• Termine News und Wissenswertes aus Saarbrücken, dem Saarland und der Welt:
Titelstory

WG 2.0

Wir rechneten mit Leergutbergen und ewigen Streit ums Badputzen. Aber bei unserem Abstecher in saarländische WGs sind wir stattdessen auf eine waschechte Miss Saarland, Maggi-Toast und ein begehbares Kleiderklo gestoßen. Ist die gute, alte Wohnkommune tatsächlich im 21. Jahrhundert angekommen?

Lebensgemeinschaften in Privathaushalten gab es bereits im 19. Jahrhundert. Das belegen die Romane von Arthur Conan Doyles, der den Beginn der Freundschaft zwischen Sherlock Holmes und Dr. Watson in der Zweck-WG beschreibt. Die WG aber, wie wir sie kennen, hat sich erst in den 60er Jahren vor allem unter Studenten entwickelt. In den letzten Jahren war sogar eine Zunahme der Anzahl von Menschen, die in Wohngemeinschaften leben, zu erkennen. Nach Erhebungen des Deutschen Studentenwerks leben heute etwa 20 Prozent aller Studierenden in Wohngemeinschaften. Damit lebten im vergangenen Jahr 4,92 Millionen Personen in Deutschland in einer WG. Wie es dort aussieht? Schaut selbst…

Maggitoast für Feinschmecker

Unsere erste Stippvisite führt in eine WG sehr zeitgemäßer Ausprägung im Nauwieser Viertel. Louis Thiel (19) und Noyan Müller (22) hat nicht die wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern der Wunsch nach Selbstständigkeit in ihre Drei-Zimmer-Wohnung im Hochparterre geführt. Die Beiden kennen sich von Kindesbeinen an und während Louis zur Zeit im Abitur-Stress ist, arbeitet Noyan bereits Vollzeit im elterlichen Autohaus. Die Entstehungsgeschichte der WG fasst Noyan zusammen: „Die Wohnung hatte mein Vater eigentlich für mich und meine Schwester vorgesehen. Meine Schwester wollte dann aber doch lieber ihre Ruhe. Jedenfalls ist sie nicht mit eingezogen. Als Louis dann zu Hause auszog, hatte ich ein Zimmer frei…“ Und wie sind Louis Erfahrungen als Neu-WGler? „Das Leben ist schon lockerer als daheim. Hier stört es niemand, wenn ein paar Sachen rumliegen. Trotzdem ist es so, dass ich tatsächlich mehr für die Schule mache und öfter lerne.“ Probleme im WG-Leben gibt es nicht, wenn da nicht eine Sache wäre: „Montage sind oft ein bisschen problematisch“, gesteht Noyan, „weil wir am Wochenende eigentlich immer ein paar Leute hier haben und dann halt viel Geschirr, Gläser und Flaschen rumstehen. Dann ist Putzen angesagt.“ Der Putztag scheint seinen Zweck zu erfüllen. Denn mit klassischen WG-Klischees hinsichtlich Einrichtung und Sauberkeit hat diese Wohngemeinschaft nichts gemein. Alles sehr gradlinig, clean und modern eingerichtet und kein Putzstau in Sicht. Nur kulinarisch ist hier noch viel Luft nach oben, wie der frisch zubereitete Maggi-Toast erkennen lässt. Gleichwohl scheinen die WG-Uhren hier anders als früher zu gehen. Denn während man früher allenfalls seine dreckige Wäsche nach Hause brachte, lässt man hier die das schmutzige Geschirr in der elterlichen Spülmaschine reinigen. Das ist wohl WG 2.0 in Reinkultur.

