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Mel´s Mikrokosmos

Zukunftsmusik

Hallo Mikrokosmonauten: Ist heute schon morgen?

Da wird es dieses Mädchen in der Zukunft geben, die alles dran setzt, in ihrer Bewertung in eine bessere Liga aufzusteigen. Denn in der Zukunft wird es ein System geben, das sämtliche Skills von dir unter die Lupe nehmen wird und du danach beurteilt wirst. Von deinen eigenen Arbeitskollegen, Freunden oder Fremden wohlgemerkt. Einer Kassiererin zum Beispiel, die dir lediglich die Waren übers Band zieht. Sie wird dich bewerten. In zwei Minuten. Wie nett und höflich du warst, wie du auf sie gewirkt hast und was du zur ihr gesagt hast. Passt ihr deine Nase nicht, kann sie dir nur 2 statt 5 Sterne geben und du wirst in der Beliebtheitsskala sofort runtergestuft. Wirklich alles, was du den lieben langen Tag da draußen machst, wird von anderen mit deren Smartphones bewertet. Ausrasten, Rumbrüllen oder arrogant sein, werden natürlich nicht geduldet und wenn du dir mal erlaubst, dich öffentlich volllaufen zu lassen, sei dir sicher, dass dich das von einer 4,5 auf eine 3 abstürzen lässt. Einmal dem Kollegen eine blöde Antwort gegeben, weil er dich nervt und peng gibt es von ihm nur einen Stern statt die höchste Anzahl 5 und deine Performance geht noch mehr in den Keller. Und schwuppdiwupp bist du nur noch eine 2,5 und alles unter 3 ist gesellschaftlicher Abschaum. Dieses Mädchen also wird alles tun, um mindestens eine 4,8 zu werden. Alles über 4 bekommt einen besseren Mietwagen, schönere Wohnungen und surft eben gesellschaftlich auf einer besseren Welle. Im Gegenzug kann dieses Mädchen natürlich auch jeden, mit dem sie in Kontakt tritt bewerten. Sie wird fast jedem natürlich nur 5 Sterne geben, schließlich möchte sie das gleiche ja zurück haben. Aber nicht jeder lässt sich nun mal bestechen. Kurz vor ihrem Triumph, über die 4,5 Sterne zu kommen, wird sie also von ihrer ehemaligen Freundin zu deren Hochzeit eingeladen. Mehr und mehr wird ihr allerdings bewusst, dass diese vermeintliche Freundin sie eigentlich nie wirklich gut behandelt hat und sie mehr oder weniger als Abfalleimer für ihre seelischen Abgründe ausgenutzt hat. Aber da die Hochzeit ein gesellschaftliches Highlight werden wird, sieht sie die Chance, sich selbst zu etablieren. Leider wird unser Zukunftsmädchen ab diesem Zeitpunkt von einer Pechsträhne heimgesucht.  Am Flughafen wird ihr Flug gestrichen, weshalb sie bei der Angestellten kurz die Fassung verliert. Als Retourkutsche bewertet die sie mit nur einem Stern. Alle anderen, die dem Wortgefecht gelauscht haben, tun es ihr gleich und ruckzuck fällt sie von einer 4,5 auf 4. Die Flughafenpolizei erteilt ihr darüber hinaus auch noch Strafpunkte, so dass jede Negativ-Bewertung doppelt zählt. Kurzum: Bis sie auf der Hochzeit ankommen wird, ist sie nur noch eine 2,3 und somit eine Schande für die Gesellschaft. Keiner der Gäste möchte etwas mit ihr zu tun haben und sie wird von der Feier verbannt. Ausnahmslos alle bewerten sie mit nur einem Stern, und dann ist ihr Sternekonto plötzlich auf 0. Man entzieht ihr das Smartphone und sie landet im Knast. Sie wird ab diesem Zeitpunkt eine Person sein, die am Ende der gesellschaftlichen Kette angelangt ist. Eine Ausgestoßene.  Eine tolle Geschichte, oder? Aber unser Zukunftsmädchen wirft in mir eine Frage auf:

