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Grüne Tomaten schlafen wütend

1 x 6 = 2

Eltern und Kinder verbindet bekanntlich einiges. Anfangs ist es die Nabelschnur, später dann das Kindergeld und am Ende schließlich das Erbe. In der Zeit dazwischen teilen Vater und Sohn oft die Liebe zum gleichen Sportler und Mutter und Tochter die Liebe zum gleichen Sportlehrer. Außerdem – so sagt man zumindest – würde eine Familie durch Liebe zusammengehalten. Wer schon einmal eine Reportage über Hyänen gesehen hat, die als Jungen gemeinsam herumtollen und sich als Erwachsene gegenseitig die Kehle durchbeißen, weiß, dass das mit Familie und Liebe aber so eine Sache ist. Der Grat zwischen dem Besten, was einem im Leben passiert ist, und dem, was einem im Leben am besten nicht passiert wäre, ist gerade in Sachen Nachwuchs manchmal wirklich schmal…

Irgendwann kommt selbst in der harmonischsten Familie der Moment, in dem es für Kinder Zeit wird, das Zuhause zu verlassen. Manche verspüren schon als Teenager den Drang mit Sack und Pack für ein Jahr durch die Welt zu reisen oder zumindest mit dem Sponge-Bob-Rucksack für einen Mittag durch die Stadt. Meist zum Missfallen der Eltern, die eigentlich gehofft hatten, ihr Spross würde erst Pubertät und Schule hinter sich bringen, bevor sie die Kontrolle über ihn verlieren. Andererseits ist es Eltern aber ebenso unrecht, wenn ihr Nachwuchs in einem Alter, in dem Jesus längst schon wieder tot war, außer Pubertät und Handyvertrag im Leben noch nichts abgeschlossen hat und immer noch dort haust, wo seit Jahren schon Muttis Nähzimmer sein sollte…

Tiere haben uns Menschen da durchaus etwas voraus. Während Schildkröten befruchtete Eier einfach am Strand zurücklassen und nie zurückkehren, ist dies bei Menschen meist nur nach einem One-Night-Stand im Sommerurlaub der Fall. Auch bei den Vögeln unter den Tieren wird es anders gehalten als nach dem Vögeln unter den Menschen: Küken werden ungefragt aus dem Nest geworfen, wenn ihre Eltern der Ansicht sind, sie seien flügge. Wer dann den Hintern nicht rechtzeitig hoch bekommt, landet auf der Straße. Bei uns Menschen schaffen es Eltern derweil oft nicht einmal, ihre Brut aus dem Bett zu schmeißen. Obwohl die Fallhöhe dort weit geringer ist und nicht die Gefahr besteht, dass der eigene Nachwuchs danach von einer Katze gefressen wird…

Hier kommen wir nicht gerade zufällig auf meinen Bruder Ulf zu sprechen, der den Absprung aus der Gebärmutter zwar physisch, aber nie psychisch geschafft hat und seit seiner Entbindung Dauergast im Hotel Mama ist. Außer dass er im Zimmer irgendwann die Poster der Bravo gegen die des Playboys ausgetauscht hat und statt des Flaums eines 14-Jährigen nun den Vollbart eines 44-Jährigen trägt, hat sich in seinem Alltag in den letzten dreißig Jahren nichts Wesentliches getan. Was daran liegen mag, dass auch er in den letzten dreißig Jahren nichts Wesentliches getan hat. Da ihm kein Beruf liegt, fühlt er sich berufen zu liegen. Und das im Bett. Statt zu arbeiten, um sparen zu können, spart er sich lieber das Arbeiten. Das hatten sich meine Eltern damals alles ganz anders vorgestellt…

Aber dann war das Ergebnis von 1 x 6 plötzlich 2: Zwillinge. Während meine Eltern bei einem Dreier im Bett oder Sechser im Lotto begeistert gewesen wären, war ein Zweier im Mutterleib ein Schock. Bei Cocktails freut sich jeder, wenn es den zweiten gratis dazu gibt, aber beim Nachwuchs? Es war eben überraschend, dass sich das von meinem Vater aufwändig befruchtete Ei, das für mein alleiniges Heranwachsen bestimmt war, ungefragt geteilt hatte. Aber Launen der Natur sind eben nicht immer zu vermeiden. Die Folge war wie bei Berlin, dass sich zwei ähnliche, aber vollkommen unterschiedliche Individuen nebeneinander entwickelten. Leider trennte wegen eines gemeinsamen Kinderzimmers meinen Bruder und mich keine Mauer. Dennoch wurde aus mir ein vorzeigbarer Stadtteil im Westen und aus ihm ein abgefuckter Plattenbau im Osten…

