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Grüne Tomaten schlafen wütend

Wo ist mein Laubsauger?

Hin und wieder wird es im Leben Zeit für Veränderungen. Das kann eine neue Frisur, neue Klamotten oder auch eine neue Beziehung bedeuten. Bei Frauen bedeutet es meist alles das zusammen. Aber auch bei uns Männern sind gelegentliche Veränderungen für die Weiterentwicklung wichtig. Hätten unsere Vorfahren nie Neues gewagt, wir würden an romantischen Abenden zu zweit heutzutage wohl noch immer in den Himmel starrend im Bärenfell neben dem Feuer sitzen statt aufs Handy glotzend im Unterhemd neben dem Fernseher. Spätestens wenn man beim Stöbern in alten Fotos feststellt, dass man schon vor zehn Jahren mit dem gleichen Haarschnitt, der gleichen Badehose und der gleichen Freundin in Urlaub war, gilt es Mut für Neues zu fassen. Auch wenn das heißen sollte, im zarten Alter um die Vierzig das Kinderzimmer bei den Eltern gegen eine eigene Wohnung einzutauschen…

Mit Wohnungen ist es wie mit Beziehungen: Manchmal muss man sie wechseln, weil es am benötigten Freiraum fehlt. Sind beide neu, versucht man noch vor Freunden mit ihnen zu glänzen. Frauen saugen dann täglich und halten alles blank. Irgendwann kommt jedoch der Punkt, ab dem die Pflege von Wohnung und Beziehung auf das Notwendigste beschränkt wird und niemand mehr Lust hat, nachhause oder gar zuhause zu kommen. Es wird dann auch nicht mehr genagelt, da schon alles hängt. Das einzige, was noch leckt, ist der Wasserhahn. Die Bereitschaft, Ritzen sauber zu halten und Risse zu kitten, schwindet zunehmend. Gerüche werden nicht mehr mit Seife entfernt, sondern mit Sprays überdeckt. Irgendwie ist der Lack ab und der Ort für schmutzige Sachen längst nicht mehr das Schlafzimmer, sondern nur noch die Waschküche …

Ist es erst einmal so weit gekommen, muss etwas Neues her. Mit Wohnungen ist es das dann wie mit Klamotten: Man kommt ums Umziehen nicht herum. Was einem früher einmal gepasst und gefallen hat, wird mit der Zeit entweder zu eng oder gefällt vom Schnitt her nicht mehr. Kam man in der Steinzeit sein ganzes Leben mit einer Höhle und einem Fell aus, ist heutzutage hin und wieder einmal Tapetenwechsel angesagt. Ob nun Unterwäsche oder Wohnung, beide stellen ihre Besitzer irgendwann vor die Frage, ob man mit ihren unübersehbaren Gebrauchsspuren weiter leben möchte oder ob nicht doch etwas neues Frisches und vielleicht auch etwas Größeres besser wäre. Just vor dieser Entscheidung stand auch ich kürzlich wieder, woraufhin ich mich entschied, zunächst meine Boxershorts und wenig später auch meine Wohnung zu wechseln…

Nun lebe ich also in einem mehrstöckigen Mietshaus in Kastenform, das aussieht wie ein Weltkriegs-Bunker mit Fenstern, bei dem die Baupläne falsch herum gehalten wurden, so dass er in die Höhe statt in die Tiefe gebaut wurde. Ein Haus wie eine riesige 3D-Version eines Tetris-Spiels aus Beton. Eine architektonische Meisterleistung der 1970er, wie man sie heute nur noch in der Kindergarten-Bauecke entwirft. Selbst Häuser aus LEGO-Steinen wirken dagegen rund. Das Haus erinnert mich an meine erste Freundin: Von außen nicht übermäßig hübsch, dafür aber funktionell und recht billig. Der größte Vorteil eines solchen Wohnklotzes ist neben der Gewissheit, darin einen Atomkrieg überleben zu können, die Anonymität. Da kann man schon einmal zwei Wochen tot im Bett liegen, ohne dass es jemandem auffällt. Der Nachbar von nebenan kann davon ein Lied singen bzw. auch nicht mehr…

Was dem durchschnittlichen deutschen Mehrparteienhaus-Bewohner am wichtigsten ist, ist neben einem festen Parkplatz für sein Auto und keinen Ausländern, Hartz-IV-Empfängern oder gar Familien mit Kindern als Nachbarn, die Privatsphäre. Zumindest die eigene. Denn die der anderen nimmt man selbst nicht so ernst. Schließlich muss ein anständiger Mieter ja wissen, was wer wo im Haus so treibt und vor allem mit wem. Wie sollte man sonst eingreifen können, wenn der Sittenverfall droht und ein neuer Mieter Anstalten macht, in der Mittagsruhe zwischen 12 und 2 Milch aufzuschäumen oder gar zu husten. Mit zwanzig Mietparteien im Haus geht es zu wie in einem Bienenstock: Jeder geht emsig seiner Tätigkeit nach und versucht, keinem anderen in die Quere zu kommen. Das Ignorieren der Nachbarn im Treppenhaus ist dabei das „Guten Tag“ jedes anständigen Mieters…

