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Mel´s Mikrokosmos

Vernebelt, verwirrt, verliebt

Wenn im Terminkalender nur noch ein einziger Name auftaucht, das Schlafdefizit gewaltig in den Keller rutscht während die Selbstüberschätzung in die Höhe schnellt, ein Hungergefühl zwar vorhanden ist, aber nicht mehr unbedingt gestillt werden muss, das Leben rosarot statt grau ist und man alles andere vernachlässigt und hinten anstellt, was unwesentlich erscheint, ist man entweder Junkie oder schlicht und ergreifend völlig verknallt. Und im Endeffekt ist verliebt sein ja nichts anderes, als ein fortwährender Rausch. Alles ist neu und völlig unvorhergesehen befindet man sich plötzlich in einer Art Höhenflug. Und das auf ganz natürliche Art und Weise und keineswegs synthetisch herbeigeführt.

Das mit der Verliebtheit ist eine seltsame Sache. Schon Platon stellte fest: „Liebe ist eine schwere Geisteskrankheit.“. Die Symptome der Verliebtheit können manchmal fast denen einer Krankheit ähneln. Hormonspezialisten gehen von einem Cocktail aus Hormonen aus, die bei einer Verliebtheit durch die Blutbahn rauschen und uns die Sinne regelrecht vernebeln. Dabei handelt es sich keineswegs um Geschlechtshormone. Vielmehr geht es um Botenstoffe im Gehirn. Vor allem das Belohnungszentrum, zum Beispiel in Form des Nucleus accumbens ist aktiv, wenn man frisch verliebt ist. Der Körper produziert viel Dopamin, den auch als Glückshormon bekannten Neurotransmitter, und Verliebte sind in einem taumelnden Zustand des Glücks. Sie schweben im siebten Himmel und wollen so viel wie möglich von ihrer Droge haben: Dem Partner.

Also doch ein Drogenrausch?

Nicht unbedingt. Paradoxerweise haben Verliebte weniger von einem anderen Glückshormon im Blut. Der Serotoninspiegel im Körper sinkt bei ihnen. Warum das? Wissenschaftler begründen dies so: Bei Zwangserkrankungen, etwa einem Waschzwang, sinkt der Serotoninspiegel ebenfalls. Und ein verliebter Mensch kann eben nur an eines denken: den oder die Auserwählte. Verliebte sind also regelrecht aufeinander fixiert. De facto bedeutet das aber auch, dass aufgrund der Liebe der Körper Stresshormone ausschüttet. Das Herz von Turteltäubchen klopft schneller, wenn sie ihren Liebsten sehen. Denn der Körper stößt mehr Adrenalin und Cortisol aus. Die Stresshormone machen impulsiver und vor allem auch aktiver. Verliebten wird oft eine gewisse Zerstreutheit nachgesagt. Daher rührt wohl auch der Satz „Der Koch ist verliebt!“, wenn das Essen versalzen ist.

Die gestörte Konzentration könnte am erhöhten Adrenalinlevel liegen. Das Stresshormon erschwert das Denken. So gesehen erklärt das einiges. Die rosarote Brille zum Beispiel, oder gelegentliche Sprachfindungsstörungen. Deshalb bin ich eindeutig der Meinung: Mehr Küssen, weniger Reden! Und trotzdem frage ich mich jedes Mal aufs Neue:

„Wieso verliebt man sich eigentlich?“

Ich meine, je älter wir werden, desto vorsichtiger werden wir doch. Nach einigen schmerzhaften Enttäuschungen – und die hat schon jeder von uns erlebt – werden wir gefasster, beherrschter und disziplinierter, lassen nicht mehr jeden allzu leicht in unser Herz. Wir wittern hinter einem Lächeln oft Gefahren, hinterfragen nette Gesten, verwechseln aufrichtiges Interesse mit Arglist und Täuschung. Aber je kontrollierter wir auch sind, desto verwunderter sind wir hinterher, wenn es uns plötzlich und total überraschend doch wieder trifft. Aus heiterem Himmel steht plötzlich jemand vor uns, bei dem wir jegliche Bedenken über Bord werfen. Die einen früher, die anderen später. Aber wir tun es irgendwann, soviel steht fest. Es hört sich kitschig an, aber wir beginnen irgendwann aufs Neue, an die Liebe zu glauben und das ist in etwa so, als reiße man nach einem ziemlich kargen Winter die Türen und Fenster auf, um frischen Wind und Sonne hineinzulassen.

