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Grüne Tomaten schlafen wütend

Rasen und Rasten

Wer in einem Unternehmen arbeitet, in dem es keine Gehaltserhöhungen für die Mitarbeiter, dafür aber einen Porsche für die Geschäftsführung gibt, muss den Euro zweimal umdrehen, bevor er ihn ausgeben kann. Das führt dazu, dass die eigene Unterwäsche mehr Löcher hat als ein Golfplatz und man den Gerichtsvollzieher öfter sieht als das eigene Spiegelbild. Im Alltag bedeutet das dann: Sparen, auch beim Essen. Verschimmeltes Obst wird nicht gleich weggeworfen, sondern als bio deklariert und frischer Salat durch das ersetzt, was zwischen den Fliesen auf dem Balkon wächst…

Die Zeiten sind vorbei, in denen es sich jemand ohne reiche Erbtante und mit Lohnsteuerklasse 1 leisten konnte, täglich etwas Warmes zu essen und nach jedem Toilettengang zu spülen. Wer beim Essen dennoch auf Qualität besteht und Klopapier nicht beidseitig benutzen möchte, hat heutzutage schnell einmal in einer Woche das Haushaltsgeld für das gesamte Quartal verbraucht. Während Besserverdiener genug Bares für einen Sportwagen vor der Garage haben, reicht es bei Normalverdienern oft nicht einmal für einen Einkaufswagen vor dem Supermarkt…

Die einen stecken demnach beim Autohändler in ihren Wagen alles das, was sie möchten, die anderen beim Einzelhändler in ihren Wagen nicht einmal alles das, was sie bräuchten. So bekommen die einen ihren Hals und die anderen ihren Magen nicht voll. Hummer hier, Hunger da! Viele Menschen aus der Mittelschicht überlegen inzwischen zurecht, ob sie ihr schwer verdientes Geld heute besser sparen, um sich morgen etwas leisten zu können, oder ob sie ihr Geld heute besser für etwas zu essen ausgeben, um morgen überhaupt noch zu erleben…

Nie war satt sein so teuer wie heute. Da ist es eigentlich ganz günstig, dass die Lebensmittelpreise allein schon den Appetit verderben. Wer hart arbeitet, sollte sich ab und an jedoch auch belohnen dürfen. Der eine leistet sich wegen der Öde im heimischen Schlafzimmer einen teuren Bordellbesuch, der andere wegen der Öde in der heimischen Küche lieber einen teuren Restaurantbesuch. Bei beiden muss es meist schnell gehen und sollte die Kleidung nicht versaut werden. Zudem hofft Mann danach, dass die Frau zuhause nicht kocht und man keine Probleme mit Pilzen bekommt…

Ich gehöre zu der Gruppe, die Blätterteigwürstchen dem Entblättern des Würstchens vorzieht. Ich mag scharfe asiatische Schenkel und Brüste lieber auf dem Serviersteller als auf dem Präsentierteller und finde Blasen vor Fremden nur bei heißen Suppen okay. Ja, ich esse gerne gut. Auch wenn mir bewusst ist, dass teurer Lachs auf dem Teller am Tag danach in der Schüssel nicht anders aussieht wie billiger Rollmops. Wenn schon nicht in Sachen Intelligenz, Sozialverhalten und Aussehen möchte ich mich als Homo sapiens zumindest in meinen Essgewohnheiten von Primaten unterscheiden…

Wer einmal hochpreisig schlemmen möchte, geht jedoch nicht in ein Feinschmeckerrestaurant. Um zu genießen, was man sich nicht alle Tage leisten kann, speist man adäquat in einer Autobahnraststätte. Wer der Meinung ist, der Italiener um der Ecke mache mit Nudeln Reibach, wird beim Besuch eines Rasthofimbisses erstaunt sein, welche Gewinnspanne wirklich in einfachsten Gerichten stecken kann. Das, was eine Familie dort in Currywurst, Pommes und Getränke investiert, reicht anderswo für eine Woche Urlaub. Und das, obwohl es statt Sterne hier von Michelin nur Straßenkarten gibt…

