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Perspektivwechsel

Vom Saulus zum Paulus

Armin König ist seit 1996 Bürgermeister von Illingen und damit dienstältester Bürgermeister des
Saarlandes. Er ist Mitglied im Beirat des saarländischen Staatstheaters und gilt als sehr
kulturinteressiert. Seit seinem Parteiaustritt engagiert er sich in einer Wählervereinigung. Im Interview
mit L!VE verrät er wie es dazu kam und warum er einen Sinneswandel beim Thema „Ehe für alle“
vollzog. Das Interview führte unser freie Autor Marc Kirch.

(Armin König und Marc Kirch, vorm Interview geimpft und getestet) 

L!VE: Wie kam es zu dem Austritt aus der CDU? 
Es gibt ein ganzes Bündel von Gründen. Nicht zuletzt die Missachtung der Kultur in der Pandemie. In
den letzten 10 Jahren habe ich als Bürgermeister und als Kulturamtsleiter die Kulturpolitik meiner
Gemeinde Illingen mitverantwortet und mache selbst Musik, spiele Klavier. Mitzuerleben, dass Kultur
und Gastronomie als wesentliche Bestandteile unserer Gesellschaft kaum Beachtung finden, hat mich
schockiert. Ein weiterer Grund ist auch die Übernahme des CDU-Vorsitzes durch Friedrich Merz.
Unter ihm wollte ich nicht mehr in der CDU sein. Ich bin da anders positioniert, immer eher links von
der Mitte. Ein weiterer Grund ist die Grubenflutung im Saarland: die Genehmigung die Gruben
absaufen zu lassen, mit all den damit verbundenen Gefahren, wenn giftiges Grubenwasser aufsteigt.
Ich hatte bereits vor drei Jahren eine Volksinitiative dagegen gegründet, mit Freunden 5.000
Unterschriften gesammelt und „Pro H2O Saar e.V.“ gegründet. Das führte irgendwann zur totalen
Entfremdung und es fehlte schlussendlich nur noch ein Tropfen für mich, um zu sagen „tschüss, ich
gehe jetzt!“. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war der Umgang der saarländischen
Landesregierung mit der Corona-Pandemie. Dieses „Hü und Hott“. Ich hatte auch den Eindruck, dass
ich irgendwann als lästig empfunden wurde. Ich habe meine Positionen schon immer sehr offensiv
vertreten – nicht um mich selbst zu profilieren, sondern weil es Themen gibt, die die Menschen
bewegen und berühren. Ich bin schon seit 26 Jahren Bürgermeister und bin mitten unter den Leuten,
die einem sagen, wo es weh tut und wo es unter den Nägeln brennt. Das war für mich dann der
letztendlich auslösende Punkt meine Mitgliedschaft in der CDU zu beenden, nach verschiedenen
Entfremdungsprozessen von der Partei.  

L!VE: Jetzt engagierst du dich für die Wählervereinigung „bunt.saar“ und trittst zur Landtagswahl an.
Allein der Name „bunt.Saar“ suggeriert ein Wahlprogramm und eine Überzeugung, welche
Wertschätzung von Vielfalt in unserer Gesellschaft fördert und fordert. Ist dem so? 

Es wird nicht nur suggeriert, es steht im Programm! Wir haben uns explizit die Vielfalt auf die Fahnen
geschrieben; das betrifft jede Facette der Gesellschaft. Das betrifft übrigens auch das Thema
Inklusion, Menschen mit Behinderung, auch das Thema Zuwanderung. Der Name „bunt.saar“ wurde
bereits gewählt, bevor ich gekommen bin, er hat mir gefallen. Dieses politische Start-up, das sich zum
Ziel gesetzt hat, die Gesellschaft zu verändern, hat für mich ganz großen Reiz. Denn ich glaube, wir
müssen ganz viel in unserer Gesellschaft verändern! Das betrifft Klimawandel, gesellschaftlichen
Wandel und Strukturwandel. Wenn man sich zu diesen Themen die Frage stellt: Wie sieht es denn
hierzu mit Fairness und Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft aus? Ich finde hier haben wir sehr viel
zu leisten und müssen mit den Menschen auch ganz offen darüber sprechen. Wir wollen eine
Gesellschaft die fairer wird, eine Gesellschaft, die das Thema Ökologie viel stärker in den Mittelpunkt
rückt, wir wollen eine gesellschaftliche Veränderung. 


L!VE: Betrifft diese angestrebte gesellschaftliche Veränderung auch LGBTQ (Lesben, Schwule,
Bisexuelle, Transgender, Queer)?  
Selbstverständlich betrifft das auch LGBTQ! Das gehört zum Selbstverständnis der Mitglieder von
bunt.saar. Auch hier sind wir bunt aufgestellt und vor diesem Hintergrund passt das natürlich auch.
Aber es ist jetzt nicht der entscheidende Punkt für die Namensgebung „bunt.saar“ gewesen, das wäre
zu vordergründig. LGBTQ gehören zu unserem Selbstverständnis.  

