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Konsequent Kevin

Von Tieren können wir Menschen bekanntlich so einiges lernen. Von Eseln z.B. die Beharrlichkeit, eigenen Ansichten treu zu bleiben, auch wenn man an der kurzen Leine gehalten wird… von Hunden, dass man sich seinem Frauchen am besten unterwirft, wenn man den pelzigen Bauch gestreichelt bekommen möchte… von Katzen, dass man sich tagsüber besser unauffällig verhält, wenn man nachts um die Häuser gezogen ist… und von Walen, dass man sich auch mit Übergewicht neben dünnen Heringen an den Strand trauen kann. Was das Thema Erziehung des eigenen Nachwuchses betrifft, gehen die Meinungen über geeignete Vorbilder im Tierreich allerdings weit auseinander…

Während bei Großfamilien die Jungenaufzucht der eines Wolfsrudels gleicht, bei dem der Schwächste schon einmal Bisswunden erleidet, nimmt man sich in Kleinfamilien oft eher Glucken zum Vorbild und behält seine Brut möglichst lange unter den Fittichen, damit sie nicht zu früh flügge werden. Von allen Tierarten macht es jedoch wohl nur eine bei der Aufzucht ihrer Nachkommen wirklich richtig: die Meeresschildkröte. Sie legt ihre Eier nachts am Strand ab und verschwindet danach für immer. Ein Familienmodell, das uns Menschen eher fremd ist. Sieht man einmal von alleinerziehenden Müttern ab, die nach einem One-Night-Stand am Strand schwanger aus dem Ibiza-Urlaub zurück kamen…

Mit der Kindeserziehung ist das so eine Sache. Die Ansichten über das richtige Rezept und darüber, was hineingehört und was nicht, sind vielfältig wie bei Salatsoßen. Jeder hat eine eigene Mischung, wann mild und wann sauer besser passt. Wurden Kinder Mitte des letzten Jahrhunderts noch wie Einmachgläser auf Vorrat produziert, da klar war, dass das ein oder andere von ihnen über die Jahre verdirbt oder kaputt geht – Bohnen durch Glasbruch auf dem Boden, Buben durch Genickbruch auf dem Mofa – beschränken Paare sich heutzutage oft auf ein Kind. Wer einmal Plätzchen gebacken hat, weiß jedoch, dass man bei Erstlingswerken oft arge Mühe hat, dass diese gelingen…

Waren Kinder über Generationen dazu da, das fortzuführen, was ihre Eltern geschaffen hatten, sind sie mittlerweile eher dazu da, das fortzuführen, was ihre Eltern nicht geschafft haben. War man als Sohn oder Tochter einst in seiner Lebensplanung ziemlich eingeschränkt, da man den elterlichen Hof übernehmen musste, ist man es heute, da man den elterlichen Karrieretraum übernehmen muss. Ein Junge, der gern mit Bauklötzen spielt, wurde früher Maurer; ein Mädchen, das Pferde mag, wurde Tierpflegerin. Heutzutage muss es bei solchen Veranlagungen schon leitender Bauingenieur oder Tierärztin mit eigener Praxis sein, damit sich die Eltern in der Nachbarschaft nicht schämen…

Besonders begabt war in meiner Grundschulklasse damals niemand. Nicht einmal mein Lehrer. Heutzutage dagegen scheinen alle Kinder hochbegabt zu sein. Zumindest, wenn man ihren Eltern glaubt. Beim Gemüse im Garten wird noch akzeptiert, dass aus manchem Sprössling trotz akribischer Pflege bloß Unkraut wird. Der eigene Lenden-Spross muss jedoch in jedem Fall ein Prachtexemplar werden, um das einen jeder beneidet. Waren Eltern früher nach der Entbindung glücklich, wenn ihr Kind fünf Finger an jeder Hand hatte, sind sie mittlerweile enttäuscht, wenn ihr Nachwuchs die Anzahl seiner Gliedmaßen im Kreißsaal nicht gleich selbst in die Patientenakte schreibt…

