hat bestimmt auch traurige Momente, in denen sie denkt: „Wäre ich doch bloß Hip-Hopper geworden“.

Habt ihr Helene Fischer mal persönlich kennen gelernt oder Backstage getroffen?

König Boris: Nee. Wir haben uns ganz auf Internetrecherche beschränkt. Man muss solche Leute nicht persönlich treffen, hinter den Kulissen erfährt man nichts, was man nicht eh schon weiß. Es geht uns auch nicht um die Person Helene Fischer – die ist bestimmt lieb und nett -, sondern mehr um die Leute, die Schlager hören. 

Dokter Renz: Ich könnte mir vorstellen, dass Helene Fischer auch mal Lust hätte, ein Lied zu singen, das ein bisschen mehr ist, als eine Verklausulierung von Geschlechtsverkehr auf 3:30 min. gestreckt inklusive der Behauptung, sie würde durch irgendwelche Clubs tanzen. Was für Clubs sollen das denn sein, wo solche Musik läuft? Helene Fischer hat bestimmt auch traurige Momente, in denen sie denkt: „Wäre ich doch bloß Hip-Hopper geworden“. Aber sie hat sich anders entschieden. 

 

Wollt ihr mit eurer Musik die Gesellschaft unterminieren?

Björn Beton: Unser Album fängt an mit dem Satz „They came to undermine our society“. Dieser Gedanke, den wir mit Punk aufgesogen haben, steckt allem Anschein nach immer noch in uns drin. 

König Boris: Es ist aber auch Schauspiel. Es ist immer schön, wenn man nicht erkennt, was wie gemeint ist. Manchmal ist es tiefster Ernst, manchmal Pose. Diese Grautöne und subversiven Botschaften können viele nicht ertragen. Sie mögen es lieber ganz plakativ und klar. 

 

„Ganz schön low“ handelt vom sprichwörtlichen hässlichen Deutschen? Ist dieser Typus wieder auf dem Vormarsch?

König Boris: In Strophe 2 ist es auf jeden Fall der engstirnige Spießbürger, der Angst um seinen Wohlstand hat und sich von den Schwächsten der Schwachen bedroht fühlt. Manche mögen uns Moralapostel schimpfen, aber ich habe das Gefühl, es ist aus der Mode gekommen, dass man auch mal dazwischen haut. 

 

Ist „Teenager vom Mars“ ein Protestalbum?

Björn Beton: Jein. Wie immer bei Fettes Brot ist es auch ein moralisches Album. Wir haben bestimmte Moralvorstellungen, die es wert sind, ausgesprochen zu werden. Angefangen beim Männer-Frauen-Bild bis hin zu Äußerungen zu Gewalt und Fremdenfeindlichkeit. Das war bei uns immer schon so, aber wir können uns heute feiner ausdrücken. Zum Beispiel bei dem Song „Emmely“. Er ist der unbequemen Supermarkt-Kassiererin Barbara Emme aus Berlin gewidmet. Sie musste einen jahrelangen Prozess führen, weil sie angeblich zwei Pfandbons geklaut hatte und deswegen gekündigt wurde. Und sie hat am Ende gewonnen. Das sind aber alles Hintergrundinformationen, die diesem Song überhaupt nicht helfen. Wir haben trotzdem versucht, Popmusik zu machen. 

König Boris: Auf der anderen Seite gibt es auf dem Album auch Lieder wie „K.L.A.R.O.“, bei dem wir uns als die sexiest Motherfucker des Landes stilisieren. Es ist schon auch Unterhaltung. Wenn wir selber drüber sprechen, klingt es immer sehr viel schwerer und ernster als wenn man die Songs selbst hört. 

Dokter Renz: Für uns ist es die hohe Schule des Pop, wenn man im selben Song Botschaften und Unterhaltung miteinander kombiniert. 

 

Eigentlich beackert ihr damit klassische Liedermacherthemen. 

Björn Beton: Kann sein, dass diese Herangehensweise aus der Mode gekommen ist, aber umso lustiger, dass wir das jetzt für uns entdeckt haben. 

König Boris: Wir haben uns das einfach mal getraut mit dem Risiko, dabei auch zu scheitern. Aber es wuchs zu einem gesamten Ding zusammen. Am selben Tag war auch noch MC Fitti in der Stadt und wir haben diesen Gag-Vogel als Rechtsanwalt besetzt. 

 

In „Eure Autos“ geht es um dicke Autos. Womit gebt ihr gerne an?

König Boris: Wir haben eine sehr erfolgreiche Band. Das entbindet einen von dem Gefühl, mit anderen Sachen protzen zu müssen. Wir können in Lumpen rumlaufen oder den ganzen Tag betrunken sein, die Leute fänden auch das noch gut. Im Ernst: Wer jeden Tag vor tausenden Leuten spielt, braucht einfach keine teure Uhr mehr. Dessen Ego ist genug gefüttert. 

Dokter Renz: Bei dem Auto-Song war es uns eine große Freude, dass wir nicht nur die Innenstadt bereinigen und für künftige Generationen sicherer machen, sondern auch den Gangsterrappern ihr Statussymbol weggefressen haben. 

 

Ein Klischee besagt, dass Musiker gerne Kombis fahren. Ist da was dran?

König Boris: Bei uns müssen die Musiker die Kombis haben und nicht wir Rapper. Zu unserem Open-Air-Gig auf der Trabrennbahn in Hamburg bin ich mit dem Fahrrad gefahren. Zurück habe ich es dann geschoben. 

Letzte Änderung amSamstag, 28 November 2015 10:16
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