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Hauptsache Gudd Gess?

Speisegastronomie im Umbruch

Als Ende Mai in Saarbrücken das plötzliche Aus des Restaurants „Herzenslust“ im Nauwieser Viertel und das angekündigte Ende der „Bistronomie Jouliard“ auf dem Rotenbühl bekannt wurden, war die Verwunderung groß. Auch wenn beide Fälle nichts miteinander gemein haben, stellt sich die Frage, ob die Gastronomie im Saarland generell ein Problem hat.

In der saarländischen Gastronomie ist dieses Jahr vieles anders. Schon Beginn des Jahres mehrten sich die Befürchtungen, dass das Auslaufen der Corona bedingten Mehrwertsteuer-Absenkung nicht ohne negative Auswirkungen vonstatten gehen würde. Tatsächlich sah es damals so aus, dass sowohl Gäste wie Gastronomen die veränderte Situation überstehen würden. Das Verständnis für die nötig gewordenen Preisanpassungen, sowie das Fingerspitzengefühl der Wirte bei der Umsetzung gab Anlass zu Optimismus.

Jetzt allerdings, ein knappes halbes Jahr später, häufen sich Berichte von Gastronomen, die sich aus ihren eigentlich gutgehenden Geschäften zurückziehen. Darunter ist der Saarbrücker Wirt Florian Bassler von der „Ilse“ am Ilseplatz und Karl Fluhr vom „Jouliard“ in der Scheidter Straße, der gerade erst einen Bib Gourmand vom Guide Michelin bekommen hat. Die Liste von beliebten Lokalen verschiedenster Ausrichtung, die praktisch von jetzt auf gleich aufgegeben haben, wie das „Herzenslust“ am Nauwieser Platz oder „Chez Jérôme“ und „D’s Burgers“ in der Mainzer Straße, wird scheinbar immer länger. Andererseits machen aber im selben Zeitraum erfolgreiche Neueröffnungen von sich reden, wie das „Bar Centrale di Aromi“ im Unique Cube, oder schreiben ihre Erfolgsgeschichte fort, wie Jens Jakobs „Le Comptoir“ in der Nauwies oder das jetzt sogar mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Restaurant „Midi“ in Rohrbach mit Chefkoch Peter Wirbel.

Ist das alles nur eine Anhäufung von persönlichen Schicksalen, Stress mit Vermietern und Hauseigentümern, im Zweifelsfalle auch branchenüblichen kaufmännischen Fehlern, bis hin zur Verkettung einfacher Zufälle, oder zeigt sich hier eine echte Krise im System? Fordern die höheren Energiekosten, der permanent steigende Mindestlohn, das fehlende Personal und die wieder angehobenen Mehrwertsteuer jetzt ihren Tribut? Wir Saarländer sind stolz auf unsere kulinarische Errungenschaften, wie die meisten Michelin-Sternen pro Einwohner bis hin zur vielleicht besten Currywurst der Republik. Sollte uns diese mögliche Entwicklung eventuell doch die ein oder andere Sorgenfalte auf die Stirn zaubern und sei es nur um rechtzeitig dagegen zu wirken? Mehr ausgehen, essen und trinken sollten wir zur Not doch noch hinkriegen oder anders gesagt: gudd gess hann mir schnell!

Aber bevor jetzt überall die Alarmglocken schrillen, sollten wir auf jeden Fall die Situation mal gründlich in Augenschein nehmen. Entsprechend haben wir mit denen gesprochen, die es wissen müssen, und bei bekannten Chefs und Betreibern nachgehört, wie es um ihre Erfahrungen und Einschätzungen zur Situation der Speisegastronomie im Saarland aussieht und wo die Reise ihrer Meinung nach hingeht.

Obwohl Florian Bassler, ehemals „Ilse am Ilseplatz“, schon zu Jahresbeginn als Erster für 2024, seinen Ausstieg aus der Gastronomie bekannt gab – und das bei wirklich gut laufenden Geschäften. Seine Beweggründe lagen nicht in einer Krise der Branche, sondern waren ganz persönlicher Natur:

„Als ich 2018 den Laden übernahm, war der relativ weit unten. Ich habe mir ein paar Ziele gesetzt und gesagt, ich will aus dem Laden einen gemütlichen Ort schaffen, der wieder funktioniert. Die Ziele hatte ich dann irgendwie erreicht und hätte mir neue setzen müssen. Dazu hatte ich aber nicht mehr die Energie und hab‘ dann gesagt, komm‘, ich bin hier auf dem Höhepunkt und habe meine Ziele erfüllt. Damit bin ich glücklich und jetzt kann ich aufhören.“

Doch natürlich hat er weiterhin Einblick in die Branche und Kontakt zu befreundeten ehemaligen Leidensgenossen. Er sieht die fast gleichzeitigen Schließungen eher zufallsbedingt: „Natürlich hat es die Gastro nicht einfach. Ich höre, dass für viele gerade im Moment tatsächlich das Personalthema das Anstrengendste ist, was mich auch damals zum Teil dazu bewogen hat, aufzuhören. Die Personalproblematik, genauso wie die Energiekosten, das ist schon ein Problem. Das kann man auch nicht ganz von der Hand wischen. Allerdings hat der ja nicht nur die Gastronomie mit zu kämpfen.“

Und er sieht noch eine weitere Ursache für geschäftlichen Unbill, die allerdings auch nicht für einen aktuelle Fehlentwicklung spricht, sich zudem aber kaum abstellen lassen wird: „Jeder Gastronom mit einer Außenbestuhlung jammert im Moment auch über das Wetter. Zu Recht. Der Sommer ist eigentlich dafür da, um den Winter aufzupuffern. Und das fehlt im Moment. Ein guter Laden läuft ja auch, wenn das Wetter nicht so gut ist. Nur wenn du jetzt beispielsweise so einen Laden wie die Ilse hast, bist du auf das Sommergeschäft angewiesen. Das ist wie mit einer Eisdiele. Du hast im Sommer deutlich mehr Umsatz, doch den brauchst du, um den Winter zu überstehen. Aber das Wetter ist ja wirklich nur ein Luxusproblem und nicht ein Grund, dass im System irgendwas faul wäre.“

Ein grundlegendes Problem kann auch Jens Jakob vom „Le Comptoir“, der mit seinen Restaurants „Le Noir“ und „JJ“ in der Vergangenheit wiederholt zwei Michelin-Sterne erkocht hat, nicht entdecken. Bei ihm ist von Krise keine Spur: „Ich habe nichts gemerkt davon. Also ich muss sagen, ganz im Gegenteil, ich habe sogar Zugewinne im Vergleich zum letzten Jahr und hatte wirklich fantastische acht, neun oder zehn Monate jetzt. Liegt zum Teil auch daran, dass ich mein Restaurant jetzt voller mache, aber trotzdem merkst du einfach, es läuft eigentlich besser. Und um das voller zu machen, muss ja auch das Interesse der Leute da sein. Das war zwar vorher mit Sicherheit schon da habe ich halt nur immer Stopp gesagt. Genau. Und jetzt? Jetzt mache ich jeden Tisch voll. Trotzdem ist die Nachfrage enorm, muss ich ehrlich sagen. Also ja, es ist definitiv stärker als noch vor der Umsatzsteuer Erhöhung.“

Schwierigkeiten in der Branche sieht er allerdings eher hausgemacht und eher in den wirklichen Großstädten: „Was ich viel mitbekomme sind Probleme in Berlin. Da geht es halt mancherorts bergab wie Wahnsinn, was in erster Linie an einem Überangebot besonders im gehobenen Bereich liegt. Da liest du von Konzeptumstellungen und sogar von Versuchen die Sterne loszuwerden. Es wird alles Mögliche versucht, mit ungewissen Resultaten.“

„Es gibt auch zu viel Internet“

Peter Wirbel, dessen Restaurant „Midi“ in St. Ingbert-Rohrbach gerade mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde, kann sich auch nicht beklagen: „Ich glaube, manchmal will man zu viel und verwirrt die Gäste ein bisschen mit zu viele Karten, zu viele Aktionen. Es gibt eben auch zu viel Internet! Seit wir den Stern haben, ist es so, dass wir jetzt halt auf längere Zeit ausgebucht sind als vorher, wobei unsere Auslastung auch zuvor schon sehr gut war. Wir konnten jetzt natürlich schon an ein paar Schräubchen drehen, sind beispielsweise noch ein bisschen aufwändiger geworden im Amuse-Bereich. Das wollte ich bereits die ganze Zeit schon umsetzen, nur hat da die Manpower gefehlt. Jetzt waren wir in der Lage uns zu verstärken und können wir die Dinge umsetzen, die vorher nicht möglich waren.“

Als Grundlage für gastronomischen Erfolg sieht Wirbel prinzipiell sogar einen Standortvorteil im Saarland, da hier bekanntermaßen eine solide Wertschätzung für gutes Essen herrscht, unabhängig nötigen Preisanhebungen wegen Steueranhebungen und gestiegenen Produkt-, Personal-  und Energiekosten: „Die saarländischen Gäste, und das muss man halt auch genauso sagen, sind immer noch bereit, für gutes Essen auch immer noch gutes Geld zu bezahlen. Da haben wir das Glück, dass wir hier in der Region diese Esskultur irgendwie in uns drin haben. Das ist auch genau mein persönliches Ding. Ich gebe lieber ein, zwei Euro mehr aus und habe dafür aber eine wirklich gute Qualität. Das muss auch gar nichts Übertriebenes, kein Drei-Gänge-Menü sein. Wenn ich in der Stadt unterwegs bin und Hunger habe, dann hole ich mir halt eine Pizza vom „Gotti“ oder gehe zum „Kalinski“. Ganz einfache aber superleckere Sachen, die vielleicht 50 Cent mehr kosten, aber trotzdem preiswert, im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Einstellung findet sich bei immer mehr Gästen, die für ein stimmiges Angebot im Zweifelsfalle auch bereit sind, ein paar Meter zu fahren. Manchmal staune ich schon, wenn ich nachhorche, wo die Leute herkommen. Und das gilt für alle sozialen Schichten. Früher waren es eher Gutbetuchte oder Akademiker, die mal ein Sternerestaurant ausprobiert haben, das hat sich gewandelt, was ich sehr cool finde.“

Jens Jakob sieht die Preisgestaltung beim „Fine Dining“ aber auch kritisch: Für mich ist die Ursache für Probleme Einzelner in der Branche auch ganz klar die Kostenentwicklung für den Gast. Wenn du dir anschaust, dass ich früher mit zwei Sternen das Menü für 129 Euro verkauft habe, der Gast aber heute unter 250 Euro kein Zwei-Sterne-Menü mehr kriegt, ist das schon problematisch. Ich finde, das ist etwas zu viel geworden. Muss es denn immer Hummer und Kaviar sein? Können wir nicht auch anders kochen? So wie jetzt ist, ist es echt schwierig. Es sind einfach zu hohe Betriebskosten, zu hohe Personalkosten, fertig, aus. Das rechnet sich für viele einfach nicht mehr.“

„Sorry, aber in ganz Deutschland will keiner mehr arbeiten“

Was diese Branche mehr als andere auszeichnet, sind die enormen auch persönlichen Belastungen, denen sich Gastronomen tagein tagaus stellen müssen, von den Arbeitszeiten bis hin zur Komplexität des Jobs. Alles Faktoren, die viele Gäste gar nicht sehen und die die Ursache für so manche Geschäftsausgabe sein können. Jens Jakob spricht auch hier Klartext: Es versteht auch keiner diese Opfer, die wir in der Gastronomie bringen, Und dann kriegst du noch gesagt: Du hast dir doch ausgesucht. Ja, schon, wir leben aber heute in einer ganz anderen Zeit. Sorry, aber in ganz Deutschland will keiner mehr arbeiten. Und von uns verlangt man immer noch von mittags und abends bis nachts 70, 80 Stunden die Woche zu rackern. Und das höre ich von allen Kollegen raus!“

Ganz ähnlich beurteilt Florian Bassler die Situation, auch aus eigenen Erfahrung: „Als inhabergeführtes Restaurant ist es halt super aufwendig und super schwierig. Dazu kam, dass es mir immer schwergefallen ist, selber nicht vor Ort zu sein, weil ich immer gerne da war und immer gerne 80 % Stammkundschaft hatte. Ich kannte die mit Namen, ich wusste, was die trinken und was die essen. Aber so einen Zeitaufwand über so viele Jahre zu betreiben ist super schwierig.“

„Das ist die alte Leier,“ ergänzt Jens Jakob „,die Familienbetriebe laufen. Wo Herzblut hinten dran steckt, wo der Gastgeber eine Persönlichkeit ist, die Gäste begrüßt und einfach nett ist. Es geht nur noch um die Person. Wer empfängt sich da? Wer ist der Gastgeber. Der Chef im Haus ist immer wichtiger!“

Alles Belege dafür, dass die Gastronomie alles andere als eine einfach Branche ist. Unterm Strich lässt sich aktuell kein systemisches Problem der Speisegastronomie erkennen – Gott sei Dank! Aber ganz offensichtlich sind die Anforderungen gerade in letzter Zeit um einiges schwieriger und vielfältiger geworden und dies auf dem Hintergrund der bekannt schwierigen Kostenentwicklung. Eine Lehre daraus fasst Peter Wirbel zusammen: Viel, wenn nicht alles, hängt von den individuellen und unverwechselbaren Angeboten der einzelnen Lokale ab, was die anbieten, wie sie es anbieten. Und ich glaube, wenn man sich wirklich aufs Wesentliche fokussiert, und das ist in erster Linie immer das Kochen, dann hat man mehr als nur eine Chance. Die Gäste kommen in erster Linie wegen des Essens, wollen dann natürlich noch einen tollen Wein und tollen Service dazu haben, was eben auch einen ultragroßen Stellenwert hat. Ich glaube, wenn man sich aktuell darauf am meisten konzentriert und dann abliefert, dann hat man gute Chancen, dass es gut läuft. Eigentlich ist es ganz einfach: das Wichtigste, was wir in der Gastronomie machen müssen, ist den Leute einen Grund zu geben, uns zu besuchen und sie dann davon zu überzeugen, dass die Gäste uns auch wieder besuchen.“

Mogli meets Mozart

Das musikalische Ausnahmetalent von Phil Wright versetzt in letzter Zeit ein immer größer werdendes Publikum in Staunen und Begeisterung. Derart virtuoses Gitarrenspiel – und das in so jungen Jahren – ist mehr als rar gesät und wenn er noch jünger wäre würden alle unausweichlich vom Wunderkind reden. Mit seinen eigenen Bands JungleTrack, Phil Wright Blues Band und als Gitarrist von Tiavo beeindruckt er inzwischen auch überregional – und sieht dabei auch noch umwerfend aus.