L!VE: Jüngst kursierten Meldungen, dass „bunt.saar“ ihre Teilnahme an der Landtagswahl im März
diesen Jahres zurückzieht. Ist da was dran bzw. kann das noch passieren?
Das ist völliger Quatsch. Im Wahlkampfzeiten muss man immer auch mit „Fake-News“ rechnen. Wir
haben in allen drei Wahlkreisen Unterschriften gesammelt. Wir mussten jeweils 150 Unterschriften
sammeln. In Neunkirchen haben wir 250 Unterschriften abgegeben, in Saarbrücken und in Saarlouis
waren es jeweils 300. Das haben wir also mühelos geschafft. Und die Menschen, die für uns
unterschrieben haben, die erwarten auch etwas von uns. Wir sind nicht gegründet worden, weil
andere Schwierigkeiten haben, sondern wir haben eine dezidiert eigene Position. Wir haben ein
Programm, das auch für den „Wahl-O-Mat“ geeignet ist. Wer sich zum Beispiel über den Wahl-O-Mat
mit unserem Programm auseinandersetzt, wird feststellen, dass wir in bestimmten Bereichen sehr
besondere Positionen vertreten. Warum sollten wir also zur Landtagswahl nicht antreten? Wir wollen
die Politik verändern. Wir wollen zeigen, dass man im Saarland auch andere Politik machen kann. Wir
wollen den Mund aufmachen und sind dabei 100% parteifrei. Wir sind von keiner Bundespartei
abhängig, uns kann niemand reinreden. 

L!VE: Wie geht es für dich im Erfolgsfall und wie im Misserfolgsfall bei der Landtagswahl weiter? 
Ich kandidiere als Spitzenkandidat und um zu gewinnen. Ich bin da optimistisch und mit uns muss
man rechnen. Es gibt viele Menschen, die mit den Parteien nichts mehr anfangen können. Wenn ich
es also in den Landtag schaffe, werde ich dafür sorgen, dass Stimmen von Bürger*innen dort zum Zug
kommen, auch zu Spezialthemen wie zum Beispiel zu Grubenflutung oder SVolt. Ich werde im
Landtag Position beziehen und dafür sorgen, dass die Politik anders kommuniziert wird. Wenn ich
nicht in den Landtag komme, bin ich weiterhin Bürgermeister von Illingen und entscheide dann, wie
lange ich das bleiben möchte. Gewählt bin ich bis 2025. Ich bin voller Energie und werde in jedem Fall
versuchen, vieles für die Menschen zu erreichen. 

L!VE: Wenn ihr in den Landtag gewählt werdet, welche konkreten politischen Maßnahmen und
Handlungen darf man von euch erwarten, die die Gleichberechtigung und gelebte
Selbstverständlichkeit in Akzeptanz und Umgang mit LGBTQ in unserer Gesellschaft fördern? 

Es gibt noch immer Diskriminierung. Diese muss weg, das sehe ich als Querschnittsaufgabe. Ich sehe
es als Aufgabe Reformbündnisse auf den Weg zu bringen, die dafür sorgen, dass Diskriminierungen
in jedem Fall abgebaut werden. 

L!VE: Sagen kann man viel, der Wert bemisst sich an den Taten… Wie bzw. durch was hast du
dieser geänderten Auffassung auf dem Weg, sozusagen „vom Saulus zum Paulus“, bereits Ausdruck
verliehen? 
Ich habe 2001 einen riesigen Fehler gemacht! Es war der Anfang einer Bewegung, zu der es die
ersten Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare gab und ich aus einer Kirmeslaune heraus völlig
idiotische Dinge gesagt hatte. Es gab dazu eine sehr heftige Debatte in der Öffentlichkeit und in
meiner Familie darüber. Insbesondere meine Schwester hatte mich deshalb „sehr hart
rangenommen“, aber auch gute Freunde. Ich habe in der Folge meine Positionierung zu dem Thema
um 180 Grad verändert. In der Zwischenzeit habe ich als Standesbeamter eine ganze Reihe
wunderbarer Trauungen – auch gleichgeschlechtlicher Paare – gemacht, mit Klavier und Gedichten,
worauf ich sehr stolz bin. 