„Wie weit ist die Zukunft eigentlich noch von uns entfernt?“

In unseren Smartphones befindet sich unser Leben. Manchmal fürchte ich sogar, es hört, was ich sage. Neulich habe ich auf die Nachbarskatze aufpassen müssen. „Wenn du willst, dass sie kommt, musst du nur ‚miumiu‘ rufen!“, riet mir die Nachbarin und ich machte das also auch so. Stellte mich auf die Treppe und rief „Miumiu“. Dass ich später am Abend plötzlich Werbebanner auf dem Smartphone hatte, die mir „Miu Miu-Sonnenbrillen“ schmackhaft machen wollten, kann kein Zufall sein. Deshalb glaube ich, dass es nicht ganz abwegig ist, wenn wir in Zukunft immer mehr Ernsthaftigkeit in diese Dinger legen und die virtuelle mit der realen Welt sozusagen verschwimmt. Eine Freundin hat mir neulich erzählt, sie hatte ihr fünftes Tinder Date in kürzester Zeit und hatte während des realen Treffens die ganze Zeit ein Zucken in der Hand. Sie erklärte mir, sie war im Geiste die ganze Zeit dabei, ihn wegzuwischen. So wie sie es bei Tinder immer macht, wen sie jemanden nicht gut findet. Was, wenn es das wirklich irgendwann gibt? Ein Wegwischen der Person, die dir gerade gegenübersitzt? Vielleicht sogar verpixeln oder blocken oder so? Wenn etwas virtuell geht, dann doch auch irgendwann im wahren Leben, oder?

Warum nicht irgendwann Grenzen überschreiten, sofern es die Technik zulässt?

Also mir gibt das ja alles zu denken. Diese ganze Transparenz, Unverbindlichkeit und Bewertung über Internet überträgt sich auf kurz oder lang ins real life. Wenn man heutzutage jemanden nicht mehr „sehen“ will, blockiert man ihn via Smartphone auf allen Kanälen. Für die Geblockten selbst ein unmissverständliches Zeichen, dass man bei dem anderen nicht mehr erwünscht ist. Wie erschreckend es doch ist, dass sich diese Eiszeit dann oft ins wirkliche Leben überträgt. Denn statt ein Gespräch Face to face zu suchen, ignoriert man sich gänzlich und findet sich eben mit den Gegebenheiten ab. Gäbe es technisch irgendwann die Möglichkeit, jemanden im echten Leben einfach unsichtbar zu machen,- wir würden es tun. Andererseits gäbe es dann vielleicht weniger Morde aus Rachegedanken. Schließlich drückt man einfach nur den Aus-Schalter und der Feind oder Ex-Freund ist geblockt und nicht mehr sichtbar.

Wie gut ist deine Performance?

Im Grunde bewerten wir aber auch schon heute. Zwar hängt unser Leben nicht unbedingt davon ab, aber dein Restaurant könnte eventuell pleite machen, wenn deine Bewertungen über Google scheiße sind. Ist ja auch leicht passiert. Einmal im Service getrödelt, die Pizza verbrannt oder die Preise aufgeschlagen und man kann sich als Gastronom warm einpacken. Ich persönlich probiere ja gerne Lokale aus, die mitunter schlecht bewertet werden. Einfach, um mich selbst davon zu überzeugen und vielleicht überrascht zu werden. Und so ist es doch auch bei allem. Wenn jemand bei Instagram nur ein paar hundert Follower hat, macht ihn das nicht gleich zu einer Persona non grata. Und nur, weil man bei Facebook nicht alle paar Monate ein neues Profilbild uploadet oder wirklich alles in seinen Stories teilt, heißt das, dass der Mensch selbst uninteressant ist. Im Ernst: Seit man alles und jeden bewerten kann, fühlt man sich schnell wie in einer Casting-Show. Mal sitzt man in der Jury, mal ist man der Performer. Und läuft etwas nicht so, wie man es erwartet hat, gibt man bei Google eben nur einen Stern. Moment mal: Da war doch was!

Am Ende ist es doch so: Wir können die Zukunft nicht aufhalten, aber ich hoffe, dass ich angesichts dieser düsteren Aussichten irgendwann nur noch ein sabbernder Lappen sein werde, der das alles nicht mehr mitbekommt. Neugierig bin ich trotzdem. Wenn so was technisch wirklich irgendwann möglich ist, sollte es auch irgendwann einen Weg geben, wie man all unsere Erinnerungen nach unserem Tod in eine Cloud speichert. Und dank dieser Cloud könnte unser Geist dort hingehen, wo wir zu Lebzeiten immer schon mal hinwollten. Irgendwohin, wo immer Sommer ist zum Beispiel. Und wo wir erst Zwanzig sind. Das wäre doch was, oder? Ich würde also sagen, wir treffen uns nach dem Tod dann dort. Dann hat Technik zur Abwechslung wenigstens mal was Gutes fabriziert. Übrigens sollte ich aufhören, so viele Science-Fiction-Serien zu schauen. Mein Gehirn schlägt allmählich Purzelbäume.

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