Der junge Mann, in dessen Pass noch Philipp Hinsberger steht, kommt ursprünglich aus dem schönen Dirmingen bei Eppelborn. Dort ist der 21jährige ganz normal aufgewachsen, in den Kindergarten und zur Schule gegangen und war zumindest bis zum sechsten Lebensjahr Jahr nicht weiter verhaltensauffällig – dann bekam er seine erste richtige Gitarre geschenkt. Ein Freund seiner Eltern, die saarländische Musikerlegende Gerd Schneider, setzte diese Initialzündung, denn vom Vater hätte es eher ein Blasinstrument gegeben. Schließlich hatte der sich lange vor Phils Geburt im örtlichen Musikverein an der Trompete abgearbeitet, was glücklicherweise ohne Einfluss auf den Jungen fehl blieb. Auch ansonsten konnten die Eltern in Sachen Musikalität nicht viel beisteuern, dafür verdankt er seiner Mutter ganz offensichtlich sein blendendes Aussehen. Die hat sein Vater nämlich dereinst in Bali kennengelernt und im zweiten Anlauf mit ins Saarland gebracht.

Nicht ganz so exotisch ist seine Musikvorliebe, denn sein Herz und sein Talent gehören ganz eindeutig dem Rock, genauer gesagt dem Bluesrock, gerne auch etwas progressiver. Allein das ist in seinem Alter schon bemerkenswert, denn dieses Genre wird bevorzugt von Menschen gefeiert, die meistenteils ihre Berufstätigkeit schon hinter sich gelassen haben. Auch die zunehmende Annäherung an den Jazz verspricht hier keine Besserung, einzig der Umstand, dass er seit Ende 2023 auch in der Crossover Band Tiavo für den guten Saitenklang zuständig ist, könnt ihr ihm bei Gleichaltrigen ein paar Probs einbringen. Die sammelt er aber garantiert auch als Gitarren-Lehrer, denn seit letztem Jahr schauen ihm in der Homburger Learn To Rock Musicschool ein knappes Dutzend Schüler auf die hochbegabten Fingerchen.

Ganz offensichtlich ein junger Mensch mit vielen Talenten, wobei das Autofahren wohl nicht so ganz dazugehört. Immerhin hat er die theoretische Prüfung seines Führerscheins längst bestanden, nur praktisch wollte ihm das bis jetzt noch nicht gelingen. Blöderweise ist ihm dann auch noch das Geld ausgegangen, um es gleich nochmal zu versuchen. Aber da seine Musikerkarriere jetzt ja richtig durch die Decke geht, dürfte das kein Problem mehr sein, eher schon die fehlende Zeit. Also decken wir den Mantel des Schweigens über dieses heikle Thema und fragen erst mal ganz unschuldig was Musikalisches.

L!VE: Wie war das mit der ersten Gitarre?

Phil Wright: Die hatte ich mir zu Weihnachten 2009 gewünscht. Ich hatte tatsächlich vorher mit vier Jahren auch schon eine, die hatte mir Gerd Schneider, ein Freund meiner Eltern, geschenkt. Das war aber nur so eine kleine mit Nylon Saiten, mit der ich noch nicht viel anzufangen wusste. Ich fand es dann cooler, an den Stimmwirbeln so lange zu drehen, bis die Saite gerissen ist. Da habe ich noch gar nichts gespielt. Das hat sich dann mit der ersten richtigen, einer akustischen mit Stahlsaiten geändert. 2010, ich war noch nicht ganz sieben, da habe ich meinen ersten Unterricht in Eppelborn. Aber nebenbei habe ich mir immer wieder was beim Gerd Schneider abgeguckt.

Der Kontakt zu Gerd Schneider scheint richtungsweisend gewesen zu sein.

PW: Auf jeden Fall. Die Einflussnahme von Gerhard Schneider begann eigentlich schon, als ich zwei Jahre alt war. Der hat mich und bei meinem ganzen musikalischen Werdegang begleitet hat, bis er 2018 verstorben ist.

Wann wurde es elektrisch?

PW: 2011, als ich acht Jahre alt wurde, da kam dann die erste elektrische Gitarre. Das war so eine Stratocaster SX, noch keine Fender, soweit war es auch noch nicht. Mit der hatte ich sogar nach kurzer Zeit die ersten Special Guest Auftritte in der ein oder anderen Kneipe, wo ich ein paar Songs mitgespielt habe. Immerhin war ich gut genug, um die Rhythmusgitarre mitzuspielen.

Was waren dann die ersten Bands?

PW: Ich war in diversen Konstellationen unterwegs und kann sie gar nicht mehr alle nennen. Eine hatte so einen sehr speziellen Namen, Muschi Bande haben sie sich genannt, das weiß ich noch. Das ging eher so in Richtung Punk. Dann gab es da unter anderem noch Voodoo Jack, ein Cover Projekt mit Patrick Horn, den kannte ich aus frühester Kindheit, und einige mehr. Alles Bands, wo ich dann immer wieder mal dabei, aber nie so wirklich richtig drin, war. Eben immer nur so als Gast. Meine erste wirklich eigene Band, die ich selber gegründet habe,  war 2018 The Gypsies, die ich mit dem Drummer Patrick Horn und der Bassistin Vanessa Klinkner startete. Wir hatten uns über diverse Musikschulprojekte kennengelernt. Die Gypsies sind dann entstanden unter dem Vorwand, Hendrix Sachen so zu spielen, dass sie sich einigermaßen passabel anhören. Ich fand nämlich die meisten anderen Cover-Konstellationen, die das in Angriff genommen hatten, nur so semi-gut.

It’s all about the girls

Und wie entstand dann die Phil Wright Blues Band

PW: Die Phil Wright Blues Band entstand, als das mit The Gypsies nicht mehr lief. Bei mir ist alles irgendwie mit allem verbunden, das ist das Coole. Also, der Reihe nach: ich kam irgendwann mit unserer Bassistin Vanessa zusammen. Das hat dann aber doch nicht so gut funktioniert und irgendwann war Vanessa dann raus und Jan Weyhrich übernahm am Bass. 2019 hatten wir einen Auftritt auf einem Festival als sich herausgestellt hat, dass Patrick Horn ein bisschen unzuverlässig war und so kam Tim Korycki ans Schlagzeug, der bis heute an meiner Seite spielt. 2021 hatten wir das Experiment gewagt einen Saxophonisten, Pedro Panesso von der Musikhochschule Saar dazu zu nehmen, weil wir ein bisschen progressiver sein wollten. Dann verließ uns der Bassist wegen „kreativer Differenzen“ und auch der Saxophonist hatte keine Lust mehr. Da waren es nur noch Tim und ich und das war dann der Moment als Klaus Blindle als Bassist zu uns stieß. Fertig war die Phil Wright Blues Band. Die Connections von Klaus und sein kaufmännisches Geschick haben uns, neben aller Musikalität,  dann echt genutzt. Den ersten Gig hatte ich noch selbst klar gemacht, aber durch Klaus sind wir dann viel rumgekommen, was auch finanziell nicht schlecht war. Da bin ich dem Klaus dankbar, dass er das irgendwann übernommen hat.

Wie kam es zu dem Namen?

PW: Phil Wright ist einfach entstanden, weil er gut klingt und weil ich einen Nachnamen gesucht hat, der besser zu meinem Vornamen passt. Und da dachte ich an Leute wie Richard Wright von Pink Floyd oder Eugene Wright, der Bassist von Dave Brubeck. Und ich fand den Nachnamen einfach cool.

Du studierst mittlerweile an der Musikhochschule. Ab wann war Dir klar, dass Musik auch beruflich Dein Leben bestimmen wird ?

PW: Als ich abends nach meinem Praktikum bei einem Baustoffhändler nach Hause kam und gemerkt habe, dass ich gar keinen Bock mehr habe, die Gitarre in die Hand zu nehmen. Ich dachte mir, wenn ich nach so einem Arbeitstag keinen Bock mehr habe, Gitarre zu spielen, dann muss ich was ändern. Dann muss das Instrument mein Hauptding werden, denn bevor ich das vernachlässige, wegen irgendeines 08/15-Jobs, werde ich lieber Musiker.

Und im Fokus dieses Musikers liegt aktuell ganz eindeutig die Band JungleTrack?

PW: Ja, klar, und Tiavo. Aber Jungle Track war schon mein Hauptding, weil wir da eigenes Material spielen. Also wenn wir Cover spielen, dann um live unser Set zu füllen, wie jetzt zum Beispiel beim Stadtfest in Kusel. Aber im Grunde haben wir schon für eine Stunde Material an eigenen Songs.

Stimmt, Du gehörst ja jetzt auch zu Tiavo?

PW: Und nicht nur ich. Xaver, der Producer, den kannte ich durch eine Jazz Session, hat mich gefragt, ob ich ins Studio kommen will. Das hab‘ ich dann auch gemacht, muss aber gestehen, dass mir zu dem Zeitpunkt nicht wirklich der Stellenwert von Tiavo klar war. Ich hätte mir nicht denken können, dass die damals die Kufa ausverkauft hatten. Ich ging also zum ersten Treffen ins Studio, mir ein paar Sachen anhören und so. Hab‘ dann aber schon bei diesem ersten Treffen gleich Sachen eingespielt. Und dann kamen Stück für Stück der Tim dazu und später auch Gabriel, beide von JungleTrack dazu. Und ehe man sich versah, war meine komplette Band die Liveband von Tiavo.

Apropos live, wie wichtig sind Deine Live-Auftritte für Dich?

PW: Auf jeden Fall sehr, sehr wichtig. Also vom Geschäftlichen her ist natürlich Social Media und Studioarbeit auch wichtig. Ich war und bin auch immer noch der Meinung, werde es auch immer sein, dass ein guter Musiker sich daran zu erkennen ist, dass er live besser ist als im Studio. Und deswegen wird live für mich immer das Wichtigste bleiben, weil du kaum besseres Feedback bekommen wirst, als wenn du live vor ich weiß nicht wie viel Leuten spielst. Es muss sich live auf jeden Fall anders bzw. besser anhören als im Studio. Dadurch, dass man halt diese Atmosphäre hat und wenn man wirklich ein guter Musiker ist, wird sich das dann auch besser anhören.

Alle Deine eigenen Projekte kommen aus dem Bereich Rock, bzw. Blues-Rock, mal mehr mal weniger progressiv. Wie kam es dann jetzt zusätzlich auch noch zur Hinwendung zum Jazz?

PW: Irgendwo muss man ja musikalisch weitermachen. Also ich stell mir das wie so eine Weggabelung vor, wo ich mich entscheiden könnte, ob ich jetzt einen auf Prog-Metaller machen will, der viel fudelt, oder ob ich in die jazzige Richtung möchte. Durch Musiker wie Frank Zappa begann ich mich auch für Jazz-Fusion zu interessieren. Letztendlich wollte ich ja, dass mein musikalischer Werdegang nicht nach der Schule aufhört und damit ich das weiterhin so ausleben kann, wie ich das bisher gemacht habe, habe ich das Studium angefangen.

Glaubst Du da man in Deinen anderen Konstellationen den Jazz-Einfluss raushören kann?

PW: Es kommt drauf an, wie man es macht. Wenn man es so macht, wie ich das mache, dann ist es das ein und selbe Ding. Und wenn man es macht wie jemand, der sehr, sehr traditionell spielen will, dann ist es natürlich was anderes. Wahrscheinlich werde ich ein paar Kompositionen etwas traditioneller spielen, aber letztendlich, es ist ja alles Musik. Aber es wird schon noch was kommen, besonders ein Song, wo es mehr „jazzig“ ist. Dazu kann ich aber jetzt noch nicht mehr verraten.

L!VE: Spielst Du da etwa auf das kommende JungleTrack-Album an. Wie weit seid ihr da?

PW: Wir sind schon längst fertig. Das Album kommt auf jeden Fall dieses Jahr, wahrscheinlich sogar noch vor der Tiavo-Tour. Wir haben ja auch schon einzelne Tracks raus gebracht, allerdings ohne explizit darauf hinzuweisen, dass die vom Album sind, aber man wird es beim Release wieder erkennen. Das Ding ist, die vier Singles, die bis jetzt veröffentlicht sind, die sind alle in dem Album drin, aber die Albumversionen unterscheiden sich schon, beispielsweise ist hier oder da ein Solo länger.

Das klingt doch spannend. Einstweilen besten Dank für Deine Zeit und viel Glück beim Führerschein.

