… warum Perspektivwechsel heute früher beginnen müssen
Wie Bildungs- und Kulturpolitik im Saarland Räume schafft, in denen Vielfalt selbstverständlich wird
Christine Streichert-Clivot ist Ministerin für Bildung und Kultur des Saarlandes. In dieser Doppelfunktion verantwortet sie zwei gesellschaftliche Schlüsselbereiche, die prägen, wie offen, demokratisch und resilient eine Gesellschaft sich entwickelt. Bildung und Kultur sind für sie nicht nur politische Zuständigkeitsfelder, sondern zentrale Räume gesellschaftlicher Aushandlung – insbesondere in Zeiten zunehmender Polarisierung. Im Gespräch mit L!VE Redakteur Marc Kirch in der Rubrik L!VE-Perspektivwechsel spricht sie über Verantwortung, Schutzräume und darüber, warum Akzeptanz bereits im Kindesalter beginnt.
Bildung als Schutzraum – von Anfang an
Zu Beginn des Gesprächs fragt Marc Kirch nach der Rolle des Saarlandes als Schutzraum für queere Menschen, gerade vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Spannungen und zunehmender Radikalisierung. Christine Streichert-Clivot macht deutlich, dass diese Entwicklungen längst auch Bildungseinrichtungen erreichen. Nicht zuletzt der Christopher Street Day SaarLorLux 2025 habe angesichts der angemeldeten Gegendemonstration gezeigt, dass selbst Orte der Sichtbarkeit nicht mehr frei von Bedrohungen seien. Das habe sowohl in der Community als auch in der Landesregierung für große Aufmerksamkeit gesorgt.
Für die Ministerin ist klar: Bildungseinrichtungen tragen eine besondere Verantwortung. Sie betont, dass Schutz nicht erst im Jugendalter beginnen dürfe, sondern bereits in Kitas. Kinder müssten früh lernen, dass Menschen unterschiedlich sind – und dass diese Unterschiede nichts Außergewöhnliches darstellen. Bildung solle integratives Miteinander fördern und Sicherheit geben, unabhängig davon, wie Menschen leben oder wen sie lieben.
Konkrete Unterstützung statt bloßer Leitbilder
Auf die Nachfrage von Marc Kirch, wie sich diese Haltung konkret im Schulalltag niederschlägt, verweist die Ministerin auf ein breites Maßnahmenpaket. Schulen seien Orte, an denen sich junge Menschen nur dann gut entwickeln könnten, wenn sie sich sicher fühlten. Deshalb habe das Saarland in den vergangenen Jahren intensiv an Schutzkonzepten gearbeitet, die Risikoanalysen, klare Zuständigkeiten und verbindliche Abläufe beinhalten.
Christine Streichert-Clivot erläutert, dass Vertrauenslehrkräfte sowie Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter oft erste Ansprechpersonen seien, wenn Diskriminierung oder Unsicherheit auftreten. Gleichzeitig sei ihr bewusst, dass Schule nicht für alle Betroffenen ein als sicher empfundener Ort sei. Deshalb gebe es zukünftig im Rahmen der Maßnahmenumsetzung zusätzlich eine konkrete Anlaufstelle im Ministerium sowie bereits seit Jahren eine Ombudsstelle für Menschen, die sexualisierte Gewalt im schulischen Kontext erfahren haben – auch rückwirkend in Folge bekannt gewordener Vorfälle. Diese Struktur sei aus der Erkenntnis entstanden, dass es lange Zeit an Aufarbeitung und Unterstützung gefehlt habe. Hier arbeiten auch die Ministerien eng zusammen, so gibt es z.B. im Sozialministerium auch einen unabhängigen Kinderschutzbeauftragten und eine enge Zusammenarbeit mit dem Innenministerium. Auch die Institution LSVD spiele in dem Kontext Aufklärung und Unterstützung eine gewichtige Rolle.
