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Das Rotkehlchen

Hallo Mikrokosmonauten: Das Gute liegt so nah

Ich frage mich seit jeher, warum manche Menschen auf die Frage, wie es ihnen geht, mit: „Du weißt doch, schlechten Menschen geht es immer gut!“ antworten? Denn in den allermeisten Fällen kommt diese Antwort von denjenigen, die eigentlich herzensgut sind. Warum also sehen sie sich als schlecht an? Warum ziehen sie überhaupt in Erwägung, schlecht zu sein? Und selbst wenn sie es ironisch meinen: Wie kommen sie darauf, gerade in dieser Antwort ironisch zu sein? Ich könnte mir vorstellen, dass der ein oder andere von ihnen tatsächlich böse und schlecht ist, aber dann frage ich mich auch in diesem Falle:

Was war zuerst? Das Böse oder der Mensch?

Diejenigen, die mich kennen wissen, dass ich weder ein Menschenfreund bin, noch sonderlich charmant mit meinen zweibeinigen Artgenossen umgehe. In der Vergangenheit gab ich den meisten nicht mal den Hauch einer Chance. Warum das so ist, kann ich gar nicht sagen. Eventuell, weil ich Menschen bis heute nicht so ganz begreife. Ihre Handlungen, ihre Taten, ihre Gedanken. Social skills ist etwas, was ich bis heute mehr oder weniger erfolglos studiere. Den Master werde ich darin wohl nie machen. Darüber hinaus empfinde ich es auch viel einfacher, der Spezies Mensch den Stempel „Böse“ aufzudrücken und im Zweifelsfalle einer Handvoll von ihnen das Prädikat „nett“ zu verleihen. Mehr geht nicht. Allerdings kann ich derzeit etwas an mir beobachten, und ich beobachte es auch da draußen, was mich zu einer Revision zwingt. Okay, vielleicht war es auch schon immer da, aber erst jetzt bekomme ich ein Gespür dafür. Das Gespür für Menschlichkeit. Zwar ist Weihnachten und dieses ganze damit verbundene kitschige Nächstenliebe-Getue vorbei, aber ich verspüre zurzeit ein subtiles Zusammenrücken und ein wenig mehr Sanftmütigkeit und Einsicht unter meinesgleichen. Fast so sieht es aus, als hätte sich ein Weichzeichner über alles gelegt. Und ich mittendrin und damit verbunden ganz viele neuartige Gefühle, die ich nicht eruieren kann. 

Aber ganz von vorne. Angefangen hat nämlich alles mit einem Rotkehlchen. Unter meinen Kollegen bin ich dafür bekannt, dass ich Tiere liebe und alles für sie tun würde. Man kommt regelmäßig auf mich zu, wenn mal wieder ein Vogel gegen die Scheibe geflogen ist. Manchmal sind sie bereits tot. Aber bevor sie zwischen Kippenstummel und Brotresten in einer Mülltonne ihre letzte Ruhestätte finden, informiert man mich, damit ich sie würdevoll beerdige. Es kommt allerdings auch immer mal wieder vor, dass das Tier noch lebt und so begab es sich auch neulich, als ein Kollege mich aufsuchte und mich bat, mit nach draußen zu kommen. Das Bild, was sich mir bot, passte nicht in mein Mel-typisches menschenverachtendes Muster und mein Gehirn hatte massive Schwierigkeiten, diese Art von Situation richtig zu deuten. Ich sah einen LKW mit offener Türe. Vor dem Fahrzeug befand sich ein großer, bulliger Kerl in Warnweste. Er trug Mütze und Vollbart. Es konnte nur der Fahrer sein. In seinen Händen hielt er etwas, als wolle er es beschützen. Aber es passte für mich rein gar nichts zusammen. Bulliger LKW-Fahrer hält etwas schützend in der Hand? Er kam auf mich zu, er kam näher und dann sah ich es. Er hielt einen kleinen Vogel in seinen Händen und da ich gut zu Vögeln bin, übergab er ihn mir. Dieser große Kerl, von dem man annahm, dass er allenfalls eine Dose Bier so fürsorglich behandeln würde. Ich nahm den Vogel an mich, konnte noch nicht mal mehr etwas zu ihm sagen, aber nahm von meinem Kollegen noch wahr, dass der Vogel wohl kurz zuvor gegen eine Scheibe geflogen war und der LKW eine Vollbremsung hinlegen musste, um das Tier nicht zu überfahren, das ohnmächtig auf der Straße liegen geblieben war. 

Zurück in meinem Büro legte ich den Vogel, ein Rotkehlchen, behutsam in meine Wollmütze und wartete ab. Währenddessen rasten meine Gedanken und Gefühle. Wie konnte es sein, dass ein arbeitender Mann des Volkes, dem ich allenfalls bei den Fußballergebnissen Emotionen zugetraut hätte, ein Herz für Tiere hatte? Und ich begann mich auf einmal richtiggehend zu schämen. Für meine vorurteilsbehaftete Denkweise. Für meine Annahme, alle Menschen seien böse und gefühlskalt. Und für meine Arroganz, in Schubladen zu denken. Ich wollte Rotkehlchen fragen, aber es schaute mich nur ratlos mit seinen schwarzen Äuglein an und kackte in die Mütze. Immerhin. Es lebte. 

Gut und Böse sind Grundtendenzen unserer Existenz. Wenngleich es rein psychologisch gesehen keine bösen Menschen gibt, sondern man dort vielmehr von Persönlichkeitsstörungen oder Narzissmus spricht. Psychopathen, Tierquäler, Killer – sie alle mögen das Böse verkörpern, die Diagnose lautet jedoch immer, dass sie ein hohes Maß an Sadismus besitzen, um ihren Selbstwert zu erhöhen. Aber wie dem auch sei haben die Menschen seit jeher die Wahl. Und in den meisten Fällen sind wir bestrebt, Gutes zu tun und gut zu sein. Und letztendlich musste ich es mir eingestehen: Das Gute im Menschen existiert.

Hilfsbereitschaft. Nächstenliebe. Rücksicht. Ich frage mich, ob es immer Krisen bedarf, dass Menschen sich wieder annähern. Oder dass sie zumindest feinfühliger werden. Dass wir erstmal so richtig durchgeschüttelt werden müssen, um zu begreifen, was wirklich zählt im Leben. Zwar schüttelte es mich neulich nicht, aber es gab einen ordentlichen Bumms, als ich schnellen Schrittes um die Ecke bog und auf glatter Straße den Halt verlor. Ich knallte gegen die Hauswand, kippte zur Seite weg und blieb rücklings auf dem Asphalt liegen. So daliegend erinnerte es mich an meinen Griechenland Urlaub und zu viel Ouzo, einer Flucht aus einem Taxi und einem anschließenden Asphalt-Nickerchen, weil der sich so schön kühl anfühlte. Nun war ich aber nicht in Griechenland, sondern in Saarbrücken und ehe ich mich versah, reichte mir ein langhaariger Asiate die Hand, half mir auf und fragte, ob alles in Ordnung sei. Wäre dies eine Romantic-Comedy, hätte ich mich Hals über Kopf in diesen hilfsbereiten Menschenfreund verknallt und wir wären auf ewig glücklich gewesen. In Wahrheit überragte ich ihn jedoch um fast einen Kopf und er guckte mich nicht gerade so an, als sei ich seine Königin Conztantia, und außerdem eilte mir mein Freund nach, der gerade mit Parkschein ziehen fertig war und rügte mich für meinen Sturz, als wäre ich ein kleines Kind. 

Am Ende ist es doch so: Es ist nie ein Mensch so schlecht, dass er schon wieder in irgendeiner Art gut sein könnte. Ich glaube, ich habe schon vielen Leuten in meinem Leben Unrecht getan, die eigentlich besser waren, als ich annahm. Ich war zu schnell und zu hart in meinen Urteilen, habe mich zu selten überzeugen lassen, vergab kaum zweite Chancen. Und ich schaute nicht so genau hin. Ich würde den LKW-Fahrer gerne wissen lassen, dass das Rotkehlchen überlebt hat. Dass es nur dank ihm wenig später aus meiner Mütze gehüpft kam, ich es auf meinen Handrücken setzte und das Fenster öffnete. Bevor es davonflog schaute es mich mit seinen Knopfaugen ein letztes Mal an, legte den Kopf schief und zwinkerte, als wolle es Danke sagen. Dann kackte es mich zum Abschied an und weg war es. 

Und einfach so kam die Zuversicht in mein Leben. Das Vertrauen in das Gute in jedem von uns. 

Das wird ein Fest!

Hallo Mikrokosmonauten: Wie wir es stressfrei zum Jahresende schaffen… 

Ich freue mich sehr auf den Monat Dezember! Warum? Weil er nach Juni und Juli zu meinen Lieblingsmonaten gehört. Und weil er sich zum offiziellen Projekt-Monat entpuppt hat. So viele Ideen, die einer Umsetzung bedürfen! So viele große Ereignisse, die ihre Schatten voraus werfen! In freudiger Erregung fiebere ich diversen Events entgegen, wovon eines selbstverständlich wieder der Heilige Abend sein wird. Aber nicht nur der wird wohl in liebevoller Erinnerung bleiben, da bin ich sicher. Zudem folgt dieses Jahr auf dreijährige Zwangspause nämlich die allseits beliebte Firmen-Weihnachtssause, die schmerzlich vermisst jetzt so manche Vorfreude in mir hervorruft. Obwohl ich nicht sicher bin, ob jenes Ereignis überhaupt meinen verklärten Vorstellungen entspricht. Einst endete so manche Weihnachtsfeier nämlich mehr in Gelage und Gekloppe. Sensationsgeil, wie ich immer schon war, ist dieser Fakt allerdings nicht ganz so tragisch, denn mein Dezember-Statement für dieses Jahr lautet schlussendlich wieder:

„Endlich passiert mal wieder was!“

Glaubt mir, ich habe es vermisst. Das vorfreudige Verweilen während ein Duft von Zimt und Vanille in der Luft liegt und man endlich wieder einen Weihnachtsmarkt besuchen kann, der nicht umzäunt ist und bewacht wird wie einst das Zonenrandgebiet der DDR. Diesmal scheint es sogar so, als dürften wir unseren Glühwein ganz ohne Mundschutz verzehren. Pur schmeckt er eh besser als gefiltert. So oder so wird es aufregend, weil wir nach gefühlten hundert Jahren wieder tun und lassen können, was wir wollen. Konnten wir zwar vorher auch, aber diesmal dürfen wir so manche Eskalation ganz offiziell zelebrieren! Ja, wirklich! 