Phil Wright im Internet: @_phil_wright_  @_jungletrack_  @tiavo66  @phil_wright_blues_band

Die nächsten Konzert-Termine mit Phil Wright:

01.06. Phil Wright Blues Band – Jochems Kneipe, Riegelsberg

08.06. JungleTrack – Stadtfest Kusel

ab 04.09. Tiavo – Absolute Gewinner Tour

WAS FÜR EIN THEATER

Perspectives 2024 – ein ganz besonderer Jahrgang

Das Festival Perspectives gehört ohne jede Frage zu den interessantesten kulturellen Errungenschaften unserer Region. Das gilt selbstverständlich auch für die diesjährige Ausgabe, die unter denkbar widrigen Umständen an den Start gehen wird. Die frühere Festivalleiterin Sylvie Hamard trat vor schon vor rund einem Jahr zurück und im Herbst verließen mit Marion Touze und Martha Kaiser auch die beiden Stellvertreter die Perspektives. Die 45. Ausgabe muss daher erstmals ohne Leitung auskommen. Dass dennoch ein Event auf dem Niveau seiner Vorgänger realisiert werden konnte, ist vor allem zweierlei Umständen zu verdanken: dem Einsatz – und auch der Leidensfähigkeit – des aktuellen Rumpfteams und der ausgezeichneten Vorarbeit der alten Leitung bis zu deren Abgang. Das wirft einige Fragen auf, die wir der neuen Pressereferentin Frieda Maas stellen konnten.

L!VE: Hätten Sie sich träumen lassen, was in Ihrem ersten Jahr auf Sie zukommt?

Frieda Maas: Na ja, nicht ganz. Als gebürtige Saarbrückerin kannte ich das Festival natürlich. Ich habe auch schon in verschiedensten Funktionen gearbeitet, bin aber erst jetzt als vollwertige Referentin im Amt. Letztes Jahr war dieser große Umbruch, als mit Sylvie und dann Martha und Marion, praktisch alle Köpfe das Festival verlassen haben. Dass ich dann eingesprungen bin, war Zufall. Ich befinde mich eigentlich im Endspurt meines Studiums, mir fehlt praktisch nur noch die Abschlussarbeit, aber die habe ich jetzt kurzerhand in den Winter geschoben, einfach weil ich ein großer Fan des Festivals bin und mir dachte, tolles Angebot und noch mehr, eine super Chance!

L!VE: Abgesehen von den drei angesprochenen, wesentlichen Eckpfeilern, ist das Team unverändert geblieben?

FM: Das Team wechselt sowieso jedes Jahr ein bisschen durch. Es gab und gibt neben Marion und Martha nur ein paar Festangestellte, also zum Beispiel Célia Galiny, die jetzt für die Koordination zuständig ist und kommissarisch eben Marthas Stelle mit übernommen hat. Dann haben wir noch ein paar andere feste Köpfe in der Verwaltung und jedes Jahr viele Praktikanten in allen Bereichen. Dennoch insgesamt ein sehr kleines Team, auch wenn jedes Jahr ein, zwei neue Köpfe dazugekommen, wie jetzt beispielsweis Anna, die letztes Mal schon im Vorverkauf mitgearbeitet hat und den dieses Jahr leitet. Also, man findet sich immer wieder.

L!VE: Trotzdem war dieses Mal doch alles anders. Gab es da manchmal Zweifel, ob das unter diesen Umständen überhaupt zu stemmen ist?

FM: Viele der Produktionen, die wir einladen, muss man schon Jahre im Voraus anfragen und buchen. Das heißt, bis auf ein, zwei Programmpunkte und Teile des Musikprogramms war alles schon vorbereitet. Das geht auf Martha und die Leitung unter Sylvie zurück. Um ein paar kleinere Programmpunkte hat sich die Célia dann gekümmert. Das mit den Zweifeln ist dann immer so die Sache. Wir sind halt ein sehr kleines Team wie jedes Jahr. Das war ja auch das, was Martha und Marion zu Recht bemängelt und angemahnt hatten. Daran hat sich jetzt nach deren Weggang nicht viel verändert.

L!VE: Losgelöst von unglücklichen Bezeichnung „Interimsausgabe“ ist die Tatsache ohne echte Leitung agieren zu müssen, vielleicht auch eine Chance zu sagen, jetzt erst recht. Jetzt zeigen wir, was wir können?

FM: Anders wird es ab nächstem Jahr unter der neuen Leitung sowieso. Von daher haben wir dieses Jahr nichts zeigen müssen, da das Programm in wesentlichen Teilen nicht von uns gestemmt wurde, sondern wirklich auf das alte Team unter Martha und Sylvie zurückgeht.

L!VE: Zurück ins Theater. Auch dieses Jahr gibt es wieder neue, spannende Spielorte. Wie finden eigentlich Produktion und Location zueinander?

FM: Es kommt immer ganz darauf an, wie wie das Bühnenbild aussieht, welcher Platz benötigt wird und wie viel technisches Equipment. Das hängt von dem jeweiligen Stück ab, welcher Spielort sich am besten eignet. Zum Beispiel manche Stücke, wie das kleine Objekt-Theaterstück „Star Show“ der Compagnie Bakélite, das würde in einem großen Haus wie dem Staatstheater nie funktionieren, weil das Bühnenbild zu klein ist. Außerdem ist der Zeitpunkt mit entscheidend, also wie früh wir wissen, wann die Kompanien Zeit haben oder wann wir tatsächlich die Zusage von den Künstlergruppen bekommen? Und dann wiederum zählt die Frage, welche Spielorte sind überhaupt noch frei? Wir haben ja manche Kooperationspartner wie das Saarländische Staatstheater oder auch das Le Carreau in Forbach. Die haben ihre eigene Saison. Das bedeutet, wir müssen uns dann natürlich immer ein bisschen anpassen, was frei ist und eben auch, was das Stück hergibt. Das alles gilt natürlich auch für unsere drei neuen Spielorte, darunter die Kirche St. Jakob in Alt-Saarbrücken, die ein besonderes Highlight beherbergen wird.

L!VE: In jüngster Zeit kam immer wieder die Frage auf, ob die Perspectives 2024 zu unpolitisch seien…  

FM: Ja, das ist tatsächlich eine Kritik, die jetzt seit unserer Pressekonferenz des Öfteren kam, dass wir sehr zirkuslastig wären dieses Jahr, dass wir weniger Theater hätten. Ich habe mir das nochmal angesehen, weil ich der Meinung bin, das stimmt so nicht. Wir haben nämlich einmal das Eröffnungsstück. Das ist natürlich an sich Zirkusakrobatik, aber das hat auch sehr viele echte theatrale Elemente. Andererseits haben wir aber auch reines Sprechtheater, wie „Elles vivent“ das wir am letzten Tag zeigen. Dann haben wir noch „The Making of Berlin“ von Berlin, die ja schon mit „True Copy“ bei uns waren. Und schließlich noch „Hokuspokus“ das Masken-Theaterstück der Familie Flöz und das Objekt-Theaterstück „Star Show“ der Compagnie Bakélite, das ich gerade schon angesprochen habe. Das alles ergibt ein wie ich finde sehr ausgewogenes Programm. Es ist ja immer Auslegungssache, da viele von den Stücken ja sehr spartenübergreifend sind, sich nicht eindeutig kategorisieren lassen.

L!VE: Dass mit Berlin und der Familie Flöz gleich zwei Wiederholungstäter am Start sind, ist aber keine risikoscheue Entscheidung der Umstände halber?

FM: Nein, das würde ich so absolut nicht behaupten. Martha und Sylvie, haben immer so ein bisschen die Linie verfolgt, zu schauen, wie sich die Künstlergruppen mit den Jahren weiter verändern, um auch die natürliche Entwicklung, die diese Künstlergruppen mit ihren verschiedenen Werken durchleben, zu zeigen. Und gerade die Familie Flöz, die zugegebenermaßen schon sehr oft bei uns waren, hat das Publikum jedes Mal begeistert. Ja, wieso sollte man solche Publikumslieblinge also nicht mehr einladen?

L!VE: Für viele ist das Gastspiel von Meute das größte Ausrufezeichen im Programm. Diese Kooperation mit den Musikfestspielen Saar ist schon außergewöhnlich.

FM: Ja sicher, aber ich finde, das passt sehr gut in unser Programm. Wir haben ja oft sehr viel alternative, junge französische Künstler zu unserem Musikprogramm eingeladen. Und bei Meute ist es wirklich ein bisschen zielgruppenübergreifend, denn die bedienen ja wirklich Leute von bis. Wir sind wirklich froh, dass wir mit den Musikfestspielen kooperieren können, da die Zielgruppen mit unseren in etwa übereinstimmen. Es war praktisch ein Perfect Match, da zusammenzuarbeiten.

L!VE: So turbulent wie die vergangenen Monate waren, setzt mit dem Start des Vorverkaufs jetzt eine gewisse Erleichterung ein?

FM: Ja klar. Mit der der Veröffentlichung des Programms ist uns der erste Stein vom Herzen gefallen. Allerdings ist es so, dass unser Vorverkauf dieses Jahr ein bisschen speziell ist. Wir hatten sonst immer am St. Johanner am Markt ein Ladenlokal für die die Festivalsaison angemietet, wo immer drei Personen an sechs Tagen die Woche vor Ort für die Leute da waren. Wir haben damit supergute Erfahrungen gemacht und hätten wir das gerne beibehalten, aber auch das geht dieses Jahr einfach aus Personalmangel nicht. Wir haben eine Telefonhotline und Infostände, also für die Programmberatung, unter anderem im Kulturpoint neben dem Kulturcafé, aber eben keine Verkaufsstelle mehr. Das muss jetzt der Webshop übernehmen.

L!VE: Ab nächstes Jahr leitet Kira Kirsch das Festival. Was hältst du davon?

FM: Im Endeffekt war es eine politische Entscheidung, mit der wir als Team ja nichts zu tun hatten. Sie hatte bei ihrer Bewerbung ein Konzept vorgelegt, dass was wir im Nachgang auch angucken konnten. Alles sehr ambitioniert und tolle Ideen, die sie da einbringen will. Natürlich auch mit ihrer eigenen Handschrift, aber wer würde das schon machen und so ein Festival einfach so lassen, wie es ist. Aber in welche Richtung sich das bewegt bleibt vorerst offen. Die Spekulationen sind ja auf jeden Fall da. Sie hat ja viel mit der freien Szene gearbeitet und ist es gewohnt, ohne festen Spielort ein Programm zu konstruieren und auf die Beine zu stellen. Sie wird mit ihren eigenen Visionen da ran gehen, was klar ein Umbruch sein wird, aber das kann ganz spannend werden.

L!VE: Abschließend nochmal zurück zum diesjährigen Programm: was sind denn Ihre ganz persönlichen Favoriten?

FM: Mein persönliches Highlights von den Gastspielen sind „Hokuspokus“ und „Making of Berlin“. Und vielleicht auch „Armour“, eins von den drei Stücken, die in der Kirche St. Jakob spielen, was von der Thematik vielleicht ein bisschen gewagt ist, das in einer Kirche zu spielen. Ein tolles Stück voller Selbstironie. Aber unterm Strich bleibe ich bei „Hokuspokus“

L!VE: Vielen Dank für das Gespräch und starke Nerven für die nächsten Wochen!

LONDON CALLING

Seit mehr als 40 Jahren im In- und Ausland gefeiert: The Apemen. Und 2024 wird weiter durchgestartet!

Die nächsten Konzerte stehen in London und Berlin an, im Sommer warten Gigs in den USA und neue Songs gibt es auch noch dieses Jahr.  Seit 1992 sind die Apemen ein echtes Band-Phänomen, nicht nur in der Mod-Szene. Ein Stück weit Propheten im eigenen Land zerlegen sie dennoch auch beim Nauwieser-Viertelfest zuverlässig die Hauptbühne und kommen jetzt als Headliner zum „Kein Bock auf Hass“ Festival im saarländischen Ormesheim. Vorab trafen wir Sänger Tom und Gitarrist Brix auf ein Kaltgetränk und einen Salat und reden auch über Liam Gallager und die Tierschutzpartei.

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Die Musik und der Look der Apemen, die sich übrigens nach dem Track „Apemen“ der Kinks benannt haben, können nur als 100% lupenrein British Mod beschrieben werden. Dabei sind sie tief verwurzelt im Stil früher britischer R&B und Beat Bands, allerdings ohne den Blick immer nur in die Vergangenheit zu richten. Neben ganz wenigen Coverversionen, bestehen ihre Sets nämlich im Wesentlichen aus eigenen Tracks, durchaus auch mit Punkrock-und Powerpop-Einflüssen. Von Beginn an verstanden sich Sänger Tom Platte, Gitarrist J. B. John, Bassist „Nuss“ und Schlagzeuger Jean-Marc nicht als Studio- sondern vor allem als Live Band, was ihnen bei ihrem Publikum den Beinamen „Mad Chimpanzees on Speed“ einbrachte. Daran änderte auch 1997 ein Wechsel an Gitarre (Markus Brixius) und Schlagzeug (Thommy Rau) sowie eine Schaffenspause von 2004 bis 2013 rein gar nichts.

Schon 1993 unterzeichneten The Apemen einen Vertrag mit dem englischen Independent-Label „Detour Records“ und bringen in der Folge ihr erstes Album „Phantacity“ heraus. 2015 releasen sie ihr erstes Live Album „Live at Das Modul“ und erst letztes Jahr im September sind sie neben Acts wie Style Council, The Charlatans, Kula Shaker und Fine Young Cannilbals auf dem Sampler „Into Tomorrow“ vertreten. Eine Vielzahl von großen und kleinen Tourneen führt sie bereits seit den 90ern neben zahllosen UK-Gigs auch durch Italien, Spanien, Österreich und Belgien. The Apemen ist die einzige Band, die auf allen bisherigen Modstock-Festivals (1994, 2004, 2014) aufgetreten ist, doch die Jungs sind eher stolz darauf, dass z.B. bei einem ihrer Konzerte im Londoner „100 Club“ fast alle Mitglieder der Britpop-Band Blur vor ihrer Bühne feierten und sich nach der Show mit Merch eindeckten. Oder Sänger Tom mal dafür gesorgt hat, dass Liam Gallagher bei einer After-Show-Party Einlass fand oder dass Phil Collins mal alle Kosten für Flug und Übernachtung nebst 200 Pfund Taxigeld aus eigener Tasche zahlen wollte, nur weil die Apemen ein Konzert eigentlich eher nicht spielen wollten.

