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Mel´s Mikrokosmos

Zehn Jahre später

Hallo Mikrokosmonauten: Erinnert ihr euch noch an 2009?

Bei Instagram läuft gerade die #10yearchallenge. Das heißt, man postet zwei nebeneinander positionierte Bilder von sich selbst: Ein aktuelles und eins von vor zehn Jahren. Die Challenge verfolgt keinen bestimmten Zweck, es soll lediglich Aufmerksamkeit erzeugen. Aber in einem selbst wirft es die Frage auf:

Habe ich mich verändert?

Zuerst einmal ist genau diese Frage an das eigene Aussehen gerichtet. Ist man dicker oder dünner? Stilsicherer? Ansprechender? Und darauf folgt dann der ganze Rest: Wie war das eigene Leben vor zehn Jahren? War es besser, schlechter, aufregender, langweiliger? Was hatte man damals für Träume und Wünsche? Und dann geht das Gedankenspiel in eine weitere Runde. Denn man überlegt, was sich zwischen diesen beiden Bildern alles abgespielt hat. Trennungen, Liebe, neue Jobs, Reisen. Man fragt sich, was man verloren hat und was dazukam. Alles in allem zeigt dieser neue Hype aber besonders eins: Wir schwelgen unheimlich gerne in Erinnerungen.  

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber wenn ich mich manchmal reden höre, wie ich selbstgefällig sage, dass ich ruhig geworden bin, weiß ich oft nicht, ob ich das noch so voller Selbstsicherheit sagen würde, wenn man mir die Möglichkeit gäbe, alles wieder zu erleben. Quasi in die Zeit zurückzureisen und gewisse Dinge einfach nochmal zu machen. Also wenn ich die Option hätte, wieder ins Jahr 2009 zurückzureisen, ich würde es wahrscheinlich tun. Die ganz spezielle #10yearchallenge sozusagen. Und urplötzlich ist er wieder da: Dieser unbändige Teil in mir, der tanzen will, statt im Geiste zum x-ten Mal alte Erinnerungen durchzuspielen. Und dann weiß ich plötzlich nicht mehr, ob ich tatsächlich ruhig geworden bin. Oder ob ich überhaupt jemals ruhig werden wollte. Und mehr noch: Dieses „ruhig geworden“ stört. Ich meine, sollen wir so werden? Ruhig? Also still? Haben wir die oberste Leitersprosse erreicht, wenn wir einfach nichts mehr zu sagen haben?

Offensichtlich, denn sonst würde dieser Satz „Ich bin ruhig geworden“ nicht diese totale Erhabenheit des Erwachsenen-Kosmos implizieren. Ruhig werden; Quasi der „Sir“ unter den Sätzen, die den Leuten begreiflich machen sollen, dass du für den Scheiß zu alt bist. Und dabei wollte man doch nie zu alt für irgendwas sein. Wenn man früher tanzen wollte, ging man tanzen. Wenn man trinken wollte, tat man es. Wenn man Sex haben wollte, suchte man ihn. Man fragte nicht nach dem Kater am Folgetag und man scherte sich nicht darum, dass man zuweilen ziemlich unehrenhaft war. Und heute, zehn Jahre später sitzen wir auf unseren „Who’s perfect“-Sofas und fragen uns, ob wir wirklich so perfekt sind? Oder ob wir einfach nur zu den Menschen geworden sind, die wir früher gehasst haben?

Loslassen, was wir waren

Ich habe in den letzten Wochen viel nachgedacht. Und bin zu dem Schluss gekommen, dass diese #10yearchallenge etwas sehr Gutes ist. Sie zeigt uns nicht nur, wie sehr wir uns in den letzten zehn Jahren verändert haben, sondern macht uns auch irgendwie stolz. Zum einen, weil wir zum Glück nicht mehr so leben wie 2009 (1-Zimmer-Apartment mit Küchenzeile im Flur) und zum anderen, weil wir fähig waren, loszulassen. Ich zum Beispiel habe mich von unzähligen Kleidungsstücken getrennt und von einigen Menschen. Ich habe es getan, weil es so sein musste und weil es okay für mich war. Und dann traf es mich wie ein Schlag, denn mir wurde plötzlich bewusst, dass ich mich ab einem gewissen Punkt auch von mir selbst getrennt hatte, um zu werden, was ich heute bin. Und ich bin keineswegs ruhig geworden, sondern habe mich lediglich von meinem alten Ich gelöst. Ich denke, es schwirrt irgendwo im Jahre 2009 rum und verlässt gerade einen Club. Leicht taumelnd, mit schmerzenden Füßen. Der klirrenden Kälte trotzend, weil der Alkohol von innen noch genug wärmt. Sich suchend umschaut nach dem vermeintlichen Ritter in der goldenen Rüstung, der in Wahrheit aber noch nie ritterlich war. Es greift nach seiner Hand, während der eisige Wind beide zum Taxi treibt.

Zehn Jahre später

Machen wir uns nichts vor: Wenn es in zehn Jahren wieder diese #10yearchallenge gäbe, würden wir doch wieder genauso dasitzen und uns die gleichen Fragen stellen. Und vielleicht auch wieder genauso grübeln wie jetzt. Und uns natürlich wieder in diese Zeit zurücksehnen. Zumindest bedingt. Es liegt in der Natur der Menschen, über alte, vermeintlich bessere Zeiten nachzudenken, die aber bei näherer Betrachtung doch nicht so toll waren, wie man sie in der Erinnerung gezeichnet hat. Und es wird immer etwas geben, über das wir froh und glücklich sind, dass es nicht mehr so ist. Dass wir weitergegangen sind, abgeschlossen haben oder uns neu orientierten. Ich glaube ja, wir sollten die Vergangenheit nicht allzu sehr romantisieren. Auch J.K. Rowling versuchte uns bereits im ersten Band von Harry Potter zu vermitteln, dass es nichts bringt, in der Vergangenheit zu leben: Harry verbrachte zu viel Zeit vor dem Spiegel Nehergeb, jagte dabei jedoch einem längst vergangenen Wunschtraum hinterher und ließ wertvolle Lebenszeit einfach verstreichen. Vielleicht ist es falsch, zurückzublicken, denn wir verlieren den Sinn für die Gegenwart. Das Hier und jetzt ist das Einzige, was zählt. Wenn wir das nicht einsehen, verpassen wir all die Möglichkeiten, die noch vor uns liegen. Wir müssen einfach das Beste aus unserer Lebenszeit rauszuholen und das geht nur im Hier und Jetzt.

Am Ende ist es doch so: Diese #10yearchallenge ist cool, aber sie hat auch gezeigt, wer wir sind und was wir geschafft haben. Und ich bin außerdem überzeugt davon, dass die Zeit nicht nur Wunden heilt, sondern auch einen miserablen Klamottengeschmack.

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