Am Ende des Jahres habe ich immer das Gefühl, nochmal richtig durchstarten zu müssen. Wen wundert es auch, flattern doch immer gen Jahresende urplötzlich Einladungen ins Haus, mit denen man überhaupt nicht mehr gerechnet hat. Ein vorweihnachtliches Familientreffen nahe der holländischen Grenze zum Beispiel mit entfernten Verwandten, von denen man überhaupt nicht wusste, dass man mit ihnen tatsächlich verwandt ist. Backwaren, von denen man so schön lustig wird! Spontane Shopping-Ausflüge, obwohl das Kreditlimit längst ausgereizt ist. Mit Partner natürlich, der mich wohlgemerkt dazu eingeladen hat. Ganz zu schweigen von der alljährlich stattfindenden Silvester-Party in München, die mich jedes Mal ein kleines Vermögen kostet, ich aber unmöglich auf sämtliche Annehmlichkeiten verzichten kann, weil es eben München ist, verflucht noch eins! Am Ende des Jahres ist man dann zwar pleite, aber immer noch unheimlich sexy. 

Nun ist aber erstmal der Anfang von allem. Endspurt. Der letzte Monat des Jahres. Der Monat, an dem man einfach zunehmen muss, weil alles unheimlich lecker schmeckt und die Zeit, in der die Hoffnung immer als letztes stirbt, zuallererst die auf weiße Weihnachten. Ich glaube, dieses Jahr werden wir sie auch bekommen. Ich habe neulich um einen Stollen darum gewettet und wenn ich verliere, muss ich einen backen und ich kann in Wahrheit gar nicht backen. Nicht mal Weihnachtsplätzchen. Mein letztes Gebäck sah aus wie Rosine auf Kieselstein, obwohl es Engelsaugen werden sollten. Geschmeckt haben sie ähnlich und man hätte sie dem Streudienst ohne Bedenken mitgeben können, sie hätten den Unterschied nicht bemerkt. 

Mein Dezember-Projekt sollte eigentlich lauten: „Wie werde ich eine zuckersüße Weihnachtsbäckereien-Fee, die gleichzeitig auch noch fabelhaft ist?“ 

Mein Partner wäre bestimmt unheimlich stolz. Er vermisst ein kleines Heimchen am Herd. Stattdessen aber befasse ich mich in dieser Wintersaison mit Cocktailkleidern und High-Heels, weil ich mit meinem Silvester-Outfit der absolute Hingucker sein möchte. Das war ich letztes Jahr auch, nicht zuletzt, weil mir der halbe Abend Klopapier aus dem Rock hing. Und ich hatte in meiner grenzenlosen Selbstüberschätzung gedacht, man rede damals wohlwollend und anerkennend hinter meinem Rücken, dabei waren es nur aufrichtige Lacher. Aber sei es drum. Zumindest schaffe ich es immer wieder, andere Menschen zum Schmunzeln zu bringen und das gottseidank das komplette Jahr hindurch. 

Aber seien wir mal ehrlich: Der letzte Monat im Jahr ist auch immer mit Stress verbunden. Alles muss geplant werden. Wann wird gebacken? Wann besorgen wir die Geschenke? Wer feiert Weihnachten mit wem und wo? Und der Klassiker der vorweihnachtlichen Problemchen: Was zum Teufel werden wir bloß essen?

Und gleichzeitig stelle ich mir die Frage: “Wie machen wir uns den Weihnachtstrubel-Monat so erträglich wie möglich?” Machen wir uns nichts vor: Wir wollen um die Weihnachtszeit und an Weihnachten selbst stets das Beste aus allem herausholen und meistens wird es dann doch nur so mittel bis mäßig und man fragt sich hinterher nicht selten, wozu man sich so den Allerwertesten aufgerissen hat?! Hier also kommen Mels absolute stressless Tipps für einen erholsamen Jahresabschluss: 

Einen Caterer kommen lassen

Sorry, aber die moderne Frau von heute steht nicht mehr stundenlang am Herd. Das ist einfach völlig überholt. Lieber sollten wir das Geld in einen guten Lieferservice investieren. Das spart Zeit (die man eher in die Tischdeko und ins eigene Styling investieren kann) und Nerven. 

Vor den Festtagen einen Wellness-Trip machen

Bevor es in die heiße Phase geht, mit dem/der Liebsten ein paar Tage ausspannen. Das geht sogar fast vor der Haustür an Rhein oder Mosel. Ein paar Saunagänge und Massagen können Wunder wirken und man geht danach viel gestärkter an den Weihnachtstrubel ran. 

Rechtzeitige Urlaubsplanung

Am besten in der Jahresurlaubsplanung Anfang des Jahres schon den Dezember-Urlaub eintragen, sonst ist am Jahresende wieder fast kein Urlaub übrig. Als Vorbild könnte hier der Ami dienen, der seinen Jahresurlaub generell immer im Dezember nimmt. Gut durchdacht, bei den ganzen Eggnogs und Marshmallows. So träge, wie man davon wird, ist an den Job nicht mehr zu denken. 

Am Ende ist es doch so: 

Im Dezember fühlt man herzlich

Stressgehetzt sich und kommerzlich

-Klaus Klages-

In Fesseln

Hallo Mikrokosmonauten: Schluss mit den Erziehungsmaßnahmen!

Es ist wie ein Fluch: Wann immer ich meine Smart Watch brauche, sei es, um meinen Schlaf aufzuzeichnen oder wenn ich kurz vor einem kleinen Feierabend-Säufchen.. äh Läufchen bin, zeigt sie mir an, dass der Akku bald leer ist und ich es gefälligst aufladen soll. Wozu gibt mir dieses Teil überhaupt noch Lebenszeichen, wenn es doch eigentlich immer schwächelt? Warum bleibt sie nicht einfach ganzjährlich ausgeschaltet, dann wüsste ich wenigstens, dass man sich zumindest in dieser Sache auf sie verlassen kann! Das Smartphone kann man inzwischen überall aufladen, aber diese blöde Uhr…ich frage mich, warum ich nicht beim konventionellen Chronometer geblieben bin. Und wozu ich überhaupt eine solche Uhr benötige? Eine Uhr, die einem vorgibt, wie viele Schritte man schon gegangen ist und wie viele man noch gehen muss, ist ohnehin ziemlich dreist, oder? Mischt sie sich schließlich in Dinge ein, die einem doch bitte selbst überlassen bleiben sollten! Auf der anderen Seite brauche ich sie aber irgendwie. Schon alleine deswegen, weil es nun mal solche Uhren gibt.

Und schlimmer noch: Ob Smartphone, Computer, Telefon und was-weiß-ich: Allesamt leuchten sie rot, geben komische Geräusche von sich, senden fordernde Signale, wenn sie uns mal wieder zum Gehorsam nötigen. Lade uns auf! Beweg‘ dich mehr!  Ruf zurück! Starte mich neu! Mach ein Update! Ich könnte ewig so weitermachen und komme nicht umhin, mich zu fragen:

„Seit wann lassen wir uns von Technik bevormunden?“

Nun, zumindest meine Bank ist von diesem Scorsese-roten Sollkontostand abgekommen und zeigt meine Miesen jetzt in neutralem schwarz an, was allerdings zur Folge hat, dass ich neulich dachte, ein anonymer Spender hätte meine Stoßgebete in Hinblick auf meinen Kontostand erhört und mir Geld überwiesen. War aber nicht so. Schlimmer trifft es mich jedes Mal, wenn mein Tank auf Reserve umswitcht. Da piepst es regelmäßig aus den Tiefen der Elektrik, als wäre mein Auto Protagonist in Super Mario Kart. Wenn es dann zeitgleich unter 3 Grad Außentemperatur hat, warte ich nur noch auf die Durchsage: “Dieses Fahrzeug zerstört sich in 20 Sekunden von selbst!”.  Oder verlangt es am Ende nur nach Mütze und Schal? Ich kann es nicht richtig deuten, aber was ich kapiere ist, dass ich gegängelt werde und man mich ziemlich unsanft unter Druck setzt. Geh tanken! Mach gefälligst langsam! Mein Auto, der Diktator!

Auf Anraten meines Vaters habe ich mir neulich einen Tracker in mein Auto einbauen lassen, der über eine App mit meinem Handy verbunden ist und mein Fahrverhalten analysieren soll. Je angepasster ich fahre, desto höher fällt am Ende des Jahres mein Bonus bei meiner Autoversicherung aus. Jetzt ist es aber so, dass ich das Ding weder ausschalten noch anderweitig loswerden kann. Es pappt so dermaßen fest an meiner Windschutzscheibe und lässt sich einfach nicht mehr entfernen. Diese App verfolgt jeden meiner Kilometer und meckert natürlich entsprechend, wenn mein Fahrtrend irgendwie von der ihr festgelegten Norm abweicht. Es kam also wie es kommen musste: Auf einer meiner jüngsten Fahrten über die ganzjährlich im Sanierungszustand befindlichen saarländischen Autobahnen verlor ich so dermaßen die Geduld, dass ich das Gaspedal einfach durchtrat. Ich ertrug diese ewige Ermahnung Seitens der App nicht mehr. “Achtung, Sie sind zu schnell unterwegs!”, und “Achtung, ihr Bonus wird weniger, wenn ihr Fahrtrend abweicht!”. Darüber hinaus sind unsere Autobahnen entsetzlich. Ich wollte nur kurzzeitig frei sein! Und da kam es aus dem Nichts: Ein durchdringendes Signal, diesmal rein visuell und knallig rot meine Augen blendend! Im Baustellenbereich geblitzt zu werden ist nicht gut. Diese Tatsache beinhaltet gleich mehrere Erziehungsmaßnahmen. Erstens: Du darfst nicht einfach so fahren, wie es dir passt. Zweitens: Du musst dafür bezahlen! Und last but not least: Schau gefälligst etwas freundlicher während einer Autofahrt. Du siehst viel älter aus als du bist! 