Die Verbundenheit der Affenmänner untereinander zeigt sich schon in deren Herkunft. Tatsächlich stammen alle Mitglieder der Apemen, auch ehemalige aus Saarbrücken, strenggenommen sogar alle aus dem gleichen Postleitzahlbereich: Nur Frontmann Tom macht da eine Ausnahme, denn nur er kommt vom Rodenhof. Dort soll er sich üblen Nachreden zufolge auch bereits eine Grabstätte gesichert haben, aber das hat noch Zeit und so lange beschäftigen wir uns erstmal mit den Anfängen der Band.

L!VE: Als ich Dich, Tom, das erste Mal wahrgenommen hatte, trugst Du noch ein Beatles „Let it be“ T-Shirt. Ganz platt gefragt, warum wird man denn Mod?

Tom Platte: Eins ist klar, man verliebt sich ja nicht nur in die Musik, sondern auch in die Ausstrahlung einer Band, was ich mir bis heute erhalten konnte. Also ich behaupte mal, dass in den 80er Jahren die Bands auch die 60er Jahre als Vorbild haben. Joy Division, Feargal Sharkey und und und …“ Und ich bin immer ins Octopus im Viertel gegangen, weil da Punk und die Stray Cats gespielt wurden.

Und Markus, was für T-Shirt hast du so angehabt?

Markus Brixius: Gute Frage. Ich bin ja großer Simply Minds Fan. Das war, glaube ich, so mit eins in der ersten Bandshirts, das ich gehabt habe. Aber ich habe auch sehr früh Progressive Rock gehört, also Yes zum Beispiel und solche Sachen. Als wir angefangen haben, uns für Musik für unsere Bands zu interessieren, sind wir trotz allem alle immer wieder auf die 60er zurückgekommen. Um ein Beispiel zu nennen, die Simple Minds haben zum Beispiel mal „Summertime Blues“ in Wembley auf dem Nelson Mandela Konzert. Und irgendwann habe ich mir mal eine „The Who Platte“ gekauft, wo das auch drauf war und so habe ich „The Who“ entdeckt. Also es ging immer wieder irgendwie rückwärts. Immer.“

Tom: Aber man muss dazu sagen, dass ich bevor die Band zusammen kam ja vorher schon in der Sixties Szene war und schon Mitte der 80er in London unterwegs. Genau das war natürlich hilfreich, denn wen bietet man an, wenn man selbst eine Band hat nachher? Sich selbst natürlich, wenn man jemanden kennenlernt. So geht’s.

Habt ihr noch blutjung vor den Apemen in anderen Bands gespielt?

Brix: Johannes, Jean Marc, der Nuss, alles spätere Apemen, und ich, wir hatten eine Schülerband (Articull), die durch Zufall schon ihr zweites Konzert in der Garage auf der Hauptbühne gespielt hat. Das war so unser erster großer Auftritt und danach ging das aber irgendwie auseinander und alle außer mir sind Apemen geworden. Der Thommy hat dann auch noch bei auch noch bei Wolfchild und Spy vs Spy gespielt. Nuss bei Bronson Norris. Tom war vorher bei den Biting Butterflies, einer Sixties Garage Band.

Tom: Immerhin werde ich diesen Monat 60 Jahre alt. 60 Jahre Mods = 60 Jahre ich. Zeit Champagner zu kaufen.

Wenn man mal den einzigen Wechsels in der Besetzung  vernachlässigt, habt ihr eine sehr stabile Bandkonstellation.

Tom: Immerhin sind wir die einzige Band, die auf allen Modstock Festivals gespielt hat – und die einzige deutsche Band, die in England einen sehr guten Ruf hat. Wir haben mal parallel zu den „Toten Hosen“ in London gespielt. Die Toten Hosen hatten, glaube ich, 80 Zuschauer wir 240.

Liegt diese Konstanz vielleicht auch an einer gewissen Erdung, immerhin habt ihr alle noch ganz normale Berufe?

Brix: Das stimmt. Nebenbei mache ich noch irgendwas mit Medien. Und irgendwas mit Mod und Musik. Hauptsache man macht irgendwas. Und irgendwo muss ja auch die Kohle herkommen.

Was ist das dann für ein Gefühl wenn ihr von gefeierten Auftritten zurückkommt und wieder vermeintlich ganz normale Saarbrücker seid?

Tom: Furchtbar! Das haben wir schon öfter gehabt. Es ist wie eine andere Welt und wir kommen ja auch gut an, wenn wir unterwegs sind. Wir sind, glaube ich, vielleicht die Deutschen, die in England am wenigsten schlechte Erfahrungen als Deutsche gemacht. Aber das liegt an unserer Art, die vielleicht auch die saarländische oder sogar Saarbrigger Art ist. Aber vielleicht ist es gerade deswegen schön wieder nachhause zu kommen.

Brix: Also ich kann mich dem voll anschließen. Natürlich ist es cool, wenn man London spielt oder in Barcelona oder wo auch immer. Aber das Abenteuer an sich ist halt, auf Tour zu sein und dann nochmal zurückzukommen, da braucht’s schon ein bisschen Gewöhnung. Weniger, weil man jetzt als Geiler in London gespielt hat oder auf Tour war, aber Du sammelst ja in der Zeit viel mehr Eindrücke als bei zwei Wochen zuhause. Und die müssen sich erstmal setzen.

Gibt es einen Moment aus eurer Bandgeschichte wo ihr sagen würdet, das war das Highlight schlechthin?

Tom: Du wirst lachen, für mich waren das die Konzerte auf dem Max-Ophüls-Platz beim Naufest. Das war die Hölle, immer! Da kommen jedes Mal immer über 10.000 Leute zusammen. Das war schon geil!“

Brix: „Genau das würd‘ ich auch sagen. Wir haben zwar auch deutlich größere Konzerte gespielt, wie zum Beispiel auf dem Motorrad-Festival Glems Eck mit fast 40.000 Leuten. Das war auch legendär, vor allem auch weil wir da mal falsch gefahren sind und auf einer ganz engen Straße wenden musste, wo am Rand ein Motorrad am anderen stand. Hätten wir da eine Maschine berührt, hätte es eine Dominoreaktion gegeben und wir hätten ein echtes Problem mit den Rockern gehabt. Aber es gab schon ganz schön viele Momente, zum Beispiel die ersten Male im Ausland zu spielen, gerade in England. Da erkennen sie unsere Songs schon am ersten Takt und fangen gleich an zu tanzen und mitzusingen. Aber trotzdem ist es immer besonders heiß in der Heimatstadt zu spielen. Das ist klar!“

Tom: Wir sind halt auch immer froh, abends in unseren eigenen Betten zu liegen.“

Besten Dank für eure Zeit und wir sehen uns am 20.04. beim „Kein Bock auf Hass“ Festival in Ormesheim!

Weltreise zu Fuß

7.400 Kilometer hat der Saarbrücker Marc Hügel schon zurückgelegt, fehlen noch 15.000 Kilometer bis zum Ziel. Mit der Weltumwanderung zeigt der 44jährige, dass wir die Kraft haben, unsere eigenen Grenzen zu überwinden. Sein Ziel ist es, anderen Menschen in schwierigen und scheinbar aussichtslosen Lebenssituationen Mut, Kraft und Zuversicht zu schenken und sie zu motivieren, niemals aufzugeben.

Am 27. Juli 2022 begann Marc Hügel seine Reise, die ihn über 28.000 Kilometer um die Erde führen soll. Seine Route erstreckt sich über die vier Kontinente Europa, Australien-Ozeanien, Nordamerika und Asien. Jeder Kontinent wird eine besondere Herausforderung beinhalten, die es zu bewältigen gilt. Die Reise durch Europa brachte er Ende letzten Jahres zum Abschluss. Seine Route führte ihn 14 Monate lang durch die wesentlichen Gebirge des Kontinents, angefangen im östlichen Griechenland bis ganz in den Westen zur letzten kanarischen Insel El Hierro. Dabei legte er insgesamt 7.400 Kilometer zurück und überwand beeindruckende 240.000 Höhenmeter. Das entspricht in etwa der Strecke zwischen Paris und Mumbai sowie der 26fachen Besteigung des Mount Everest. Am 17. Oktober 2023 erreichte er den ersten bedeutenden Meilenstein seiner Reise und schaffte es erfolgreich, den gesamten Kontinent Europa zu Fuß zu durchqueren. Im November 2024 wird er den nächsten Kontinent in Angriff nehmen: Australien und Neuseeland. Dabei wird er als erster Mensch sowohl die Nord- als auch die Südinsel Neuseelands sowie das Australische Outback, eine der trockensten Regionen der Erde, durchqueren. Die Gesamtdistanz, die Marc dabei bewältigen muss, beträgt erneut rund 7.000 Kilometer, die er ganz alleine und ohne externe Unterstützung überbrücken muss.

Trotz einer traumatischen, gewaltbestimmten Kindheit und schweren Schicksalsschlägen im Laufe seines Lebens, war Marc Hügel in seiner Jugend erfolgreicher Leistungssportler im Rudern und trainierte am Olympiastützpunkt des Saarlandes. Der begeisterte Kitesurfer bestritt zahlreiche Marathonläufe. Seine Passion waren schon damals Fernreisen zu Fuß und mit dem Fahrrad. Im Jahre 2020 fuhr er 6.000 Kilometer mit dem Fahrrad vom Nordkap nach Gibraltar und legte als Wanderer über 10.000 Kilometer auf der ganzen Welt zurückgelegt. Daneben studierte er International Business Administration und verbrachte seine Auslandssemester in Madrid, Spanien, und Guangzhou, China. Nach erfolgreichem Abschluss seines Masterstudiums arbeitete er mehrere Jahre in der Unternehmensberatung im HR- und Restrukturierungsbereich. 2014 stieg er aus der Beratungsbranche aus und versuchte sich als Hotel- und Kite-Surfschulmanager in Ägypten und Sri Lanka. Der Erfolg scheiterte an der Corona Krise. Marc verlor dabei seinen letzten Cent. Seine berufliche und private Existenz lag am Boden. Dennoch verlor Marc nicht die Zuversicht, sondern raffte sich auf und suchte nach einer neuen Lebensperspektive. Daher weiß Marc, dass man den Lauf des eigenen Lebens selbst bestimmen kann, ungeachtet dessen, wie aussichtslos sich das Leben manchmal darstellt.

Erdnussbutter und Kartoffelpüree

Es gibt zwei Eigenschaften, die den Saarbrücker besonders auszeichnen. Das ist zum der starker Wille und zum anderen das Ausdauervermögen. Extreme und immer neue Herausforderungen sind für Marc der Brennstoff des Lebens. Er ist von der Faszination getrieben, in Gebiete aufzubrechen, die durch ihre Lebensfeindlichkeit das Leben in seiner reinsten Form erst erlebbar machen. Dabei ist er fasziniert davon, wie sich diese Expeditionen positiv auf seine Persönlichkeit auswirken und ihm langfristig die Chance bieten, die Welt aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Diese Erfahrungen haben ihn dazu inspiriert, etwas Außergewöhnliches zu tun, um Hoffnung zu verbreiten, insbesondere für Menschen, die sich in schwierigen und scheinbar aussichtslosen Lebenssituationen befinden. Er möchte diesen Menschen Mut, Kraft und Zuversicht schenken. Speziell Kinder und Jugendliche mit sozial schwachem Hintergrund und mit Gewalterfahrung innerhalb der Familie liegen ihm dabei besonders am Herzen. Ihnen möchte er als Inspirationsquelle dienen und als lebender Beweis dafür gelten, dass es niemals zu spät ist, etwas Großartiges neu zu erschaffen. Die Weltreise zu Fuß soll also mehr als nur eine physische Herausforderung repräsentieren. Sie ist ein Symbol für Resilienz, Durchhaltevermögen und den Glauben daran, dass wir alle die Kraft haben, unsere eigenen Grenzen zu überwinden. Sein Ziel ist es, anderen Menschen in schwierigen und scheinbar aussichtslosen Lebenssituationen Mut, Kraft und Zuversicht zu schenken und sie zu motivieren, niemals aufzugeben.

L!VE: Wahrscheinlich gibt es auf deinen Routen kein Mc Donalds. Wovon ernährst du dich denn?

Marc Hügel: „Bei langen Läufen beginnt der Körper irgendwann, Muskelmasse abzubauen und dieser Problematik begegnete ich mit Eiweißpulver. Gekocht habe ich mit einem Gaskocher-System. Um solche Distanzen zu bewältigen, muss man sich von jeglichem Luxus verabschieden. Dehydrierte Nahrung ist wichtig, da das Gewicht der Lebensmittel eine zentrale Rolle spielt. Mein Ernährungsplan bestand hauptsächlich aus Erdnussbutter, Trockenfrüchten und instant Kartoffelpüree mit Käse. Meine größte Schwierigkeit lag weniger in der Zufuhr von Kohlenhydraten, sondern vielmehr in der Proteinzufuhr, die entscheidend für den Muskelerhalt ist. Es gab sogar mehrere Tage, an denen ich mich ausschließlich von Erdnussbutter ernährte, da Erdnussbutte die höchste Kaloriendichte pro Gewichtseinheit hat.“

L!VE: Und wo übernachtest du?

MH: „Ich habe überwiegend wild gezeltet, etwa 95 Prozent der Zeit. Etwa einmal pro Woche versuchte ich, einen öffentlichen Campingplatz zu finden. Pensionen oder Berghütten habe ich nur in Erschöpfungsphasen oder bei extremen Wetterbedingungen genutzt, was jedoch eher die Ausnahme darstellte. Für die Körperhygiene habe ich jede verfügbare Möglichkeit genutzt, sei es durch Brunnen, Seen, Flüsse oder das Meer.“

L!VE: Dem Wetter bist zu ziemlich ausgeliefert?