Essen an der Autobahn ist etwas, an das man sich noch lange erinnert. Und das nicht nur wegen der Magenprobleme. Goldgelbe Schnitzel, deren Preis sich nur rechtfertigen ließe, wenn diese wirklich aus Gold wären oder zumindest das aus ihnen triefende Fett von einer nahezu ausgestorbenen Walart stammen würde. Riesenbockwürste, die nach zwölf Stunden unter der Wärmelampe als Minirostbratwürstl verkauft werden und Suppen, in denen mehr Undefinierbares schwimmt als in einem Putzeimer. Mett statt Gourmet lautet hier die Devise…

Rechnet man den Preis für eine Portion Fritten aufs Kilo hoch, wird klar, dass man dafür einen ganzen Kartoffelacker samt Erntehelfer bekäme, die die Knollen schält. Wer dazu noch Ketchup möchte, sollte frühzeitig mit seiner Bank über einen Sofortkredit verhandeln. Mit was man wirklich Gewinn auf dem Weltmarkt macht, ist nicht etwa Erdöl aus dem Tank, sondern Salatsoße aus der Tanke. Das Nierengulasch aus der Imbisstheke dürfte kaum teurer sein, wenn man es statt mit Schweinenieren vom Großmarkt mit Menschennieren vom Schwarzmarkt zubereiten würde…

Der teuerste Kaffee der Welt ist nicht etwa der von Schleichkatzen verdaute Kaffee aus Indonesien, der frisch aufgebrüht wird, sondern stundenlang auf einer Heizplatte köchelnder Filterkaffee aus der Tankstelle. Teurer kann ein Heißgetränk selbst dann nicht sein, wenn es statt in Pappbechern in echtem Meißner Porzellan verkauft wird. Wenigstens gibt es Zucker kostenlos dazu. Wobei bei dem Becherpreis für einen Cappuccino in den kleinen weißen Tütchen statt Zucker durchaus auch Kokain sein könnte, ohne dass die Tanke beim Verkauf nennenswerten Verlust machen würde…

Die Zeiten des einfachen Autobahnbistros sind längst vorbei. Heutzutage firmiert man als Gourmet-Oase mit verkehrsgünstiger Lage. Aus dem Imbiss von früher ist der Werbung nach Erlebnisgastronomie von heute geworden. Wer sich schon einmal hungrig und ohne auf den Preis zu achten an der Salatbar eines Autohofs bedient hat, an der 100 Gramm Grünzeug mehr kosten als anderswo 100 Hektar Grünland, wird den Adrenalinschub an der Kasse beim Blick auf den Zahlbetrag sicher nie vergessen, der bei der Weiterfahrt länger wach hält als jeder Kaffee oder Energydrink…

Wer sparen möchte, stellt Sprudelwasser besser wieder zurück und trinkt Scheibenwaschwasser an der Zapfsäule. Raststättenpersonal hat es aber auch nicht einfach. Es erfordert Professionalität, rund um die Uhr zu jedem Kunden gleich unfreundlich zu sein. Schließlich will niemand Gäste durch gute Laune verunsichern. Sich je nach Schicht zwischen Toilettenputzen und Salatputzen umstellen und unterscheiden zu müssen, welches Öl nun zum Motor und welches zum Salat passt, bedarf Erfahrung. Auch wenn Verwechslungen dem Kunden geschmacklich kaum auffallen dürften…

Kunden, die nach dem Essen wider Erwarten Wider erwartet, können den Gaumenschmaus auch gleich vor Ort wieder loswerden. Vorausgesetzt sie haben 70 Cent Eintritt für den kostenpflichtigen Toiletten-Tempel. Falls nicht, bleibt nur die Möglichkeit, sich mit einem gekonnten Limbo-Tanz durch den ein Meter hohen kostenfreien Kloeingang für Kinder zu zwängen oder, wie die Hunde der anderen Gäste, seine Notdurft auf dem angeschlossenen Kinderspielplatz zu verrichten. Wem das nicht gefällt, sollte sich bewusst sein, dass das Leben kein Ponyhof ist. Und erst Recht kein Autohof…

Warum ich dennoch immer wieder an der Autobahn esse? Weil die Dosenravioli zuhause danach schmecken wie aus dem Sternelokal. Und weil ich den Blick der Toilettenfrau mag, wenn ich frage, ob sie ihr Trinkgeld von meiner Kreditkarte abbuchen kann. Ob das fair ist? Sanifair würde ich sagen. Rasen und Rasten… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P. S. Gibt es wirklich jemanden, der an Tankstellen diese Duftbäumchen kauft?

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