Die Zeit der engsten Bindung zwischen Mutter und Kind sind schon längst nicht mehr die 40 Wochen der Schwangerschaft, in denen Sohnemann oder Töchterchen die Füße unter das mütterliche Herz stecken, sondern die 30 Jahre danach, in denen sie die Füße unter den elterlichen Tisch strecken. Früher hingen viele mit 18 Jahren noch am Rockzipfel der Mutter, aber niemand mehr an deren Brust. Das ist heutzutage schon einmal anders, wenn man das Beste für sein Kind möchte. War früher ein guter Schulabschluss und ein Lehrberuf Wunsch der Eltern, müssen es jetzt schon ein sehr guter Promotionsabschluss und ein Akademikerjob sein…

Früher achteten Eltern auf die Interessen ihrer Kinder, heute auf ihre eigenen. So wie die neue Couch zur Tapete passen muss, müssen auch Kinder zu den Eltern passen. Einfach wachsen lassen und sehen, was daraus wird, lässt man allenfalls noch das Basilikum in der Küche, nicht aber den eigenen Nachwuchs. Dabei ist es mit Kindern wie mit Früchten: Egal wie vorsichtig man sie anfasst, einige von ihnen werden faul. Andere sind von Natur aus weniger süß und die Wenigsten kann man ohne gründliches Waschen irgendjemandem vorsetzen. Während es bei Obst jedoch in Ordnung ist, wenn nicht alles beste Qualität ist, ist das beim eigenen Nachwuchs keineswegs so…

Eine Drei in der Schule befriedigt mittlerweile kein Elternteil mehr. Eine Vier ist nicht ausreichend und weniger als eine Zwei ist mangelhaft. Schon die Zwei ist enttäuschend. Niemand weiß das besser als Mutti, die mit Papi damals auch nur ihre Nr. 2 bekommen hat. Eltern wollen mit ihren Kindern prahlen. Die einen damit, dass ihr Sohn so schlau ist, dass er schon mit einem Jahr laufen kann; die anderen damit, dass ihre Tochter so schlau ist, dass sie sich mit drei Jahren noch tragen lässt. Wer früher vor der Einschulung mehr als seinen Namen schreiben konnte, wurde als Streber gehänselt. Heute gelten Kinder als zurückgeblieben, die mit Sechs lieber Fußball als Scrabble spielen…

Auch wenn kein zeugungsbereites Akademikerpaar ohne Literaturstudium und Befruchtungs-Guide zur weiblichen Ovulation auf dem Smartphone mehr an die Familienplanung geht, bleibt es in Sachen Kinderüberraschung in der Partnerschaft wie in Sachen Kinderüberraschung im Supermarkt: Man kann zwar versuchen, das Ei zu finden, das die eigenen Wünsche erfüllt, es wird sich jedoch erst im Nachhinein zeigen, ob darin nicht doch bloß ein Happy Hippo war. Ob Yoga, Meditation oder vegane Ernährung, auch wer in der Schwangerschaft nur Buchstabensuppe isst, erhöht nicht die Chancen, dass sein Nachwuchs eine Leseratte wird…

Viele Eltern würden ihre Kinder am liebsten nur sicher verpackt in Zorbing-Bällen vor die Türe lassen. Was für Uropa Stalingrad war, scheint in Sachen Gefährlichkeit für dessen Urenkel der Spielplatz um die Ecke geworden zu sein. Stand dort früher „Eltern haften für ihre Kinder“, müsste es heute „Eltern haften an ihren Kindern“ heißen. Eltern im Jahr 2022 haben bereits dann ein mulmiges Gefühl, wenn sie keine Winterreifen auf dem Kinderwagen und keine Desinfektionstücher dabei haben. Auch meine Eltern waren damals nicht erfreut, wenn ich statt Omas Kuchen denjenigen aus dem Sandkasten aß, riefen aber nicht gleich den Notarzt und ein Labor, um den Sand auf Schadstoffe zu untersuchen…

Früher galt das Gesetz des Stärkeren. Wer zu dick war, um auf ein Klettergerüst zu kommen, musste abspecken oder unten bleiben. Natürliche Auslese würde man in der Natur sagen. Heutzutage sorgt eine Elterninitiative dafür, dass auch adipöse Kinder zweimal wöchentlich per Hubwagen aufs Gerüst kommen, um nicht diskriminiert zu werden. Auseinandersetzungen wurden in meiner Kindheit noch mit einer Sandkastenschippe gegen den Kopf geregelt und nicht mit einem Sitzkreis unter Leitung eines Mediators. Erziehung war früher irgendwie einprägsamer. Dass der Küchenherd heiß ist, wurde einem da nicht durch eine Lern-App, sondern durch einen Selbstversuch beigebracht…