Das unglaubliche begehbare Kleiderklo

Von der zweckbetonten Männer-WG geht es in ein nicht minder zeitgemäßes Zuhause, das allerdings schon auf den ersten Blick die kreative Verbindung der Bewohner verrät. Wir treffen Fotograf Benny Dutka (21) und Studentin Naima Gehring (25) im vierten Stock eines Gründerzeithauses im Quartier Mainzer Straße. Benny hatte bisher nur alleine gelebt. Naima hat schon WG-Erfahrung mit ihrer besten Freundin. Sie sieht die Vorzüge für sich ganz klar: „Eine WG ist einfach witziger! Man kann allein sein wenn man will, aber es ist auch jemand da, wenn man abends Zeit zusammen verbringen will, was zusammen kochen, essen oder ein Glas Wein trinken möchte – oder zwei.“ Bennys Weg in die WG war pragmatischer: „Ich hab‘ vorher alleine gelebt, war aber super unzufrieden mit meiner alten Wohnung, zu klein, zu dreckig, einfach furchtbar. Dann habe ich Naima kennen gelernt, am 27. oder 28. Juli letzten Jahres – und bin am ersten August eingezogen. Ich hatte mich direkt in die Wohnung verliebt, als ich Naima hier das erste Mal besucht hab‘. Als sie mir dann erzählte, dass sie nach dem Auszug ihres Ex-Freundes einen neuen Mitbewohner sucht, habe ich meine Wohnung direkt online gestellt und alles mit meinem Vermieter geklärt – drei Tage später war ich hier!“. Tatsächlich stellte sich schnell heraus, dass der stadtbekannte Fotograf und die erfolgreiche Instagrammerin sich auch in ihrer beruflichen Kreativiät ergänzen, was gerne auch mal zu spontanen Shootings führt. Nach mehr als einem halben Jahr WG-Erfahrung, zieht er ein erstes Resümée: „Irgendwie ist es schon ziemlich cool, auch wenn es anfangs recht durchwachsen war. Man muss eben immer Kompromisse finden.“ Einer dieser Kompromisse ist das vollkommen abgefahrene, begehbare Kleiderklo. Was die Beiden da aus einem Gäste-WC mit vielleicht fünf Quadratmeter gezaubert haben, wäre in Old-School WGs schlichtweg nicht vorstellbar. Genauso wenig wie der lebensgroße Naima-Pappaufsteller, der die Schärpen aus ihrer Zeit als Miss Saarland trägt. Ein weiterer Unterschied zu den Kommunen der letzten Jahrzehnte ist der Umstand, dass die Zwei ihre WG-Zeit als klar definierte Übergangszeit bis zum Erwerb eigener Immobilien sehen. Die Wohnung würden sie aber dennoch als Innenstadt-Büro behalten wollen. Willkommen im 21. Jahrhundert.