MH: „Das Wetter spielt eine zentrale Rolle auf solchen Reisen, insbesondere in den Bergen, wo man fortwährend den Naturgewalten ausgesetzt ist. In den Pyrenäen treten beispielsweise im Sommer nachmittags oft heftige Gewitter auf. Zu dieser Zeit ist es entscheidend, sich an einem sicheren Ort, vorzugsweise in einer Schutzhütte, aufzuhalten, da es ansonsten lebensgefährlich sein kann. Darüber hinaus stellen die starken Temperaturschwankungen in den Bergen über solch eine lange Dauer eine enorme Belastung für den Körper dar. Auf meinem Weg durch Kroatien wurde ich mit einer Hitzewelle konfrontiert und war drei Wochen lang extremen Temperaturen von über 40 Grad ausgesetzt. Dies war eine von vielen großen Herausforderungen, die ich während meiner Reise bewältigen musste.“

L!VE: Wie sorgst Du für einen Notfall vor?

MH: „Glücklicherweise gab es keine Verletzungen. Zu meiner Sicherheit führte ich zusätzlich das kompakte, leichte GPS-Satelliten-Kommunikationsgerät namens inReach Mini von Garmin mit. Dies ermöglicht es, in abgelegenen Gebieten ohne Netzempfang einen Notruf abzusetzen. Für meine nächste Expedition, die mich 3.000 Kilometer durch das australische Outback führen wird, sind sowohl dieses Gerät als auch ein Solarpanel unerlässlich, da weder Mobilfunkempfang noch ausreichende Stromversorgungsmöglichkeiten vorhanden sein werden.“

L!VE: Kam es unterwegs zu Erfahrungen mit Kriminalität ?

MH: „Während meiner Reise habe ich keine kriminellen Erfahrungen gemacht. Es ist entscheidend zu verstehen, dass außerhalb von städtischen Gebieten und in der freien Natur die Wahrscheinlichkeit, Opfer von kriminellen Handlungen zu werden, äußerst gering ist. Meine Erfahrung zeigt, dass diese Welt oft besser ist, als wir annehmen. Ein eindrückliches Beispiel ereignete sich während meiner Reise in Nordspanien. Nachdem ich an einem Tag bei Minusgraden 40 Kilometer gelaufen war, kam ich mitten in der Nacht in einer kleinen Ortschaft an. Völlig erschöpft konnte ich keinen Meter mehr laufen und musste mein Zelt spontan auf dem Marktplatz der Ortschaft aufschlagen. Am nächsten Morgen erwartete ich, von der Polizei geweckt zu werden, doch stattdessen klopfte es an mein Zelt. Anstelle der Polizei stand jedoch eine ältere Dame vor mir, die mir einen Kaffee brachte. Diese herzliche Geste ist eine von vielen unvergesslichen Erinnerungen, die mich nachhaltig beeindruckt haben.“

L!VE: Zum Schluss die Frage nach dem lieben Geld. Wie finanziert sich so ein Projekt?

MH: „Einen Teil finanziere ich durch saisonale Arbeit. Damit ich die Finanzierung für die Reise durch Neuseeland und Australien bereits gesichert. Außerdem stehe ich zur Zeit in Verhandlungen mit Sponsoren. Die Beteiligung der Sponsoren hängt maßgeblich von der Reichweite meines Instagram-Accounts ab. Mit zunehmender Reichweite über die Zeit erwarte ich, dass sich mehr Sponsoren am Projekt beteiligen werden. Als dritten Finanzierungsbaustein werde ich diesen Sommer eine Crowdfunding-Kampagne starten, über die ich versuchen werde, einen Teil der Projektkosten zu kompensieren. Also lade ich auch alle L!VE-Leser herzlich dazu ein, Teil meiner aufregenden Reise zu werden, indem sie meinem Instagram-Account folgen. Gemeinsam können wir einen Unterschied machen und verdeutlichen, dass wir alle die Kraft haben, unsere Grenzen zu überwinden und somit unsere Ziele zu erreichen. Weitere Einblicke und zusätzliche Informationen finden sich auf meiner Homepage, über die ich versuchen werde, einen Teil der Projektkosten zu kompensieren. Bitte schaut einfach auf @marc_is_walking oder www.marciswalking.com

Starker Typ macht starke Fotos

Schwer zu entscheiden, was der größere Hingucker ist, der charismatische Fotograf Jonas Ziegler, die Körperkunst auf seinem Body oder seine Fotografien. Der gebürtige Schwalbacher ist Jahrgang ’93 und gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger. Ein Beruf, zu dem er trotz aller bekannten Widrigkeiten wie fehlender, wirklicher, gesellschaftlicher Wertschätzung nach wie vor steht, wenn gleich in letzter Zeit seine Hingabe zur Fotografie mehr und mehr seiner Zeit in Anspruch nimmt. Denn seit etwa fünf Jahren betreibt er sein einstiges Hobby zunehmend ernsthafter. Da wird es Zeit, den Mann mal vorzustellen…

Text: Kasimir Ehmke

L!VE: Bevor wir zur Fotografie kommen, kurz ein paar Gedanken zu Deinem eigentlich Job. Mal abgesehen von den Karmapunkten, die Du und Deine Kollegen da mehr als verdient sammeln, macht die Arbeit in der Pflege überhaupt Spaß?

Jonas Ziegler: In der Pflege muss man um alles kämpfen. Das ist halt so das Ding. In der Fotografie kann man sich sehr leicht sehr viel selbst erarbeiten. Dafür braucht man kein ultimates Equipment, um da ziemlich gute Arbeit abzuliefern und damit Geld zu verdienen. Dagegen könnte ich in meinem Pflegeberuf noch zig Weiterbildungen machen und noch etliche Sachen mehr. Trotzdem würde kaum mehr verdienen. Da überlegt man schon, mit der Fotografie in die Selbstständigkeit zu gehen. Ich arbeite an sich auch sehr gerne in meinem eigentlichen Beruf, aber es wird halt zunehmend mieser.

L!VE: Wie viel Zeit nimmt Deine Fotografie unter diesen Bedingungen im Augenblick in Anspruch?

JZ: Meinen Job in der Pflege habe ich schon auf 75 Prozent reduziert. Den Rest mache ich Fotografie. Manchmal sogar noch mehr darüber hinaus. Im Moment läuft es ganz gut und ich denke, ich werde dann auch weiter mehr zur Fotografie übergehen. Gibt mir im Prinzip aktuell mehr und ich komm damit sogar besser über die Runden als wenn ich mich jetzt in der Pflege halb tot arbeiten würde.“

L!VE: Also ist die Arbeit mit der Kamera längst mehr als nur ein Hobby?

JZ: Genau. Das war mal ein Hobby. Zuerst habe ich gar keine Menschen fotografiert, sondern nur Lost Places. Dann, so mit Beginn der Pandemie, wurde es immer schwieriger an die Locations zu kommen. Man konnte ja auch nicht mehr ins Ausland gehen. Da dachte ich mir, ich probiere mal was anderes und versuche mich auch in anderen Sparten der Fotografie.

L!VE: Die Talente, die Du unbestreitbar hast, teilst Du auch gerne mit anderen, indem Du beispielsweise andere, junge Fotografen unterstützt und ihnen sogar dein Equipment leihst.

JZ: Ja, also sagen wir mal so, man sieht ja, wenn jemand sehr ambitioniert ist und Bock auf die Sache hat. Beim Jonas Kammer habe ich das beispielsweise direkt gesehen und der hatte halt mega Bock. Der war zu dem Zeitpunkt ja ausschließlich analog unterwegs und ich dachte mir, der jetzt zum Beispiel dasselbe Equipment hätte wie ich, dann könnte er so viel reißen. Sowas unterstütze ich dann halt mega gern, weil es halt an sich ein sehr teures Hobby ist. Da kann man wirklich froh sein, wenn da jemand einen an die Hand nimmt. In der Vergangenheit als ich damit angefangen habe, hatten wir so eine kleine Gruppe an Leuten, mit der wir uns immer gegenseitig geholfen haben. Und es gibt natürlich mehrere Fotografen, mit denen ich bis heute zusammenarbeite und wo man sich das eine oder andere leiht oder sich ergänzt oder mir hilft.

L!VE: Gab es so was wie einen Hauptbeweggrund, der Dich antrieb,zu fotografieren? Bei den Lost Places war es wahrscheinlich die Faszination, die diesen vergessenen Räume irgendwie innewohnt?

JZ: Also das war schon so das Ding von Lost Place fotografieren. So der Nervenkitzel. Bei der anderen Fotografie oder bei der generell normalen Fotografie finde ich halt immer geil, entweder Eigenes zu schaffen, also wirklich sehr kreativ zu sein und das dann auch wirklich umzusetzen. Und wenn das dann funktioniert, ist natürlich noch geiler. Außerdem sehe ich halt in meinem eigentlichen Beruf schon sehr viel Leid und eher negative Sachen und auf der Station, wo ich arbeite, hat man jetzt auch nicht immer die krass positiven Erfahrungen. Dann im Ausgleich dazu beim Fotografieren diese schönen Momente für mich selber so wahrzunehmen, auch darum ging es mir.

L!VE: Lost Places, Portraits, Live-Konzerte, hast Du bei all dem eine bevorzugte Richtung?

JZ: Also, das mit dem Lost Places mache ich schon länger nicht mehr, weil das ist wirklich sehr zeitintensiv und einiges an Vorbereitung bedarf. Also ich würde sagen, ich bin fototechnisch eher ein Allrounder geworden. Sprich ich gucke in alles rein, gucke mir alles nur an und nehme nur mit, was geht. Unterm Strich aktuell hauptsächlich Porträtfotografie, aber beispielsweise auch gerne Hochzeiten. Die nutze ich nicht nur, um mein Equipment etc. zu finanzieren, das macht auch sehr viel Spaß. Aber ich würde mich jetzt nicht festlegen, was ich genau am liebsten mache. Wie gesagt, ich gucke in jede Sparte rein. Ich teste mich da aus, weil dann bin ich auch im Endeffekt für alles, was dann so an Aufträgen kommt, auch gewappnet, kann dann dementsprechend gut drauf reagieren.

L!VE: Zurück zu den Anfängen, was war Deine erste Kamera?

JZ: Das war eine von meiner Mutter und die ist auch längst zurück bei ihr, das war nur eine Leihgabe. Aber da habe ich als allererstes gemerkt, da kommt man ganz schnell ans Limit. Und die ersten Bilder von der Digitalkamera waren dann so geil, wo ich mir dachte Wow, krass. Das ist alles möglich, wenn man die Einstellungen richtig setzt und macht. Und dann habe ich mir irgend so eine Sportkamera am Anfang gekauft. Ich weiß auch nicht mehr, was es für eine war. Die war aber leider nicht so passend für meine Dienste und ich bin ich relativ schnell und switcht auf eine digitale Spiegelreflex und dann irgendwann auf eine Systemkamera.

L!VE: Deine Foto-Skills, hast du dir das alles selber oder hast du deinerseits von Bekannten profitiert oder gar irgendwelche Kurse besorgt?

JZ: Ich hatte immer ziemlich Glück, dass ich zur richtigen Zeit an die richtigen Leute geraten bin. Als ich gerade so am Switchen war von Lost Places zur Porträtfotografie, bin ich über eine Arbeitskollegin Lydia Golumbeck geraten. Sie hat mich dann mit an der Hand genommen und bei der bin ich so circa zweieinhalb, drei Jahre, immer, wenn die Zeit hatte, mitgelaufen und habe mir da sämtliches Wissen angeeignet, was ich jetzt so als Basis nutzt. Also die war schon sehr, sehr tragend auch für meine Entwicklung und hat mich wirklich sehr vorangebracht. Genau wie Marco Schmidt, der auf jeden Fall mit seinem Foto meinen Weg begleitet hat und ohne den ich sehr viele Möglichkeiten nicht gehabt hätte, das muss ich ganz klar sagen. Das Gleiche gilt auch für Julia Valentini und Sandro Ryu Rose, mit denen ich viel zusammengearbeitet haben und immer noch sehr gerne zusammenarbeite.

L!VE: Wie entstehen deine Bilder?

JZ: Also erstens kommt die Bildidee oder die Bildsprache an sich. Ich gucke immer, dass ich meinen Bearbeitungsstil relativ ans Analoge anlehnen. Ich finde Analogfotografie megageil und es schon schwierig, diesen Look zu imitieren. Also wenn man den Look will, ist es am Einfachsten direkt analog zu fotografieren. Und ja, generell so ein bisschen retro. Ich nutze sehr wenig Kunstlicht, generell kaum Bildbearbeitung und wenn, dann nur sehr dezent. Also ich fange jetzt nicht an, jemandem die Arme dünner zu retuschieren oder den Körper komplett zu verändern oder jegliche Falten aus dem Gesicht zu holen, weil ich finde, gerade das gibt dem Bild halt so ein gewisses Leben.

L!VE: Der einzige Weg sich deine Arbeiten anzuschauen, ist dein Insta-Account. Du hast aktuell keine Website, woran hängt es?

JZ: Eigentlich ist die Seite schon zu drei Viertel fertig. Ich muss die jetzt nur noch anlegen, dann gibt es noch so ein bisschen rechtliches Zeug und Impressum zu klären und dann steht die Seite.

Insta: @jonas_zglr_

Damals hätte sage müssen: „Fick dich!“

Es gibt kaum etwas, was Thorsten Diehl nicht kann und praktisch keine Kunst, die ihn nicht wenigstens interessiert. Klingt komisch, ist aber so. Unter seinem Pseudonym TAD lebt er sein künstlerisches Talent in den unterschiedlichsten Genres aus. Neben einer ansehnlichen Karriere als Frontmann und Rapper in der Hip Hop Szene beeindruckt er durch denkbar vielseitige Arbeiten in der bildenden Kunst.

