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Titelstory

#wirsindbunt

Ein Saarbrücker Verein hilft Jugendlichen mit künstlerischen und kulturellen Mittel ohne sich dabei um Herkunft, Hautfarbe oder Religion zu kümmern. Hier wird Integration und Inklusion wirklich gelebt.

Die 2. Chance Saarland e.V. ist nicht zuletzt wegen der vielen tollen und publikumswirksamen Tanz- und Musikprojekte bekannt. Die Musicals „Heimat“ in der Congresshalle und „Was geht ab“ in der Feuerwache, das „Begegnung ohne Barrieren“ Open-Air auf dem Tblisser Platz, das „Unplugged“ Konzert in der Garage oder die „Dance Explosion“ in der Saarlandhalle sind nur ein paar Beispiele für den enormen Output des Vereins.

Der seit 2008 gemeinnützige Kulturverein und öffentlich anerkannter Träger der freien Jugendhilfe fördert sozial benachteiligte Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund, mit besonderen Integrationshemmnissen und junge Menschen mit Behinderung im kulturellen und kreativen Bereich. Der Verein ist aber auch für die Jugendlichen da, wenn es um beispielsweise um schulische Probleme und Praktika geht oder organisiert Nachhilfeunterricht, Familienbetreuung und Hilfe bei der Wohnungssuche oder dem Umgang mit unserer Bürokratie. Und natürlich ist aus der direkten Nachbarschaft zum Jugendzentrum Försterstraße längst eine Kooperation entstanden, dessen Räume zum Beispiel für Tanzprojekte genutzt werden können.

Saeid M. Teimorui ist von Anfang an dabei. Kein Wunder, denn er ist auch der Initiator und Ideengeber des Ganzen. Schon seine eigene Geschichte zeigt ein Stück weit, wie segensreich zweite Chancen und die Fähigkeit eingeschlagene Wege zu hinterfragen sein können. Denn aus ihm ist weder ein bekannter Fußballer oder Kampfsportler noch ein Wirtschaftstycoon in den USA geworden, obwohl ihn diese Gedanken im Alter von 21 Jahren nach Deutschland gebracht haben. Was aber bewegte ihn zum Umdenken und machte ihn schließlich zum hauptamtlichen Vereinsheimer? Die Geschichte des Vereins ist auch seine Geschichte.

Natürlich ist das Fernsehen schuld

2003 sitzt Saeid vor dem Fernseher und sieht einen Pianisten, der im Gefängnis gemeinsam mit jungen Insassen musiziert und komponiert und sogar versucht, mit diesen Inhaftierten eine musikalische Revue auf die Bühne zu bringen. „Es hat mich einfach berührt, wie Kunst, Musik und Schauspiel diese Jugendlichen verändert haben und ihnen die Perspektive gab, ihre kriminelle Welt hinter sich zu lassen. Das war für mich wie eine Initialzündung und ich hab‘ mir gedacht: Wow, so was können wir auch hier machen. Ich hatte in den Jahren zuvor sowieso schon ein Netzwerk aufgebaut, Tänzer, Musiker, Sänger und hab‘ denen gesagt: lasst uns sowas im Saarland an den Start bringen.“

Eigentlich sollte Saarbrücken für Saeid nur eine Zwischenstation auf dem Weg in die USA sein. „Ich kam nach Deutschland als Fußballspieler und Kampfsportler und hab‘ dann aber meine Leidenschaft hier gefunden. Für mich war auf einmal klar: ich will Tänzer werden, ich will auf die Bühne gehen! Ich hatte meine Begeisterung für Freestyle, Breakdance und so gefunden, was halt auch in den Neunzigern sehr in war. Dadurch bin ich mit vielen jungen Menschen in Berührung gekommen, die wirklich auf der Straße gelebt haben, weil sie fürs Tanzen viele Hindernisse in Kauf genommen haben, weil zum Beispiel ihr Familien nicht einverstanden waren und die sich so ganz alleine durchs Leben boxen mussten. 2007 habe ich dann ein paar Freunde mit ins Boot genommen und ein Konzept erstellt, um mit Jugendlichen, die dabei waren auf die schiefe Bahn zu geraten, ein Musical zu machen. Das habe ich dann im Justizministerium vorgestellt – und die waren begeistert. Allerdings war es mir wichtig, das wir auch im Rahmen einer solchen Zusammenarbeit autonom bleiben sollten. Und der beste Weg dazu ist hier in Deutschland, einen Verein zu gründen. Am 01.01.2008 war es dann soweit und die 2. Chance wurde geründet – mit dem Grundgedanken, jungen Menschen zu helfen, ohne Wenn und Aber. Für uns war wichtig, den Prozess des Abrutschens in die Kriminalität anzuhalten. Das musste nicht sofort eine riesengroße Veränderung sein, aber wenigstens ein kurzer Moment sollte geschaffen werden, in dem die mal in Ruhe überlegen können, was da schief läuft in ihrem Leben und ihnen so die Gelegenheit zum Umdenken zu bieten – und damit eine zweite Chance. So war auch der Name des Vereins gefunden, der dann nur noch den erklärenden Zusatz „Akademie für Kultur und Integration“ bekam.“

