Zwischen Sparkassen-Schreibtisch und High Heels, zwischen Baufinanzierung und Bühnenlicht: Viola Bond hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der sichtbarsten Drag-Persönlichkeiten Saarbrückens entwickelt. Als Lady Liberty bringt sie Glamour, Haltung und eine klare Botschaft auf die Straßen – und hat dabei selbst einen langen Weg zurückgelegt.
Wenn Viola Bond im Mauerpfeiffer an der Tür steht, ist der Abend eigentlich schon entschieden. High Heels, perfektes Make-up, ein Lächeln, das selbst Warteschlangen vergessen lässt – und in der Hand ein Tablett mit Welcome-Shots. Seit inzwischen drei Jahren begrüßt sie hier Gäste, umarmt Stammkunden, posiert für Fotos und sorgt dafür, dass aus einer Clubnacht ein kleines Ereignis wird.
Tagsüber allerdings sitzt sie im Büro der Sparkasse. Immobilienbereich, Baufinanzierung, Kreditsachbearbeitung. Sachlich, strukturiert, serviceorientiert. Matthias heißt sie dort. Dass beides zusammengehört, ist heute selbstverständlich. Doch der Weg dorthin war es nicht.

Ein Bedürfnis, das früh da war
Geboren 1992 in Püttlingen, wächst Matthias in einem ganz normalen Umfeld auf. Kindergarten, Grundschule, später Real- und Fachoberschule. Nichts deutet darauf hin, dass hier einmal die vielleicht bekannteste Drag Queen der Landeshauptstadt entstehen würde. Und doch gibt es diese kleinen Momente. Nach der Schule zu Hause mit Schals lange Haare imitieren. Aus Decken einen Rock machen. „Es war irgendein Bedürfnis nach femininen Kleidungsstilen“, erinnert sich Matthias. „Nach dem Femininen an sich.“
In der Grundschule ist alles noch behütet. Auf der Realschule wird es schwieriger. Er spürt früh, dass er anders ist, auch wenn es noch kein Outing gibt, kein klares Wort dafür. Freunde aus Kindergartenzeiten halten schützend die Hand über ihn. Trotzdem erlebt er verbale Anfeindungen, auch körperliche Attacken. Später, nach dem Schulwechsel nach Saarbrücken, landet er in einer stark männerdominierten Klasse. „Meistens waren die Frauen so die Schutzschilder für mich“, sagt er rückblickend. Erst mit einem erneuten Wechsel findet er ein gemischtes Umfeld, in dem er seinen Abschluss macht.
Drag? Kein Thema. Outing? Ebenfalls nicht. Selbst an Fasching oder Halloween verkleidet er sich als Mann.
Die ersten Schritte in High Heels
Mit Anfang zwanzig taucht das erste Mal etwas auf, das später wichtig werden wird. Beim „Trimmtreff“ im Köllertal, einer großen Faschingsveranstaltung in Püttlingen, verkleidet sich Matthias als Frau. Lady Gaga. Kleopatra. „Heute würde ich sagen, das war noch kein Drag“, sagt er. „Aber ich bin optisch in Frauenkleider geschlüpft und habe das Haus verlassen.“
Parallel beginnt ein anderer, schwierigerer Prozess. Obwohl ihm längst klar ist, dass er schwul ist, schiebt er sein Coming-out hinaus. Zu groß ist die Sorge: Wie reagieren Familie, Freunde, Arbeitskollegen? Im Jahr 2011 geht er eine Beziehung ein. Sein Partner wünscht sich Offenheit – auch als Zeichen des Vertrauens. Schließlich vertraut sich Matthias seiner zehn Jahre älteren Schwester an. Doch in der Familie bleibt das Thema noch jahrelang unausgesprochen.
Das eigentliche Coming-out kommt unfreiwillig. Eine Tante behauptet, im Internet freizügige Fotos und Videos von ihm gesehen zu haben – was sich als unwahr herausstellt. Die Schwester greift ein, informiert die Eltern, um die Gerüchte zu stoppen. „Matthias ist schwul, aber das, was erzählt wird, stimmt nicht.“ Die Unterstützung der Familie bleibt zunächst verhalten. Für eine Zeit legt Matthias selbst eine Kontaktpause ein.
Der Moment auf dem CSD
Und dann kommt dieser eine Tag. Irgendwann 2016 oder 2017 stehen seine Eltern plötzlich auf dem Saarbrücker CSD. Ohne zu wissen, dass ihr Sohn inzwischen Drag macht. Und dort sehen sie sie: die Freiheitsstatue: Lady Liberty.
Sie erkennen ihn sofort. „Ich glaube, im ersten Moment war es ein Schock“, sagt Matthias. „So nach dem Motto: Was denken die anderen?“ Doch dann sehen sie etwas anderes: Applaus. Begeisterung. Menschen, die feiern. „Dadurch wurde die Situation für mich zu einem Safe Space.“ Seine Mutter geht bis heute jedes Jahr zum CSD. Sein Vater ist inzwischen verstorben.
Die Geburt von Lady Liberty
Der erste CSD als Zuschauer bleibt Mathias ebenfalls in Erinnerung. Er steht auf dem St. Johanner Markt, schaut zu – und denkt: Da will ich auch mal mitgehen. Gleichzeitig will er nicht gesehen werden. 2015 ist es soweit. Zum ersten Mal läuft er in Saarbrücken als Frau verkleidet mit. Eine Freundin schminkt ihn. Es ist kein Fasching mehr, es ist etwas anderes. Ernster. Bedeutender.
