Hallo Mikrokosmonauten: Ich wollte einfach nur keinen Stress – und bekam stattdessen Kollegen
Der Januar ist bekanntlich der Monat, in dem man glaubt, man könne sich neu erfinden. Also dachte ich mir: Mel, du machst jetzt mal 31 Tage ohne Drama. Kein Stress. Keine Aufregung. Keine Mini-Katastrophen, die dich in innere Monologe treiben, bei denen du in drei Minuten eine komplette Netflix-Staffel durchlebst. Wirklich, das war mein Vorsatz. Ich wollte – ungelogen – Ruhe. Das Problem ist nur: Der Januar wollte nicht.
Die Realität betritt das Büro – und ich bereue alles.
Schon am zweiten Tag nach Neujahr öffnet man im Büro die Tür und sieht Menschen, die so aussehen, als wären sie gerade aus einer Zeitschleife gefallen: bleich, reizbar, übermotiviert oder komplett ferngesteuert. Manche haben neue Vorsätze, andere neue Frisuren, wieder andere tragen plötzlich „Business“-Schuhe, was immer ein Alarmzeichen ist. Und dann gibt es die, die sich aufführen, als wäre der Januar der erste Monat in der Geschichte der Menschheit, in dem man produktiv sein müsste.
„Mel, wie lautet dein Wort des Jahres?“, fragt eine Kollegin, die eine Vision-Board-Mappe unterm Arm hat. Mein Wort? Storniert, möchte ich sagen. Ich sage es aber nicht, weil ich ja drama-frei bleiben wollte.
Am fünften Januar dann der Moment, in dem mein Experiment offiziell scheitert: Ein Meeting. Ein Meeting, das … nichts, aber auch gar nichts mit meinem Arbeitsbereich zu tun hatte. Ich sitze drin, weil irgendjemand dachte, „Mel könnte da sicher auch was beitragen“ – und plötzlich soll ich zu einem Thema Stellung nehmen, das klingt wie: „Wie können wir den digitalen Workflow optimieren, indem wir die interne Struktur zwischen den externen Schnittstellen im hybriden Kommunikationskontext synergierelevant adaptieren?“ Ich nicke. Alle nicken. Niemand weiß irgendwas. Aber niemand gibt es zu. Drama. Und die Frage, die wie ein Elefant im Raum steht: Wer hat eigentlich Meetings erfunden – und warum hassen sie uns?
Warum wirken Menschen im Januar immer wie frisch ausgewildert?
Sie kommen alle zurück ins Büro, diese Menschen, die glauben, der Januar sei eine Blankoseite. Einer erzählt, er habe beschlossen, „2026 einfach mal entspannter zu leben“. Fünf Minuten später diktiert er einem anderen Kollegen mit militärischer Härte, wie man Dokumente richtig benennt. Eine Kollegin betont, sie wolle „weniger bewerten“. Sie bewertet aber in den ersten zehn Minuten alles: das Licht, die Stimmung, die Bürostühle, die Temperatur und meine Frisur. Und da wird mir klar: Ich habe nie eine Chance gehabt. Nicht mal eine faire. Was mich an diesem Januar besonders irritiert, ist nicht einmal die Produktivität selbst, sondern ihr missionarischer Eifer. Menschen reden plötzlich so über To-do-Listen, als hätten sie eine religiöse Erfahrung gemacht. „Ich bin jetzt voll strukturiert“, sagt jemand mit einem Blick, der eindeutig nach Burnout im März klingt. Struktur ist ja schön. Aber seit wann ist sie ein Persönlichkeitsersatz?
Ist der Januar ein großer Stresstest?
Ich beobachte derzeit eine neue Spezies: den Januar-Erklärer. Das ist der Kollege, der dir ungefragt erläutert, warum jetzt alles anders wird. Warum man jetzt früher aufsteht. Warum man jetzt weniger Zucker isst. Warum man jetzt effizienter kommuniziert. Ich nicke wieder. Ich nicke sehr viel in diesem Monat. Mein Nicken ist mein Schutzschild. Besonders heikel wird es, wenn der Januar-Erklärer auf den Januar-Optimierer trifft. Dann entstehen erneut Meetings, die niemand braucht, und irgendwo fällt immer der Satz: „Das nehmen wir mal mit.“ Wohin eigentlich? Niemand weiß es. Aber man nimmt es mit.
Eins ist sicher: Der Januar ist nicht der Monat für Ruhe. Der Januar ist ein überdimensionaler Montagmorgen in Kalenderform. Der Januar ist die feuchtgewordene Serviette aller gesammelten Erwartungen der Gesellschaft. Der Januar ist … nun ja. Der Januar.
Mein persönliches „31 Tage ohne Drama“-Experiment endete also an Tag 4. Und ich muss ehrlicherweise sagen: Ich bin stolz auf mich, dass ich es so weit geschafft habe.
Die Wahrheit ist: Das Drama verschwindet nicht. Auch nicht im Januar. Es taucht nur in anderen Rollen auf. Früher waren es verpasste Anrufe oder Herzflattern oder nächtliche Entscheidungen, die man später bereut. Jetzt sind es Menschen, Passwörter, überambitionierte Kollegen, Vision-Boards und Meetings, die niemand braucht. Ich für meinen Teil habe jedenfalls beschlossen, den Januar nicht zu gewinnen. Ich möchte ihn auch nicht optimieren. Ich möchte ihn einfach überleben – mit Humor, mit innerem Augenrollen und mit der leisen Gewissheit, dass Februar meist etwas ehrlicher ist. Und dann stelle ich mir außerdem die Frage:
„Ist des Februars einzige Stärke seine Kürze?“
Vielleicht klappt mein Experiment im Februar. 28 Tage, mathematisch gesehen: bessere Chancen. Und wenn’s wieder nichts wird? Dann starte ich eben das nächste Projekt: „Mel, 31 Tage ohne Erwartungen.“ Realistische Prognose? Ich scheitere an Tag 2. Vielleicht besteht die wahre Stärke des Februars genau darin: Er erwartet einfach nicht so viel.
Aber jetzt würde mich interessieren: Wie geht es euch mit dem Januar – und dem Februar gleich hinterher? Seid ihr Team Neuanfang oder Team Überleben. Schreibt mir. Ich lese es. Und verspreche, nicht sofort ein neues Experiment daraus zu machen.
melanie.hartmann@live-magazin.de




