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Saarländer im Portrait

Auf wiederhören

1994 war ein gutes Jahr für Hans Müller und die Stadt Saarbrücken. In diesem Jahr verschlug es den damaligen BWL-Student an die Saar. Im Anschluss bereicherte der Regensburger als DJ Landa del Tigre das Saarländische Nachtleben und als Betreiber des „Humpty Recordstore“ die elektronische Musikszene. Jetzt verlässt Hansi das Saarland und kehrt in die bayrische Heimat an der Naab zurück. L!VE hörte nach warum.

L!VE: Die Legende besagt, unsere Gemeinde hat Deine Anwesenheit einem Zufall zu verdanken?

Hans Müller: Das stimmt. Eigentlich wollte ich nach England fahren. Ich kam von Regensburg und wollte mal nicht über Köln, sondern über Luxemburg fahren, und so kam ich zwangsläufig in Saarbrücken vorbei – und genau da ging meine Karre kaputt. Das war so der Anfang, ich stand da und der Wagen war unwiederbringlich dahin. Da dachte ich, das sei ein Zeichen. Ich suchte mir einen Laden, weil ich sowieso was aufmachen wollte. So landete ich in Saarbrücken.

L!VE: Gewissermaßen die Autopanne als Wink des Schicksals?

H.M.: Genau so war das! Ich war da kurzentschlossen! Natürlich bin ich nochmal kurz zurück nach Regensburg. Ich musste ja meine Sachen holen. Aber nach zwei Wochen war ich wieder hier, das ging ganz schnell. Ich hatte mir vorher auch noch ein Ladenlokal ausgeguckt und bin erst dann zurückgefahren. Der Laden war passenderweise in der Nauwieserstraße, genau da wo ich liegengeblieben war. Da hatte ich ja noch kein Handy und so bin ich ausgestiegen und hab‘ mich hilfesuchend zu Fuß auf den Weg begeben. Nach ein paar Schritten stehe ich auf einmal vor einem leeren Ladenlokal. Ich habe dann einen Nachbarn gefragt, wem das Haus gehöre, weil mich das direkt interessiert hat. Vor dem Haus auf der anderen Straßenseite saßen auch ein paar Leute, die auch meinten, es sei schon cool hier. Außerdem hab‘ ich mir gedacht, dass Heidelberg ja auch nicht weit ist von hier, wo ich eine Freundesbasis hatte, die schon viel mit Platten zu tun hatten, die Humpty-Leute zum Beispiel. Mit denen hatte ich schon immer zu schaffen, von Anfang an. Schließlich dachte ich mir, liegt doch wirklich nah, machen wir! Der Laden dort war allerdings total runtergekommen und ich musste den erstmal ausbauen. Deswegen musste ich auch erstmal keine Miete zahlen, was ehrlich gesagt auch ein Riesenargument war. Ich habe dann wie verrückt renoviert und am Ende war es dann so, dass ich Mitte Oktober ’94 die Autopanne hatte und den Laden schon am 1.11. eröffnet habe.

L!VE: Den Plan einen Plattenladen zu machen hattest Du also auch schon vor dem unfreiwilligen Autostopp?

H.M.: Nee, eigentlich wollte ich eine Kneipe aufmachen oder ein Café. Aber das mit den Plattenläden war auch schon immer auch im Hinterkopf auch wegen des Kontakts zu den Heidelbergern. Von denen hatte ich ja immer Platten mit nach Regensburg genommen, wo ich damals BWL studiert hatte. Und Saarbrücken fand ich schon immer auch in dieser Hinsicht sehr interessant, muss ich ehrlich sagen. Damals gab es nur das Delirium, wo ich auch schon mal eingekauft hatte. So hab‘ ich mir gedacht, da muss noch ein Laden her. Ein paar Wochen später gab es dann mit Hard Wax und mir sogar schon drei. Tatsächlich gab‘ es dann hier, gemessen an der Einwohnerzahl, die größte Plattenlädendichte im ganzen Land. Dann kam auch noch das Rex Rotari, ein Reggae-Laden und Short Egg in der Mainzer dazu. Zu den besten Zeiten gab es dann noch Läden in Neunkirchen, Saarlouis und Zweibrücken. Mich haben dann öfter mal Vertriebsleute gefragt: „Was ist denn da bei euch los in der Gegend, sind die alle verrückt?“ Ich habe dann nur gesagt, stimmt!

L!VE: Apropos Platten, Deine Basis ist nach wie vor Vinyl?

H.M.: Auf jeden Fall. Es gab zwar zwischenzeitlich so Momente, wo man überlegen musste, wo die Reise hingeht. Wir wussten, dass wir tolle und treue Kunden hatten, aber trotzdem kannst Du ja nie wissen, was in ein paar Jahren sein wird. Damals hatte ich dann das Sortiment auf Farben ausgedehnt, eine Idee, die ursprünglich von Kunden kam, weil es in der Stadt kaum ein Angebot gab. Das war dann sofort ein zweites Standbein, was es mir sehr leicht gemacht hat, über Vinyl gar nicht weiter nachdenken zu müssen. Das war echt eine Riesenhilfe und das blieb auch so bis heute. Inzwischen ist Vinyl natürlich wieder wesentlich stärker geworden in den letzten Jahren, keine Frage.

