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Grüne Tomaten schlafen wütend

Wer hat Angst vorm bösen Wolf

Es ist schon einige Zeit her, dass unsere Vorfahren die Entdeckung machten, dass Fingernägel am einfachsten durch aufrechtes Gehen sauber zu halten sind und es zum Schutz der Geschlechtsteile wie auch zum Schutz der Augen und des Appetits besser ist, bestimmte Körperstellen mit Fell zu bedecken. Damals kam der Mensch auch zu der Erkenntnis, dass sich sein Kopf nicht nur als Ziel für Keulenhiebe, sondern auch zum Denken eignet. Während daraufhin einige Homo sapiens begannen, Werkzeuge und Tupperware zu erfinden, um sich das Leben zu erleichtern, nutzten andere ihre Intelligenz dazu, um Ausreden zu erfinden. Ebenfalls um sich das Leben zu erleichtern…

Der steinzeitliche Alltag war ohne Fernseher und Facebook noch recht eintönig und gefährlicher als der heutige. Nahrungssuche, Kriege und Kämpfe gegen wilde Tiere bestimmten den Tag. Man hatte kaum Gelegenheit, sich zu überlegen, wo man den nächsten Urlaub verbringen soll, da es so etwas wie Urlaub noch nicht gab. Da man sich damals noch nicht wie heute mit einem Krankenschein selbst Freizeit genehmigen konnte, wenn man Lust dazu hatte, war es in grauer Vorzeit noch nötig, sich von der eigenen Sippe akzeptierte Gründe einfallen zu lassen, die es möglich machten, in der warmen Höhle auszuschlafen, statt mit den anderen in der Kälte Mammuts zu jagen…

Schon früh erwiesen sich ausgedachte Ängste als gute Ausreden, um Dinge, die man tun sollte, aber nicht tun wollte, nicht tun zu müssen. Bis heute gehören sie zu den Top-Notlügen, um Termine absagen, von Feiern fernbleiben und zuhause bleiben zu können, wenn einem danach ist. Anders als bei ausgedachten körperlichen Krankheiten läuft derjenige, der vorgibt, einen psychischen Knacks zu haben, nicht so schnell Gefahr, vom Arzt entlarvt zu werden, wenn er versehentlich mit dem falschen Bein humpelt. Ganz im Gegenteil. Ein Psychoklempner findet meist mehr Störungen, als man sich hätte ausdenken können und attestiert, dass man im Grunde nur noch fürs Nichtstun geeignet ist…

Natürlich sind die Ängste von heute nicht mehr die gleichen wie im Neandertal. Die Wahrscheinlichkeit auf offener Straße von einem Säbelzahntiger angefallen zu werden, ist heutzutage eher gering. Bisweilen ist jedoch auch das 21. Jahrhundert nicht ungefährlich. Vor allem für uns Männer. Ein Mann wäre kein Mann, wenn er nicht Angstzustände bekäme, wenn eine Frau ihn dazu nötigt, mit ihr neue Gardinen oder eine Übergangsjacke kaufen zu gehen. Solche Dinge existieren im Leben eines Mannes nicht. Sie waren in prähistorischer Zeit nicht notwendig und sind es auch heute nicht. Kaum vorstellbar, dass in der letzten Eiszeit alle paar Monate ein Fell mit anderem Muster an das Höhlenfenster gehängt und im Frühling ein modisches leichtes Übergangsfell getragen wurde…

Die größte Angst haben wir Männer vor Hausarbeit. Schließlich passieren die meisten Unfälle nicht beim Extremsport, sondern in den eigenen Vierwänden. Nicht Schuss- oder Stichwaffen sind immer wieder für schwere Verletzungen unschuldiger Männer verantwortlich, sondern Bügeleisen und Stabmixer. Es sterben mehr Männer an Blutvergiftungen, die sie sich beim Kartoffelschälen zugezogen haben, als bei Amokläufen oder durch Covid-19. Immer wieder werden junge Väter aus dem Leben gerissen, weil sie beim Fensterputzen zwar an ein sauberes Wischtuch, aber nicht an die Schwerkraft gedacht haben. Ein Mann küsst an Putztagen seine Partnerin morgens nicht aus Liebe, sondern weil er befürchtet, das nächste Treffen sei seine Identifizierung in der Pathologie…