Mit Erfolg. Mein guter Freund Thorsten konnte sich schon früh an seinen acht Fingern abzählen, dass man mit der Hand nicht unter den Rasenmäher greift. Lernen durch Schmerz oder wie man heute sagen könnte: Konsequent Kevin…  gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Deutsche Eltern lassen ihre Kinder nur ungern aus dem Haus; österreichische Eltern nur ungern aus dem Keller.

Alles gelogen

Pinocchio tat es alle Nase lang, aus der Politik ist es nicht wegzudenken und in einer Beziehung rettet es ab und an vor dem Nudelholz. Manche tun es ständig und mit Absicht, andere nur im Ausnahmefall und notgedrungen. Die einen haben Talent dazu, anderen merkt man direkt an, dass sie es nicht können. Wissenschaftler sagen, manche von uns täten es bis zu zweihundert Mal am Tag, auch wenn das sicher gelogen ist. Einige bekommen davon feuchte Hände, andere werden nicht einmal rot. Jedoch jeder, der dabei ertappt wird, ist peinlich berührt. Die Rede ist hier nicht von Sex oder Selbstbefriedigung, sondern vom Lügen…

Reden ist Silber und Schweigen ist bekanntlich Gold. Noch weit wertvoller als im richtigen Moment die Klappe zu halten, ist es jedoch, zum passenden Zeitpunkt eine gute und glaubhafte Ausrede parat zu haben, die einen vor Schlimmerem bewahrt. Wer vorgibt, niemals zu lügen, der lügt. Da es sich, wie wir als Kind gelernt haben, aber nicht gehört, zu lügen, bezeichnet man kleine Unwahrheiten, die man hin und wieder verbreitet, viel lieber als Ausreden oder sieht sie als alternative Fakten an. Der Unterschied zur Lüge? Keiner! Aber wer gibt schon gerne zu, zu lügen? Ausreden dagegen sind okay und alternative Fakten liegen sogar voll im Trend…

Wie Verdauung, Steuererklärung und der Tod gehört auch das Lügen zum Leben und ist so alt wie die Menschheit selbst. Hätte Adam damals auf Evas Frage ehrlich geantwortet, ob sie schön sei, die Geschichte im Paradies wäre vermutlich anders verlaufen. Wer sagt der einzigen Frau weit und breit schon freiwillig ins Gesicht, dass ihr Hintern zu dick ist und man lieber warten würde, bis Gott eine verbesserte Version erschaffen hat? Statt ehrlich zu antworten, wird Adam damals – wie noch heute jeder Mann bei einer solchen Frage – so etwas entgegnet haben wie „Du bist für mich die einzige Frau auf der Welt!“ und sich danach geschworen haben, nie wieder in einen Apfel zu beißen…

Ehrlichkeit ist im Leben richtig und wichtig, manchmal ist Lügen jedoch richtiger und wichtiger. Geht es nach einer durchzechten Nacht am Morgen darum, dem Chef am Telefon mitzuteilen, dass man nicht zur Arbeit erscheint, ist eine Notlüge weit weniger jobgefährdend als die Wahrheit. Wer flunkert, dass er nicht ins Büro kommen kann, da er mit seiner Katze zum Arzt muss, wird sicher weniger Schwierigkeiten bekommen als derjenige, der zugibt, dass er mit einem Kater zur Apotheke muss. Arbeitgeber haben schließlich eher Verständnis dafür, dass man wegen einer Angina und Gliederschmerzen im Bett bleibt statt wegen einer Angelina und Gliedschmerzen…