Ich bin es leid! Und ich frage mich: „Bin ich schlecht erzogen?”

Ich brüllte dann neulich einfach mein Smartphone an, als es mir wie so oft zu verstehen gab, dass sein Akku schwächelt. “Meiner auch!”. Allerdings wurde mir schlagartig bewusst, dass etwas nicht stimmte. Denn da saß ich nun mit meinem Telefon in der einen Hand und der Smartwatch in der anderen, hinter mir Alexa, die mir Ratschläge erteilte und vor mir der Fernseher mit Tipps zum Stromsparen. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich um eben diese Erziehungsmaßnahmen regelrecht bettelte. Ich wollte gegängelt werden! Ich brauchte den Input von sämtlichen Gerätschaften in meinem Umfeld, um halbwegs geradeaus zu laufen. Mein Handy und all die schönen bunten Apps waren im Grunde mein eigenes Ich, komprimiert in unzählige Bits und Bytes. Und plötzlich wusste ich auch wieder, warum ich keine herkömmliche Uhr besaß. Niemals könnte dieser Zeitmesser die Rüpelhaftigkeit einer Smartwatch besitzen. Eine klassische Armbanduhr würde sich niemals erdreisten, mich zu erziehen oder gar zu tadeln für das, was ich bin. Schlussfolgernd wäre diese Uhr viel zu liberal und freigeistig für eine offensichtlich liebend gerne in Fesseln liegende Gestalt wie mich!

Seien wir doch mal ehrlich: Konnten wir es früher kaum erwarten, endlich erwachsen zu werden und dem ständigen “Du darfst dies nicht, du darfst das nicht!” der eigenen Eltern zu entkommen, so hat sich im Erwachsenenleben im Grunde nicht viel geändert. Wir lassen uns die Dinge jetzt halt nur anderweitig vordiktieren. Und wann immer wir uns einer nicht tolerierbaren Grenze nähern, piepst, blitzt oder vibriert es. Im schlimmsten Falle stürzen wir ab und müssen das komplette Level wiederholen. So lange, bis wir es kapieren.

Wann waren wir denn das letzte Mal so richtig frei?

Ich kann mich nicht erinnern, denn überall auf der Welt ist im Grunde Maßregelvollzug. In Maßen zumindest. Selbst wenn ich morgen meinen Rucksack packe und mein restliches Leben campierend durch die Lande ziehen würde, gäbe es Regeln, wo ich mein Zelt aufschlagen darf und wo nicht. Irgendwem gehört schließlich auch der Wald. Und der wiederum macht seine Regeln. Wenngleich die romantische Vorstellung des Wildcampens in Einklang mit der Natur wunderbar erscheint, möchte ich mir nicht ausmalen, wie es da draußen aussehen würde, wäre es allen und jedem gestattet. Ergo braucht es vielleicht doch eine gewisse Erziehung und Regeln? Ich meine, der Mensch handelt seit jeher instinktiv und seiner Natur entsprechend und befolgt er dabei nicht die ein oder andere Verhaltensregel, endet das ganz schnell in Sodom und Gomorrha.

Am Ende ist es doch so: Regeln bestimmen unser Leben. Es liegt aber an uns, wie viel zusätzliche Unterweisung wir benötigen. Es mag Menschen geben, die nur mit Leitfaden existieren können. Die regelrecht darum flehen, dass man sie mit Pflichten belegt. Ein Automatismus entsteht. Ohne geht irgendwann nicht mehr. Ich für meinen Teil brauche auch Regeln, sonst wäre ich wahrscheinlich längst nicht mehr am Leben. Aber ich versuche, den Teil nicht zu verpassen, an dem der Automatismus das Denken ablöst. Ein bisschen Autonomie hat noch keinem geschadet. Deshalb lasse ich die blöde Smartwatch zukünftig einfach zuhause.

Von der Angst vorm Verlust

Hallo Mikrokosmonauten: King Charles wäre auch lieber Kind Charles

Die Queen ist tot. Und mit ihr geht gleichzeitig eine Mutter, Großmutter und Urgroßmutter. Unabhängig davon, wie sich Charles jetzt als König fühlen mag, möchte ich gar nicht wissen, wie verloren er sich als Sohn fühlen muss. Man sagt: „Sobald die Eltern gegangen sind, ist man kein Kind mehr.“. Egal, ob du zwanzig, dreißig oder siebzig bist: Solange du noch Mutter oder Vater hast, bist du noch „das Kind von…“. Wie schwer es wird, wenn dies nicht mehr so ist, kann ich mir kaum vorstellen, denn in meinem Leben hat eine Abnabelung von den Eltern nie so ganz stattgefunden. Die Verbindung ist sogar so stark, dass ich meine Wohnung im elterlichen Heim nie aufgegeben habe und immer wieder dorthin zurückkehre, egal, wo ich mich zuvor herumgetrieben habe. Meine Eltern, mag ich sie noch so oft in meinem Leben verflucht haben, sind mir das Wichtigste in meinem Leben.

Es könnte alles so schön sein, wäre da nicht diese Verlustangst, die mich seit einiger Zeit plagt. Wir werden älter und die Zeit bleibt nicht stehen. Und Jahr um Jahr vergehen und das Altern geht an Niemandem vorbei. Ich akzeptiere das nicht! Ich möchte am liebsten, dass alles immer so bleibt, wie es ist. Bloß keine Veränderung, zumindest im inneren Zirkel meines flauschigen Familienclubs. Keiner soll mehr altern. Und keiner soll sterben. Manchmal bete ich es wie ein Mantra vor mich hin: „Lass bitte alle gesund bleiben!“.

Bis jetzt hatte ich Glück. Großes Glück sogar. Niemand in meinem unmittelbaren Umfeld hat es in den letzten Jahren erwischt. Mit Ausnahme meiner Katze um die wir ausgiebig trauern konnten, denn trauern will ja auch gelernt sein. Aber alles in allem bin ich unglaublich dankbar, dass wir alle gesund sind, noch viel lachen und noch viel mehr streiten können. Für diese Dinge braucht man Kraft und Leidenschaft und solange man das noch hat, ist man auch gesund und vor allem noch nicht tot! Und dennoch überlege ich ständig, wie man diese blöde Vergänglichkeit einfach eliminieren kann. Wurde dafür eigentlich schon ein Gerät erfunden? Eine Medizin? Eine Formel? Und wieder einmal wird mir klar: Ich bin gefangen zwischen Dankbarkeit und Angst.

Mein Leben ist schön. Schöner wäre es nur noch mit ein paar Millionen auf dem Konto und ewiger Jugend für mich und meine Lieben. Ich mag dieses Leben unbedingt weiterleben, aber doch nicht unter diesen Voraussetzungen, die die Natur geschaffen hat. Alter, Krankheit, Tod – das ist doch alles scheiße! Wer will so etwas denn?  Meine Familie ist das, was ich bin und ich mag kein Ende und keine Verabschiedung. Und vor allem mag ich mich nicht von meinem Titel als „Kind“ verabschieden.

Charles ist jetzt König, aber dass er den Titel „Kind“ verliert, muss ihn doch bestimmt hart treffen! Ab jetzt ist er erwachsen. Endgültig. Mit über siebzig zwar, aber diese Tatsache schmerzt ungemein, da bin ich mir sicher. Und es geht nicht darum, dass Mama dich ab jetzt nicht mehr tadelt, wenn du dein Zimmer nicht aufgeräumt hast. Oder dir mit ihrem Spucke-getränkten Taschentuch den Dreck von der Wange wischt. Wobei ich mir bei Lisbeth schwer vorstellen kann, dass sie das bei Charles jemals gemacht hat. Generell geht es um viel mehr! Es geht darum, dass man ab jetzt definitiv ohne elterlichen Beistand durch die Welt gehen muss. Oder um es unverblümt auszudrücken: Du rückst jetzt nach und wirst als nächstes gehen! Wie erschreckend!

Deshalb habe ich Angst

Ich habe Angst, dass andere gehen müssen, und dass ich dann irgendwann gehe. Aber zuallererst habe ich Angst, dass ich meinen sicheren Hafen verlieren könnte, die Eltern, die Katzen oder den Partner. Wie einen Geist soll man, so habe ich gehört, die Anwesenheit der Angst anerkennen und mit ihr kommunizieren lernen. Ignorieren wäre auch falsch, weil Geister ebenso wie Angst sich nicht einfach so vertreiben lassen. Im Grunde sind beide recht nervige Zeitgenossen. So nervig, dass ich mir neuerdings „Grübelstunden“ in den Tag einbaue. Ab einer gewissen Uhrzeit setze ich mich hin und denke nach. Ich versuche es zumindest, denn Angst, muss man wissen, hält sich nicht unbedingt an Zeiten. Eigentlich kommt Angst immer zu früh oder zu spät und ist eigentlich nie zur rechten Zeit am rechten Ort. Oft kommt sie sogar mitten in der Nacht, wenn man eigentlich schlafen will. Da ich das so nicht mehr hinnehmen kann, rufe ich die Angst in meinen Grübelstunden und hoffe, dass sie kommt. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich von Natur aus ziemlich neurotisch bin und diese Vorgehensweise wohl nur Menschen verstehen, die mindestens genauso drauf sind. Also zurück zur Grübelstunde. Ich schreibe dann all meine Ängste auf. Wenn man Dinge aufschreibt, ist das manchmal so, als würde man sie ordnen. Man ordnet sie, steckt sie in Schubladen und schließt diese. Somit hat man sich mit der Angst auseinandergesetzt, ihr die nötige Aufmerksamkeit geschenkt, die sie einfordert und sich von ihr verabschiedet. Fürs erste zumindest.

