Das Schreckgespenst vom Clubsterben geht wieder um – auch im Saarland. Vor neun Jahren haben wir das erste Mal berichtet und da war noch nicht mal die Rede von Pandemie & Co. Wer kann die Szene jetzt noch retten?
Die Clubszene war lange das pulsierende Herz urbaner Kultur, aber das scheint sich in letzter Zeit zunehmend zu ändern. Zwar werden nicht selten Einzelfälle zur strukturellen Krise hochstilisiert, aber Inflation, Energiekrise, großstädtische Verdrängungsmechanismen bis hin zu Beschwerden aus der Nachbarschaft machen fast allen Clubs in der ein oder anderen Weise zu schaffen. Vor allem aber ein mutmaßlich verändertes Publikums- und Konsumverhalten wird gerne als Ursache herangezogen. Viele Menschen haben sich neue Freizeitmuster angewöhnt: Streaming statt Tanzen, Spaziergänge statt Clubnächten und die besten Partys fanden ja sowieso schon immer in der eigenen Küche statt. Die Rückkehr ins Nachtleben nach Corona fiel nicht allen leicht. Eine Altersgruppe, die sich zurückhaltender zeigt, sind die 30 bis 45jährigen, da oft Familie, Beruf und Gesundheit im Vordergrund stehen. Ebenso knifflig scheint es die jüngste Zielgruppe, die Gen Z, geboren ab etwa 2000, für die Clubs zu gewinnen. Aufgewachsen mit sozialen Medien und Streaming-Plattformen ist Musik für sie zwar allgegenwärtig, aber nicht zwingend an physische Orte gebunden. Clubs müssen mehr bieten als nur Beats: Safe Spaces, Nachhaltigkeit, Inklusivität und visuelle Erlebnisse sind zentrale Erwartungen. Diese Gemengelage ließ eine Polykrise entstehen, der allein mit den üblichen innerbetrieblichen Maßnahmen kaum beizukommen sein wird. Die Situation erfordert ein stellenweise radikales Umdenken, das aber zugleich auch Chancen für innovative Konzepte wie Daytime Events, Community Nights oder Ü60 Partys schafft.
Die Nacht lebt weiter – manchmal schon am Nachmittag
Tatsächlich scheint von nicht geringer Bedeutung zu sein, wie vielschichtig die jeweilige Zielgruppe strukturiert ist. Clubs deren Konzepte enger gefasst sind und ein klar definiertes Publikum im Auge haben, scheinen weniger Schwierigkeiten zu haben, ihre Kundschaft zu binden. Während beispielsweise Mainstream-EDM und Chart-Hits vielerorts an Relevanz verlieren, erleben Nischen wie Techno, House, Drum’n’Bass oder lokale Indie-Acts eine Renaissance. Kuratierte Line-ups, genreübergreifende Sets und kollaborative Bookings mit Künstlern aus der Region stärken den Draht zum Publikum. Locations, die darauf abzielen ihre Attraktivität durch verschiedene wechselnde Konzepte zu realisieren, sehen sich aber auch mit den daraus resultierenden Nachteilen konfrontiert. Michael Kastl ist seit mehr als 15 Jahren Mitbetreiber des „Blau“ in der Saarbrücker City, kennt die Szene so gut wie nur wenige und ist bereit neue Wege zu gehen. Wir wollten von ihm wissen, wie er diese Entwicklung sieht.
Michael Kastl: „Die Problematik ist, dass Feiern bei den Kids nicht mehr den Stellenwert hat, den es früher mal hatte. Das hat nach meiner Erfahrung mehrere Gründe. Zum einen eine andere Einstellung zum Alkohol. Healthy Life wird jetzt bei vielen ganz groß geschrieben. Außerdem herrscht heute ein ganz anderer Druck auf der Uni. Aber auch die Musikkultur hat sich geändert. Früher gab es, um neue Musik kennenzulernen und zu genießen, keine andere Chance, als in einen Club zu gehen. Das hat sich auch grundlegend geändert. Früher erkundigte man sich beim DJ, wie eine Platte heißt, heute fragt man Siri, wenn man einen Song haben will. Ich will jetzt nicht sagen, dass die Jüngeren heute keinen Spaß mehr haben, aber die feiern definitiv anders, auch die Musik wird eben anders genossen. Heute geht alles online und das hat dazu geführt, dass die Leute weniger in die Clubs gehen, um neue Musik kennenzulernen oder neue Trends zu feiern. Es gibt eben andere Präferenzen, als nur wegen der Musik feiern zu gehen.“
L!VE: Wie versucht ihr da gegenzusteuern?