Gleich ob Streetart, Kalligraphie, Reliefs, Arbeiten mit geplotteten Stencils, Entwerfen von Characters und Logo, Herstellen eigener T-Shirts und nicht zuletzt eben Malerei. Der Mann ist ein Macher und beispielhaft bescheiden dabei. Auch beruflich kann der pädagogische Fachanleiter und frühere Lehrer für Kunstgeschichte nicht von seiner Kunst lassen. Nachdem er 1968 in Dudweiler geboren wurde, verließ er den Stadtteil schon mit zwölf Jahren, „weil er dieses Kaff bis auf den Tod hasst“. Seine Sozialisation fand Thorsten im Wesentlichen in der Saarbrücker Karstadt-Passage. Die stand er einst vor allem für Breakdance und Grafittis und in dieser Szene geht er auf.  

L!VE: Deine ersten Berührungspunkte mit bildender Kunst Graffitis…

Thorsten Andreas Diehl: „Nein, ich hatte eigentlich schon sehr, sehr früh angefangen zu zeichnen und zu malen, als Kind und als sehr junger Bub. Streetart und Graffiti kam im Grunde genommen obendrauf. Tatsächlich habe ich hier schon gesprüht, da waren die heute hier Aktiven alle noch flüssig. Das wissen die ja alle gar nicht. Also, ich meine, die sind top mittlerweile. Das ist ja Wahnsinn, was die machen. Da komme ich auch nicht mehr mit. Dann habe ich für mich die Renaissance und ihre Künstler entdeckt und die liebe ich noch heute. Ich zitiere sehr immer wieder gern alte Meister, auch in meinen Graffitis. Unter anderem Caravaggio, Dürer, Da Vinci, Michelangelo, die Großen des 15. und 16. Jahrhundert. Und damit bin ich groß geworden und wollte eigentlich immer Kunst studieren. Aber mein Kunstlehrer hat mir in der elften Klasse gesagt: Lass das mal! Ich bin halt sehr sensibel und bin dann aus dem Kunstkurs raus, habe nie wieder einen besucht und habe auch nie eine Kunstakademie von innen gesehen. Jetzt weiß ich, was ich dem damals hätte sage müssen: Fick dich!“

L!VE: Wahrscheinlich bist Du nur eines von unzähligen Talenten, die sich durch eine dumme Äußerung eines unaufmerksamen Lehrers entmutigen ließen.

TAD: „Es war eigentlich mein Lebensinhalt. Ist es immer noch, seit meiner Jugend. Und deshalb bin ich auch wieder zurückgekehrt zur bildenden Kunst, nachdem ich es lange schleifen ließ. Ich bin klassischer Autodidakt im wahrsten Sinne des Wortes. Habe zwar immer mal wieder hier und da was gemacht, aber dann zu mir gesagt: jetzt noch mal richtig angreifen.“

L!VE: Seit wann ist die bildende Kunst wieder in den Fokus gerückt ist?

TAD: „Seit fünf Jahren mindestens. Ich habe eigentlich die ganze Zeit was gemacht, aber vielleicht ist es mein Fehler, dass ich vielleicht nicht laut genug klappere. Vielleicht kann ich das auch nicht so gut, aber ich versuche es zumindest mal, durch meine Werke immer mal wieder auf mich aufmerksam zu machen.“

L!VE: Gibt es ein Projekt aus der jüngeren Zeit, dass Dir besonders wichtig ist?

TAD: „Das sind ganz klar die menschlichen Fossilien. Alles andere mache ich gern, aber die menschlichen Fossilien sind mein Herz. Das verfolge ich jetzt mittlerweile schon seit fast 15 Jahren und sie sind immer besser geworden. Worum es geht, glaube ich, ahnt man schon, wenn man es nur anguckt. Es ging darum, unsere Zivilisation zu zeigen. Ich war ja Lehrer an der Walddorfschule und habe dort Kunstgeschichte unterrichtet bis zum Abitur. Und da hatten wir einmal das Gespräch darüber, was bleibt denn von uns übrig in 5.000 Jahren? Gesetzt dem Fall, man gräbt in 5000 Jahren unsere Zivilisation aus und man sieht bestimmte Dinge. Was denken die zukünftigen Menschen darüber? Wir hatten dieses Beispiel mit einer bekannten Fast-Food-Kette. Stell dir mal vor, die finden dann auf der Erde verteilt überall dieses goldende „M“. Denken die dann, vielleicht war das eine Religion oder irgendwas in die Richtung. So allein dieser Gedanke, der von einer Schülerin geäußert wurde, das ist hochinteressant, Leute, habe ich gesagt, lasst uns mal daraus ein Projekt machen. Ich habe mit Schülern angefangen, Alltagsgegenstände einzugipsen, wieder auszugraben und zu patinieren und sie so aussehen zu lassen, als wären es Fossilien. Ich meine, ich stehe da auch in der Tradition bildender Künstler wie Marcel Duchamp oder Picasso. Alle haben mit diesen Assemblagen gearbeitet, also altes Material neu zusammengesetzt. Ich bin kein Erfinder, Ich habe das Rad nicht neu erfunden, aber in der Art und Weise habe ich es noch nicht gesehen. Und das fand ich hochspannend und habe dann unterschiedliches Material eingegipst, unter anderem den Wasserhahn, irgendwelchen Elektromüll, was aussieht wie ein Fossil. So hab ich dann natürlich auch kundig gemacht über echte Fossilien, wie ist die Farbigkeit, was ist das für ein Gestein? Das da ist aus dem Jura, ein anderes aus der Kreide und das da weiß ich nicht, vielleicht noch eine Million Jahre vornedran. Und das war sehr interessant. Das ist mein Herz.“

L!VE: Und jetzt gibt es nur noch Gestein von dir?

TAD: „Nein. Ich mache gerne Character, mache gern Schriftzüge, ich bin grafisch stark unterwegs. Ich mache auch immer wieder Logos für irgendwelche Leute, die irgendwas brauchen, beispielsweise für die Saarbrücker „Funk Freaks“ mache ich jetzt gerade viel. Also ich versuche mich sehr breit aufzustellen. Ich weiß, man hat angeblich größeren Erfolg, wenn man sich auf eine Sache fokussiert, womit man dann auch irgendwie mehr Wiedererkennung generiert. Das ist ja so ein bisschen das, womit man dann auch Geld macht, sage ich mal, aber eigentlich fühle ich mich mit meinem Weg sehr wohl.“

L!VE: Auf diesem Weg gibt es doch bestimmt auch noch andere Herzensprojekte?

TAD: „Genau, eines wollte ich noch erwähnen, eine zweite Herzenssache: ich bemale Möbel – und das mache ich gerade sehr gern. Dieses Sideboard, das ist aus den 60er Jahren. Das hat ein Kollege von mir grundiert, das habe ich bemalt, das hat er dann wiederum lackiert. Er ist Möbel- und Kunsthändler und das ist ein Stück von vielen, die gemacht wurden. Ich habe auch schon eins verkauft, das ist in die Schweiz gegangen, an einen guten Freund. Das ist zwar hochpreisig dann, ist aber auch viel Arbeit, verdammt viel Arbeit ist. Ich meine, schau dir an, was die Jungs mittlerweile für Wände bemalen bekommen. Also nicht nur hier, sondern überall weltweit. Ich möchte es gar nicht wissen, fünfstellig ist das. Locker. Das ist vielleicht von der Fläche her mehr, aber die Möbel, das ist richtig Arbeit, vom Entwurf über das Gemalte bis zum Endprodukt. Solche Sachen mache ich jetzt gerade verstärkt. Und ich habe die Motive ja auch bereits malerisch auf Leinwand umgesetzt, zum Beispiel versucht „Caravaggios Kreuzigung Petri“ oder Da Vincis „Erschaffung Adams“ mit moderner Architektur zu verbinden und dann auf der technischen Seite natürlich unterschiedliche Layer angelegt für die Stencils angelegt.“

L!VE: Apropos Technik, ganz am Anfang, wenn so ein neues Projekt entsteht, hast Du da ein leeres Blatt oder einen leeren Bildschirm vor Dir?

TAD: Der Entwurf entsteht sowohl von Hand als auch am Computer. Das heißt, ich arbeite mit dem Plotter und arbeite mit Folien. Das ist ja heute bei den „echten“ Graffitisprühern höchst verpönt, mit Schablonen zu arbeiten. Aber ich bin alt genug, ich weiß schon, was ich tue. Ich muss mir von den Schnöseln nix sagen. Schließlich arbeite ich auch mit Pinsel. Das heißt, es werden Dinge auch überarbeitet. Bei den Vier Aposteln von Dürer habe ich vor zwei Jahren frecherweise die Köpfe ausgetauscht und so die Leader der westlichen und der östlichen Welt aufgeführt, also Macron, Xi Jinping, Trump und Putin. Mittlerweile ist das so hochaktuell! Also ich zitiere gern. Und zwar nicht, um diese Künstler lächerlich zu machen oder mich darüber zu stellen, sondern ganz im Gegenteil, sie zu ehren. Und da hat der Chef aber schon den Pinsel in der Hand. Das ist jetzt reine Pinselarbeit, und zwar ganz klassische Malerei, wie man sie kennt. Also hier Töpfchen, Pinselchen und dann geht es los. Also das kann er dann auch, der Thorsten.“

L!VE: Was sind deine aktuellen Projekte?

TAD: „Ich schicke gerade seit ein paar Wochen die Graffiti Writer hier in Saarbrücken ein bisschen aufs Glatteis. Ich habe so „Grafitti is dead“ Sticker gemacht dazu auch so eine kleine Insta Story. Wenn ich irgendwelche Tags sehe, klebe die Sticker einfach auf und mache mich so ein bisschen lustig. Aber das ja klasse gemeint, das mache ich gerade sehr gern. Und was ich ganz vergessen habe: sehr viele Shirts. Das heißt, ich mache unter anderem auch für die Funk Freaks. Hab‘ das Logo gemacht und geplottet und schweiße die auf. Macht richtig viel Spaß.“

L!VE: Also Du entwirft die T-Shirts nicht nur, du stellst sie auch selber her.

TAD: „Für alle möglichen Leute. Zum Beispiel habe ich gerade ein Logo für eine Entrümpelungs-Firma entworfen. Ehemaliger Schüler von mir hat sich selbstständig gemacht, macht jetzt in Entrümpelung Firma. Dem habe ich nicht nur das Logo entwickelt, sondern ihm gerade noch ein paar T-Shirts gemacht. Da war der natürlich high!“

L!VE: Mit Hip Hop und Musik haben wir begonnen und jetzt am Schluss nochmal dazu zurück: Ist das im Augenblick (wieder) ein Thema für Dich?

TAD: „Musik ist in jedem Fall noch ein Thema für mich. Ich habe noch ein paar Sachen in der Schublade, die ich mit dem Kollegen noch machen will, in Richtung HipHop. Nicht das, was man heute so macht, sondern so wie ich das verstehe. Musik ist immer noch immer noch Thema. Ja, ja, aber ich meine, meine Kraft fließt gerade mehr in die bildende Kunst. Aber es ist nicht auszuschließen, dass in den kommenden ein, zwei Jahren was entsteht. Das wird dann aber klein, bescheiden – und gut!

L!VE: Wir bedanken uns sehr für Deine Zeit, das hochinteressante Gespräch und die Einblicke in Deine Kunst.

www.mistertad.de

@mister.tad.artefaktes

VIENNA CALLING

Ein Mann, ein Rad, ein Konzert & 900 Kilometer

Tiavo sind ganz weit vorne in Sachen saarländischer Rap-Szene. Gerade erst ist ihr neuer Track „Vienna“ erschienen und da liegen zwei Sachen besonders nahe: erstens ein Konzert in Wien und zweitens, da mal eben somit dem Fahrrad aus Saarbrücken hinzufahren. Doch genau das macht Frontmann Lucy jetzt. Als wir zum Gespräch im Studio der Band eintreffen sind die Jungs gerade dabei, die Songs für ihre Show in der österreichischen Hauptstadt zu arrangieren. Trotzdem nimmt sich Rapper und Sänger Lucy Zeit für uns.

L!VE: Eure Show in Wien ist ein Einzelstück wegen des neuen Songs „Vienna“ und nicht Bestandteil einer nächsten Tour, oder?

Lucy: „Genau, nächstes Jahr wird es zwar wahrscheinlich eine Tour geben, da steht aber noch nix fest und ich kann nix dazu sagen. Aber jetzt ist erst mal der Fokus auf der einen Show. Nach der ganzen Corona Geschichte hat man ein bisschen Weilchen auch gebraucht, um sich da noch mal zu fangen, um sich zu finden. Wir haben viel Arbeit machen müssen, was wir vorher nicht gemacht haben. Vorher haben wir immer nur von unseren Liveshows gelebt und dann auf einmal durch die Corona Zeit kamen dann ja Studiojobs, Arbeit, Recording, das Mastern dazu und so. Und jetzt ist sozusagen der Moment. Jetzt kommen da noch mal neue Songs in dem frischen Stil raus und „Vienna“ ist der erste. Dazu gibt es dann erst mal diese eine Show und dann, wahrscheinlich Anfang nächsten Jahres, setzen wir noch eine weitere einzelne Show in Deutschland an, auch ganz frei von einer Tour.“

L!VE: Aber wie um Gottes Willen bist du auf die Idee gekommen, da mit dem Fahrrad hinzufahren? Das sind fast 1.000 Kilometer und die Alpen liegen auch noch dazwischen …

Lucy: „Ganz ehrlich, die Idee hatte ich schon recht früh, vor einem Jahr, das zu machen. Da ist die nicht so ganz auf Begeisterung gestoßen im Team. Alle haben sie gesagt, voll der Riesenaufwand nur für einen Song und so. Da habe ich dann ein bisschen Zeit vergehen lassen, bin aber drangeblieben und habe immer wieder gesagt, Leute, ich will das eigentlich machen, ich will mit dem Fahrrad dahin fahren! Weil das halt heutzutage so ist: wenn du wenn du einen Song rausbringt mit einem Video, dann bist du einer von einigen Millionen, die das jeden Freitag tun. Das heißt, da redet keiner drüber, berichtet keiner drüber. Allerhöchstens berichten welche drüber, wenn der Song besonders gut ist, aber die Garantie hast du nie. Irgendwie dachte ich da, ich möchte mal ein bisschen eine Geschichte drum rum bauen, also irgendwas anderes. Irgendwas machen, was dann am Ende des Tages halt mit dem Song zu tun hat, aber natürlich auch eine besondere Aktion ist. Dann hab‘ ich im September letzten Jahres, ich sage das ganz transparent, meinen Führerschein verloren wegen Trunkenheit am Steuer. Das finde ich auch sehr scheiße heute, aber so ist das halt bei uns aufm Land. Alle, die ich kenne, trinken dann fünf, sechs Bier und dann fahren die noch. Irgendwie war das bei mir auch drin und ich hab‘ dummerweise gedacht, das ist okay, was es nicht ist. Auf jeden Fall bin ich seitdem Fahrradfahrer und wenn ich in Wien ein Konzert spielen will, dann bestrafe ich mich noch mal und fahr mal mit dem Fahrrad von Saarbrücken nach Wien und koppele das Ganze dann noch an eine Spendennummer für den guten Zweck.