Verlust entwurzelt

Für jeden kommt irgendwann der Punkt, an dem er sich von jemandem verabschieden muss. Neulich hörte ich von einer Bekannten, deren Vater urplötzlich verstorben war. Sie hatten ein inniges Verhältnis gehabt und für sie war es ein unglaublicher Schock. Und kurioserweise auch ein Neubeginn. Ihr wurde auf einmal bewusst, dass ihr Vater immerzu gearbeitet hatte in seinem Leben. Er hatte geschuftet und sich krumm gelegt für ein einigermaßen annehmbares Dasein. Und dann starb er einfach so. Für sie war klar, dass sie niemals daran anknüpfen würde. Und dass sie etwas ändern musste, um sich ihr restliches Leben so angenehm wie möglich zu machen. Die Sichtweise auf manche Dinge änderte sich. Im Grunde hatte dieser Abschied sogar etwas Gutes, wenngleich der Mensch in größter Not das untrügliche Talent besitzt, oft noch etwas Positives rauszuziehen, als müsse er sich selbst beruhigen. Katzen schnurren nicht nur vor Wohlgefallen sondern auch, wenn sie Schmerzen haben, denn diese Geräusche wirken auf sie entspannend. Menschen beruhigen sich, indem sie anfangen, zu eruieren, zu relativieren und zu optimieren. Es könnte schließlich immer noch schlimmer sein. Und wenn es schon schlimm ist, warum sollte man dann nicht gleich alles ändern? Für meine Bekannte änderte sich ihr komplettes Leben. Bis zu diesem Zeitpunkt war ihr nie so klar gewesen, dass sie ein Messie war, zu viele Dinge in ihrer Wohnung hortete und Angst hatte, diese zu entsorgen. Nachdem sie sich von ihrem Vater verabschiedet hatte, sagte sie auch den meisten ihrer Sachen Adieu und lebte fortan minimalistisch.

Also eines steht fest: Ob Verlust des Wohlstands, der Kontrolle oder der persönlichen Habseligkeiten – Alles kann ich ertragen, aber meine Familie gehört zu mir und ich werde sie und vor allem meinen Titel mit allem verteidigen, was ich habe. Ich will das „Kind von“ bleiben! Und wenn diese scheiß Verlustangst irgendeinen Einwand hat, bekommt sie es mit mir zu tun!

Es war mir ein Fest(ival)!

Hallo Mikrokosmonauten: A little party never killed somebody

Dieser Sommer hat uns gezeigt, dass wir es noch können. Wir können noch bis spät abends in der Sonne sitzen, Vino trinken und uns spontan dazu entschließen, auf ein Festival in der Nähe zu gehen. Und der Sommer? Der hat wiederum uns gezeigt, dass er es noch kann. Und er verleitete uns bis jetzt zu manch übermütiger Idee, die man nur haben kann, wenn „Oben Ohne“ Autofahrten möglich und langweiliges Couching unmöglich ist. Dieser Sommer wird in unser aller Langzeitgedächtnis eingehen als der Sommer des Erwachens. Als wir nach gefühlter Ewigkeit wieder feierten, als wären wir zurück in unseren Zwanzigern. Und uns ansonsten an unzähligen Aperol-Spritz und sonstigen Substanzen berauschten, ohne auch nur ein Fünkchen Anstand zu wahren. Oder an Morgen zu denken.

2022 ist das Jahr des Aus- und Aufbruchs.

Es fühlt sich großartig an.

Und einfach so besuchte ich in diesem Sommer nach Jahren wieder ein Festival. Ich kehrte an den Ort zurück, an dem ich vor 19 Jahren zuletzt gewesen war. Der Ort, an dem ich damals zusammen mit einem zugekifften Sven Väth (ein seltener Anblick) vor seiner eigenen Bühne den Zutritt verweigert bekam, weil der Security-Mann ihn in diesem Zustand schlichtweg nicht erkannte, in einen Graben fiel, weil ich selbst dort nicht auf hohe Schuhe verzichten konnte und schlussendlich einen gewaltigen Sonnenstich bekam, als ich morgens auf dem Campingplatz stundenlang auf einem Autodach lag, weil ich es in diesem Moment einfach liebte, dort zu liegen. Nature One: Natürlich ist das ein Techno-Event wenngleich ich im Laufe der Jahre musikalisch eher  zu sanfteren Tönen tendiere. Zu Wacken passe ich nicht und diese ganzen Indian-Spirit und Goa-Festivals sind mir dann doch zu abgedreht. Da wimmelt es nur so von selbsternannten Schamanen, die um imaginäre Lagerfeuer tanzen und sämtliche Fruchtbarkeits-Götter unter Einfluss von bewusstseinserweiternden Drogen beschwören. Es blieb so kurzfristig also nur die dauerbeschallende Raketenbasis inmitten des Hunsrücker Outback.

Mir wurde schnell klar: So ein Festival besucht man jenseits der 30 nicht mehr einfach so. Es bedarf einer peniblen Planung. Angefangen vom Outfit über die Anreise bis hin zur Übernachtung beziehungsweise Tagung. Zuerst dachte ich, man könne ja den Campingplatz frequentieren, allerdings hatte ich mir ein paar Tage zuvor die Netflix-Doku über Woodstock 99‘ angeschaut und ich fragte mich:

„Bin ich wirklich eine Camperin?“

Machen wir uns nichts vor: Zu einem waschechten Festival gehört es sich in der Regel, dass man dort auch zeltet. Aber mag ich mich im schlimmsten Falle mit fäkalverseuchtem Wasser duschen? Und kann ich damit leben, mich inmitten von Müll, Unrat und rastlosen Ravern zu betten? Im Grunde wäre angesichts des Musikstils ohnehin nicht an Schlaf zu denken. Und was, wenn die am Ende den Campingplatz einfach abfackeln? Laut der Doku kann so etwas nach 3 Tagen Party offensichtlich ganz leicht passieren. Mein Gedankenkarussell drehte sich eindeutig wieder zu schnell und schlussendlich buchte ich dann doch ein altersgerechtes Hotel am Rhein. Ich glaube, in diesem Moment fiel ich bereits in Punkto „Festivaltauglichkeit“ in einem Punkt schon durch.

Dann kam diese Sache mit dem Outfit. Ich bin Perfektionistin. Man mag es kaum glauben. Je älter ich werde, desto häufiger stelle ich fest, dass eine gute Vorbereitung in Sachen Aussehen alles ist. Mir ist schon klar, dass Selfcare mit Anfang 20 anders aussieht als mit 40. Getreu dem Patti LaBelle-Motto „I’m feeling good from my head to my shoes” ist es zwingend nötig, möglichst viel Geld in möglichst viele Benefits für den eigenen Körper zu stecken. Übersetzt heißt das so viel wie: Mani-Pedi-Botox und Tag der offenen Tür für sämtliche Paket-Dienstleister, die ein Festival-Outfit nach dem anderen ankarren mussten. Zeitweise brachte ich die Boten von DHL und DPD gemeinsam auf meine Couch. Sie mögen meine Macarons und sind mittlerweile absolute Fashionists, wenn es um den besten Style fürs Festival geht. Kurz vor einem waschechten Nervenzusammenbruch meinerseits inmitten von Fransenstiefel, Kimonos und Cowboy-Hüten stand das Outfit schließlich fest und zwei Gesichtsmasken später saß ich bereits im Taxi nach Nature One.

Nicht ohne den Zoll

Ich habe immer mal wieder von sogenannten Drogenkontrollen gehört, die vor solchen größeren Events gemacht werden. Ich hielt so etwas immer für einen Mythos, da ich so etwas live noch nie erlebt geschweige denn gesehen habe. Wahrscheinlich war ich auf dem Weg dorthin immer schon so benebelt gewesen, dass ich von alldem nichts mehr mitbekam. Dieses „Fahren Sie rechts ran und schließen Sie zu den andren auf!“, welches unserer Taxifahrerin an diesem Abend befohlen wurde, beunruhigte mich dann aber doch ein wenig. Ich kann mir nicht helfen, aber eine Polizeikontrolle lässt dich an all deine Komplettabstürze im Leben denken und man ist drauf und dran, vor dem Beamten seine Lebensbeichte abzulegen. Und das schlimmste ist, dass man sich immer so fühlt, als hätte man Dreck am Stecken, obwohl das natürlich nicht so ist. Und nachdem dein Ausweis kontrolliert, der Kofferraum links gemacht und man dir gottseidank nicht ans Höschen wollte, taumelt man regelrecht im Glück, wenn es heißt: „Gute Fahrt und viel Spaß!“. Spätestens jetzt hätte man mich wieder zurück zum Hotel fahren können und ich hätte gesagt: „Was für ein Abend!“. Mein Cortisol-Pegel war nämlich auf 180. Und ich hatte noch nicht mal was getrunken.

Auf so einem Festival trifft man Leute, die man seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hat. Wahrscheinlich oder gerade deswegen möchte ich an solchen Tagen glänzen. Ich möchte, dass die Leute zu mir sagen: „Wow siehst du gut aus, du bist keinen Tag gealtert!“ und mein Outfit bewundern. Letztendlich passierte nichts dergleichen, weil so etwas auf solchen Festivals offensichtlich nicht so wichtig ist. Vielmehr dachte man wohl, was für eine eingebildete Gans da wieder auf die Mainstage stolziert, als wäre sie die Djane himself. Ich als Oberhähnin sollte wirklich weniger gockeln! Mein Freund – huch, der war übrigens auch mit – nennt mich nicht umsonst Prinzessin Konstanzia, wenn ich wieder meinen besonderen Auftritt habe. Fragt mich nicht, warum, aber ich laufe auf solchen Events immer zu Hochtouren auf, was mein Ego angeht.

Am Ende war es ein Saarländer, der sich vor mir verbeugte.

Warum sind es eigentlich immer Schwule, die den Ernst der Lage erkennen und blitzschnell reagieren? Niemand geringeres als unsere saarländische Karotte war es, der mich wohlwollend betrachtete und mit einer einzigen galanten Verbeugung signalisierte: „Du kannst es noch, Girl!“. Danke!

