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Mel´s Mikrokosmos

Warum ich gern alleine bin

Hallo Mikrokosmonauten: Alleine ist nicht einsam!
Mein Freund findet es super, mit seinen Kumpels eine Woche segeln zu gehen. So ein Katamaran, ist winzig, besonders, wenn man in einer Gruppe dort hausen muss. Urlaub mit den Kumpels sieht dann so aus, dass man eine Woche lang zusammengepfercht auf einem Kahn sitzt, sich die Toilette und Dusche teilt und wenn es sein muss auch mal die Handtücher. Es bedeutet, dass man das Schnarchen aus den Nachbarkabinen hört, und dass man am besten keine Verdauungsprobleme haben sollte, denn so ein Boot ist wie gesagt sehr hellhörig. Es bedeutet auch, dass man nicht einfach mal sagen kann: „Ciao, ich mache den Abflug!“, es sei denn, man meint damit tatsächlich, dass man jetzt wieder nach Hause fliegt. Eine Woche an Bord: Zusammen essen, schlafen und sich gelegentlich betrinken. Für mich ein wahr gewordener Alptraum, für meinen Freund das schönste Männerabenteuer neben einem DTM-Besuch am Hockenheimring. Nicht dass ich ihn für seine Hobbys kritisiere, im Gegenteil! Ich finde es bemerkenswert, dass er Spaß an den Dingen hat, die er tut. Und dass er diese Dinge am allerliebsten mit Freunden oder mindestens zu zweit macht. Aber mir fällt dann immer wieder auf, wie anders ich zu ticken scheine. Zumindest in einer Sache: Dass ich gelegentlich das Alleinsein den Menschen vorziehe. Und ich stelle mir die unweigerliche Frage:

„Wieso sitze ich manchmal lieber alleine im Boot?“
Um vorab mögliche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: Nein, ich möchte kein Single sein! Das wäre schrecklich, denn für mich gibt es nichts Schöneres, als einen Menschen an meiner Seite zu haben, der meine besten und meine miesesten Seiten kennt und trotzdem noch bei mir ist. Für mich ist ein Seelenpartner etwas enorm Wichtiges. Ist einfach so. Und trotzdem kommen in einer Partnerschaft immer zwei Menschen zusammen, die unterschiedlich ticken. Es wäre ja langweilig, wenn man identisch wäre in seinen Lebensansichten und seinen Eigenarten. Meine Eigenart ist das Alleinsein wollen. Es ist komisch, aber zu Singlezeiten gab es für mich nichts Schlimmeres, als an einem Sonntag alleine zu sein. Ein einsamer Sonntag auf der Couch war nur möglich, wenn ich dabei Suizidgedanken pflegte, denn diese Tatsache entschuldigte quasi mein lethargisches Jogginghosen-Dilemma. Depressionen waren demnach mein Alibi für faule Sonntage. Einfach nur faul sein und trotzdem zufrieden ging damals irgendwie nicht. Als Teil eines Paares wiederum erscheint mir vieles plötzlich ganz anders. Denn auf einmal reizt der Ruf der heimischen Couch! Es ist kaum zu fassen, aber kein geringeres Teil als diese unfassbare Couch verschafft mir neuerdings ein ultimatives Gefühl von Freiheit! Das habe ich bemerkt, während mein Freund auf seinem Katamaran vor Ibiza ankerte und mit seinen Kumpels bei Rosé und unterm Sternenhimmel über das Leben sinnierte. Während er seine perfekten Abende zelebrierte, feierte ich meine. Und urplötzlich wurde mir bewusst: Frei sein bedeutet für mich, gänzlich alleine mit mir selbst auf der Couch zu liegen und den ganzen Sonntag über Filme zu schauen, während Massen an Essen in mir verschwinden. Deshalb auch die Jogginghose. Und während ich das tat, stellte ich mir die Frage:

„Bin ich ein verdammter Einsiedler?“
François-René Vicomte de Chateaubriand stellte bereits um 1800 fest: „Die großen Leidenschaften sind Einsiedler; sie in die Wüste schicken heißt, sie in ihr Reich zurückversetzen.“ Wahrlich gibt es also Menschen, die sich in der Wüste, sprich allein mit sich selbst, echt wohlzufühlen scheinen. Dabei sollte man allerdings Alleinsein und Einsamkeit unterscheiden. Alleinsein ist objektiv gesehen nichts weiter als ein Zustand. Ich kann beispielsweise alleine in meinem Büro sitzen oder ich kann alleine etwas unternehmen, und zwar ohne mich einsam zu fühlen. Einsamkeit hingegen ist ein Gefühl und beschreibt das innere Befinden. Man fühlt sich dann von der Welt verlassen und ungeliebt. Man hat das Gefühl, zu niemandem zu gehören und irgendwie anders als alle anderen zu sein. Aber zurück zum Faulenzer-Sonntag: Im Grunde hatte sich nichts geändert zu allen anderen Sonntagen, an denen ich alleine war, bloß war auf einmal das Gefühl weg, hier etwas Schlechtes zu tun. Und auch die restliche Woche ohne meinen Seelenpartner ließen mich plötzlich in mein altes Leben abtauchen. Das Leben, das ich gelebt hatte, bevor er auf der Bildfläche aufgetaucht war. Und ich muss zu meiner Schande gestehen: Diesmal fand ich es ganz toll. Es ist schon komisch, wie gut sich ein Singleleben anfühlt, obwohl man in Wahrheit gar kein Single ist. Und warum muss ich gerade an den Spruch von Hans Krailsheimer denken: „Allein sein zu müssen ist das Schwerste, allein sein zu können das Schönste“? Ja, weil es vielleicht auch so ist. Zwar vermisste ich meinen Freund schmerzlich, stand ständig mit ihm in Kontakt, aber freute mich gleichzeitig auf Netflix und Pizza. Ich genoss es, alleine joggen zu gehen, das große Bett ganz für mich alleine zu haben und ja, an einem Abend ging ich sogar alleine ins Kino und buchte den Platz neben mir lediglich, um mein Popcorn und meine Nachos abzustellen. Und urplötzlich befand ich mich in einer ganz anderen Zwickmühle, die da lautete: „Taugst du überhaupt zu einer Beziehung, du Luftikus?“
Mein Alleinsein erschien mir plötzlich nur noch als ein egoistisches Ziehen und Drängen in meine Richtung. Und auf einmal plagten mich Gewissensbisse, weil ich bereits in der Vergangenheit des Öfteren meine Freiheit und mein Alleinsein eingefordert hatte. Dabei ist ein gesunder Hang zum Alleinsein an sich nichts Schlechtes. Bewusstes Alleinsein hat viel mit Selbstpflege zu tun, die Kraft spendet, nicht nur im Alltag, sondern auch in Krisensituationen.

Und in der Beziehung?
Eines der schönsten Dinge an einer Beziehung ist, dass sie uns dabei hilft, zu wachsen und uns weiterzuentwickeln, wie wir es ohne diese Verbindung niemals geschafft hätten. Aber wenn man als Paar den größten Teil der Erfahrungen zusammen erlebt, zum Beispiel zusammen lebt, Sport macht oder das Sozialleben zusammen gestaltet, macht man möglicherweise nicht die persönlichen Erfahrungen, die dabei helfen, zu wachsen. Ich glaube, die Entscheidung, etwas Zeit alleine zu verbringen, sei es für einen Tag, ein Wochenende, oder wie zuletzt bei mir eine ganze Woche, kann eine Beziehung bereichern und dafür sorgen, dass man den Partner noch mehr zu schätzen weiß. Herrlich komische Dinge passierten in dieser Woche schlussendlich auch bei mir. Ich fing an, meine Beziehung zu reflektieren, dachte darüber nach, wie oft mein Freund mir in der Vergangenheit schon geholfen hatte und ich erinnerte mich daran, wann ich mich besonders wertgeschätzt oder ihm verbunden gefühlt hatte. Und wie oft er nach einem stressigen Tag für mich da war. Psychologen nennen dieses Reflektieren übrigens „relational savouring“, also „Beziehungsgenuss“. Mir war bis zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich klar, wie viel mir unsere Beziehung bedeutet und wie sehr ich auf meinen tollen Seelenpartner bauen kann.
Am Ende ist es doch so: Allein sein ist schon was Tolles. Sich wie ein Einsiedlerkrebs zuhause verkriechen und den ganzen Tag Filme schauen sowieso. Sich mit Chips und Gummibärchen vollstopfen – das Paradies! Aber das alles ist nichts gegen die Gedanken, die man zwischendurch verspürt und das Gefühl, das sich langsam, ganz warm vom Herzen her ausbreitet… nämlich die Wiedersehensfreude auf den Menschen, der dir die Pizza aus dem Ofen holt und sich zu dir gesellt.

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