L!VE: Du fährst alleine oder treten noch andere von der Band oder Freunde und Bekannte ebenfalls in die Pedale?

Lucy: „Ich wollte eigentlich alleine fahren, aber einer meiner besten Freunde hat sich einfach aus Bock angeschlossen und filmt dann so ein bisschen auch mich, während ich fahre. Aber ansonsten außer ihm nur ein Wagen für das Gepäck und die Sachen, wenn wir was brauchen, und ein bisschen Proviant.“

L!VE: Und das werden ganz normale handelsübliche Fahrräder bzw. E-Bikes sein?

Lucy: „Ja, genau, es müssen halt E-Bikes sein, weil ich mit einem normalen Fahrrad 900 Kilometer in nur sechs Tagen nicht schaffen würde und mehr Zeit habe ich nicht. Das wäre ganz unrealistisch und dazu müsste ich schon ein austrainierter Profi-Radfahrer sein. Das bin ich aber nicht, ich bin ja noch nicht mal sportlich, ohne jegliche sportliche Ambition. Ich rauche ein Päckchen Zigaretten am Tag und bin wirklich nicht der Allersportlichste oder Gesündeste auf der Welt. Und ich glaube auch, selbst mit dem E-Bike ist in sechs Tagen nach Wien zu kommen, ist schon Challenge genug, auch wenn alles etappenweise geplant und vorbereitet ist. Wir haben uns Checkpoints gesetzt, und der, der da mit dem Auto fährt, der hat die Route geplant. Das ist dann immer natürlich davon abhängig, wie gut wir vorangekommen sind und wie wir uns fühlen. Wenn der mich anruft und ich sage, ich packe noch 40 Kilometer, dann fahre ich auch noch 40 Kilometer und dann werden wir da irgendwo übernachten. Wir überlegen deswegen auch, ein Wohnmobil mitzunehmen, wo wir dann ganz flexibel immer dort pennen können, wohin wir es geschafft haben.“

L!VE: Und du wirst dich, weil ja auch schon deine Unsportlichkeit angesprochen hast, auch nicht irgendwie vorbereiten oder steht jetzt noch ein Trainingslager an?

Lucy: „Aber sicher doch! Ich bin richtig am Pumpen und jogge jeden Morgen um den Niederwürzbacher Weiher und dann am Abend noch ins Fitnessstudio. Also zweimal Sport am Tag. Ich mach schon ein bisschen was, sonst hätte ich Angst, dass meine Muskeln völlig versagen. Die müssen schon wenigstens an die Bewegungen gewöhnt werden.“

L!VE: Alles andere wäre fatal, denn Du hast ja durch die Show in Wien ein Zeitlimit und kannst nicht überziehen, oder?

Lucy: „Sechs Tage geplant und mehr Zeit ist nicht! Okay, einen Puffertag haben wir für alle Eventualitäten eingeplant. Allerdings hoffe ich, dass ich den nicht für die Strecke brauche und den Tag zum Ausruhen nutzen kann. Dann würde ich meine Großmutter besuchen in Wien, um mich ein bisschen von ihr aufpäppeln zu lassen, worüber ich mich sehr freuen würde. Und dann am nächsten Tag ist schon die Show, zu der dann auch die anderen alle angefahren kommen, die Band und das Management und die ganzen Freunde. Aktuell kommen etwa 40 Leute aus Saarbrücken mit nach Wien. Also es wird eine lustige Geschichte!“

L!VE: Und schon irgendwelche Pläne für direkt nach der Show? Fahrrad verbrennen?

Lucy: „Nee, ich habe ja noch mehr Familie da, nicht nur meine Oma. Da gibt es noch zwei Onkel, Großtanten, Großonkel, also ziemlich viel Familie eigentlich. Mein Großvater ist aus Griechenland, meine Großmutter ist aus Österreich. Also die sind da alle und ich werde da ein bisschen Familie besuchen. Und dann werde ich noch ein bisschen Musik machen mit ein paar Künstlern aus Wien. Nur Fahrrad fahren werde ich erstmal sicher nicht!“

L!VE: Besten Dank für Deine Zeit und Grüße an den Drahtesel!

JONAS KAMMER

FOTOFINESSEN & FALLSCHIRMSPRÜNGE

Manch einer zeigt sein Talent im Architekturstudium, ein anderer beim Fallschirmspringen in der deutschen Nationalmannschaft und ein Dritter im Umgang mit der Kamera. Jonas Kammer beeindruckt gleich auf allen drei Gebieten – wobei wir uns besonders für seine Fotografien interessieren.

Tatsächlich hat der 1997 in Lebach als Ältester von drei Brüdern Geborene nach seinem Fachabi für vier Jahre sein Geld als Profi-Fallschirmspringer in der deutschen Nationalmannschaft in München verdient. Eigentlich schon eine tolle Geschichte, aber uns hat er doch um einiges mehr mit seinem Talent am Fotoapparat überzeugt. Und genau dem widmet er sich zunehmend, seit er im Alter von 23 in seine saarländische Heimat zurück gekehrt ist. Mit Ende der Coronakrise hat er dann zwar hier angefangen Architektur zu studieren, doch der Fokus auf der Fotografie blieb.

L!VE: Du hast doch aber wahrscheinlich schon in Bayern beim Fallschirmspringen Fotos gemacht?

Jonas Kammer.: „Ja, damit hat es eigentlich begonnen. Ich hab‘ relativ früh Interesse dran gehabt, aber auch immer so ein bisschen Respekt davor und wollte das nie so angehen, auch weil ich wusste auch, dass das teuer ist. Und irgendwann habe ich mich doch dafür entschieden, auf Ebay Kleinanzeigen eine alte digitale Spiegelreflex zu kaufen für unglaubliche 50 Euro. Die hab‘ ich immer mit auf Partys genommen und so lange benutzt, bis da irgendwann mal der Spiegel einen Schaden hatte. Dann hab ich relativ schnell geswitcht auf analog, womit ich dann so richtig durchgestartet habe.“

L!VE: Und dann hast du liebe zur anlogen Fotografie entdeckt?  

J. K.: „Ja, sogar relativ schnell. Dass man da nur 36 Bilder hat, also in einem Film nur 36 Schuss, das hat es mir angetan. Du musst halt jedes Mal genau überlegen, ob und wann du abdrückst. Und ich bin der Überzeugung, dass ich so den Wert von Bildern schätzen und dann auch lieben gelernt habe und das hat mir ultimativ viel Spaß gemacht. Ich hab‘ mir dann am Ende des Monats die ganzen Filme entwickeln lassen und hab‘ die dann immer den ganzen Leuten, die ich fotografiert hab, zukommen lassen und die haben sich allemal gefreut über besondere Bilder zum Anfassen.“

L!VE: Entwickelst du die Bilder auch selbst?

J. K.: „Ich hab‘ mich in Deutschland schon ausprobiert an diversen Studios. Ich habe jetzt so meine zwei, drei Studios, mit denen ich immer gerne zusammenarbeite, wo ich weiß, dass ich da gute Ergebnisse rausbekomme. Ich würde liebend gerne mal selbst entwickeln, nur mit Farbe ist halt schwierig. Schwarz-Weiß kann man zu Hause machen. Ich habe auch einen Kumpel, der das das kann, mit dem ich mich unbedingt mal treffen müsste. Aber so schicke ich die meistens ein. Ist auch der einfachere Weg, je nachdem wie viel man hat.“

L!VE: Hast du dich von anderen Fotografen beeinflussen lassen?

J. K.: „Es gibt einige Fotografen, die mich ziemlich begeistert haben oder bis heute noch begeistern. Es gibt da einmal den Paul Hüttemann. Das ist ein Fotograf aus Berlin, der auch durch Zufall mehr oder weniger an die Fotografie gekommen ist, also auch ähnlich wie bei mir. Andrè Josselin, den ich sehr gut finde. Der hat eine Bildsprache, die keiner so hinbekommt wie der, gerade was Street Fotografie anbelangt und von den Farben her. Und Thomas Höpker, ein sehr alter Fotograf, der mittlerweile, glaube ich, leider an Alzheimer erkrankt ist und trotzdem immer noch fotografiert und immer noch die Liebe daran hat. Das finde ich beeindruckend, dass das halt auch so bis ins hohe Alter gehen kann.“

L!VE: Hattest du auch einen „Lehrmeister“?

J. K.: „Analog habe ich mir alles selbst beigebracht. Und digital hat mir ein befreundeter Fotograf Jonas Ziegler die Essentials und mehr beigebracht. Wir haben uns auf einer Hochzeit kennengelernt. Ich als Gast, er war Hochzeitsfotograf. Da sind wir ins Gespräch gekommen und er hat gesagt hat, er will auch mal gerne analog fotografieren, worauf ich meinte, ich würde mal gerne mehr ins Digitale, weil es ja auch ziemlich teuer und ich weiß nicht, welche Kamera ist gut. Da hat er gesagt, komm vorbei. Er hat mir dann sein Equipment in Höhe von zig Tausend Euro in die Hand gedrückt, obwohl wir uns kaum kannten und ich durfte einfach machen, wofür ich ihm mein Leben lang dankbar sein werde. Da hab ich auch gemerkt okay, das Digitale geht mir auch gut ab.“

L!VE: Hast Du ein Lieblingsgenre in dem Du Dich besonders wohlfühlst?

J. K.: „Also bevorzugt mache ich auf jeden Fall Porträt- und Dokumentations-Fotografie bzw Reportage-Fotografie, weil ich für mich gemerkt habe, dass ich glaube ich mit meiner Art auch oftmals mit den Leuten so connecten kann, dass die mit relativ wenig Input von meiner Seite die Bilder hinbekomme wie ich sie mir vorstelle. Ich mag es nicht so gestellte Bilder zu machen, ich mag Bilder aus dem Moment raus und das sind dann auch meiner Meinung nach die schönsten Bilder, die ich mache.“

L!VE: Wie wichtig ist dir Nachbearbeitung?

J. K.: „Also Nachbearbeitung betreibe ich in dem Sinne nur, dass ich so mein Branding drunter setze. Und ich habe eine gewisse Vorstellung von den Farben, wie die wirken sollen. Ich arbeite digital ausschließlich mit RAW Dateien und alles was ich fotografiere, geht erst über Lightroom und ich versuche das so anzupassen, dass ich sage, das ist mein Stil, den ich die ganze Zeit anstrebe und jedes Bild eigentlich mehr oder weniger ins Detail rein.  Nachbearbeitung mit Photoshop mache ich gar nicht.“

L!VE: Tatsächlich ist es ja ein bisschen schwierig, Bilder von dir zu sehen,  zumindest aktuell noch?

J. K.: „Im Moment schon, das ging alles so schnell und die Entwicklung hat mich etwas überrollt. Ich mache ich das ja auch erst seit Anfang des Jahres, habe da ja auch erst das Gewerbe angemeldet. Ich hatte mir eigentlich gesagt, ich gehe das jetzt an, versucht es und hab‘ mir dieses Jahr so mehr oder weniger als Ausprobierjahr vorgestellt. Aber dann ging das richtig flott, zumindest flotter als gedacht. Immerhin habe ich mir schon eine Domain gesichert, aber bis jonikamma.de online geht kann es gut Ende des Jahres werden. Ich mache halt auch alles selbst und dementsprechend kann das ein bisschen dauern.“

L!VE: Wie ist Dein Verhältnis zu Social Media, Insta & Co?

J. K.: „Da ich ja von Analogfotografie komme, habe ich relativ schnell gemerkt, dass die Wertschätzung von Bildern auf Instagram nicht so gegeben ist, wie ich es mir erhoffe. Das wird da immer schnelllebiger und schnelllebiger. Und wenn ich Bilder veröffentliche, die ich gut finde, weiß ich aber gleich, gucken die Leute gucken die nur eine Sekunde an und dann wird weitergescrollt. Dafür finde ich das Ganze einfach zu wenig wertgeschätzt. Dementsprechend habe ich tatsächlich meiner Meinung nach die schönsten Bilder noch gar nicht veröffentlicht. Ich spiele allerdings eher mit dem Gedanken, eine erste Ausstellung zu machen. Da hätte ich auch definitiv Freude daran die Bilder zu zeigen, die ich noch nicht veröffentlicht habe.“

L!VE: Geht das vielleicht sogar schneller als die Website?