Als Bürgermeister war ich vor zwei Jahren richtig gefordert, als im Rahmen unserer Partnergemeinde
Tuchów in Polen, dort erzkonservative Positionen der PiS-Partei gegen LGBTQ bezogen wurden. So
war auch in Tuchów u.a. die Einrichtung LGBTQ-freier Zonen im Gespräch. Das ist unerträglich und
meines Erachtens fast schon ein Aufruf zu Übergriffen! Wir haben zahlreiche Schwule und Lesben in
unseren Communities, die auch im Rahmen unserer Städtepartnerschaft Tuchow bereist haben.
Deren Sicherheit war in Gefahr, ganz zu schweigen von den betroffenen Polinnen und Polen, die dort
leben und weder frei noch sicher sind. Als ich dazu angeschrieben wurde, ob ich mich hier einsetzen
kann, war klar, dass wir hier zwingend Position beziehen müssen. Das habe ich getan und mit dem
Gemeinderat unsere klare Positionierung beschlossen: Es wird nach 20 Jahren keine offizielle
Städtepartnerschaft mit Illingen mehr geben und auch keine Städtebesuche, wenn Tuchow bei der
offiziellen Position deren Stadtrates bleibt. Ich habe diese klare Haltung auch in einem Brief an den
Stadtrat eindeutig und scharf formuliert. Dieser Brief wurde nie direkt beantwortet, aber Ende des
letzten Jahres kam dann die positive Nachricht der Bürgermeisterin von Tuchow – mit der ich immer
den informellen Kontakt hielt -, dass der Stadtrat nach heftigen Diskussionen von seiner
Positionierung abrückt. Ich bin froh, dass wir das so erreicht haben und es zeigt sich auch die

Wichtigkeit einer klaren Positionierung, dass Diskriminierung unter gar keinen Umständen zulässig ist
und man da nicht nachgeben darf. Wir müssen in Europa auch diese Positionierungen dort vertreten,
wo es nicht nur um Deutschland geht. 

L!VE: Nach 47 Jahren Mitgliedschaft bist du aus der Partei CDU ausgetreten. Du warst damals auch sehr engagierter Wahlkämpfer für deine damalige Parteikollegin Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie hat ihre eindeutige persönliche Ablehnung der „Ehe für alle“ bis heute nicht revidiert. Ihres Erachtens fördere das Erlauben der leichgeschlechtlichen Ehe, in der Folge auch die Heirat zwischen engen Verwandten oder eine Heirat zwischen mehr als zwei Menschen. Das sind die Grundlagen zweier Strafrechtsbestände „Inzest“ und „Vielehe“. Diese klare persönliche Haltung hatte AKK zuletzt 2019 bei Sandra Maischberger und Bettina Böttinger erneut bekräftigt und auch nie revidiert.
Solche Äußerungen sind meines Erachtens völlig absurd und ich war auch entsetzt als ich diese
gesehen und gehört habe. Ich verstehe gar nicht wie man solche Gedanken äußern kann. Für mich ist
das völlig abwegig.

L!VE: Als ehemaliger enger innerparteilicher Förderer von AKK war deine Haltung zumindest ähnlich.
Im Jahr 2001 sagtest du: „Trauungszeremonien wird es für Schwule und Lesben in Illingen nicht
geben. Wer schwule Folklore will, soll nach Saarbrücken gehen.“ 
Ja, das war von mir eine schwere Fehlleistung und von mir völlig idiotisch das zu sagen. Wie erwähnt
war das eine Äußerung in einer Kirmesstimmung und manchmal ist es besser länger nachzudenken
bevor man sich äußert. Es war damals zugegebenermaßen auf einer Schiene, bei der ich gestehen
muss, ich habe mir da nicht viel dabei gedacht. Es war für eine wohlfeile Schlagzeile in einer Art und
Weise formuliert, zu der ich heute sage „völlig irre so etwas zu tun. Es war ein schwerer Fehler, für
den ich mich entschuldige und bereits entschuldigt habe.“ Es gab heftige Diskussionen im
Gemeinderat, in der lokalen Presse. Ich habe mit vielen Lesben- und Schwulen darüber geredet, auch
in meinem direkten Umfeld. Inzwischen habe ich viele gute lesbische und schwule Freundinnen und
Freunde. Heute schäme ich mich dafür und frage ich mich selbst: „wie konnte ich das tun?“ Aber ich
habe es getan und kann ja nicht meine eigene Geschichte leugnen. Aber jeder Mensch macht – denke
ich – auch Fehler. Diesen habe ich tief bereut, gleichzeitig hat er mir auch geholfen, weil er mich
sensibilisiert hat. Er hat auch viele Illinger Bürgerinnen und Bürger sensibilisiert, weil daraufhin das
Thema öffentlich sehr präsent ausdiskutiert wurde. Ich denke das hat nicht nur mich persönlich,
sondern auch unsere gesamte Gemeinde weitergebracht. Und das vor 20 Jahren! 

L!VE: Welche abschließenden Worte möchtest du an unsere Leser, Zuseher, Zuhörer aus der
LGBTQ-Community richten? 
Diversity und Vielfalt selbstverständlich zu leben ist für mich ein Schlüsselerlebnis und Anliegen. Ihr
habt mit „bunt.saar“ eine der stärksten FürsprecherInnen alle Diskriminierungen und Vorurteile
gegenüber LGBTQ gänzlich abzubauen.

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