Danach tanzte ich bis 5 Uhr morgens durch, es war mir auf einmal egal, dass meine Schuhe staubig und mein Eyeliner verschmiert waren. Ich fühlte mich großartig, ich umarmte die Welt, ich war an dem Ort, an dem ich vor 19 Jahren zuletzt war. Und ich war immer noch ich. Ich war immer noch jung. Ich war zurückgekehrt. Ich war voll da. Ein bisschen mehr Prinzessin, aber noch immer mit der Vision von Frieden und Glück. Und like nowhere else ließ ich den Bass zum ersten Mal in dieser Nacht wirklich zu und sprang schreiend in die Luft.

Each wave was perfect

-Endless Summer-

Eilmeldung

Hallo Mikrokosmonauten: Schreiben, was man denkt!

Wenngleich ich in Sachen Journalismus ein regelrechter Amateur bin, da ich lediglich meine geistigen Ergüsse mit der Welt teilen möchte, sehe ich mich dennoch in der Verantwortung, als gutes Beispiel voranzugehen. Was ich damit sagen will? Ich möchte damit ein Sprachrohr für die Leute da draußen sein. In dieser Hinsicht habe ich mit all den professionellen Journalisten wohl eine Gemeinsamkeit. Ich möchte mitnichten aufklären, aber in meiner jahrelangen Tätigkeit als Texterin sehe ich mich ein bisschen als Wegweiser. Weniger Mentor, mehr Pädagoge. Ich hoffe Monat für Monat, mit meiner Arbeit Menschen zu erreichen, sie vielleicht zu beflügeln oder zum Nachdenken anzuregen. Mir ist dabei immer eines besonders wichtig: Authentizität. Ich will nichts beschönigen, versuche aber, allem etwas Positives abzugewinnen. Ehrlichkeit in meinen Texten ist außerdem für mich unentbehrlich.

Wie kommen Journalisten auf die Idee, dass einmal Duschen pro Woche gut sein soll?

In den letzten zweieinhalb Jahren ertappe ich mich immer häufiger dabei, wie ich fast schon wutentbrannt so manche Tageszeitung am liebsten in tausend Stücke reißen würde. Dann fällt mir aber jedes Mal wieder ein, dass Wut für Frauen meines Alters wie ein weiterer Sargnagel wirken könnte und versuche mich zu beruhigen. Journalismus – so kommt es mir vor – dringt in den letzten Jahren immer mehr wie ein Oberlehrer in unser Hirn ein und setzt sich dort fest wie ein ewiger Warner. War das denn schon immer so?

Machen wir uns nichts vor, Journalismus bedeutet genau das, was es ist: Eine publizistische Arbeit, mit dem Ziel, die Öffentlichkeit mit gesellschaftlich relevanten Informationen zu versorgen. Dennoch frage ich mich, ob ein Journalist es mit sich selbst vereinbaren kann, über Themen zu schreiben, die so fernab der Realität sind, dass man eigentlich nur den Kopf schütteln kann. Musste ich beispielsweise mit Entsetzen feststellen, dass seit Wochen immer häufiger Artikel erscheinen, die den Konsum von Alkohol in Frage stellen. Und mehr noch: Ein alkoholfreies Leben wird regelrecht glorifiziert! Aua, das tut weh! Man kann einer Corona gebeutelten Gesellschaft, die man lange Zeit zum zu Hause bleiben verdonnerte doch nicht mit dieser Masche kommen. Natürlich wissen wir, dass wir in den letzten Jahren mehr gesoffen haben. Aber uns plötzlich predigen, wie schlecht Alkohol ist, erscheint uns eher wie die böse Mami, die damals nach unserem ersten Rausch mit erhobenem Zeigefinger vor uns stand und ausschimpfte! Darüber hinaus will ich gar nicht wissen, wie viele Journalisten beim Schreiben eines solchen Berichts selbst sternhagelbesoffen sind. Und ich stelle mir außerdem die Frage:

Beschäftigt sich ein Journalist mit gesellschaftlich Relevantem oder schafft er lediglich Themen, die daraufhin gesellschaftlich relevant werden?

Wäre der Journalismus nicht, wüssten wir bis heute nicht, wer „Layla“ ist. Und gäbe es keine Medien, würden wir nicht schon seit Tagen über diese vermeintliche Hitzewelle schwadronieren, die unser Land überrollt. Journalismus als Waffe! Oder doch nur „Unser täglich Schreckgespenst gib uns heute“? Wobei sich Journalismus zuweilen auch als strahlende Sonne präsentieren kann. Als Wolf im Schafspelz kann er verschleiern, schönreden und idealisieren. Uns weismachen, dass Frieren im Herbst und Winter überhaupt nicht schlimm ist, wenn man nur die passende Kleidung im Schrank hat. Süß, oder?

Oscar Wilde sprach bereits vor über 100 Jahren aus, was viele denken: „Journalismus ist organisierte Verleumdung.“. Also haben wir nicht erst seit Kurzem damit zu kämpfen, unseren Wortakrobaten Glauben zu schenken. Vielmehr vermute ich, dass die Presse eine ungeheure Macht entwickeln kann, um Massen zu leiten und zu beeinflussen. Aber sie kann uns doch nicht wirklich einleuchtend erklären wollen, dass es eigentlich ganz okay ist, wenn wir die Klospülung nur noch einmal am Tag benutzen. Ich meine, wo leben wir denn? Das ist doch immer noch Deutschland, oder? Ein eigentlich modernes Land inmitten von Europa. Liebe Presse, geht doch bitte etwas sensibler mit uns um!

Seit über zwei Jahren sind die Deutschen ständig auf der Hut. Sie rechnen tagtäglich mit dem Schlimmsten, sind hochempfindlich. Ein „Du siehst aber gar nicht gut aus!“, löst bei unseren Mitmenschen entweder Depressionen oder Corona aus. Und der tägliche Blick in die Tageszeitung oder sozialen Medien verursacht ein komisches Gefühl im Bauch. Und alles, was „Focus Online“ tut, ist eine Eilmeldung nach der anderen raushauen! Das ist Folter! Sogar die Hochzeit von Jennifer Lopez und Ben Affleck ist eine solche Eilmeldung wert, wo wir eher die Impfpflicht für Alle oder der Ausbruch eines Atomkrieges vermuten. Ernsthaft, welcher Journalist arbeitet denn freiwillig bei einer solchen Institution? Das ist Hochverrat am eigenen Beruf!

Ich wäre ja für mehr Mindstyle-Magazine

Journalismus gab es bereits im ersten Jahrhundert v.Chr., hat also eine lange Tradition. Ich möchte dem Journalismus ja nichts Böses, ich finde nur, dass er zuweilen ganze Flächenbrände auslösen kann, die Panik und Angst verbreiten. Und während wir zwischendurch immer wieder auf der verzweifelten Suche nach Antworten auf Fragen sind, auf die kein einziges Blatt eine hat, hängen wir zwischen Wahrheit und Lüge fest und kommen nicht mehr weiter.

Und da komme ich ins Spiel. Ich bin meine eigene Wahrheit. Ich erschaffe meine eigene Politik und suche mir meine eigenen Antworten. Aber vor allem lasse ich meine Leser nie desillusioniert zurück. Ich versuche am Ende immer wieder die Kurve zu kriegen, dass alles gut werden wird. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich anmerken, dass ich mich seit über zwei Jahren kaum mehr mit den Medien und der Presse beschäftige. Nicht, weil ich ein „Lügenpresse“-schreiendes Etwas bin, sondern weil ich nicht vordiktiert bekommen möchte, wie scheiße mein restlicher Tag verlaufen soll. Die persönliche Scheiße-Skala bei einem Durchschnittsdeutschen umfasst übrigens scheiße, mäßig scheiße und mächtig scheiße. Warum lesen wir also nicht einfach diese typischen Yoga- und Esoterik-Magazine, die man sich gerne an Flughäfen oder Bahnhöfen kauft, weil man meint, sich positive Vibes mit in den Flieger nehmen zu müssen? Letztendlich bringen uns die Berichte in diesen Zeitungen doch immer wieder auf schöne Gedanken. Und obendrein hätte ich ohne „Happinez“ nie erfahren, dass es Yoga Matten auch aus Naturkautschuk gibt, obwohl ich kein Yoga mache.

Am Ende ist es doch so: Ein positives Mindset sollte zu unserer Grundhaltung gehören. Was nicht heißt, dass man keine dunklen Gedanken haben darf. Meine Texte, egal, wie negativ sie meine Gedanken und Ansichten manchmal spiegeln, nehmen am Ende immer wieder eine positive Wendung. Weil ich einfach weiß, dass die Sonne am Ende scheinen wird. Das ist einfach so. Fertig.

Vielleicht bin ich deswegen nur Kolumnisten und keine Journalistin geworden.

Du Glückspilz!

Hallo Mikrokosmonauten: Sind Glückspilze eigentlich giftig?

Letztendlich erschien es mir glasklar. Ich nippte an meinem Kaffee, blickte in die Ferne und atmete dann tief ein- und aus. Ich konnte es nahezu riechen – ungetrübt und klar: Das Glück in seiner reinsten Form. Es riecht ein bisschen nach Erdbeere. Und Benzin. Fakt ist, dass Glück es immer schafft, dass sich die Gesichtsmuskulatur vollends entspannt und man zu einem Lächeln neigt, statt die Stirn zu runzeln. Das Bewusstsein, dass man gerade glücklich ist, geht einfach. Die Einsicht, dass man vom Glück gesegnet ist, dauert hingegen oft etwas länger.