J. K.: „Ich hab‘ Connections zu einer Location in der Mainzer Straße, die einem Freund gehört und der hatte das schon vor ein paar Monaten angeboten. Er sagte, er fände das richtig cool, was ich da mache und würde sich freuen, wenn so was bei ihm stattfinden würde. Aber ich sammel‘ grad noch so ein bisschen. Ich hab‘ eine ganz schöne Reihe an Amerika fotografiert, als ich in New York war. Die würde ich liebend gerne ausstellen, auch weil die zu einer Hälfte analog und zur anderen digital geschossen sind. Allerdings habe ich ein Stück weit noch so ein zwiespältiges Verhältnis. Müsste ich jetzt mehr veröffentlichen? Oder lieber noch warten Das ist das Problem bei mir.“

L!VE: Da bleibt nur zu hoffen, dass Du Dich zu mehr Öffentlichkeit durchringen kannst. Einstweilen besten Dank für das Gespräch und hoffentlich bis bald!

Instagram: @jonikamma

Website: www.jonikamma.de

Jetzt auch noch Kartoffeln

Kunst schreibt sich mit „K“, genau wie Können, aber eben auch wie Kartoffeln und wie Karle, um präziser zu sein Alexander Karle. Und eben der macht jetzt mit genau denen von sich reden. Inwieweit da Kunst und Können eine Rolle spielen wollen wir im Gespräch herausfinden.

Wir treffen den mehrfach preisgekrönten und fast ebenso oft verurteilten Alexander Karle in der Pfarrer Köllner Anlage an der Breite Straße in Malstatt. Hier, wo zuvor jahrelang das Zelt eines Corona-Testzentrums auf einer wenig gepflegten Wiese stand, treibt der Künstler, HbK Absolvent und Meisterschüler seit Anfang des Jahres sein neuestes Projekt voran, wieder mit reichlich Hinguckerpotential, allerdings diesmal nur äußerst geringer Chance, deswegen wieder vor dem Kadi zu landen. Er hat in der kleinen Grünanlage eine Pflanzung angelegt – mit behördlichem Segen – und will dort Kartoffeln anbauen. In Anspielung auf seinen Nachnamen soll das also ein „Karltoffelplatz“ werden. Diese Hingabe an die Botanik verblüfft auf den ersten Blick (und auf den zweiten auch), denn bisher hat der inzwischen 45jährige eher mit urbanen Themen wie z.B. den Skulpturen vor der Europagalerie, der „Karte für junge Reisende“ und dem Nauwieser Artwalk sein Talent bewiesen, allerdings auch mit überaus kontroversen Aktionen, von Liegestützen auf dem Altar der Basilika bis zum Besprayen der Wilhelm-Heinrich-Brücke mit Schriftzügen.

L!VE: Wie um alles in der Welt kommt man auf die Idee, mitten in der Stadt einen Acker anzulegen?

Alexander Karle: „Also, die Idee dafür ist im März diesen Jahres entstanden. Ich hatte hier unweit in der Ludwigstraße über einen Monat an einem Projekt der Kunsthochschule gearbeitet, der Ausstellung „Ich hab dich lieb wie ein Computer“. Und obwohl ich täglich dort gearbeitet habe und auch hier in der Nähe, nur zwei Straßen weiter, wohne, hatte ich vorher diesen Platz gar nicht so auf dem Schirm. Man muss sagen, dieser Platz liegt einer sehr zentralen Stelle inmitten des unteren Malstatt. Hier entsteht seit einigen Jahren ein neues syrisches Viertel und gleichzeitig hat man viele Menschen, die hier schon lange wohnen. Das kollidiert gerade ein bisschen, obwohl das eigentlich eine sehr schöne Entwicklung ist. Auch diese Anlage hier wurde vor ein paar Jahren neu gemacht, aber dann stand hier fast drei Jahre ein Corona-Testzentrum drauf und hat den ganzen Platz eingenommen. Als das wieder abgebaut wurde, lag der Platz so ein bisschen brach und ich dachte, dass es eine tolle Möglichkeit sei, einen interessanten neuen Ort zu schaffen.“

L!VE: Und warum ausgerechnet Kartoffeln?

A. K.: „Die Frage höre ich öfter. Oder auch: Das kann ja jeder. Macht der jetzt auf Bauer und tut so, als wäre es Kunst. Dabei geht es ja viel mehr darum, über den Umweg des Pflanzens von Kartoffeln diesem Platz, eine neue Identität zu geben, ein neues Gesicht, so dass hier ein Ort entsteht, an dem man sich gerne trifft, an dem man vielleicht auch mal kleine Konzerte macht, Lesungen, Ausstellungen, in dem einfach ein anderer Vibe ist. Und diesen Vibe zu erzeugen, das zu gestalten und zu vermitteln, das ist für mich eine gewisse Art von Stadtforschung und Kunst. Und da ich Kartoffeln sehr mag und die mit ihrer Herkunft aus Südamerika und ihrer jetzigen Rolle in der saarländischen Kultur ein Musterbeispiel für Integration sind, kam mir dann der Gedanke, einen Platz zu entwickeln, wo man den Bürgern anbietet, gemeinsam mit mir langfristig Kartoffeln anzubauen.“

L!VE: Bisher warst Du ja durchaus auch ein wenig kontrovers bis provokant unterwegs. Ist der „Karltoffelplatz“ jetzt ein Ausdruck von Altersmilde oder der neuen Rolle als Vater?

A. K.: „Nicht ganz. Ich wurde ja zu einer relativ hohen Geldstrafe, die ich nicht bezahlen konnte. verurteilt, weil ich unter der Wilhelm-Heinrich-Brücke gesprüht hatte. Dann hatte ich die Wahl 90 Tage Gefängnis, was natürlich mit einem kleinen Kind, das ich täglich betreue, nicht in Frage kommt, oder 360 gemeinnützige Arbeitsstunden. Da ich hier in Malstatt bereits einige Bürger Kulturprojekte gemacht hatte, habe ich bei der Diakonie Saar angefragt. Ich habe gesagt, Leute, wenn ihr wollt mache bei euch Arbeitsstunden, aber ich setze mich nicht ins Büro und drehe Däumchen, ich möchte etwas Sinnvolles machen. Ich habe eine ganz konkrete Idee, die ich gerne realisieren würde. Das wird sehr viel Arbeit, ich plane das Projekt, ich führe es durch, ich dokumentiere es und begleitete es auch medial. On top mache ich hier noch zwei, drei kleinere Projekte, wie zum Beispiel in der Breiten Straße fünf Stromkästen zu bemalen, dann haben wir das mit den Stunden.“

L!VE: Woher die Verbindung nach Malstatt? Die Leute würden Dich ja wahrscheinlich eher mit dem Nauwieser Viertel oder dem Mainzer Straßen Kiez in Verbindung bringen?

A. K.: „Ja, ich wohne seit einigen Jahren hier in Malstatt und denke, dass da hier ein Geheimtipp ist, so wie das Nauwieser Viertel von vor 20, 30 Jahren. Hier ist der spannendste Ort in ganz Saarbrücken. Aber ich bin noch alle paar Tage im Viertel und fühle mich da auch sehr wohl. Aber hier ist wirklich noch mehr Freiraum. Das hier ist ein Viertel im Wandel, hier gibt es noch Vakuum, hier kann man noch was entwickeln und deswegen finde ich es sehr angenehm, hier zu leben.“

L!VE: Obwohl du inzwischen eigentlich ein vertrautes Bild hier im Viertel sein müsstest gucken einige Passanten immer noch überrascht und die Anwohner interessieren sich immer noch sehr dafür, was du da eigentlich machst.

A. K.: „Ja klar. Ich bin schon eine Weile hier. Ich musste sehr lange, konkret viereinhalb Monate warten, bis ich eine Genehmigung hatte von der Stadt. Aber in den letzten zwei Monaten bin ich täglich hier und hab den ganzen Boden umgegraben, die Steine entfernt, erst mal rausgefunden, wo welche Art von Boden ist. Hier war ganz viel Bauschutt, Betonteile, Pflastersteine, gute Stellen, nicht so gute. Dabei habe ich dann auch die Form entwickelt und die Erde ausgetauscht. Die Stadt hat uns, also meinem Projektpartner Diakonie Saar und Quartier Malstatt, dann zwei Kipper Muttererde geschenkt. Die haben wir dann aufgefüllt und das war super, super viel Arbeit. Man muss sich auch vorstellen, im August hat es teilweise fast jeden Tag geregnet, aber ich wollte unbedingt weiterkommen und das haben die Leute natürlich mitbekommen. Am Anfang die Leute alle gedacht, ich wäre ein etwas komischer Mitarbeiter der Stadt, doch als ich dann aber täglich bis so gegen 18, 19 Uhr hier war, kamen die ersten zu mir und haben gesagt, du bist ja gar nicht von der Stadt, die hören nämlich um 16.00 Uhr auf. Ich hab dann erklärt, dass es ein Kartoffelplatz wird und das schien für sie normal zu sein, zumindest gab es da relativ wenig Nachfragen. Irgendwann haben wir dann unter Absprache mit dem Grünamt im Wald Holz und Holzstöcke für die Einfriedung gesammelt. Es war mir wichtig, dass wir kein neues Holz aus dem Baumarkt benutzen, sondern dass wir Holz nehmen, was von Bäumen bereits abgefallen war. Damit und mit viel Mühe und Aufwand, auch mit Hilfe einiger Bürgern, entstand dann diese Befriedung gebaut. Die ist eher so eine symbolische Abgrenzung ist, denn wer will kann ja jederzeit auf den Platz. Da ist zwar ein Tor, aber die ist ja nicht verschlossen. Es geht natürlich auch darum, dass nicht so viele Hunde dahin kacken oder im besten Fall gar keine. Man soll halt auch sehen, dass es hier nichts perfekt ist, sondern von Leuten selbst gemacht und, dass das eine gewisse positive Aura ausstrahlt. Das soll natürlich auch dazu führen, dass der Platz mehr und mehr respektiert wird.

L!VE: Obwohl es ja schon mal vorgekommen ist, dass irgendwelche „Vandalen“ den kunstvoll verknüpften Zaum umgetreten haben?

A. K.: „Genau. Also vor ungefähr zwei Wochen, Anfang September war das. Es gab wirklich Probleme, dass einzelne Jugendliche massiv, also wiederholt bis zu einem Drittel der Befriedung rausgerissen hatten und ich das dann jedes Mal erneuern musste mit viel Mühe und Arbeit. Man muss sich vorstellen, ich stecke ja nicht die Stöcke einfach in den Boden und das war’s. Das ist ja Totholz, was heißt, ich muss gucken, wie die Stöcke angeordnet werden müssen, die wieder entfernen, die Schnüre alle abschneiden, den Boden noch mal ein bisschen verdichten und festigen, die neuen Stöcke einbringen und alles wieder miteinander verbinden. Es gab letztlich keine andere Lösung und ich habe das dann einfach für mich genutzt, habe es immer wieder neu gemacht und war damit auch wieder mehr im Dialog mit den Bürgern. Dieser Platz hat natürlich eine ganz andere Wirkung, wenn jemand hier ist, der dran arbeitet.“

L!VE: Hast du vorher schon irgendwie einen grünen Daumen gehabt?

A. K.: „Nee, gar nicht, weder beim Urban Gardening noch habe ich zu Hause besonders viele Pflanzen. Allerdings habe ja über die Jahre immer wieder mit dem Element Pflanzen gearbeitet, weil die eine gewisse Geschwindigkeit haben, und alle paar Jahre kam und kommt es immer wieder vor, dass ich Installationen mache, die dann wachsen.

L!VE: Zum Abschluss mal Hand aufs Herz: abgesehen von Kresse und Bohnen wächst hier aber noch nix, auch keine Kartoffeln, oder?

A. K.: „Nein, keine einzige, dafür haben wir zu spät beginnen können und die verbliebene Zeit zu knapp. Natürlich wachsen hier jetzt ganz viele andere spannende Dinge. Brennnessel Beifuß, Löwenzahn, alles Mögliche. Und man sieht an der Wiese nebendran, die ich nicht bearbeitet habe, dass bei mir wesentlich viel mehr wächst und viel mehr Vielfalt ist. Was natürlich auch schön ist. Der Plan war eigentlich mit Vertragsende Ende Oktober, das Totholz zu verbrennen und darauf Kartoffeln für alle zu kochen und ein Fest zu feiern. Jetzt ist aber so, dass dieser Platz so gut angenommen wird, dass es so viel Arbeit war und dass jetzt vor allem so viele Vorarbeit geleistet ist. Wir haben hier jetzt beispielsweise Buschbohnen angebaut, weil die sehr schnell wachsen, und Kresse, damit der Wall gehalten wird. Und letztlich ist das der Dünger für nächstes Jahr. Und die Idee ist jetzt natürlich, zum  Stadtplanungsamt zu gehen und sagen Leute, lass mich mindestens noch bis nächstes Jahr Herbst weitermachen. Lasst uns bitte diesmal im Frühling wirklich Kartoffeln pflanzen, früh genug und ich kümmere mich drum. Ich such mir noch zwei, drei Bürger und dann wuppen wir das Ding, bauen die Befriedung nach oben weiter, bis sie sich schließt zu einer Kuppel und dann nach und nach mit Plastiktüten zum Beispiel von arabischen Läden, mit gelben Säcken, Verpackungen, eine Art Dach hintackere, so dass über Herbst und Winter hier ein neuer Ort entsteht, in dem auch mal können kleine Konzerte sein, Lesungen oder wo die Leute bei schlechtem Wetter sich einfach aufhalten können, wo trotzdem sehr hell sein wird. Und im Frühjahr baue ich das wieder zurück bis zu einer gewissen Höhe und pflanze endlich die Kartoffeln.“

L!VE: Wir haben zu danken für Deine Zeit und wünschen viel Erfolg mit der „Ernte“. Halt‘ uns auf dem Laufenden!