L!VE: Nochmal kurz zurück zum Anfang, die Liebe hat also gar keine Rolle bei der Umsiedlung gespielt?

H.M.: Ganz im Gegenteil! Die Liebe zum Saarland kannte ich ja noch gar nicht. Das Saarland war für uns Bayern ja damals überhaupt nicht existent, sorry. Ansonsten hatte ich ja meine ganzen Freunde und Bekannte in Regensburg, Heidelberg und München. Ich musste da schon einen ganz schönen Cut machen. Ich hatte einen einzigen Schulfreund, der Saarländer war. Mit dem wollte ich ursprünglich das Café aufmachen. Von daher gab es eine minimale Beziehung hierher, weil ich ihn später auch mal besucht hatte. Der ausschlaggebende Punkt war aber wirklich die Autopanne. Und natürlich, dass die Stadt ein Wahnsinnspotential hatte – und hat!

L!VE: Warum dann jetzt die Kehrtwende zurück in die Heimat?

H.M.: Das hatte ich eigentlich schon von Anfang an vor. Denn ich bin ein Zugvogel und es zieht mich immer weiter. Am Anfang hatte ich ja überhaupt kein soziales Umfeld hier. Das war nicht so ganz einfach und ich habe die ersten Monate ja auch noch im Laden gewohnt; ein echtes Abenteuer. Schon da habe ich mir gedacht, dass acht Jahre in meinem Leben immer so ein Rhythmus sind. Da hatte ich immer wieder was Schwerwiegenderes geändert. Schon weil mein Vater in der Armee war, sind wir alle paar Jahre umgezogen, von daher hatte ich das so’n bisschen drin. Ich habe mir also gedacht, acht Jahre bleibst Du mal hier und guckst mal, was Du draus machst. Es hat mir ja auch gut gefallen hier. Und erst jetzt merke ich wie lange die acht Jahre jetzt tatsächlich sind, denn jetzt sind ja 27 daraus geworden.

L!VE: Dennoch kommt dein Wegzug jetzt doch recht überraschend.

H.M.: Ich bin halt echt schlecht im Verabschieden, muss ich sagen. Es war wie gesagt ja schon länger geplant. Ich baue schon seit längerem ein Haus in an Naab. Das Haus ist jetzt so gut wie fertig. Da ist es klar, dass man den Weggang plant. Meine Eltern werden auch nicht jünger, mein Sohn ist mit der Schule fertig geworden und auch im Laden muss jetzt einfach ein Generationswechsel her. Denn der braucht künftig Ideen, die ich nicht mehr liefern kann und mein Nachfolger Metty macht das einfach mehr als gut. Es hat jetzt einfach alles zusammengepasst.

L!VE: Die Pandemie hat bei dem Entschluss gar keine Rolle gespielt?

H.M.: Nein, überhaupt nicht! Die spielt für mich gar keine Rolle! Die Leute bleiben ja im Endeffekt dieselben. Von daher hat das meine Entscheidung weder beschleunigt noch gebremst. Ich werde es nur in Zukunft deutlich einfacher haben, da ich viel weniger Menschen vor mir habe werde. Was das Geschäft angeht, haben wir hier in den letzten zwei Pandemie-Jahren gelernt, wie cool die Leute hier sind. Echt wahr! Es gibt nur ganz wenige Städte, wo die Leute so eine Bindung zu dem haben, was ihnen vor Ort geboten wird, muss ich ganz ehrlich sagen. In dem Zusammenhang auch ein ganz großes Dankeschön an die Leute!

L!VE: Gibt es etwas, was Du auf jeden Fall aus Deiner Zeit hier mitnimmst?

H.M.: Weißt Du was ich wirklich gelernt habe: Menschen sind mehr wert als Geld! Auch den ganzen Laden hier machen nur die Menschen, machen nur die Leute aus. Das Geld ist dann das, was danach kommt. Wenn du nur aufs Geld zielst, veränderst du dich – und nicht zu Deinem Besten. Wenn du mit den Menschen klarkommst, dann wirst du vielleicht nicht reich, aber willst du das denn? Das letzte Hemd hat keine Taschen. Ich habe echt gelernt, dass ich zwar gut mit mir alleine zurechtkomme, aber ich bin wirklich froh, wenn es Menschen gibt, die einen mögen!

L!VE: Abschließend bleibt uns Saarbrückern erstmal nur, uns bei Dir für den Soundtrack der letzten knapp drei Jahrzehnte zu bedanken! Hast Du noch irgendwelche letzten Worte zum Abschied?

H.M.: Wir sehen uns wieder!

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