Michael Kastl: „Die Generation Mitte Dreißig hat schon noch Bock zu feiern, vielleicht auch zu Musik von früher. Das ist eine Generation, die als Zielgruppe auch sehr attraktiv ist. Leute, mit denen man als Veranstalter richtig gut arbeiten kann, sozusagen der alte Schlag, der noch weiß wie man feiert, Spaß haben kann und natürlich auch Alkohol trinkt. Die haben nicht aufgehört zu tanzen, haben aber wenig Möglichkeiten. Die wollen auch nicht mehr unbedingt so spät ausm Haus, um schließlich auf ’ner Party zu landen, bei der es erst um zwei Uhr richtig losgeht. Da machen Events, die schon früh beginnen, mehr Sinn. Wir haben jetzt eine Dayparty im Blau etabliert, wobei uns wichtig war, dass es keine klassische After-Work-Party ist. Es geht hier in erster Linie um die Musik und das haben wir versucht hervorzuheben. Wir sprechen halt wirklich ein House-Publikum an, das früher gerne im Blau gefeiert hat. Insofern kein typisches Daytime Event, da hier schon die Musik im Vordergrund steht, mehr als das Come together.“
Die Fokussierung auf bisher eher unbespielte Altersgruppen und dadurch bedingte variablere Öffnungszeiten scheint ein gangbarer Weg zu einem breiteren Publikum zu sein. Wenn die Jungen nicht mehr wollen, dann müssen es wohl die Alten richten. So belebt sich seit einiger Zeit das Segment der „älteren“ Clubgänger und alle denkbaren Revivals, Ü-Partys, Retro-Abende und Tanzformate mit Fokus auf Gemeinschaft gewinnen an Popularität. Hier zählt vor allem Lebensfreude und soziale Nähe, aber feiern können die natürlich immer noch – und wie!
Da macht es dann schon sehr viel Sinn, darüber hinaus ganz neue eigenständige Angebote, zum Beispiel für die Generationen Babyboomer und X, zu entwickeln. Immerhin zeigt schon ein Blick auf unseren demografischen Wandel, dass hier allein zahlenmäßig, das größte Potential an möglichen Kunden zu finden ist. Diese Bevölkerungsgruppe ist so zahlreich, dass es sogar vollkommen ausreichen würde, wenn die nur ab und zu wieder ausgehen würden. Weitere Vorteile sind: ein längst gesichertes Einkommen und viele freie Zeit und Verfügbarkeit, weil die Kinder längst aus dem Haus sind. Außerdem sind das genau die Menschen, die in ihrer Jugend eskalierend durch die damaligen Discotheken gezogen sind und entsprechend sozialisiert wurden. Wenn also einer weiß, wie man richtig feiert, dann die!
The Rise of the Silver Ravers
Entsprechend riesigen Erfolg hatte beispielsweise die Premiere der Partyreihe „Club 65“, ein Konzept, das sich vor allem an Menschen ab 65 Jahren richtet und eine „Disko für Junggebliebene“. Sie findet im Sektor Heimat am Osthafen statt und kombiniert Klassiker aus den 70er- und 80er-Jahren mit einem offenen, generationenübergreifenden Konzept. Ein Konzept, das sich nicht ein umsatzorientierter Discothekenbetreiber ausgedacht hat, sondern das aus dem Projekt „InterGeneration“ heraus entstanden ist. Einer Initiative, die vom Verein Sektor Heimat e.V. organisiert wurde und Menschen unterschiedlicher Generationen durch gemeinsame Aktivitäten zusammenbringt, mit dem Ziel, Teilhabe am kulturellen, urbanen Leben zu fördern und Isolation entgegenzuwirken. Marion Touze vom Sektor Heimat e.V. gewährt Einblicke in diese ganz andere Tanzveranstaltung, bei deren Umsetzung auch Faktoren berücksichtigt werden mussten, die sonst im Clubkontext keine Rolle spielen.
