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Mel´s Mikrokosmos

Wilde Jahre

Hallo Mikrokosmonauten: Wie war euer Leben bisher so?

Im Grunde hab ich ja immer viel Zeit zum Nachdenken. Beim Autofahren, im Bett, manchmal auf der Arbeit. Ich denke dann oft darüber nach, was aus mir alles hätte werden können und in meiner Fantasie sehe ich Harry Wijnvoord in einem Fernseh-Studio in seinem Polyester-Jackett vor mir, wie er nach und nach verschiedene Tore öffnet und sagt: „Das wäre Ihr Preis gewesen!“. Hinter jedem Tor bin ich in verschiedenen Phasen meines Lebens zu sehen. Tor 1: Ich als TV-Star, gefeiert wie die Katzenberger! Tor 2: Ich Seite an Seite mit Star-DJ „Hast du nicht gesehen“ vor der Küste Ibizas im Flatterkleidchen und Hippie-Friese. Tor 3: Ich als Erfolgsautorin mit Hund im schicken Cabrio unterwegs als Schirmherrin zum Charity-Event! Irgendwann erwache ich dann aus dem Gedankenkarussel und finde mich wieder zwischen zwei Wühltischen mit „halber Preis“-Unterwäsche. Und mich fragend umschauend nach der versteckten Kamera. Denn die vermutete ich schon häufiger angesichts der größeren und kleineren Fettnäpfchen, in die ich in meinem bisherigen Leben getreten bin. Bis es mir dämmert, dass ich zwar immer hoch hinaus wollte, aber im Grunde nie etwas so richtig gut konnte. Aber Moment mal: Bevor ich mir jetzt wieder meinen eigenen Shitstorm beschere, sollte ich mich tatsächlich fragen:

„Bin ich wirklich so ein Loser?“

Angefangen hat alles in meiner späten Jugend. Ich wollte auf einmal etwas ganz anderes machen, als all die anderen in meinem Alter. Ich wollte ins Fernsehen. Oder zumindest ins Radio. Oder zur Presse. Ich kam dann auch ins Fernsehen. Als „Saar-Mädchen des Monats“ eines regionalen Fernsehsenders. Die fanden mich dann gut genug, um mich als Wetterfee vorzuschlagen. Es blieb bei Probeaufnahmen. Funktionierte nicht so, wie alle dachten. Und besonders nicht, wie ich dachte. Freisprechen vor einer Kamera, wo der einzige Anhaltspunkt ein blinkendes rotes Licht ist, ist schwieriger als gedacht. Die Wahl fiel dann auf eine andere Blondine, die einfach besser war. Na ja, zumindest durfte ich dann noch zur „Saar-Mädchen des Jahres“-Wahl antreten. Das cancelte ich dann allerdings kurzfristig, nachdem mir keine der ausgewählten Abend-Kleider so recht passen wollte. Ich war schlichtweg „zu fett“ für die Bühne. Und das mit Größe 38. Nebenbei lud ich mich immer mal wieder selbst in die Backstage und VIP-Bereiche diverser Veranstaltungen ein: Große Konzerte, Techno-Partys, Society-Events. Das brachte mir zumindest ein paar Einladungen für weitere Events ein. Und einmal auch eine zu einer Talkshow, in der man allerdings lediglich das „Partygirl des Jahres“ suchte. Immerhin wurde ich Dritte. Kaufen konnte ich mir davon nix. Ich schummelte mich weiter in die VIP-Bereiche der Clubs und reiste mit diversen DJs durch Europa. Hier Schweiz, da Ibiza. Berg und Tal in einem Sommer. Manchmal schlief ich einfach mit einer Flasche Champagner neben dem DJ-Pult ein, statt mit dem DJ, denn die schlafen eh nie. Manchmal aber genoss ich einfach nur magische Sonnenaufgänge. Es war eine coole Zeit. Es folgten noch weitere ausschweifende Jahre. Aber eines ließ in der ganzen Zeit immer auf sich warten: Der große Erfolg und damit die große Kohle.

Es gab immer welche, die besser waren.