Mr. Spock und die Körperteilverlängerung

Die herrlichen Wohngemeinschaften vom alten Schlag gibt es aber auch heute noch und zwar im Mühlenviertel in Saarbrücken. Dort findet sich ein ganzes Haus voller WGs, die einer Zeitreise entsprungen scheinen. Die Wohngemeinschaft im zweiten Stock entstand weit zurück im letzten Jahrhundert und hat heute streng genommen vier Bewohner, von denen einer durch Abwesenheit glänzte, weil er in Manchester gerade ein Jahr lang Arts Management bei Annie Lennox studiert. Der Mann wird temporär ersetzt durch Armin Roik (19), den es im Rahmen seines Studiums der deutsch -französischen Betriebswirtschaftslehre im letztem Oktober von Köln nach Saarbrücken in seine erste WG verschlug. Auch für Hanna Sprengel (29), die an der HBK freie Kunst studiert, ist dies hier die erste Wohngemeinschaft. Sozusagen dienstältester Bewohner ist Volker Schütz (49), der hier seit fast 21 Jahren lebt. Er ist im Hauptberuf Körperteilverlängerer, Pilzfälscher und Aktfotograf, sprich Künstler durch und durch und wohl zu einem guten Teil für das schier überbordende Sammelsurium in der ganzen Wohnung verantwortlich. Sein Zimmer jedenfalls, lässt sich nicht mehr einfach so betreten, da muss man über hüfthohe Stapel in der Tür springen. Ganz ohne künstlerische Ader geht es jedoch auch bei Armin nicht: „Bei mir geht’s es mehr in den kulturellen Zweig rein. BWL hört sich zwar immer so nach harten Zahlen, Daten, Fakten an, aber bei meinem Studiengang ist das Schöne, dass er halt auch deutsch-französisch interkulturell ausgerichtet ist.“ Also doch eine richtige Künstler-WG. Wie kam Volker einstmals in diese Wohnung? „Das war nie so geplant und stellenweise fast schon skurril. Als hier damals ein Zimmer frei wurde, bin ich eigentlich nur eingezogen, weil ich mir von hier aus was Besseres suchen wollte. Dann verging ein halbes Jahr wie im Flug, dann ein Jahr, ein Jahrzehnt und jetzt sind es plötzlich 20 Jahre WG-Leben. Wir sind eben eine sehr langlebige WG, was wohl daran liegt, dass wir hier nicht so typische Vertreter unserer Altersgruppen sind.“ Hanna, die vor knapp vier Jahren dazu kam, ergänzt: „Klar haben wir mal Zoff, aber der richtet sich dann meist nach künstlerischen Positionen bei Volker und mir, weil wir mitunter unterschiedliche Ansätze haben, was das Ganze aber auch wieder bereichert. Die klassischen WG-Probleme finden hier praktisch nicht statt.“ Armin hat schnell erkannt: „WG steht und fällt natürlich mit den Leuten. Von meinen Kommilitonen höre ich oft, dass da der Haussegen komplett schief hängt, weil das halt eher reine Zweck-WGs sind.“ Dagegen findet sich hier allerlei ohne Zweck, wie ein Fernseher mit offiziellem Spitznamen und drehbarer Bildröhre oder die einzige Videokamera der Welt, die ganz normale Musik-Cassetten als Speichermedium nutzt. Auch ganz weit vorne in der Skurrilitäten-Liste ist der Mr. Spock Pappaufsteller in der Ecke hinterm Klo, der vorrangig dazu dient, Myriaden von leeren Klopapierrollen eine Heimstatt zu bieten. Solcherlei Kleinode gibt es in den hippen und stromlinienförmigen Wohngemeinschaft der Jetztzeit nicht. Volker hat auch eine sehr plausible Erklärung dafür: „Die meisten jungen Leute haben es heute auch schwerer, weil die meisten Studiengänge so ganz starr in Kastenrahmen gedrängt und verschult sind. Die haben zwangsweise gelernt immer auf den Punkt zu kommen. Und dabei geht halt viel verloren!“

Und die Moral von der WG?

Natürlich waren das nur Stichproben und es gibt sicher auch im Saarland viele Wohngemeinschaften, wo alles wieder ganz anders ist. Trotzdem ist eines klar geworden: die WG hat sich verändert, eher klein statt groß, meist nur zwei Bewohner – oft Freunde und Freundinnen, die zusammenfinden. Und sie sehen auch ganz anders aus. Der Charme der Regale aus Obststeigen ist endgültig vorüber. Auch das ewige Gezanke ums Badputzen oder Geschirrspülen gibt es nicht mehr. In der WG 2.0 wird noch nicht mal um W-LAN Bandbreiten gestritten.
Schade ist am Ende nur, dass wir keine Best-Ager-WG gefunden haben, die bereit war, zu berichten, wie es sich anfühlt, sich als Rentner zum ersten Mal eine Wohnung teilen zu müssen, weil man sich auf einmal die eigenen vier Wände nicht mehr leisten kann. Statistisch gesehen ist dies der Bereich mit dem größten Wachstumsraten, was das Neuentstehen von WGs betrifft. Das ist dann auch eine Form der WG 2.0, die sich die Hippies der Sechziger in den ersten Kommunen nicht hätten träumen lassen.

Previous ArticleNext Article