Marion Touze: „Unsere Erwartungen wurden völlig übertroffen. Es war schon schwierig abzuschätzen, wie viel Leute tatsächlich kommen werden, da es ja eine absolute Premiere für uns war. Aber jetzt wissen wir, wenn wir diesen Generationen so ein Angebot machen, dann wird das auch angenommen! Mittlerweile denke ich, die Entwicklung neuer Formate könnte auch interessant sein für andere Generationen, beispielsweise die Dreißig- oder Vierzigjährigen, die auch nicht mehr unbedingt bis nachts um drei unterwegs sind. Und ich glaube, all diese Trends, die da entstehen haben auf jeden Fall Potenzial. Die Idee zum „Club 65“ kam dann nach einem Workshop des Projekts InterGeneration, bei dem sich die Teilnehmer von der Location, begeistert zeigten und mal wieder tanzen wollten. Dann haben wir gesagt: Lasst es uns probieren. So ist dann der „Club 65“ entstanden.“
L!VE: Welche Erfahrungen konntet ihr gewinnen?
Marion Touze: „Dass der direkte, menschliche Kontakt zu dieser Zielgruppe besonders wichtig ist. Da kamen schon im Vorfeld per Mail richtig viele unterschiedliche Fragen. Die meisten Leute hatten zwar den Ort auf dem Schirm, kannten ihn von Spaziergängen oder vom Radfahren. Aber das ist etwas anderes als in eine zuvor unbekannte Halle zu gehen. Da gab es einen schönen Überraschungseffekt für viele Gäste, glaube ich. Es war aber auch sehr schön, an dem Abend mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen. Für eine Menge Gäste war halt vieles neu und so entstand das Bedürfnis, in Austausch zu kommen, viel mehr als auf aktuellen Elektronächten. So konnten wir Feedback bekommen, kritische und konstruktive Anmerkungen, und entsprechend das Konzept leicht anpassen. Diese menschliche Seite ist sowieso total wichtig für uns. Und umso wichtiger, wenn man weiß, es gibt vielleicht Hemmungsschwellen bei den Leuten.“
Solche Partyreihen sind eine echte Bereicherung der Clubszene und im Zweifelsfalle muss auch die Frage erlaubt sein, inwieweit sich solch eine Idee auch losgelöst von einer Krise durchgesetzt hätte. Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, dass es auch nicht wenige Beispiele gibt für Venues, die selbst kaum von der Problematik betroffen scheinen. Das sind die schon eingangs angesprochenen Nischenclubs, die ein klar umrissenes Publikum ansprechen und dabei kontinuierlich erfolgreich sind, natürlich nicht ohne eine konstante Programmpflege. Ein Beispiel hierfür ist der „Mauerpfeiffer“ von Tim Grothe am Ludwigskreisel, der jetzt seinen 16. Geburtstag feiern konnte. Tim merkt nicht viel von einer Krise.
Tim Grothe: „Das ist eine Frage der Leidenschaft und wie weit man seine Seele verkauft hat oder nicht. Tatsächlich ist bei uns alles aus reinem Idealismus entstanden. Wir machen bis heute auch Partys, wo wir einfach drauflegen, aber das machen wir gerne. Denn haben wir Partys, die sind so erfolgreich, dass die vieles andere mittragen. Also das ist so ’n Mischkonzept. Das Geld steht eigentlich nie im Vordergrund, sondern eigentlich liegt der Fokus wirklich darauf, hier was Dauerhaftes anzubieten für die Saarbrücker, die halt eben gerne weggehen und dabei gerne gute Musik hören. Schon als ich das Ganze gestartet habe hieß es: Techno ist tot, das wird dein Bankrott und Ähnliches. Das hat mich aber damals schon nicht interessiert und tut es heute auch nicht, einfach weil wir Bock drauf haben und tun was wir tun aus Herzblut.
L!VE: Mit irgendwelchen Konzept-Experimenten ist also nicht zu rechnen?
Tim Grothe: „Nein, die Musik stand und steht ganz klar im Vordergrund. Wir haben ja auch noch nie Getränke-Specials angeboten. Klar machen wir auch mal neue Partys, zum Beispiel im Sommer im Garten als der fertig war, doch auch da ist einzig die Musik das Konzept. Die Uhrzeit wird bei uns nie zum Konzept, genau so wenig wie das Alter der Gäste. Wir haben eh ’nen sehr hohen Altersdurchschnitt im Gegensatz zu den meisten anderen Clubs und Diskotheken, würde ich behaupten. Wir haben sowieso immer mal Gäste die über 60 sind und selbst unsere Social Media Community hat ’nen Altersschnitt zwischen fünfundzwanzig und dreißig.“
L!VE: Also komplett problemfreie Zone am Kreisel?
