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Mel´s Mikrokosmos

Vorbei sein ist alles

Hallo Mikrokosmonauten: Das Jahr zuvor war immer besser, oder?

Ruhig ist es da draußen geworden. Das einzige, was ich derzeit höre, ist das letzte Herbstlaub, das unter meinen Schuhen knirscht. Eventuell fühle ich mich aber auch einfach nur an ruhigen Orten wohler, weil mich Lärm und Trubel stressen. Lärm auf den Straßen. Und Lärm, der die Münder der Menschen verlässt. Gegen Ende des Jahres ist das bei mir oft so. Da ertrage ich die erdrückende Präsenz der Gesamtheit nicht mehr. Einfach gesagt: Die Menschen und deren Befindlichkeiten gehen mir schlichtweg auf den Sack! Ich ziehe mich auch zurück, weil ich mein Jahr gedanklich Revue passieren lasse. Das mache ich jedes Jahr und dazu brauche ich Ruhe. Das ist nämlich in etwa so, als fertigte man eine Liste an von alldenjenigen, mit denen man im Leben schon rumgeknutscht hat. Es erfordert Konzentration und eventuell eine Gummizelle, sofern man sich plötzlich wieder an Dinge erinnert, die man verdrängt hatte. Mein Jahr war keine Orgie aus wilder Knutscherei, wenngleich ich darüber ganz froh bin. Lippenherpes macht sich nicht gut zum Dior Nr. 999. Vielmehr war es ein Jahr, das den Buchtitel: „Sie war stets bemüht.“ tragen dürfte, wenn es denn eins gäbe. Aber selbst dazu konnte ich mich bis heute nicht aufraffen. Wie so oft wollte ich in diesem Jahr mal wieder so viel und habe so wenig erreicht. In der Berufswelt würde man sagen, dass ich meine Jahresziele nur bedingt erreicht habe. Es ist wie bei Heinz Becker, der bis zur letzten Folge den Rasenmäher einfach nicht repariert bekommt, weil immer irgendwas ist. So ähnlich ist es bei mir auch. Ebenso bin ich auch immer noch nicht hinter das Geheimnis der Gelassenheit gekommen. Ich bin immer noch eine Getriebene, getrieben von mir selbst. So gesehen war mein Jahr wirklich nichts Besonderes.

Zu allem Übel ging ich dann auch noch auf dieses Boot.