Ohne eine Notlüge hier und da hätte sich der Homo sapiens nie zu einem Rudeltier entwickeln können und würde sein Leben heute wohl als Einzelgänger fristen. Zwar wird unter Freunden Ehrlichkeit geschätzt, jedoch nur so lange, wie man der gleichen Ansicht ist wie sie. Keine Bekannte möchte beim Schwimmbadbesuch hören, dass sie kaum noch in den Badeanzug passt. Wird man dennoch gefragt, ob das Outfit gut sitzt, kann man sich taub stellen und vorgeben, Wasser im Ohr zu haben. Oder man bedient sich einer lieb gemeinten Halbwahrheit und antwortet, dass der Anzug wie angegossen sitzt. Das lässt ausreichend Raum für Spekulation wo ausreichend Raum für Speck fehlt…

Bei alten Bekannten ist eine nette Lüge eben manchmal angebrachter als die barsche Wahrheit. Auch wenn man Freunden angeblich alles sagen kann, möchte niemand, der stolz die von Oma geerbte Eichenholzschrankwand präsentiert, gesagt bekommen, dass diese schon im letzten Jahrtausend aus der Mode war und viel besser als im Esszimmer auf dem Sperrmüll aussehen würde. Stattdessen bedient man sich Wörtern wie „retro“ oder „oldschool“, die alles Hässliche und Altmodische umschreiben, was nicht als hässlich und altmodisch bezeichnet werden darf. Die Frage „Sieht der Schrank nicht gut aus?“ sollte man als guter Freund daher einfach bejahen: „Ja, sieht er nicht!“…

Ausreden und Notlügen haben den Sinn, sich durch Ehrlichkeit nicht selbst ins Abseits zu stellen. Wer gibt gegenüber dem nervigen Nachbarn, den man tags zuvor erfolglos hatte an der Tür klingeln lassen, gerne zu, dass man zwar zuhause war, nur eben keine Lust hatte, ihm zu öffnen? Damit man auch im nächsten Urlaub noch jemanden hat, der die Blumen gießt, gibt man beim nächsten Aufeinandertreffen im Treppenhaus daher vor, beim Klingeln gerade unter der Dusche oder im Gebet gewesen zu sein. So pikiert man niemanden mit Ehrlichkeit und stellt sicher, dass der Ficus in der Diele nach dem nächsten Sommerurlaub nicht aussieht wie der Lorbeer im Gewürzregal…

Völlig fehl am Platz ist Ehrlichkeit beim Besuch der Schwiegereltern, wenn es wieder Braten gibt, der mit viel Mühe, aber wenig Talent zubereitet wurde und nach stundenlangem Kokeln im Ofen eher an Tante Hilde erinnert, nachdem sie aus dem Krematorium kam. Will man ein mütterliches Tränenmeer vermeiden, sollte man auf die Frage, ob etwas fehle, nicht etwa mit den Worten „Gute Zähne“ antworten, sondern versuchen, die Schuhsohle auf dem Teller, die einmal eine Gänsebrust war, in Soße aufzuweichen bis sie wenigstens häppchenweise von einem menschlichen Gebiss zerkleinert werden kann. Wenn dann gefragt wird, wie es schmeckt, reicht ein kurzes „Wie immer!“…

Auch in Beziehungen gilt es, mit überschwänglicher Ehrlichkeit vorsichtig zu sein. Wer glaubt, seiner langjährigen Partnerin eine Freude zu machen, wenn er nach einer Flasche Wein gesteht, sie zu lieben wie am ersten Tag, auch wenn sie mittlerweile aussieht wie ihre Mutter, dem dürfte seine Ehrlichkeit ein paar Nächte auf dem Sofa einbringen. Selbst wenn sich die einst schlanken Beine der Frau oder Freundin nicht mehr von Dönerspießen unterscheiden, gilt es, die bessere Hälfte beim Shoppen stets dabei zu unterstützen, Jeans in Größe 36 zu finden. Selbst wenn klar ist, dass diese nicht einmal passen würden, wenn die alte Pummelfee vom Dach aus in die Hose springt…

Kleine Lügen erhalten Freundschaft, Beziehung und Arbeitsplatz, sollten aber stets mit Bedacht gewählt werden. Standardausreden wie Kopf- und Regelschmerzen oder ein unklarer Coronatest sind für Absagen genauso unglaubwürdig wie die Ausrede, man könne nicht kommen, da man von Außerirdischen entführt wurde oder ein Schaf den Autoschlüssel gefressen hat. Viele Menschen sind im Irrglauben, schlechte Ausreden würden dadurch glaubhafter, wenn man mehrere von ihnen gleichzeitig parat hat. Man entschuldigt sich also, weil man sich nicht wohl fühlt und am nächsten Tag früh raus muss und bereits auf zwei anderen Geburtstagen eingeladen ist…

