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Mel´s Mikrokosmos

Zyklusprobleme

Wer glaubt, mich inzwischen zu kennen, kennt nur einen Bruchteil meines wahren Ichs. Man kennt mich als neunmalkluge „Ratschlägerin“ – leider im Schaumschläger-Mantel. Denn entgegen meiner klugen Sprüche, mit denen ich jongliere wie ein Artist auf Ecstasy, sorge ich ansonsten in meinem Leben zuweilen für ziemlich unangenehme Kracher. Hier gebe ich Lebenstipps, wie man mit Liebeskummer umgeht oder wie man sich nochmal so richtig schön aus dem Leben schießen kann, bevor man das Löffelchen reicht, aber sobald ich mal wieder einen meiner „Nimm das Leben leicht“-Texte zum Besten gegeben habe, sacke ich regelmäßig in mich zusammen, verwerfe all meine Ratschläge, weil ich sie selbst plötzlich nicht mehr anwenden kann und möchte mich am liebsten in einem tiefen Erdloch verbuddeln. Das Ganze passiert einmal im Monat. Mal mehr, mal weniger intensiv.

Alle Tage wieder
Das, worüber ich sprechen möchte, ist ziemlich heikel. Einmal im Monat erlebe ich nämlich eine Art Metamorphose. Will heißen, dass ich in eine emotional sehr instabile Phase gerate. Unfreiwillig wohlgemerkt. Kennt ihr das Gefühl, euch jeden Moment in Hulk zu verwandeln, fast schon panisch dagegen anzukämpfen, aber ihr wisst, dass die Verwandlung unaufhaltsam ist und ihr letztendlich explodiert und völlig ausflippt? Nein? Nun, dann bin ich vielleicht die Einzige, die diese Ausraster so beschreibt, aber so ähnlich fühle ich mich regelmäßig. Okay, ich werde zwar nicht grün, aber das lässt mich nicht weniger furchteinflößend aussehen. Leider. Ich glaube mittlerweile sogar, dass Hulk eine Frau war, denn offen gestanden, traue ich ein solch ambivalentes Verhalten nur einem weiblichen Erdenbewohner zu. Und ich meine, mittlerweile rausgefunden zu haben, dass wir Frauen uns zyklusabhängig, irgendwie zu verwandeln scheinen. Und somit komme ich aufs Thema: Die unvermeidbare Werwolf-Interpretation! Ein gutes Theaterstück wäre es allemal, aber in Beziehungen ist so etwas ein absoluter Killer. Kein Mann will Bekanntschaft mit Frankensteins Braut machen. Aber machen wir uns nichts vor: Wenn in der Werbung so unverblümt über Tabu-Themen wie Blasenschwäche und Creme gegen Pilze in der Intimregion gesprochen wird, können wir auch über den weiblichen Zyklus gepaart mit der entsprechenden Launenhaftigkeit bis hin zum psychischen Exitus sprechen.

Achtung, bissig!
„Wann würde eine Frau am ehesten jemanden töten? A: in der Woche vor ihrer Menstruation, B: während ihrer Periode oder C: in der Woche danach?“, fragt das Partyspiel „Therapy“ überspitzt auf einer Quizkarte. Die richtige Antwort ist dem Spiel zufolge A: In den Tagen vor der Menstruation seien Frauen besonders launisch. Klischee oder Realität? PMS scheint jedenfalls keine Erfindung der modernen Medizin zu sein. Bereits Hippokrates berichtete von Frauen mit monatlichen Unruhezuständen, die sich vom Kopf in die Gebärmutter bewegen. Der Begriff umschreibt keine Erkrankung, sondern eher eine Sammlung von Beschwerden, die Frauen in den Tagen vor oder sogar während ihrer Menstruation erleben. Wir sind demnach niedergeschlagen, reizbar, klagen über Kopfschmerzen oder Schlafstörungen. Rund jede vierte Frau leidet laut Experten unter solchen Stimmungstiefs. Oder wie ich es liebevoll nenne: Dem Werwolf-Syndrom. Meine letzte Verwandlung liegt noch nicht lange zurück. Urplötzlich war ich getrieben von dem Gedanken, ich müsste meinem doch sehr friedliebenden Freund eine Art Denkzettel in Form von Gemeinheiten und Vorwürfen verpassen. Gekrönt wurde mein plötzlicher Sinneswandel damit, dass ich alles in Frage stellte. Die Beziehung und die ganze Welt. Und der Grund für mein Ausraster war geradezu lächerlich. Ich hatte üble Kopfschmerzen und wollte deshalb mit ihm nicht unter Leute gehen. Ausgeschmückt wie ein Kaminzimmer zur Weihnachtszeit kamen jedoch meine Argumente, warum ich denn nichts trinken gehen wolle. Statt einfach zu sagen, dass ich Kopfweh habe, stellte ich alles in Frage und warf mit den schillerndsten Brüll-Tiraden à la Kinski um mich. „Schrei‘ ich oder schrei‘ ich nicht?“ Urplötzlich fühlte ich mich vereinnahmt und meiner Freiheit beraubt. Und am Ende meiner Maschinengewehr-Salve fand ich mich in einem Geflecht aus zusammenhanglosen Unterstellungen wider, mit denen ich meinen Freund terrorisierte, wie das hysterische Kind die Eltern. Und ich verdammte vor allem lautstark die Liebe und Beziehungen. Ich bezeichnete alles als große Lüge. Und heulte dabei wie eine Hyäne. Und ehe ich wie ein Kind mit den Füßen aufstampfen konnte, setzte ich mich an jenem Abend an die frische Luft, ehe es mein Freund tun konnte, in der Hoffnung, wieder klar in der Birne zu werden. Und das wiederholte ich dann gleich zwei Mal, denn bei der ersten Rückkehr ging gerade wieder alles von vorne los. Heute weiß ich: Meine Hormone spielten völlig verrückt. Und das nicht zum ersten Mal. Ob PMS oder irgendwelche anderen hormonellen Störungen aufgrund des weiblichen Zyklus ist eigentlich egal, denn der Verlauf ist immer der gleiche. Aber was zum Teufel bringt es uns Frauen, uns selbst zu sabotieren? Unserem Glück in diesen Momenten so richtig eins auf die Fresse zu geben? Eigentlich nichts, oder?