Liebe macht zwar blind, aber auch schlank

Haben wir uns erst mal auf die Liebe eingelassen, hat man neben der rosaroten Brille zwar auch oft Tomaten auf den Augen, aber ganz nebenbei verbrennt man beim Knutschen wenigstens ein paar Kalorien. Und Verliebtsein soll außerdem das Immunsystem stärken und Stress abbauen. Darüber hinaus kommen Kreislauf und Stoffwechsel in Schwung. Super Sache! Deshalb stelle ich mir nicht umsonst die Frage: „Warum sind wir eigentlich nicht alle dauerhaft verknallt?“

Es liegt eigentlich klar auf der Hand. Die Verliebtheit geht – sofern die Gefühle ausreichen – irgendwann in Liebe über. Dies geschieht laut Experten etwa nach 6 bis 9 Monaten. Kritische Stimmen sprechen dann von einer „Entzauberung“. Aber es wäre zu grausam, es so zu nennen. Fakt ist, dass man sich in die positiven Eigenschaften eines Menschen verliebt. Die schlechten Eigenschaften sieht man zunächst nicht, weil man sie entweder nicht sehen will, oder aber der andere sich nur von seiner besten Seite zeigt. Immer wieder liest man davon, dass das Äußere für das Kennenlernen und den Anfang einer Beziehung nun mal wichtig sei. Doch sollte man nicht vergessen, dass auch wir zivilisierten Menschen einen Fortpflanzungstrieb haben, der jeglicher Romantik entbehrt. Sich von jemandem angezogen zu fühlen, sich zu verlieben in schöne Augen oder eine tolle Figur, hat nichts mit Liebe zu. Und aus dieser alleinigen Gefühls-Ausgangs-Basis wird dann wohl auch niemals Liebe werden. Vielleicht kann man daraus ableiten, dass aus Verliebtsein dann Liebe werden kann, wenn man die Fähigkeit und Bereitschaft besitzt, die Aufgaben anzunehmen, die sich aus Konflikten mit dem Partner ergeben. Und ebenfalls anzuerkennen, dass viele dieser Konflikte mit einem selbst zu tun haben – man also den anderen nicht ändern kann – sondern sich selbst akzeptieren muss. Und eigentlich gibt das doch sehr viel Hoffnung darauf, dass man auf die Liebe und ihr Gelingen doch ein wenig Einfluss hat. Getreu dem Titel eines großen Bestsellers „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest.“

Sind wir doch mal ehrlich: Eine Garantie gibt es nie. Für nichts. Wenn eine Liebe, die einst so verheißungsvoll begonnen hat, zerbricht, kann dies jede Menge Stress auslösen, Mediziner sprechen bei massiven körperlichen Beschwerden dann sogar vom „broken heart syndrom“, also vom sogenannten gebrochenen Herzen. Es handelt sich um eine Funktionsstörung des Herzmuskels, eine Folge großer emotionaler Belastung. Und wieder steckt ein biochemischer Prozess dahinter: die übermäßige Freisetzung des Stresshormons Adrenalin. Fast alle Menschen erleiden ein- oder mehrmals in ihrem Leben Liebeskummer. Meist ist er harmlos, aber für Herz und Seele oftmals eine extreme Belastung. In der anonymen Mär „Der Bussard“ aus dem 14. Jahrhundert, wird sogar die Liebeskrankheit thematisiert. Ein Zustand des völligen Wahnsinns. Ein Königssohn verliert hier seine Braut und steigert sich in krankhaften Liebeskummer hinein. Seine Verzweiflung wächst mit Weinen und Haare raufen. Dann bricht der Wahnsinn über ihn herein und der Königssohn wird zum rasenden Tier. Fortan vegetiert er als Waldmensch dahin.

Am Ende ist es doch so: Verliebt sein ist etwas Tolles. Im Hier und Jetzt leben sowieso. Einfach genießen, weniger grübeln. Alles auf sich zukommen lassen. Mehr brauchen wir in jenem großartigen Zustand nicht. Eigentlich ganz einfach.

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