Als ich mir nämlich gegen Ende des Jahres etwas Gutes tun wollte und einen Urlaub am roten Meer antrat, dachte ich noch nicht daran, dass dieser Trip mir zeigen würde, wie leicht man die Kontrolle über Körper und Geist verlieren kann. Dazu sei gesagt, dass mein Freund Ralf begeisterter Taucher ist. Ich kenne Taucher übrigens nur in Form eines DJs, der einst angeschickert in meinem Wohnzimmer lag und den ich dazu verdonnerte, den Tabak seiner selbst gedrehten Krautstengel gefälligst aufzusaugen. Vorwerk sei Dank hatte das auch mehr oder minder geklappt. Aber zurück zum Thema. Ralf überredete mich jedenfalls dazu, ihn auf seiner Tauchtour zu begleiten und ich erklärte mich bereit. Ich tauche zwar nicht, aber so ein bisschen Schnorcheln ist ja auch ganz schön.  Die waren auch alle ganz nett auf diesem Boot. Alle Wassersportler sind irgendwie nett. Die kommen mir immer so vor, als seien sie eins mit dem Meer und der Natur und als könnte man sie nicht so leicht schocken. Die sind alle total entspannt. Wir fuhren also los und es war ein wunderschöner Tag. Ich setzte mich ganz vorne an den Bug und fühlte mich wie Rose auf der Titanic. Also bevor sie unterging. Ich dachte weder an Schiffbruch noch Untergang noch an sonst irgendwas Morbides. Ich sah sogar eine Wasserschildkröte kurz zu meiner Linken auftauchen und wünschte mir was. Sie war für mich wie eine Sternschnuppe. Nach über einer Stunde kamen wir am gewünschten Riff an. Mohamed, der Kapitän machte den Motor aus. Und dann hörte der Spaß plötzlich auf. So eine Seekrankheit, müsst ihr wissen, kommt ganz plötzlich. Das ist nicht so, wie wenn man sich langsam einen antrinkt und irgendwann weiß: „Oha, das war wohl ein Gläschen zu viel!“. Nein, seekrank wird man auf einen Schlag und dann beginnt der nackte Kampf ums Überleben. Oder besser gesagt: Gegens Übergeben! Da Taucher total entspannt sind, machen sie vor jedem Tauchgang erst mal ganz entspannt ein Briefing, in dem super entspannt erklärt wird, wie groß, breit und tief das Riff ist und welche Fische einem so begegnen können. Ich stand zu dieser Zeit bereits breitbeinig inmitten der voll entspannten, sitzenden Tauch-Clique und ahmte stöhnend die heftigen Wellenbewegungen des Bootes nach, weil irgendein Schlaumeier mir mal erklärt hat, dass man das so machen müsste, wenn einem auf einem Schiff etwas mulmig wird. Das Schöne an der Sache: Taucher sind so entspannt, dass du wie Shaka Zulu vor ihnen stehen und den JouJou-Stammestanz aufführen könntest. Es würde sie nicht stören. Sobald also dieses Briefing beendet war, rannte ich schnurstracks zum Heck des Schiffes und warf mich über die Reling. Das war dann schon der Moment, in dem die Dramaturgie an Fahrt aufnahm. Ralf kam zu mir und fragte mich, ob alles klar sei. „Natürlich, Schatz, ich wollte nur schauen, ob die Aussicht von hinten genauso beschissen ist, wie von vorne!“. Was für eine Frage! Außer Wellen konnte ich noch nicht mal mehr einen Horizont erkennen. Ich stieß ein „Ich muss ins Wasser!“ hervor und hielt meine Nase in den Wind, als könnte er mir verraten, wo es hier am schnellsten zum Festland geht. Dann kam Tauchlehrer Hassan und gab mir das Go, das Boot zu verlassen. Ich riss mir augenblicklich die Klamotten vom Leib, stieß mir dabei mein Knie an einem Tisch an, torkelte wie von Sinnen die steilen Stufen hinab zum hinteren Heck und sprang schlussendlich mit einem erleichterten Gefühl in die Fluten. Wenn man richtig seekrank ist, muss man wissen, bringt so eine Abkühlung eine kurze Besserung, aber in Wahrheit nimmt die Seekrankheit einfach nur Anlauf, um dir gleich darauf wieder einen Kinnhaken zu verpassen. Während die Tauchgruppen -natürlich ganz entspannt- untertauchten, trieb ich im Meer und versuchte dem doch sehr starken Wellengang zu trotzen. Ich erinnerte mich an all die schönen Yoga und Meditations-Übungen, die es so gibt. Auf langsame Atmung. Das Konzentrieren auf sich selbst. All das ist aber recht schwierig umzusetzen, wenn dich alle fünf Sekunden eine Salzwasser-Welle überschwemmt. Irgendwann leistete mir ein weiteres Mitglied der Tauch-Crew Gesellschaft. Ich erinnere mich nicht mal mehr an seinen Namen, aber er war wirklich sehr entspannt. Er versuchte, ein lockeres Gespräch auf Englisch mit mir anzufangen. Ob alles gut wäre und ob Ralf mein Ehemann sei. „Nein, mein Freund.“, stöhnte ich. Was denn der Unterschied zwischen Ehemann und Freund wäre, fragte er. „Husband with a ring and boyfriend no ring!“ ächzte ich im miesesten Englisch des Morgenlandes. Dann wollte ich nicht mehr reden. Vielmehr wollte ich die ganze Zeit nur noch „Oh Gott!“ hinaus in den Ozean schreien. Was ich auch tat, obwohl ich nicht sicher war, ob das politisch korrekt ist, weil die meisten Ägypter ja Muslime sind. Aber „Oh Allah!“ zu rufen verunsicherte mich, also blieb ich bei Gott. Es ging mir übrigens furchtbar. Ich hatte Panik, weil das Festland so weit entfernt war und ich fühlte mich wie gefangen auf einem Kettenkarussell. Ich starrte in den Himmel und wollte sterben. Dann wurde die Kommunikation zwischen Schiffsbesatzung und meinem Tauchguide hektischer. Aber womöglich unterhielten sie sich nur übers Essen oder übers Wetter. Auf Arabisch hört sich alles irgendwie so brutal an. „Almar’at aleajuz tahtaj ‚iilaa naja!!!“ Im Endeffekt ging es um den Rettungsring, den man mir zuwarf und in den ich mich mit letzter Kraft hineinlegte und so lange darin trieb, bis ich zitterte und meine Lippen blau waren.

Es war nicht alles schlecht

Schöne Erlebnisse fallen einem meist in Zeiten größter Not ein. Die Erkenntnis, dass mein Jahr gar nicht so übel war, kam, als ich zurück an Bord der „Turtle“ war und unterkühlt und zitternd an Deck lag. Nachdem man mich mit einer gefühlten Wagenladung Vomex versorgt hatte, erschien mir im Traum Shaka Zulu und tanzte mir meinen Jahresrückblick in JouJou. Und da  erst wurde mir bewusst: Man, wie schön es doch eigentlich war!  Da waren meine Katzen, mein Freund Ralf, mein neues Auto, meine Reisen, meine Arbeitskolleginnen- und Kollegen, meine Familie, all das, worüber ich in diesem Jahr Tränen gelacht habe und andere zum Tränen lachen animiert habe. Und ich atmete tief ein und hörte die Wellen rauschen. Ich roch das Salzwasser und fühlte die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Und urplötzlich war ich wieder im Hier und Jetzt, weil Hassan und die anderen ganz aufgeregt miteinander sprachen. Ich setzte mich langsam auf und dann sah ich sie: Delfine! Nicht nur zwei oder drei, nein eine ganze Delfinschule war neben unserem Boot aufgetaucht. Es war, als wollten sie mir sagen: „Kopf hoch! Alles wird gut!“. Und das sage ich euch hiermit auch!

-Für Henry-

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