Mein Bruder und ich, das ist nicht etwa wie das rechte und das linke Twix, sondern eher wie ein Twix und ein Ei. Ein faules Ei. Eineiige Zwillinge können unterschiedlicher nicht sein wie er und ich. Ich: attraktiv, intelligent, sportlich und mit allenfalls geringer Neigung zum Übertreiben. Und er: das Mädchen. Ein Mädchen mit Ganzkörperbehaarung, Übergewicht und Sitten, die in keinem Affenhaus sonderlich auffielen. Dennoch stehen die Frauen auf ihn. Und das, obwohl er all das ist, was ich nie sein wollte und auch nicht bin, solange ich nichts getrunken habe. Ich und er, das sind Schneeweißchen und Rosenrot, Feuer und Wasser, frommes Lamm und schwarzes Schaf, KITT und KARR. Wir sind wie Nitro und Glycerin: jeder für sich harmlos, solange wir nicht aufeinander treffen…

Anders als mein Bruder habe ich unser Elternhaus irgendwann verlassen. Ich musste ausziehen, bevor ich meinen Doppelgänger mehr oder weniger unabsichtlich mit einem Teelöffel umgebracht hätte. Mein Auszug war nach dem Studium. Nicht so früh, wie er hätte sein können, wenn ich Frisör gelernt hätte oder auf den Strich gegangen wäre, aber immerhin. Eher war es mir trotz verschiedener Jobs als Verkehrsopfer bei Versicherungsbetrügen und Plakatmodel für Schwangerschaftsverhütung nicht möglich, genug Geld zu verdienen, um mir eine billige Studentenbude und teure Studentenfeten gleichzeitig leisten zu können. Als es damals darum ging, sich zwischen feuchten Wänden und feuchten Nächten zu entscheiden, landete die eigene Wohnung eben lange Zeit knapp auf Platz 2…

Für meinen Bruder kam Ausziehen nie in Frage. Er hat sich einfach mit der „Solange-Du-deine-Füße-unter-meinen-Tisch-streckst“-Endlosschleife unseres Vaters arrangiert. Bei einem Allergiker würde man von Hyposensibilisierung sprechen. Beschwerden sorgen bei ihm längst für keine Beschwerden mehr. Im Gegenteil, er genießt die Vorzüge, die er seit jeher genießt: Freie Kost und Logis bei Mutti. Schließlich war er immer schon der Kleine, der alles durfte, und ich der Große, der alles musste. Nur weil 42 Minuten zwischen seiner und meiner Geburt lagen. Selbst damals hatte er sich lieber noch einmal im Warmen umgedreht, während ich längst draußen in der Kälte war. Hätte ich das seiner Zeit geahnt, ich hätte mir auch noch einmal die Bauchdecke über den Kopf gezogen…

Ich will ja nicht sagen, dass mein Bruder unseren Eltern auf der Tasche liegt, aber er tut es! Er ist wie Herpes: Nervig, einfach nicht wegzubekommen und immer da und dort, wo er am meisten stört. Während ich nach einer Partynacht längst selbst schauen muss, wie ich tags darauf das Erbrochene aus der Kübelpflanze bekomme, trifft er morgens nie auf das, was er nachts angerichtet hat, da Mutti dann längst schon alle Spuren beseitigt hat. Da würde selbst die Spurensicherung der Kripo nichts mehr finden. Ich dagegen entdecke noch Wochen später in Schubladen wiedergekäute Essensreste. Wird mein Bruder morgens verkatert wach, warten auf seinem Nachttisch frischer Saft und ein warmes Frühstück, bei mir dagegen abgestandener Gin und ein kalter Döner…

Dennoch möchte ich nicht tauschen. Wer nicht irgendwann bei den Eltern auszieht, verpasst etwas im Leben: Die Zeugen Jehovas vor der eigenen Haustür, Post von der GEZ, falsche Mietnebenkosten-Abrechnungen und samstägliches Wegbringen von Leergut, wenn der halbe Planet vor dem Pfandautomaten wartet. Egal jedoch ob längst ausgezogen oder noch zuhause wohnend, Geschwister sollten von ihren Eltern stets gleich behandelt werden. Daher habe ich mich für morgen bei unseren Eltern zum Essen eingeladen. Und eine Tasche voll mit Schmutzwäsche nehme ich dann auch gleich mit! 1 x 6 = 2… gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

P.S. Auch eineiige Zwillinge können zwei Hoden haben.

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