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Mel´s Mikrokosmos

Zeit  für Echt

Hallo Mikrokosmonauten: Lasst die Masken fallen! Manchmal.

In meinem bisherigen Leben hatte ich immer das Glück, auf viele interessante Menschen zu treffen. Liegt vielleicht daran, dass ich stets herausfinden möchte, wer sich hinter der Fassade verbirgt. Aber eigentlich schon seltsam, dass man überhaupt hinter eine Fassade blicken muss, um das wahre Gesicht eines Menschen kennenzulernen. Aber na ja, ist vielleicht so, weil man mit dem Leben immer konform gehen möchten. Oder weil wir Gefühle verdrängen, weil es vieles leichter macht. Oder aber weil wir zuweilen einfach unsichere Wesen sind, die sich hinter einer Maske viel wohler fühlen. Und ein jeder Mensch, der uns im Leben begegnet, ist ohnehin entweder ein Test, eine Strafe oder ein Geschenk. Dies gilt es wohl bei jeder Begegnung herauszufinden. Und trägt man dabei vorerst Maske, ist die Enttäuschung hinterher vielleicht nicht so groß. Latex wäre in diesem Zusammenhang aber eher suboptimal. Wie auch immer stelle ich mir aber die Frage:

 

„Wer bist du?“ Und: „Wer bin ich?“

Fast überall da draußen bekommen wir stets zu hören, dass man doch bitte so sein soll, wie man wirklich ist, denn so wie man ist, ist man toll. Angeblich. Egal, ob im Beruf oder im Privatleben: Authentizität soll gefälligst gelebt werden. Angeblich. Niemand steht auf diesen aufgesetzten Schmu! Angeblich. Aber wenn man dann so ist, wie man ist, ist genau das irgendwann der Grund dafür, dass man uns kritisiert oder sich gar von uns abwendet. Weil man so, wie man ist, offensichtlich doch nicht so toll ist. Tatsache! Denn dann ist man auf einmal zu ehrlich. Zu kompliziert. Und schlussendlich einfach zu schwierig für alle Beteiligten. Also war das Maskerade-Spielchen dann wohl doch besser, oder wie? Wir predigen alle etwas von Offenheit und Echtheit, aber bleiben im Grunde doch immer nur an der seichten Oberfläche. Übrigens eines meiner Lieblingsthemen: Oberflächlichkeit. Verfluchte Scheiße, ich sollte  Bücher darüber schreiben. Nichts stimuliert mich intellektuell mehr als Gespräche über Oberflächlichkeit oder über Tiefe.

 

Kennt heutzutage kaum noch jemand. Es sei denn, man starrt in die Tiefe seines noch halb vollen Weinglases. Oder halb leeren. Wie man es sieht. Ein jeder redet zwar von kernerschütternden Begegnungen, von Belang und Tragweite. Von Geradlinigkeit und Offenheit. Aber die wenigsten wagen sich auch nur in die Nähe dieser Dinge. Uargh, viel zu anstrengend! Das ist genauso, wie wenn man immer nur davon spricht, ein fernes Land zu bereisen, dies aber nie in die Tat umsetzt.

 

Switch on – Switch off

Da wir es offenbar perfektioniert haben, unseren eigenen Schalter des Scheins nach Belieben an- und auszuknipsen und uns aalglatt an alle Gegebenheiten des Lebens  und des Berufs anzupassen, nur, um immer möglichst gut dazustehen oder nicht anzuecken, fällt es anderen immer schwerer uns richtig einzuschätzen. Bereits in den achtziger Jahren stellten Psychologen die bis dahin gängige Lehrmeinung in Frage, eine möglichst realistische Wahrnehmung der Welt sei quasi unerlässlich für die geistige Gesundheit. Immer mehr Studien zeigten damals, dass gut angepasste, „normale“ Personen mit einer Reihe von sogenannten positiven Illusionen leben – die ihr Selbstbild in ein besseres Licht rücken, als es objektiv geboten wäre. Schlecht ist so etwas ja nicht, aber ist Illusionen nicht so etwas wie ein Nahrungsergänzungsmittel für die Seele?

 

Weg von der Illusion – zurück zum echten Leben!

Trugbilder, Selbsttäuschung, Fiktion: Mogelpackungen gibt es zwar überall, aber gelegentlich stellt man fest, dass sich dahinter auch etwas Echtes verbirgt, das eben nur noch selten zum Vorschein kommt. Zu hoch scheint die Gefahr, dass das süße Leben aus stumpfsinnigen Aktivitäten, unaufrichtigen Küssen, übertriebenen Status-Symbolen oder Erfolg im Job nun mal vorbei ist, wenn man die Maske gänzlich ablegt. Andererseits stellt sich mir aber auch gleichzeitig die Frage:

 

Gibt es eigentlich Teilzeit-Masken?

Denn bis zu einem gewissen Grad brauchen wir sie im Leben vielleicht doch, die verspielten Worte, die die kalte Wahrheit etwas aufhübschen. Oder das souveräne Lächeln, das den Chef glauben lässt, dass du doch nicht so ne hohle Nuss bist. Oder einfach den Charme, den man spielen lässt, damit es mit dem Vertrag klappt. So ein bisschen Maskerade kann nicht schaden, solange sie einem steht und man sie mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Aber ich bin ehrlich: Seit ich denken kann, lasse ich mich ungerne an etwas fesseln. Sei es an Tätigkeiten, die ich eigentlich nicht mag oder Dinge, die ich nicht brauche. Noch jedes Mal nahm ich reiß aus, sobald mein Herz mir keine eindeutige Botschaft vermittelte, dass es echt ist. Zuweilen lasse ich mich auf der Welle der Wahrheit treiben und sage sie jedem, der sie hören will oder zumindest verkraften kann. Es ist so ein bisschen wie Tourette. Und nochmal zurück zur Maske: Ich kann sie einfach nicht ständig tragen und will es auch nicht zumal ich finde, dass ich ohne jetzt auch nicht unbedingt ausschaue, wie Frankensteins Tochter. Es hält sich im Rahmen.

 

Am Ende ist es doch so: Der schöne Schein ist immer nur temporär interessant. Aber er hält uns in einem Käfig aus Eitelkeit, Oberflächlichkeit und zuweilen auch Gleichgültigkeit gefangen. Wer ausbrechen möchte, muss mutig und authentisch sein. Und vor allem stark genug. Viele schaffen es jedoch nicht, auszubrechen und bleiben ihr Leben lang nur Schauspieler, sind Gefangene ihres eigenen Egos und verbieten sich ihre eigene Freiheit. Und das ist wahrlich kein Luxus!

 

Doch eines ist gewiss: Die Mutigen unter uns, die echt sind, bleiben auch echt. Und finden ihresgleichen. Immer.

 

Bin ich ihnen nicht schon Maske genug? (Johann Wolfgang von Goethe)

 

 

 

 

 

 

 

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