In meinen Zwanzigern wollte ich immer nur eines: Bloß nicht durchschnittlich sein. Aber heute, Jahre später, weiß ich: Ich war leider genau das! Durchschnittlich. Ich war nichts Besonderes, auch wenn meine ausschweifenden Erlebnisse mir etwas anderes vorgaukelten. Ich war nie besonders schön oder besonders schlau. Ich hatte auch keine besonderen Talente, wenngleich ich bestimmt gut knutschen konnte. Und ja, witzig war ich vielleicht auch. Und ach ja, ich war bestimmt nie langweilig. Ich konnte jemandem einen Knopf an die Backe quatschen, ohne, dass derjenige sich langweilte. Aber ich war eben weder Topmodel noch Superbrain.

 

Während andere meines Alters nach und nach heirateten und Nachwuchs bekamen, tobte ich mich weiterhin in der Welt aus, lief nackt über Hotelflure und tanzte Limbo in der Karibik. An ein Ende dieses wilden Lebens dachte ich kaum. Ich wusste, dass alternde Partygirls nicht süß sind, aber alt fühlte ich mich in den ganzen Jahren nie. Bis zu einem gewissen Morgen, als ich aus dem Club kam, in den Spiegel schaute und  zum ersten Mal sah, dass ich rein optisch nicht mehr ganz so auf der Höhe war. Da nutzte auch der beste Highlighter nichts mehr. Die Augenringe waren einfach da und erinnerten mich daran, mich endlich mal wieder auszuschlafen. Und wenn man merkt, dass all die Jahre zwar unbeschreiblich toll waren, aber das alles unterm Strich ein Nullsummenspiel ist, realisiert man, dass jetzt die Zeit gekommen ist, um auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren. Ich glaube, Psychologen nennen das „den Durchbruch“. Ich wurde also in ziemlich kurzer Zeit ziemlich normal. Und wusste, dass das okay ist.

Damals und Heute

In meiner wilden Zeit lernte ich jemanden kennen, der über all die Jahre immer ein Freund war. Auch wenn Freundschaften für mich eigentlich nie eine große Rolle gespielt haben. Ich bin nicht so gut darin, Freundschaften zu pflegen. Vielleicht, weil ich mit mir selbst immer genug zu tun hatte. Aber dieser Freund ist – oh Wunder – heute immer noch in meinem Leben und das heißt, dass er etwas Besonderes sein muss, denn die wenigsten besitzen die Konsequenz, den Kontakt mit jemandem zu halten, von dem unbeabsichtigt nur wenig zurück kommt. Na ja, dieser Jemand hat mir jedenfalls mal gesagt, dass ich ihm damals in diesem dunklen Club aufgefallen war, weil es so wirkte, als würde mich ein helles Licht anstrahlen inmitten gesichtsloser Menschen. Und dass er keine andere Wahl gehabt hat, als mich einfach kennenzulernen. Natürlich hört sich das jetzt total pathetisch an, aber im Grunde lässt es mich innehalten. Und ich frage mich: „Was, wenn ich doch kein Loser bin? Oder zumindest ein Loser mit Ausstrahlung?“. Denn eigentlich ist mein Leben heute gar nicht mal so schlecht. Und es gibt sogar ein paar Menschen, für die ich durchaus etwas Besonderes bin. Und da draußen, das fühle ich, gibt es welche, die sich an mich erinnern, weil sie mit mir einst besondere Erlebnisse teilten. Schon alleine deswegen kann ich keine allzu große Versagerin sein.

Im Herzen wild

Wir alle hatten doch diese wilden Jahre. Hier und da rissen sie Lücken in unsere beruflichen Lebensläufe, kosteten uns einige Gehirnzellen und beraubten uns unserer Moral. Wir wussten nie, ob wir auf dem richtigen Weg waren, aber es war uns auch egal. Und wenn wir uns heute manchmal fragen, ob es das alles wert war, sollten wir tief durchatmen und „Ja!“ rufen. Ich für meinen Teil habe mich inzwischen damit abgefunden, dass es weder Tor 1, 2 oder 3 geworden ist. Klar hätte ich mehr reißen können im Leben. Aber ganz ehrlich: Wäre ich dann wirklich glücklicher? Ich weiß  es nicht, aber irgendwann sollte man sich hinsetzen und sich sagen: „Es ist okay.“

Es ist doch so: Wie es ist, kann es bleiben. Ich mag außerdem Wühltische. Sie sind so unkonventionell. Ohne System. Chaotisch. Wild. So wie ich eben.

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