Gerne genommen werden übrigens Ausreden, die kein Nachverhandeln zulassen. Todesfälle sind die besten vorgeschobenen Gründe, da sie bei demjenigen, dem man absagt, ein bedrückendes Gefühl auslösen und ausschließen, dass nachgebohrt wird, ob man später nicht doch noch komme. Bei vermeintlichen Toden sollte man jedoch unbedingt Buch führen, damit man nicht den Überblick verliert. Man braucht sonst gute Argumente, wenn die Oma, die letztes Jahr angeblich zu Grabe getragen wurde, als man keine Lust auf die Firmenfeier hatte, im Jahr darauf beim gleichen Anlass erneut als Absagegrund bemüht wird und dann ihren 90. Geburtstag feiert…

Was mir jedoch nicht ganz klar ist: Wer lügt, landet in der Hölle. Und wer die Wahrheit sagt, kommt in Teufels Küche. Wo ist dann also der Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit? Alles gelogen… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Wenn der Entsafter nicht hält, was die Werbung verspricht, könnte es eine Lügenpresse sein.

Boarding completed

Seit dem vermeintlichen Ende der Pandemie bzw. ihrer Sommerpause, durch die sich jeder – wie bei Mon-Chéri – schon jetzt auf den Herbst freuen kann, strömen wieder Woche für Woche Eltern in Zoos, um ihrem Nachwuchs diejenigen Geschöpfe näher zu bringen, die mit uns diesen Planeten bevölkern und die man sonst nur im Fernsehen oder auf dem Teller sieht. Marlon, Mira & Co. sollen neben den Läusen aus dem Kindergarten und den Silberfischen aus dem heimischen Bad eben auch einmal die Tiere in echt zu Gesicht bekommen, die sie von Mamis und Papis miesen Tätowierungen kennen…

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Erst beim Bestaunen eines lebensgroßen Elefanten wird dem Nachwuchs nämlich bewusst, welche Arbeit Uropa Reimer damals hatte, als er aus dem Bein eines der Dickhäuter den Schirmständer bastelte, der immer noch in der Diele steht. Begegnungen mit Wildschweinen bei Sonnenlicht am Tag bleiben zudem ganz anders in Erinnerung als bei Scheinwerferlicht in der Nacht, wenn einen plötzlich ein Gitter aus Metall statt nur eines Kühlergrills aus Plastik voneinander trennt. Auch Delfine sehen als Blickfang im Fischbecken irgendwie anders aus als als Beifang in der Fischdose…

Spannender als alle Arten von Vierbeinern sind jedoch alle Abarten von Zweibeinern, die aufgrund ihrer Fähigkeit, eine Digitaluhr ablesen zu können, zu den Menschen gezählt werden. Von allen Lebewesen auf der Erde mögen Eichhörnchen zu den drolligsten, Kobras zu den gefährlichsten und Pinguine zu den bestangezogensten gehören. Wenn es jedoch darum geht, welche Art mit Abstand die seltsamste ist, da ihr Aussehen nicht selten skurriler als das eines Nacktmulls und ihr Verhalten unberechenbarer als das eines Krokodils ist, dann steht der Mensch ganz oben auf der Liste…

Anders als Tiere können Menschen zwar nicht in Zoos, sondern allenfalls in Gefängnissen in Käfigen bestaunt werden, jedoch besteht beim Homo sapiens wie bei keinem anderen Primaten die Möglichkeit, ihn in freier Wildbahn zu studieren. Ein aufregendes wie gleichsam furchterregendes Ereignis zu sehen, welche unterschiedlichen Geschöpfe als Menschen durchgehen. Ohne Zweifel ist hier und da etwas gehörig schief gelaufen, als in prähistorischer Urzeit die Entscheidung fiel, aus welchen Einzellern sich Menschen und aus welchen sich Couchtische entwickeln sollten…

