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Grüne Tomaten schlafen wütend

Wer’s glaubt, wird selig

Mit dem Glauben ist das so eine Sache. Eine Religion verspricht gesunden Geist und Körper durch Beten, eine andere durch Meditation und wieder eine andere durch Zahlen von Kirchensteuern. Stärker als jeder Glaube an Religionen ist jedoch derjenige, der uns vierblättrige Kleeblätter suchen und an Freitagen, die auf einen 13. fallen, am liebsten im Bett bleiben lässt: der Aberglaube. Während der Glaube Berge versetzt, schafft es der Aberglaube, ganze Welten aus ihren Angeln zu heben…

Längst haben sich Internet und Shoppingkanäle der Abergläubigkeit vieler Menschen angenommen und bieten Gesundheit für Körper und Geist auf Bestellung zum Sparpreis. Was einmal mit linksdrehenden Joghurtkulturen begann, die zur Balance von Körper und Geist, vor allem aber des Darms beitragen sollten, hat sich zu Körperessenzen mit Einhornstaub, am Erdmagnetfeld ausgerichteten Kräuterbadematten und Hausschuhen für das individuelle Sternzeichen weiter entwickelt. Kaum zu glauben, an was man mittlerweile glauben kann, soll oder sogar muss…

Jeder kennt Menschen, die an Wünschelruten, Edelsteinkräfte und heilende Tänze glauben. Ich selbst bin da skeptisch, da ich mir nicht vorstellen kann, dass es mir bei einer Grippe besser geht, wenn ich mir einen Amethyst unters Kopfkissen lege oder Feng Shui hilft, wenn ich mir mit dem Hammer auf den Daumen geschlagen habe. Auch wenn die Schulmedizin den Placebo-Effekt kennt, der beweist, was Vorstellungskraft allein bewirken kann, vertraue ich bei Krankheit lieber bunten Pillen forschender Pharmaunternehmen als Wadenwickeln aus Herbstlaub. Placebo ist für mich etwas fürs CD-Regal…

Das sehen Frauen Ü30 oft anders. Ob Migräne, Sonnenbrand, Verhütung oder Fuß im Rasenmäher, sie vertrauen der Wirkung von Globuli, kleinen weißen Kügelchen, die als homöopathisches Universalheilmittel im Trend liegen. Bei jeder Gelegenheit zücken sie ihr Mäppchen mit den zwei Dutzend Röhrchen, in denen stecknadelkopfgroße Streukügelchen auf ihren Einsatz zur Rettung der Welt warten. Hat eine Frau Bauchschmerzen, möchte aber Sex, helfen Globuli! Hat eine Frau keine Lust auf Sex, aber auch keine Bauchschmerzen, helfen Globuli ebenso…

Egal welche Beschwerde, es gibt das passende Zuckerperlchen zur Behandlung. Ob Depressionen, Haarspliss oder nervende Schwiegereltern, mit Globuli alles kein Problem! Die Dosierung ist einfach: Einfach fünf Kügelchen auf der Zunge zergehen lassen. Gerne auch ein paar mehr oder weniger, ganz nach eigenem Glauben. Das erspart lästiges Lesen von Packungsbeilagen und Tierversuche. Schließlich ist die Wirkung von Zucker auf den Menschen durch Verabreichen von Bonbon-Halsketten an Probanden im Alter zwischen 5 und 15 an Kindergeburtstagen hinlänglich erprobt…

Mit Homöopathie hatte ich nie etwas zu tun, schließlich wurde ich anständig und katholisch erzogen. Da wandte man sich bei Schmerzen allenfalls an den lieben Gott oder den Heiligen Aspirin von Bayer. Globuli waren mir daher lange unbekannt. Zunächst hielt ich das Wort für die Pluralform von Globus nach neuer Rechtschreibung. Für mich bleibt schwer vorstellbar, dass Lutschbonbons, die nicht einmal frischen Atem machen, wirkungsvoller sein sollen als Mittel, die an Generationen von Ratten getestet wurden. Erlaubt ist jedoch das, was hilft. Und helfen tut das, an was man glaubt…

Schlafstörungen? Einfach ein paar Globuli und eine Flasche Whiskey. Schon schläft man tief und fest! Pickel? Angst vor Gewittern? Kein Zucker für den Kaffee? Kein Problem dank der weißen Kügelchen! Im Nu ist das Leben wieder süß! Auch bei Kindern sind Globuli einsetzbar. Mädchen können sich so frühzeitig daran gewöhnen, wie wichtig die richtige Pille zur richtigen Zeit ist. Wer überzeugt ist, dass Süßstoff Krebs heilt und den Hunger in der Welt gleich mit, soll sich am Ende nur nicht beschweren, wenn er sich schon vor seinem Vierzigsten die Radieschen von unten betrachtet…

Belladonna, Bellis Perennis, Hamamelis Virginiana, was klingt wie Namen von Hauptdarstellerinnen aus Erwachsenenfilmen sind Globuliarten. Rhus Toxicodendron hört sich für ein Allheilmittel einfach besser an als Giftefeu. Globuli mit Arnica sollen Linderung bei blauen Flecken verschaffen und dürften damit genau richtig nach häuslicher Gewalt sein, wenn Sohnemann mal wieder die Treppe herunter gefallen wurde. Globuli mit Gänseblümchen helfen bei Hämatomen, was Frauen bestätigen können, die erst von ihrem Freund verprügelt wurden und dann zur Versöhnung Blumen bekamen…

Früher hätte man Homöopathen als Hexen und Zauberer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Der einzige Haufen, den man für sie noch auftürmt, ist aus Geld. Menschen investieren Vermögen in Globuli, Bachblüten und Schüssler-Salze in der Hoffnung, durch die gesünder sterben zu können. Das homöopathische Wirkungsprinzip dabei: Ähnliches mit Ähnlichem heilen. Gegen Orangenhaut wären demnach Globuli auf Zitrusbasis richtig, gegen Übergewicht solche aus Fett. Gleiches mit Gleichem bekämpfen? Hilft gegen Bienenstich dann nur Bienenstich? Wenn ja, dann mit oder ohne Sahne…?

Wie auch immer, ich werfe lieber Grippemittel mit möglichst langen Wirkstoffnamen ein als zu hoffen, dass Bonbons nicht nur für Karies, sondern auch für Linderung sorgen. Wenn Globuli, die fast nur aus Rohrzucker bestehen, wirklich gegen Kopfschmerzen helfen würden, warum habe ich dann nach fünf Caipirinhas tags darauf einen dicken Schädel? Antworten an: gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Warum sollten gerade Globuli mit Extrakten aus Gänseblümchen bei einem blauen Auge helfen? Wären solche mit Extrakten aus Veilchen dafür nicht besser geeignet?

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