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Von der Sonne geküsst

Grundsätzlich bin ich ja etwas verlegen, wenn es darum geht, mein Glück in die Welt zu posaunen. Zu groß ist meine Sorge, man könnte es mir übel nehmen. Wie kann man nur? Wir haben schließlich Inflation, Krieg und Unruhe auf der Welt. Außerdem ist alles zu teuer, zu unbeständig, zu gefährlich. Beklommen sollte ich sein, unsicher und voller Zweifel. Wie in der Fabel von der Grille und der Ameise sollte ich eher wie die Ameise für Notzeiten vorsorgen, arbeiten, sparen und alles in meinem Bau vorbereitet haben, wenn der Winter oder der Weltuntergang kommt. Natürlich soll uns die Fabel eine Mahnung sein, denn die sorglose Grille, die lieber in den Tag hinein lebt, glücklich und frei ist und nicht an Morgen denkt, wird den Winter schlussendlich nicht überleben, während die Ameise in ihrer warmen Stube sitzt. Eine Lehre sollte es uns sein, wenn wir einfach das tun, wonach uns der Sinn steht. Böse und verwerflich ist es, wenn ich wir fordern:

„Wir möchten HEUTE glücklich sein!“

Denkt ihr nicht genauso? Und schaut ihr nicht jeden Morgen in den Spiegel und sagt zu euch: „Verdammt, hab ich ein Glück, es so weit geschafft zu haben!“. Ich gebe zu, dass ich nicht gerade jeden Tag in einen Freudentaumel falle, wenn ich in den Spiegel schaue und dass es mir auch nicht immer gleich bewusst wird, wie viel ich in meinem Leben bereits erreicht habe. Aber genau das sollte ich mir viel öfter vor Augen führen. Und ihr auch!

Dass ich ein Glückspilz bin, war bereits früh klar. Sobald ich krabbeln konnte, stürzte ich eine Treppe hinunter, ohne, dass ich auch nur einen Kratzer davongetragen hätte. Einige Jahre später stritt ich mich mit meinem Cousin und in brüllendem Feuereifer warf er mir einen riesigen Sandstein-Brocken hinterher, der mit einem lauten Bums nur wenige Zentimeter neben meinem Kopf gegen die Tür flog und in tausend Teile zerbrach. Soweit ich mich erinnern kann, wäre in meinem bisherigen Leben zwar vieles um ein Haar ins Auge gegangen, aber eine unsichtbare Macht steuerte mich nie blindlings in die totale Katastrophe. Es ging am Ende immer wieder alles gut. Und manchmal sitze ich in meinen bescheuerten selbst kreierten Problemen und könnte mich ohrfeigen, wie dämlich das eigentlich ist. Im Vergleich zum großen Ganzen erscheinen die nämlich völlig nichtig.

Wir sind Glückskinder. Warum? Weil wir es bis hierhin geschafft haben! Ganz ehrlich, wie oft sagen wir uns, dass wir glücklich sind? Und wie oft meinen wir das auch so? Bis jetzt noch gar nicht? Na, dann wird es aber Zeit!

Vor einiger Zeit schickte mir ein Bekannter das Buch “Glückskinder” von Hermann Scherer. Ich fand das total originell, weil man heutzutage immer seltener ein Buch in die Hand nimmt, geschweige denn etwas in Papierform liest. Zu sehr hat uns das Internet im Griff und “etwas lesen” bedeutet heutzutage, das Smartphone in Schallgeschwindigkeit durchzuscrollen oder sich die Zeit für L!VE zu nehmen. Wie dem auch sei. Das Buch gab mir ein unglaublich gutes Gefühl, denn es befasst sich mit Chancen, die darauf warten, genutzt zu werden. Und überhaupt und sowieso mit Glück und dem Zustand des Glücklichseins. “Die Sorte Glück, die ich meine, wenn ich von Glückskindern spreche, ist der Zustand des Glücklichseins, der nicht durch einen zufälligen Glückstreffer hervorgerufen wird, sondern durch eine Art zu leben, die einem ermöglicht, dauerhaft Chancen zu entdecken und zu nutzen.”, schreibt Scherer und genau so würde ich es unterschreiben. Ich sitze zum Beispiel gerade im heimischen Garten, es kühlt allmählich ein wenig ab, wenn man denn von Abkühlung von 30 auf 26 Grad überhaupt sprechen kann. Meine Nase ziert ein fescher Sonnenbrand und zu meiner Rechten steht ein kühles Bier, nach welchem ich mich in ebendiesen ersten Sommertagen ganz besonders sehne. Ich habe heute gleich mehrere Chancen genutzt. Die erste gleich heute Morgen als ich aufstand. Ich stand einfach auf. Punkt.

Banale Chancen bergen oft maximales Glück

Leute, es geht nicht darum, einen Trip zum Mount Everest zu planen, so lange Lotto zu spielen, bis man gewinnt oder sich zum Ruhm zu peitschen, um sich als Glückspilz zu definieren. Die einfachsten Mittel und Wege sind nämlich prädestiniert dafür, uns Glück zu bescheren und uns vor Augen zu führen, welch enormes Glück wir haben. An einem Samstagmorgen durch den Wald zu spazieren und den Vögeln zu lauschen zum Beispiel. Oder sich auf sein Bike zu setzen und neue Gegenden zu erkunden. Einen Ausflug zum See machen und einfach per Arschbombe ins Wasser springen. Kurz Innehalten und die Augen schließen und einfach nur Lauschen. Hört ihr was? Ich glaube, man will euch was sagen:

Schön ist es auf der Welt zu sein!

Und einfach so habe ich seit Neuestem ein Ritual. Ich gehe jeden Tag, vorzugsweise in meiner Mittagspause, eine Runde spazieren. Ich setze ganz banal einen Fuß vor den anderen und bin an der frischen Luft. Man sagt, dass man jeden Tag zwanzig Minuten in der Natur verbringen sollte. Und wenn man sehr beschäftigt ist, sollte man eine ganze Stunde in der Natur sein. Ich nehme mir diese Zeit einfach, also bitte kein Neid. Ihr könnt das nämlich genauso tun. Auf einem meiner Streifzüge durch den Wald entdeckte ich neulich übrigens einen Fliegenpilz und stellte mir die Frage, warum man gerade diese Pilze mit Glück in Verbindung bringt? Vielleicht, weil man enormes Glück hat, wenn man unliebsamen Mitmenschen einen solchen ins Risotto mischt? Historisch betrachtet wurden Menschen, die viel Glück hatten früher voller Argwohn betrachtet. So etwas konnte ja nicht sein, besonders nicht im dunklen Mittelalter, als Seuchen grassierten und man überall Scheiterhaufen lodern sah. Entkam man Pest und Inquisition, konnte ja etwas nicht mit rechten Dingen zugehen und so wählte man den schönen, auffälligen Fliegenpilz als Symbol des vermeintlich trügerischen Glücks. Quasi eine gemeine Stinkmorchel im Fliegenpelz.

Am Ende ist es doch so: Fliegenpilze sind wunderschön anzusehen und wer ihn als Glückssymbol nicht mag, kann auch Hufeisen, Schornsteinfeger oder Marienkäfer nehmen. Letztere beobachte ich im Moment übrigens wieder häufiger. Eine Zeitlang hieß es ja, sie wären vom Aussterben bedroht. Kann aber nicht sein. Ein  Glückssymbol kann doch nicht vom Pech verfolgt werden, oder etwa doch? Wie dem auch sei: Vielleicht sind sie Vorboten für weitere Glücksmomente in meinem Leben.

Glück stirbt nämlich nicht aus.

Hilfe, wir leben noch!

Hallo Mikrokosmonauten: Hier ist ja wieder Bombenstimmung!

Also ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich dachte kürzlich wirklich, dass es das jetzt war mit der Menschheit. Ich glaubte fest daran, dass sie jetzt gezündet wird: Die große Atombombe. Und dass sie uns alle auf einen Schlag auslöschen würde. Ohne Wenn und Aber. Erbarmungslos. Ich informierte mich sogar über den Ablauf eines möglichen Endzeit-Szenarios in Form eines Atomschlags. Ich berechnete den Radius des Epizentrums und die Entfernung, in der die Druckwelle noch zu spüren sein würde. Ich wusste, dass es schnell gehen würde. Ich hoffte, dass man wenigstens so gnädig sein würde, eine Art Countdown laufen zu lassen, dass man noch genügend Zeit hätte, sich von seinen Liebsten standesgemäß zu verabschieden. Meine Henkersmahlzeit zelebrierte ich ganze zwei Tage und stopfte alles in mich hinein, was sonst verboten ist. Ich genehmigte mir die doppelte Dosis Aperol-Spritz, die ich normalerweise vertrage und dachte sogar kurz daran, meine gesamten Ersparnisse im Casino auf rot zu setzen, aber ließ es dann bleiben, weil ich mich geärgert hätte, wenn ich den Einsatz verdoppelt hätte. Das Geld wäre ohnehin in den verseuchten Flammen der Apokalypse verbrannt.

Und dann passierte einfach nichts.

Versteht mich nicht falsch, ich liebe das Leben, die Welt und alles, was ich als Mensch auf ihr so treiben kann, jedoch ist es bekanntlich so, dass man sich etwas verloren fühlt, wenn etwas nicht passiert, mit dem man fest gerechnet hat. Jeder, der in seinem Leben schon mal schlechten Sex hatte, versteht, was ich meine…

Also was ich eigentlich sagen will ist, dass ich völlig desillusioniert war. Ich musste am nächsten Tag sogar wieder arbeiten. Und verkatert und vollgefressen wie ich nun war, machte ich sofort einen Termin bei meiner Psychologin. Notfallsitzung! Ehrlichgesagt wusste ich nun, wo das Leben weiterging, gar nicht mehr, was ich so tun sollte. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, war ich auch ab jetzt wieder den schlimmsten Nachrichten von Krieg und Tod ausgesetzt. Und Menschen. Menschen im Supermarkt, Menschen in Autos, Menschen überall! Sogar auf einsamen Feldwegen in der tiefsten Provinz. Sie waren überall! Ich hielt inne und begann mich zu fragen: Warum singt Christian Lindner eigentlich „Hurra, wir leben noch!“, wenn es „Hilfe, wir leben noch!“ heißen müsste?“

Es ist doch nun mal so. Das Leben geht ungetrübt weiter. Routine in Reinform. Morgenkaffee und Plaudern über dies und das, Mittagsspaziergänge, wenn das Wetter mitspielt, abends Netflix.