(Ombudsstelle sexualisierte Gewalt: Telefon: 0681/5017304 Mail: ombudsstelle-missbrauch@bildun
Politische Bildung als demokratische Absicherung
Im weiteren Gesprächsverlauf richten beide den Blick auf die politische Bildung und das geplante Gesetz zur Landeszentrale für politische Bildung. Christine Streichert-Clivot erklärt, dass es ihr dabei um die langfristige Absicherung demokratischer Strukturen gehe. Eine Institution, die lediglich per Erlass existiere, sei anfällig für politische Einflussnahme. Ein Gesetz hingegen biete Schutz und Stabilität, da es nur mit parlamentarischen Mehrheiten geändert werden könne.
Christine Streichert-Clivot macht deutlich, dass politische Bildung kein Instrument der Beeinflussung sei, sondern Menschen befähigen solle, gesellschaftliche Entwicklungen einzuordnen. Themen wie sexuelle und geschlechtliche Vielfalt seien dabei selbstverständlicher Bestandteil des Angebots. Die Landeszentrale verstehe sich als offener Ort des Wissens – sichtbar auch durch ihren öffentlich zugänglichen Buchbestand, der bewusst niedrigschwellige Zugänge ermögliche. Sie ist an neuem Ort direkt gegenüber der Europa-Galerie in Saarbrücken sehr zentral gelegen und optimal erreichbar.
Kulturpolitik als Ermöglichung von Vielfalt
Als Kulturministerin beschreibt Ministerin Streichert-Clivot ihre Rolle ausdrücklich nicht als inhaltlich steuernd. Kulturpolitik bedeute für sie, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Kunst frei arbeiten könne. Museen, Theater, freie Initiativen und die Kreativszene hätten die Aufgabe, gesellschaftliche Themen aufzugreifen und zur Diskussion zu stellen.
Auf Kirchs Frage nach konkreten Beispielen verweist sie auf aktuelle Produktionen am Staatstheater sowie auf Ausstellungen, die gesellschaftliche Stimmungen, Ängste und Konflikte thematisieren. Gerade dort, wo Menschen sich nicht frei entfalten könnten, entstünden Spannungen, die Kunst sichtbar machen könne. Queere Perspektiven seien dabei kein Sonderthema, sondern Teil gesellschaftlicher Realität.
Gleichzeitig räumt sie ein, dass die Kulturszene wirtschaftlich unter Druck stehe. Veränderungen in der Festival- und Musiklandschaft seien Ausdruck struktureller Umbrüche, nicht mangelnder Wertschätzung. Förderinstrumente müssten daher differenziert greifen – zwischen Kulturförderung und Wirtschaftsförderung. Ziel sei es, kulturelle Vielfalt langfristig zu erhalten und kreative Entwicklungsprozesse abzusichern, daran arbeite man geneinsam.
Haltung beginnt im Alltag
Zum Abschluss des Gesprächs bittet Marc Kirch die Ministerin um einen persönlichen Appell an Eltern, Lehrkräfte und Bildungsakteure. Christine Streichert-Clivot betont, dass Offenheit und Akzeptanz nicht verordnet werden könnten. Sie begännen mit der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und die eigene Sprache sowie das eigene Handeln zu reflektieren.
Gerade Bildungseinrichtungen, so macht sie deutlich, könnten nicht neutral sein, wenn es um Menschenwürde gehe. Vielfalt sichtbar zu machen und Diskriminierung entgegenzutreten sei kein politisches Statement, sondern demokratische Pflicht. Sie wünsche sich, dass Kinder erleben, wie selbstverständlich unterschiedliche Lebensformen sein können – ohne vorgezeichnete Wege, sondern mit Vertrauen in die eigene Entwicklung.
Ein Perspektivwechsel, wird in diesem Gespräch deutlich, ist kein kurzfristiger Impuls. Er entsteht dort, wo Bildung und Kultur Räume öffnen – für Verständnis, Sicherheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt.