Ein Jahr später kommt die Idee, die alles verändert: die Freiheitsstatue als Drag-Look. „Die Leute haben mich bejubelt“, erinnert er sich. „Sie fanden es unglaublich kreativ.“ Doch es ist mehr als ein Kostüm. Die Lady Liberty steht für Freiheit und Gleichheit – eine Botschaft, die im Kontext eines CSD eine besondere Kraft entfaltet. Wenn Lady Liberty gefragt wurde: „Warum sind Sie hier?“ sagte sie nur: „Sehen Sie, was ich anhabe?“
Die Figur funktioniert. Sie wird erkannt. Sie wird gebucht. Anfragen kommen aus München, Köln, Berlin. Bei der Cologne Pride schafft es Lady Liberty sogar in die Presse – beim größten CSD Deutschlands. „Das war eine Bestätigung“, verrät Mathias. „Obwohl ich noch keine Routine hatte.“
Heute ist die Lady Liberty zehn Jahre alt. Das Outfit wurde immer wieder verändert, optimiert, mit mehr Haut, strengeren Make-up-Akzenten. Doch die Botschaft ist geblieben.
Von Lady Liberty zu Viola Bond
Kurz vor der Pandemie geschieht etwas Entscheidendes. Melitta von Cartier, eine saarländische Drag-Kollegin, nimmt ihn zu einem Auftritt mit – etwas, das sie sonst nie tut. Matthias performt dort dreimal. Und plötzlich steht eine neue Frage im Raum: Wie soll er angekündigt werden?
„Lady Liberty“ passt zum grünen Kleid. Aber was, wenn es rot ist? Er sucht nach einem eigenen Namen. „Viola“ ist schnell gefunden. Beim Nachnamen hilft die Dusche: Bond. Als er den Namen schickt, kommt die Antwort als Sprachnachricht zurück: „Sehr geehrte Damen und Herren, heute für Sie live auf der Bühne: Viola Bond.“ Es klingt richtig. Der Name bleibt. Kaum ist die Figur geboren, wird sie durch Corona ausgebremst.
Zwei Jahre Pause – und ein Neustart
Die Pandemie zwingt auch Drag Queens ins Wohnzimmer. Auftritte fallen aus. Veranstaltungen werden abgesagt. Für Viola Bond ist es eine Zeit des Lernens. Sie entdeckt „RuPaul’s Drag Race“, schaut Staffeln nach, analysiert Performances, Make-up, Stil. „Warum habe ich das nicht vorher gewusst?“, fragt sie sich heute lachend. Bis dahin war ihr Stil sehr „fraulich“, zurückhaltend. „Einfach nur hübsch, als ob eine Frau im Alltag rausgeht.“ In der Drag-Szene wird das nicht immer als Drag wahrgenommen. Heute weiß sie: „Gerade im Drag ist mehr manchmal einfach mehr.“
Nach der Pandemie ist sie Ende zwanzig, Anfang dreißig – und voller Energie. „Ich wollte gucken, wie weit komme ich.“ Sie verändert ihren Schminkstil, gestaltet Kleider zu Show-Outfits um, präsentiert sich auf Hochzeits- und Fachmessen, etabliert sich auf kleineren CSDs in Städten wie Darmstadt oder Karlsruhe. Die Lady Liberty bleibt ein Highlight. Ein Statement, das nicht jeder macht.
Saarbrücken als Bühne
Und dann kommt der Mauerpfeiffer. Über eine Freundin erfährt Lady Liberty, dass der Club etwas Extravagantes sucht. Sie schickt dem Betreiber eine Sprachnotiz. Kurz darauf steht sie an der Tür – bei einem besonderen Event, begrüßt Gäste und verteilt Welcome-Shots.
Doch es geht um mehr als Show. Der Club steht für klare Haltung: kein Rassismus, keine Homophobie. Viola verkörpert das sichtbar. „Nicht nur schreiben, sondern auch zeigen“, sagt sie.
Seit drei Jahren ist sie fester Bestandteil vieler Veranstaltungen – von regulären Clubnächten bis zu Kink-Events. Die Gäste kennen sie. Rufen ihren Namen. Suchen den Kontakt. „Allein mit dem Namen angesprochen zu werden, macht den Laden für mich zum Wohlfühlort.“
Auch in anderen Locations ist sie präsent: bei Karaoke-Abenden, Pubquiz, in queeren Bars wie dem Old Murphy’s oder bei den „Warmen Nächten“ in der Garage.
„Ich will überall dabei sein“
Der nächste Höhepunkt steht schon fest: der CSD Saar-Lor-Lux. „Wir haben einen super schönen CSD“, sagt Viola. Viele Orte hätten sie gerne dabei. Mauerpfeiffer. Andere Locations. Und auch die Sparkasse. „Starten werde ich definitiv bei der Sparkasse“, sagt Lady Liberty. Für sie ist das mehr als ein Programmpunkt. Es ist ein Symbol. Früher hatte sie Angst, wie ihr berufliches Umfeld reagieren würde. Heute kann sie sagen: „Ich kann dort sein, wie ich will.“ Diese Selbstverständlichkeit ist vielleicht ihre größte Entwicklung.
Viola Bond ist keine Kunstfigur, die nur am Wochenende existiert. Sie ist Ausdruck eines Weges – von der schützenden Hand in der Schulzeit über Gerüchte, Unsicherheit und Scham bis hin zu Applaus, Sichtbarkeit und Stolz. Und wenn sie im Mauerpfeiffer mit einem Lächeln und einem Tablett Welcome-Shots steht, dann ist das mehr als Glamour. Es ist Freiheit.