Sollte jemand im Hausflur stürzen, kann er sich am nächsten Tag beim Bäcker um die Ecke über Details seines Unfalls informieren. Dass nach dem Sturz niemand zur Hilfe kommt, bedeutet ja nicht, dass es keiner durch den Türspion mitbekommen hat. Wenn wir Deutsche neben Fußball und Weltkriegen eins können, dann Spionieren. Dass es in Wohnblöcken an Zwischenmenschlichem mangelt, ist nachvollziehbar. Wer möchte schon freiwillig Kontakt zu Menschen, die man sich als Nachbarn nicht aussuchen konnte und die wissen, welche Unterwäsche man trägt, da diese im Gemeinschaftskeller auf der gleichen Wäscheleine trocknet? Auch wenn Schlüpfer gemeinsam abhängen, heißt das noch lange nicht, dass das auch ihre Besitzer müssen…

Ein großes Mietshaus ist wie ein Adventskalender, den man nicht öffnen darf. Zwei Dutzend Türchen, hinter denen sich Geheimnisse verbergen. Nichts ist spannender als Spekulationen über die Nachbarn und nichts langweiliger als die Wahrheit, wenn man doch einmal einen Blick durch deren Wohnungstür werfen kann und enttäuscht feststellen muss, dass sich dort weder eine Messi-Müllhalde, noch ein SM-Studio oder ein Drogenlabor verbirgt, sondern bloß eine Wohnung, die ähnlich spießig und langweilig eingerichtet ist wie die eigene. Was alle größeren Mietshäuser gemeinsam haben, sind außerdem die Arten von Menschen, die in ihnen leben…

Meist gibt es da den pensionierten Oberstudienrat, der überwacht, dass die Hausordnung eingehalten wird und sich die Zeit zurückwünscht, als man alle, die mit schmutzigen Schuhen durchs Treppenhaus laufen noch mit Peitschenhieben bestraften durfte. Oder die Tratschtante, die bei jeder Gelegenheit ihre Lebensgeschichte erzählt und über jeden im Haus Bescheid weiß. War ein Kind abends einmal etwas lauter, hört es sich in ihrem Bericht so an, als hätte eine Teenagerhorde bis zum frühen Morgen Stepptanz bei Techno-Musik geübt. Oft gibt es auch einen jungen Typen, der nur von Pizza zu leben scheint und ständig neue Frauen hat, die er gut hörbar vögelt oder ebenso gut hörbar prügelt. Nicht zu vergessen die Studentin in der teuren Maisonette-Wohnung, die sie selbst nicht finanzieren kann, so dass man munkelt, dass der ältere Herr, der sie besucht, nicht ihr Vater, sondern ihr Zuhälter ist…

Und da gibt es natürlich auch noch irgendwo im Souterrain den einen stillen Ausländer, der eigentlich gar kein Ausländer ist, da er Frank heißt und Deutscher ist. Er wird von den übrigen Mietern jedoch stets misstrauisch beäugt, da er dunklere Haut und Haare hat und auszusehen scheint, als könnte er Bomben bauen, obwohl er eigentlich Altenpfleger ist. Er lässt die Rentner von gegenüber, die dort seit Jahrzehnten wohnen, sich aber noch immer nicht damit abfinden können, nicht allein im Haus zu leben, nicht ruhig schlafen. Ihre Wohnungstür hat daher zwei Dutzend Schlösser und ist so massiv, dass sie einer Bombe des stillen Franks standhalten könnte, wenn der denn Bomben bauen und nicht Bettpfannen im Altenheim wechseln würde…

Und da sind schließlich auch noch solche Menschen wie ich. Zu mir ist jeder freundlich, da auch ich zu jedem freundlich bin. Oder aber weil ich keinen Hehl daraus mache, dass ich eine Schlagbohrmaschine, eine 500 Watt-Hifi-Anlage und holländische Holzschuhe besitze und weiß, wie man sonntagsmittags damit umgeht… Wo ist mein Laubsauger? gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

P.S. Auch wenn ein ausländischer Nachbar seine Wohnung stets erst nachmittags verlässt, bedeutet das nicht gleich, dass er ein Schläfer ist.

 

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