Tim Grothe: „Wenn wir mit etwas hadern, dann mit Leuten, die sich nicht mehr für die eigentliche Musik interessieren, sondern nur für den Hype. Da steuern wir ein bisschen dagegen, z.B. mit unserem „Return to the Underground“. Da drehen wir ja den Spieß ja um, präsentieren neue Gesichter und Styles, sparen uns abgehobene Superstar-DJ-Gagen, machen den Einlass kostenlos und sagen: hört’s euch mal an und lasst euch drauf ein und zack, funktioniert das auch schon wieder – und oft sind tatsächlich die Partys mit den Unbekannteren die deutlich besseren. Dazu muss man natürlich eine renommierte Location haben und ein Raum sein, der ernst genommen wird. Die Leute sollten den Clubs ruhig mehr vertrauen können, einen gewissen Vertrauensvorschuss geben, und sagen, das wird ’ne coole Nacht und ich geh’s mir mal anhören. Eben nicht nur nach den Hypes schauen!“
Man muss aber kein international renommierter Elektroclub sein, damit das vermeintliche Clubsterben spurlos an einem Vorüber geht. Manchmal muss man einfach nur einen über Jahrzehnte bestens eingeführten Laden mit Charakter haben und sich und seinem Konzept treu bleiben. Genau das scheint im „Apartment“ in der Saarbrücker City der Fall zu sein. Seit sieben Jahren ist hier Thomas Morobel am Ruder und auch er ist kein Freund von Experimenten.
Thomas Morobel: „Bei uns ist es so: Wir haben es einfach nicht nötig – und es wäre beispielsweise ja auch gar nicht möglich tagsüber eine Party machen, weil im Gebäude Arztpraxen, Anwaltskanzleien und die Apotheke ist. Ich würde behaupten, dass ein Club wie das Apartment mit einem gesunden und gewachsenem Konzept, der muss keine neuen Zaubertricks erfinden. Wenn der Club gesund ist, gibt es keine Notwendigkeit dazu. Natürlich kann und sollte man sich ständig sich aktualisieren, aber der Club ist der Club und es ist so wie es ist. Man kann nicht jeden Tag dasselbe machen, muss aber auch mit der Zeit gehen und sich anpassen. Dabei muss man nur darauf achten, dass man sich treu bleibt.“
L!VE: Und das Publikum bleibt euch auch treu?
Thomas Morobel: „Wir haben immer neue Generationen, die kommen und gehen. Wir merken auch nichts davon, dass die Jüngeren wegen Covid verlernt hätten zu feiern, denn die Jungen bei uns haben so Bock, eskalieren richtig und schauen dabei auch nicht aufs Geld! Außerdem sind auch Gäste Ü60 jederzeit bei uns willkommen. Es gibt Abende, da sind vielleicht ein paar mehr Ältere da, an anderen Abenden sind es eher Jüngere, aber es ist immer bunt gemischt. Jeder ist willkommen. Kein Problem! Wir haben genug Konzepte für jede Art von Kunden, Also es ist für jeden was dabei, aber dabei muss man darauf achten, dass man sich treu bleibt. Das „Apartment“ realisieren wir jetzt seit insgesamt zwölf Jahren. In der Zeit ist unser Konzept einfach gereift. Natürlich gab es einfache und schwierigere Zeiten, aber ich sehe nicht die Notwendigkeit, jetzt ein neues „Apartment“ zu erfinden.“
Die Clubszene bleibt ein Labor der Gesellschaft
Die Club- und Diskothekenszene ist vielschichtig wie eh und je. Während viele zum Teil auch altgediente Institutionen zu Recht unter mitunter katastrophalen Rahmenbedingen klagen, scheinen andere kaum betroffen oder laufen so gut, dass sie die negativen Auswirkungen der geänderten Rahmenbedingungen kaum erreichen. Zumindest stellenweise steht die Szene unter Druck – aber sie zeigt auch enorme Wandlungsfähigkeit. Zwischen wirtschaftlichen Herausforderungen und kultureller Innovation entstehen neue Formate, Zielgruppen und Räume. Wer heute erfolgreich sein will, muss nicht nur Musik spielen, sondern mehr denn je Geschichten erzählen, Gemeinschaft stiften und neue Lebensrealitäten ernst nehmen. Die Nacht lebt weiter – manchmal schon am Nachmittag und nur für Silberfüchse.