Faszinierender als Paviane, die in der Öffentlichkeit ihren Hintern präsentieren, sind Menschen, die sich in der Öffentlichkeit als Arsch präsentieren. Zwei Jahre Tragen von Corona-Schutzmasken mit mehr als zuvor üblich reaspirierter eigener Atemluft haben dem ein oder anderen menschlichen Gehirn, das zuvor bereits nur auf Sparflamme arbeitete, offenkundig den Rest gegeben. Zumindest die Hirnareale, die für Sozialkompetenz und Empathie verantwortlich sind, scheinen sich in der Pandemie rückgebildet zu haben und nicht mehr zu sein als ein Pfälzer Saumagen…

Besonders gut ist dies u.a. bei den derzeit wiederauflebenden Flugreisen zu beobachten. Ein Langstreckenflug in der Economy Class mit hunderten Menschen unterschiedlichster Herkunft und Einstellung zu Knoblauch lässt erahnen, wie es in Noahs Arche wohl zuging, als die Waschbären neben den Stinktieren Platz nehmen mussten. Bestand damals zumindest die Hoffnung, dass der übelriechende Nebenmann durch die Sintflut dem dringend nötigen Wasserkontakt ausgesetzt wird, kann man in einem Flugzeug nur hoffen, dass es im Bordverkauf günstiges Parfüm gibt…

Was für den Tierbeobachter die Vielfalt flugfähiger Vogelarten ist, ist für den Menschenbeobachter die Vielfalt flugwilliger Menschenarten. In 10.000 Metern Höhe hält sich intelligentes Leben außerhalb wie innerhalb der Kabine arg in Grenzen. Durch den geringen Druck scheint sich Dummheit auszudehnen wie Luft unter dem Joghurtdeckel. So ist das Beobachten afrikanischer Tiere in einem Safaribus nicht annähernd so interessant wie das asiatischer Menschen in einem Airbus. Auch wenn man dort seine Fluchtinstinkte kontrollieren muss, die dazu verleiten, durch die Kabinentür ins Freie zu fliehen…

Bei Mitreisenden wie bei Fluglinien besonders beliebt sind Deutsche mittleren Alters, die schon eine Stunde vor dem Boarding am Abflugschalter Schlange stehen. Sie sind stets an ihren neuen Outdoor-Jacken zu erkennen. Durchsagen, die bestimmte Sitzreihen aufrufen, ignorieren sie grundsätzlich. Sie müssen als Erstes in der Maschine sein, um Auswahl bei den Zeitschriften zu haben und das Handgepäck im Wunschfach verstauen zu können. Kaum am Platz, legen sie ihre Arme breitflächig auf die Lehnen und kippen den Sitz nach hinten, um ihre Gebietsansprüche deutlich zu machen…

Nach dem Start lässt der typische Deutsche jeden gerne wissen, dass er den Vogel sanfter in die Luft gebracht hätte. Er bestellt Whiskey, der ohne Eis zu warm und mit Eis zu kalt ist, und fühlt sich von allem und jedem gestört. Was er dem Bordpersonal durch dauerndes Betätigen der Ruftaste und in Amtsdeutsch auch zu verstehen gibt. Anschnallzeichen gelten für ihn nicht, da er ein Attest vorweist, dass ihn der Gurt einengt. Wenn das gewünschte Essen bereits aus sein sollte, ist eine schriftliche Beschwerde unabwendbar. Da lobt man sich Nationalitäten, die sich nicht verhalten wie der Führer…

Südamerikaner zum Beispiel. Sie erkennt man meist am Rollkragenpullover, der aus ihrem Ausschnitt wächst. Sie sind eher ruhig und können schön einmal mit Alpakas verwechselt werden. Nicht jedoch mit Südeuropäern wie z.B. Italienern, da ihnen die Goldkette und das lichte Kopfhaar fehlt. Einfach zu erkennen sind Schweizer, die auf jedem Gepäck- und Kleidungsstück ihre Landesflagge haben und sich wegen ihrer Neutralität für kein Getränk entscheiden können. Holländer sehen außerhalb ihrer Wohnwägen fast aus wie Deutsche, hören sich nüchtern aber so an wie unsereins sturzbesoffen…