Morgens aufwachen ruiniert einen tollen Tag

Jawohl, „Schwarzer Kaffee“ drückt es richtig aus. Und ich sehe schon die Zeilen meines möglichen Bestsellers vor meinem geistigen Auge: „Nach einem nicht stattgefundenen Atomschlag durch Satan 2 finde ich mich zwischen aufgerissenen Chipstüten und aufgelegten Hyaluron Eye-Pads wieder und staune nicht schlecht, als mir dämmert, dass die Menschheit immer noch existiert.“.

Tags darauf war ich dann bei meiner Psychologin. Zwar sind diese Leute einiges gewöhnt, aber ich ziehe es vor, nicht mit all meinen skurrilen Gedanken rauszurücken, wenn es nicht zwingend erforderlich ist. Es reicht, dass ich ihr mal erzählt habe, dass ich mich schon einige Male in meinem Leben umbringen wollte, aber immer darauf bedacht war, dabei wenigstens ein schönes Outfit und ein bisschen Rouge zu tragen. Kurioserweise schien sie fast schon Verständnis dafür aufzubringen, dass ich mit dem Ende der Welt gerechnet hatte. Und dass ich Menschen um mich herum jetzt noch weniger gerne um mich herum mag. Vielmehr ging sie auf meine regelmäßigen Fressattacken ein und verwendete in diesem Zusammenhang sogar das böse Wort „binge“. Maßlos sei ich in verschiedenen Lebenssituationen, unabhängig, ob eine Apokalypse droht oder einfach nur das Wochenende vor der Türe steht. Und dass ich wie so oft in Extremen leben würde. „Hurra!“, dachte ich nur. Und dann wurde mir plötzlich bewusst, dass ich es gar nicht schlimm gefunden hätte, wenn das mit der Bombe passiert wäre. Denn dann wären all meine Probleme gelöst. All meine Kämpfe, die ich seit nunmehr vierzig Jahren mit mir ausfechte. All meine erfolglosen Versuche, herauszufinden, wer ich wirklich bin und was ich will. Irgendwie zog mich diese Erkenntnis runter. Ich ziehe die Atombombe meinem Leben vor. Was für eine Farce!  

Hurra, wir (über)leben noch!

Andererseits habe ich es bis hierhin geschafft. Ich glaube, bei Super Mario World wären das schon etwa fünf besiegte Endgegner. Ich überlegte. Wo heute das mögliche Ende der Welt ist, war früher ein Balkongeländer. Wo ich heute den großen Knall wittere, wollte ich früher springen. Das Leben beenden. Einfach so. Herrje, was ich alles verpasst hätte! Und was in den letzten Wochen schon wieder passiert ist, was nie passiert wäre, wenn die Welt in die Luft gegangen wäre: Deutschland letzter beim ESC (man, hab‘ ich gelacht!). Der Kauf eines aufblasbaren Wellness-Lounge-Sessel inklusive Getränkehalter für den Pool. Der mit Abstand leckerste Spargel in einem Lokal in Selbach, einem Ort, den ich zuvor noch nie besucht habe. Großartige frühsommerliche Wochenenden im Garten. Ein Spiegelbild, das mir sagt: „Du hast überlebt! Be proud!“.

Wir müssen überleben. Vorerst zumindest. Ich glaube zwar an Reinkarnation, aber wo und vor allem als was, werde ich denn wiedergeboren, wenn die Welt nicht mehr existiert? Da wäre dann ja nur noch Nichts. Und das will ich irgendwie auch nicht. Ich will mich mit all meinen Macken noch ein bisschen behalten. Was ich allerdings nicht gebrauchen kann, sind all diese Meldungen über Krieg und Tod und Gasembargos. Ich möchte auch nichts über Lebensmittelknappheit oder Blackouts hören, es sei denn ich weiß, woher diese Missstände rühren, nämlich wegen einem leergefutterten Kühlschrank oder als Folge von Alkoholmissbrauch. Machen wir uns nichts vor: Die Welt wird nicht anhalten, nur weil wir aussteigen möchten. Sie dreht sich weiter und weiter und wir müssen da irgendwie mitfahren, solange wir noch leben. Einfacher wird es nicht. Es wird wahrscheinlich sogar noch viel heftiger werden, als ohnehin schon. Aber wenn wir bis hierhin überlebt haben, überleben wir auch weiterhin. Ich meine, wie viele Krisen haben wir bereits überstanden? Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Coronakrise und jetzt halt Weltkrise! Bei Takeshis Castle hätten wir nach so vielen gemeisterten Hürden wahrscheinlich längst gewonnen.

Vielleicht ist es fast schon normal, sich gelegentlich den Weltuntergang zu wünschen. Besonders, wenn alles zu heftig wird da draußen. Wie ein Pflaster, das man sich abreißt. Kurz und schmerzlos, statt langsam und qualvoll. Ein großer Knall und gut ist.

Aber wisst ihr was? Bevor es knallt, drehe ich jetzt erstmal ne‘ Runde mit meinem Wellness-Lounge-Sessel im Pool.

Bis hierhin und nicht weiter

Hallo Mikrokosmonauten: Warum Grenzen setzen so schwer ist 

Wie oft habt ihr euch eigentlich schon dabei ertappt, wie ihr „Ja“ gesagt habt, aber „Nein“ meintet? Unzählige Male gewiss, da bin ich mir sicher. Und warum? Weil ihr euch wahrscheinlich nicht traut. Oder weil es eh nichts ändern würde. Oder weil es schlicht und ergreifend zu einem Konflikt führen würde. Schlussendlich dann immer wieder der Klassiker: „Weil es mir nicht zusteht!“. Wie bitte? Es steht euch nicht zu, Nein zu sagen? Klar. Eventuell würde man euch danach nicht mehr mögen. Oder man würde denken, ihr seid egoistisch und selbstgefällig. 

Und so ein einziges kleines „Nein“ würde womöglich all die vielen „Ja“ zuvor mit einem Schlag auslöschen. Nein ist die verbale Atombombe, wenn man es so nimmt. Mit voller Wucht killt sie die Selbstverständlichkeit, mit der sich andere Menschen jahrelang eurer Gutmütigkeit und Loyalität bedient haben. All eure Mühen waren vergebens. Eure ewige Überzeugung, euch respektvoll zu behandeln. Andere Menschen davon zu überzeugen, dass Ihr deren Interesse wert seid. Eure Werte opfern, um dazuzugehören. Die Wichtigkeit eurer psychischen Gesundheit herunterspielen. All das wird wahrscheinlich mit einem einzigen Nein zerstört. Angesichts dieser Vermutungen wird mir Angst und Bange und ich stelle mir unweigerlich die Frage:

„Soll ich ein Ja-Sager bleiben?“

Es wäre in jedem Fall der Weg des geringsten Widerstandes. Aber ist es auch der richtige? Oder ist es viel mehr ein Verrat an uns selbst? Ein Unterbuttern des eigenen Selbstwert bloß um des lieben Frieden Willens? Letztendlich geht es doch genau darum? Frieden. Ich meine allerdings nicht den Frieden im Büro, in Beziehungen oder auf Familienfesten. Nein, es geht vielmehr um den inneren Frieden. Aber diesen Zustand erreicht man nur dann, wenn man seinen Selbstwert kennt. Und dieses Thema ist recht heikel und setzt zuallererst voraus, dass einem die Meinung anderer über dich einfach egal wird. 

Unverblümtes Ich-Sein als Mindset 

Dieses Selbstwert-Ding ist echt weird. Selbstliebe ist ja schon ein lebenslanger Lernprozess, aber jetzt kommt auch noch der Wert dazu. Die Frage: „Bin ich es wert?“ ist ohnehin so ein Kopfkiller. Besonders dann, wenn ständige Selbstzweifel, Unsicherheit und Schuldgefühle dazwischenfunken. Neulich stellte ich mit Entsetzen fest, dass ich womöglich eine reduzierte Ware wäre, wenn ich meinen Selbstwert bestimmten müsste. Das war ziemlich ernüchternd und schockierte mich zutiefst. Aber ich wusste, dass ich schleunigst etwas tun muss, um aus diesem Selbstwert-Debakel rauszukommen. Und endlich mein eigenes Ich wieder herauslassen, das schon zu lange gefesselt und geknebelt in den tiefsten Tiefen meiner Selbst zum Schweigen verdammt worden war. Das arme Ding!

Verkauft euch nicht unter Wert!

Natürlich wollen wir nicht ausgeschlossen werden und alleine durch die Welt wandeln, doch welchen Preis zahlen wir eigentlich, wenn wir unser Leben in einem Umfeld verbringen, dass uns nur mag, wenn wir klein und ruhig oder laut und lustig sind? Wieso wollen wir unsere Zeit mit Menschen verbringen, bei denen wir Angst haben, dass sie uns verstoßen, wenn wir Nein sagen, eine andere Meinung haben oder einfach wir selbst sind? Hört doch auf, eure mentale Gesundheit für andere Menschen aufzugeben. Viel schöner ist es doch, Platz zu schaffen für die Menschen, die uns genauso lieben, respektieren und akzeptieren, wie wir wirklich sind. (Danke Familie und Mann!) 

Nein sagen fällt nur schwer, weil man die eigenen Vorteile nicht verlieren möchte  

Es ist doch so: Sei bei einem klaren und deutlichen „Nein“ innerlich damit einverstanden, keinen einzigen Gefallen mehr von deinem Gegenüber zu bekommen. Sei damit einverstanden, dass dein Gegenüber dich nicht mehr nett findet und eventuell nicht mehr dein guter Freund oder Arbeitskollege ist. Go for it! Es geht nicht immer nur um dein Ego, sondern um deinen inneren Frieden! Und wenn es deinen inneren Frieden kostet, ist es zu teuer. Darüber hinaus wird es übrigens immer jemanden geben, der dich nicht mag. Die Hauptsache ist, dass du nicht unter diesen Leuten bist. 