Gegen Hausarbeit ist Krieg das reinste Malefizspiel. Trotzdem wird uns Männern abverlangt, dass wir ohne Erfahrung mit todbringenden Staubsaugern und giftigen Putzmitteln dem Tod wischend ins Gesicht blicken und alle angeborenen Ängste verdrängen. Wir sind keine Angsthasen – Rasenmähen in Badelatschen oder Baumfällen in kurzer Hose sind kein Problem – aber wie schnell verliert man ohne TÜV-zertifizierte Schutzausrüstung einen Finger in der Saftpresse oder sein Augenlicht beim Hantieren mit der Fritteuse? Wer einmal die Bedienungsanleitung eines handelsüblichen Toasters gelesen hat, dem ist klar, dass eine Panzerfaust ungefährlicher ist als ein Küchengerät: „Trockenes Brot kann brennen“. Damit dürfte alles gesagt sein…

Wir Männer haben andere Ängste als Frauen. Bei uns sind es eben keine Panikattacken, dass das neue Kleid nicht zum Nagellack passt oder dass man eine GNTM-Folge verpasst. Ängste sind jedoch Ängste und anerkannte Erkrankungen. Phobien gegen Spinnen, lebende Joghurtkulturen oder „Schwiegertochter gesucht“ sind da noch harmlos. Manche können ihre Ängste nicht einmal in Worte fassen, vor allem wenn sie an Hippopotomonstrosesquippedaliophobie leiden, der Angst vor langen Worten. Fordert eine Frau einen Mann mit Aichmophobie, Angst vor spitzen Gegenständen, Alektorophobie, Angst vor Hühnern, und Lachanophobie, Angst vor Gemüse, dazu auf, beim Kochen zu helfen, kommt Karottenschneiden für die Geflügelsuppe Folter gleich…

Männer sollten nie gezwungen werden, auf Leitern zu steigen oder die Brüste einer Frau Ü40 nackt zu sehen, wenn sie an Barophobie leiden, der Angst vor der Schwerkraft. Weigern Männer sich strikt, im Schlafzimmer Ordnung zu machen, leiden sie an Hypnotopophobie, der Angst vorm Bettenmachen. Wenn Er zuhause kein Bein krumm macht, kann Genuphobie die Ursache sein, die Angst vor Knien. Und gibt es am Jahrestag wieder keine Rosen, bedeutet das nicht, dass Er das Datum verschwitzt hat. Es könnte ein akuter Anfall von Anthophobie sein, der Angst vor Blumen. Dass viele Männer am Wochenende nicht bei der Gartenarbeit helfen, hat übrigens nichts mit Bundesliga zu tun, sondern mit verbreiteter Dendro- und Zemmiphobie, den Ängsten vor Bäumen und Maulwürfen…

Verschwindet bei uns Männern die Lust auf Sex, ist im besten Fall Caligynephobie der Auslöser, die Angst vor schönen Frauen, meist jedoch aber Cacophobie der Grund, die Angst vor Hässlichkeit. Ein Tipp an uns Männer: Ab und an hilft es, sich seinen Ängsten zu stellen. Beim ersten Date am besten gleich zugeben, dass man an Arachibutyrophobie leidet und Panik hat, dass einem Erdnussbutter am Gaumen kleben bleibt. Das wird die spätere Beziehung erleichtern, sofern es dann noch zu einer kommen sollte. Ich persönlich habe übrigens Angst vor Menschen, die in Freizeitparks Tierkostüme tragen und einen umarmen. Wer hat Angst vorm bösen Wolf… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Nicht nur übergewichtige Menschen leiden unter Platzangst.

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