In the Ghetto

„Wir haben dann im ganzen Saarland Leute für das Musical gecastet, dabei über 700 junge Talente aus sozialen Brennpunkten und Jugendzentren kennengelernt. Mit 60 von denen haben wir schließlich zwei Jahre lang zusammengearbeitet und dann endlich 2010 hatte unser Musical mit dem Titel „Was geht ab“ in der Feuerwache Premiere. Damit konnten wir richtig große Erfolge feiern, haben jede Menge Perspektiven geschaffen und vor allem gemerkt, wie viel Potential da drin steckt. Das Musical hat uns aber auch dazu gebracht unsere Ausrichtung zu überdenken, denn es waren ja nicht nur kriminelle Jugendliche, die unsere Hilfe brauchten. So haben wir dann unsere Tür ganz weit aufgemacht und gesagt, wir sind künftig für alle zwischen 15 und 25 Jahre da. Egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund oder kriminelle Geschichte, egal ob mit Behinderung oder ohne – egal wo die herkommen, egal welche Sprache sie sprechen, egal welche Religion sie haben. Das ergab dann so einen Boom, dass wir uns getraut haben, mit dem neuen Potenzial weitere Projekte wie „Unplugged“, unser Music-Casting, oder „Dance Explosion“ zu starten. Darunter auch ein ganz wunderbare Geschichte mit dem Namen „Lichter der Straße“, die jedes Jahr im Dezember vom Jugendzentrum Försterstraße realisiert wird. Da kochen wir für Obdachlose, sammeln warme Kleider und unsere Talente geben kostenlose Konzerte für die.“

„Nachdem wir dann das zweite Musical „Ich habe einen Traum“ präsentiert hatten, machten wir erstmal drei Jahre Pause und verlagerten unseren Fokus auf die Aktion Mensch und das Projekt Inklusion, mit dem wir dann auch dreimal in der Saarlandhalle waren. Uns war klargeworden, dass wir mit unserem Potential über die Grenzen gehen müssen. Im ersten Schritt haben wir in Partnerschaft mit einer Schule in Metz-Borny, einer Hochburg der Migration, ein Musical auf die Beine gestellt, das den Begriff Heimat thematisiert hat. Mit vierzig jungen Menschen von da und sechzig von uns aus Saarbrücken, konnten wir dann 2017 Premiere feiern. Wir würden uns wünschen, das auch im Saarland auf die Bühne zu bringen und sind dran mit dem Staatstheater ein Zeitfenster zu finden, um „Heimat“ auch in der Alten Feuerwache auf die Bühne zu zeigen.“

Da geht’s lang

„Bis jetzt waren wir alles in allem recht erfolgreich und für uns wäre schon viel erreicht , wenn wir in Zukunft genau so weitermachen könnten. Denn ohne arrogant klingen zu wollen, glaube ich schon, dass wir verdammt viel richtig gemacht haben. Wir sind nicht zu Unrecht stolz auf das, was wir erreicht haben. Zum Beispiel unserer wunderbares, professionelles Tonstudio, das unseren Jugendlichen kostenlos zur Verfügung steht und wo schon mehrere Singles und Alben entstanden sind.“ Natürlich sind uns auch manche Dinge entglitten oder einige Jugendliche nicht dort gelandet, wo wir sie gerne gesehen hätten. Aber es ist für uns auch immer wieder Bestätigung, dass wir heute noch in gutem Kontakt mit den ersten stehen, denen wir 2008 geholfen haben oder sogar noch mit denen zusammen arbeiten. Das zeigt uns unseren Weg auch in die Zukunft!“

Dass die 2. Chance jetzt ihren zehnten Geburtstag groß feiert, versteht sich von selbst. Bevor mit der Jubiläumsausgabe der „Dance Explosion“ Ende November in der Saarlandhalle die „normalen“ Projekte fortgeschrieben werden, präsentieren die Jugendlichen am 9. Oktober bei der großen Jubiläumsveranstaltung unter dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“ in der Garage eigene Songs, Tanz- und Schauspieldarbietungen und lassen auch die letzten zehn Jahre Revue passieren. Zu dieser riesen Party sind natürlich alle Menschen eingeladen, unabhängig von Herkunft, Subkultur, Religion, sexueller Orientierung oder Schuhgröße!

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