Machen wir uns nichts vor: Um anderen Grenzen zu setzen bedarf es Selbstbewusstsein, Selbstfürsorge und Selbstvertrauen. Alles Dinge, die erlernt werden müssen. Wenn wir jedoch eines begreifen, nämlich, dass wir niemals Everbody’s darling sein werden, ist schon mal der Anfang geschafft. Natürlich sollten wir uns im Büro jetzt nicht gleich mit Tacker und Locher bewaffnen und durch sämtliche Abteilungen wüten wie einst Rambo durch den Hindukusch. Höflich und knapp sollte es schon sein. Grenzen setzen kann sich in etwa so anhören: “Ich weiß deine Meinung zu schätzen, habe meine Entscheidung aber bereits getroffen.”, oder: “Ich fühle mich gerade nicht mehr wohl dabei, das mit dir zu besprechen.”, oder eben so: “Ich habe gerade sehr viel mit meiner eigenen psychischen Gesundheit zu tun und kann daher im Moment nicht die Person sein, die für deine Sorgen und Schwierigkeiten ein offenes Ohr hat.”. Kommuniziere deine Bedürfnisse, um gut für dich zu sorgen. Punkt.

Am Ende ist es doch so: Wie du dich selbst siehst, hat einen großen Einfluss darauf, wie andere dich behandeln. Ein imaginäres Stoppschild sollte demnach stets in unserem Tagesgepäck stecken. Wenn du keine Grenzen setzt, wird es niemand anderes für dich tun. Halte dir stets vor Augen, dass Grenzen setzen alleine die Menschen stört, die davon profitieren, wenn du keine hast. 

Du bist niemals verantwortlich für die Gefühle der anderen, sondern nur für deine eigenen

Und einfach so erweiterten Grenzen meinen Horizont und befreiten dieses kleine, kümmerliche Ich in mir, dass Ja sagte, wenn es eigentlich Nein meinte. Und dass zu lange ein Komma setzte, wenn es eigentlich das Ausrufezeichen hätte setzen müssen. Fett und schwarz und wasserfest!

Donnerwetter

Hallo Mikrokosmonauten: Irgendwann kracht es doch immer!

Neulich hatte ich Stress mit einer Arbeitskollegin. Eine gute Arbeitskollegin. Vielleicht schon fast so etwas wie eine Freundin. Jahrelange Zusammenarbeit. Höhen und Tiefen und so. Weil im Moment alles in der Welt aus den Fugen gerät, die Arbeit in den letzten beiden Jahren so einiges von uns abverlangte und man den Spagat zwischen Job, Familie und wenigstens ein bisschen Me-Time hinkriegen muss, liegen die Nerven ohnehin blank und sie hat sich in einer nächtlichen SMS an mich so richtig über alles ausgelassen und ging dabei obendrein auch so gar nicht zimperlich mit meinen Gefühlen um. Und mit den Gefühlen ist das derzeit so eine Sache. Hochsensibel sind wir gerade alle. Neulich flog ein Bundeswehr-Hubschrauber übers Haus und ich bekam es regelrecht mit der Angst zu tun, weil es mich sofort an Krieg und das Ende der Welt erinnerte. Blaulicht und Sirenen sind mir ebenfalls ein Gräuel und verursachen bei mir Herzrasen. Gewisse Dinge gehen gerade gar nicht! Jegliche Art von Zwist noch weniger.

Es kam wie es kommen musste. Dem Angriff folgte ein Gegenangriff und dann knallte und schepperte es. Das Problem bei Streitigkeiten in Textform ist, dass es unheimlich schnell zu Diskrepanzen kommen kann. Und dass Dinge extrem hochkochen, wo man in einem persönlichen Gespräch vielleicht noch die Kurve gekriegt hätte. Gestik und Mimik fehlen nun mal. Die Tonlage und wie man etwas sagt fallen auch weg. Außerdem ist die Hemmschwelle niedriger, böse Sachen zu schreiben als sie einem ins Gesicht zu sagen! Zumindest ein Telefonat, so sage ich mir heute, wäre anders gelaufen. Aber na ja, es war nun mal so.

Man sagt, ein Gewitter reinigt die Luft. Ich finde aber auch, nach dem Gewitter, das sich schon über längere Zeit zusammengebraut hat mit seinen dunklen Wolken und dem Donnergrollen heranzieht, braucht es eine Weile, bis es sich wieder aufklart.

So weit lassen wir es nicht kommen

Gewisse Dinge müssen zuweilen einfach auf den Tisch, jedoch ist Streiten eigentlich nie schön. Liegt wohl daran, dass die meisten Menschen keine Kriegstreiber sind. Nur etwa ein Prozent der Erdbevölkerung gelten als Querulanten im psychiatrischen Sinne. Die Mehrheit will eigentlich in Frieden und Harmonie leben. Umso überraschter ist man, wenn es plötzlich rumst!  Aber wo gehobelt wird, da fallen Späne und wo Menschen tagtäglich zusammenkommen und miteinander leben oder arbeiten, knallt es nun mal ab und an.

Der Streit, das Schreckgespenst

Konflikte: Sie sind Teil des menschlichen Zusammenlebens. Und wo immer es Beziehungen gibt – ganz gleich welcher Art – gibt es auch Differenzen. Jedes Gespräch kann zu Missverständnissen führen. Liegt an den unterschiedlichen Perspektiven und Werten. Und natürlich auch daran, wie wir aufgewachsen sind. Jede Biografie ist anders und deshalb bleiben wir Individuen mit Ecken und Kanten. Doof nur, dass Streit unweigerlich zu Stress führt und dieser wiederum den Cortisol-Spiegel in exorbitante Höhen treibt. Dies führt zu unschönen Nebenwirkungen wie beispielsweise Bluthochdruck. Wenn in einem Streitgespräch also der Gegenspieler rot anläuft ist äußerste Vorsicht geboten. Es könnte sein, dass er gleich platzt oder einen Schlaganfall erleidet, was in beiden Fällen sehr ungünstig wäre. Wir wollen ja nicht, dass unser Streithahn gleich stirbt!

Zwei Emotionen, die ich in meinem privaten Umfeld in Streitereien ganz klar verspüre sind Angst und Wut. Jedes Mal! Zuerst kommt immer die Angst, die sich so ganz unterwürfig einschleicht und mir zuflüstert: “Bitte bleib sachlich, geh nicht so hart ins Gericht, sonst ist alles verloren!”. Und ich bekomme dann wirklich immer Angst. Angst, dass mein Freund mit mir Schluss machen könnte, weil ich in seinen Augen einfach wieder mega anstrengend bin. Angst, dass ich enterbt werde, weil ich wieder mit dreckigen Schuhen ins Haus gekommen bin. Aber dann drängt sich ein anderes Gefühl nach und nach in den Vordergrund. Die Wut! Unbändig und hitzig. Sie poltert und tobt: “Was kannst du denn dafür, dass andere glauben, du wärst zu anstrengend, nachlässig, faul oder schlecht? Wehr dich! Bewirf sie mit Tomaten! Geh mit Mistgabeln auf sie los! Lass dich nicht unterbuttern!”. Tja, was soll ich sagen? Ich habe meine Mitmenschen noch nie mit irgendwelchen Lebensmitteln geschweige denn mit Werkzeugen angegriffen, aber die Wut hat noch immer über meine Angst gesiegt. Vielleicht, um mich zu schützen, wer weiß?! Psychologen drücken es jedenfalls so aus, dass die Wut die Angst schützt. Sie will verhindern, dass wir verletzlich sind. Und dann geht man in den Angriffsmodus über. Einfach, um sich vor einem Verlust zu bewahren. Was dann folgt, ist meist der Tunnelblick. Wir verheddern uns in Worte, schlagen sprichwörtlich um uns und der Streit fokussiert sich auf die Ursache der Empörung. Das Ende vom Lied: Es eskaliert! Dann frage ich  mich, wie konnte es nur so weit kommen?

Streitanlässe im nahen Umfeld gibt es zuhauf. Kinder räumen ihr Zimmer nicht auf, kümmern sich nicht um ihre Hausaufgaben. Eltern streiten darüber, wer den Kindern, wann wie viel Betreuung zukommen lässt und wie kindliche Frechheiten geahndet werden sollten. Paare streiten über Schwiegereltern, Alkohol- und Internetkonsum, übertriebene Arbeitszeiten, zu viel oder zu wenig Sex, Untreue, Geld, Haushalt. Es gibt ein Thema, was sozusagen das Ganze triggert. Im Grunde geht es nämlich gar nicht unbedingt darum, warum man die Spülmaschine wieder falsch eingeräumt hat, sondern um eine viel tiefer liegende Frage: “Denkst du mit? Entlastest du mich? Fühle ich mich unterstützt?“.

Wie sieht guter Streit aus?

Machen wir uns nichts vor: Streit ist wie Krieg nur ohne Panzer und Tote. Zum Glück. Schwere Geschütze werden zwar auch aufgefahren, allerdings feuern die nur verbal, also überleben wir! Auch Glück. Damit der Krieg aber nicht ewig so weitergeht, muss man verhandeln. Ich finde, ich bin eine gute Verhandlerin. Meine Arbeitskollegin ist das auch. Zumindest haben wir das beide in der Vergangenheit des Öfteren bei dem ein oder anderen Projekt gemeinsam erkannt. Bloß hatten wir da noch im gleichen Regiment gekämpft. Aber wie dem auch sei, Verhandlungen sind alles. Nicht nur in beruflichen Auseinandersetzungen, sondern auch im Privaten. Und egal, wie konträr man eigentlich ist, man sollte immer wissen: “Hey, wir mögen uns und wir müssen einfach nur sehen, dass jeder zu seinem Recht kommt.”.

Am Ende ist es doch so: Wie das Gewitter die Luft reinigt, so kann das ein Streit ebenso. Das allerwichtigste ist immer nur, dass beide tatsächlich die besten Absichten haben, zwar mit den eigenen Wünschen nicht 100 % durchkommen, aber neue Türen öffnen.

Gewitter ist auch nur Wetter, halt etwas erregt. -Manfred Hinrich-