Tanz auf dem Hormon-Vulkan
Bei diesem Hormon-Overflow, der gelegentlich in uns brodelt, ist es nicht verwunderlich, wenn der ganze Vulkan mit einem Mal zum Ausbruch kommt und die ganzen Hormone uns im Nu ins Höllenfeuer katapultieren. Aber um das mal kurz klarzustellen, liebe Männer: Ihr seid nicht zwingend der Grund für unsere Stimmungsschwankungen. Wir sind nicht einmal im Monat mies gelaunt, den Tränen nahe oder streitlustig, weil wir ein Problem mit euch oder der Welt haben: Wir quälen uns schlicht und einfach. Viele von uns würden einiges dafür geben, diese eine Woche im Monat überspringen zu können. Nicht mit permanenten Stimmungsschwankungen zu leben, die unsere Laune von einem Extrem ins nächste stürzen. Mal leiden wir unter leicht depressiver Stimmung, gepaart mit einem miesen Selbstwertgefühl, gelegentlichen Heulkrämpfen und Angstzuständen. Mal sind wir aggressiv und angriffslustig. Alles ist möglich, vieles unerträglich. Vor allem, für uns selbst. Forscher haben untersucht, ob und wie sich die Struktur des weiblichen Gehirns im Laufe des Zyklus verändert. Ihre Ergebnisse legen nahe, dass der schwankende Hormonspiegel während der Menstruation auch die Struktur des Hippocampus verändert und der spielt eine zentrale Rolle für unser Gedächtnis, unsere Stimmung und Emotionen.

Reden hilft
Nachdem ich zwei Tage im seelischen Ausnahmezustand taumelte, kämpfte und haushoch gegen jegliche Vernunft verlor, geschah erneut etwas Seltsames: Ich war wieder die Alte. So nach dem Motto „Herr Jesus, was ist passiert?“ wachte ich morgens zwar etwas verwirrt auf, konnte aber ebenso wenig wie mein Freund glauben, dass es Hulk jemals gegeben hatte. Und spätestens jetzt schaltete sich etwas ein, was mich noch fertiger machte, als alle Ausraster zusammen: Das schlechte Gewissen. Und die Last dieses schlechten Gewissens ist enorm muss man wissen. Es drückt dich zu Boden und du kannst kaum mehr atmen, wenn du darüber nachdenkst, was für eine Scheiße du gemacht hast. Am Ende ist es doch so: Das einzig probate Mittel ist Reden. Alternativ könnte man sich natürlich auch in einem Erdloch verbuddeln, aber reden erachte ich als sinnvoller. Darüber mit dem Partner reden, warum das passiert und dass man selbst darunter leidet, aber niemals weniger liebt. Und irgendwann – ja ich glaube daran – haben wir uns vielleicht doch soweit im Griff, dass die Werwolf-Herrschaft nicht mehr ganz so schlimm sein wird. Oder der Partner derweil eine Gummizelle für uns angefertigt hat.
– R. –

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