Für das besondere Flugambiente sorgen jedoch Asiaten. Beeindruckend, dass ihr Geld stets für das neuste Tablet, nie jedoch für ein Taschentuch reicht. Dank des Corona-Mundschutzes braucht man zumindest derzeit ihre ständig oszillierenden Rotzfahnen nicht mit anzusehen. Die Pandemie hat(te) also durchaus auch etwas Gutes. Das Schlürfen und Schmatzen asiatischer Sitznachbarn beim Verzehr eines einzelnen Stückchens Obst bekäme man übrigens selbst nicht einmal hin, wenn man mit dem ganzen Kopf in einer Wassermelone stecken würde…

Unabhängig von ihrer Herkunft ist der Drang vieler Passagiere, direkt nach der Landung an die Staufächer zu hechten, als ginge es um Leben und Tod. Auch das Einschalten des Handys kann unmöglich warten, bis man die Maschine verlassen hat. Schließlich will jeder zuhause wissen, dass man gerade zwischen Notausgang und Bordtoilette im Flugzeuggang steckt und die Decke mit dem Airline-Logo ins Handgepäck gepackt hat. Boarding completed… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Tomatensaft im Flugzeug schmeckt am besten, wenn man ihn kurz vor dem Trinken gegen einen Gin-Tonic austauscht.

Alles Gute kommt von unten

Anders als in der Pflanzenwelt, wird es bei uns Menschen als ein besonderes Ereignis empfunden, wenn ein neuer Spross das Licht der Welt erblickt. Während die Petunien im Vorgarten bei neuen Ablegern kaum größere Auswüchse an Begeisterung zeigen und es weder für erforderlich halten, hölzerne Storchfiguren aufzustellen, noch das Ereignis feierlich zu begießen, wird neuer menschlicher Nachwuchs bei den unmittelbar Beteiligten stets als einschneidend empfunden. Selbst wenn auf einen Kaiserschnitt verzichtet werden konnte…

Noch schöner als die kurzweilige Zeugung während des One-Night-Stands und das langweilige Kennenlernen des Kindsvaters danach, ist die von Mami und Papi in die Welt hinausgetragene frohe Kunde, dass aus zwei nun drei geworden sind. Wer schon einmal vier Wochen auf eine Internet-Bestellung warten musste, kann erahnen, wie groß die Freude wohl nach neun Monaten Wartezeit sein muss und was von ihr übrig bleibt, wenn die Empfänger nach der Auslieferung langsam realisieren, dass es für die Zustellung im Kreißsaal kein Rückgaberecht gibt…

Akribisch wird von jungen Eltern mit Buntstift und Klebebärchen im Küchenkalender markiert, wann der Stammhalter oder die Stammhalterin den ersten Blick aus der Vulva warf. Dazu nach der Geburt die obligatorische Sammel-Kurznachricht an das gesamte Smartphone-Adressbuch, die auch Pizza-Lieferservice und Automobilclub-Hotline darüber informiert, dass die junge Familie wohlauf ist, und jeden erahnen lässt, dass Mutti bei dem angegebenen Geburtsgewicht in der Größenordnung einer Weltkriegsbombe zukünftig wohl größere Hosen als Papi brauchen wird …

Wenn schon nicht der Himmel mit einem Silberstreif die Geburt verkündet, dann muss es der Vater eben tun. Schließlich gilt es, den Paten aus dem Morgenland den Weg zur Wiege zu weisen, damit sie Gold, Weihrauch und Myrrhe oder zumindest ein Sparbuch bringen. Die elterliche Überzeugung, der eigene Spross sei ein Geschenk des Himmels, hält sich oft auch noch dann, wenn Klein-Kevin mit 18 Lenzen längst zu alt für eine Neuauflage der Weihnachtsgeschichte ist. Schließlich steht er nach jedem Komasuff unbeschadet wieder auf, um beim Abendmahl das Brot zu brechen…

Egal wo, wann und wem, frischgewordene Väter zeigen stolz Fotos ihres Nachwuchses. Ob nun an der Supermarktkasse oder am Pissoir der Autobahnraststätte. Möglichst jeder soll erfahren, dass aus dem Lotto beim Sex durch fehlende Verhütung nun doch ein Sechser im Lotto wurde. Dabei sehen Neugeborene für Fremde stets gleich aus und sind für jemanden, der nicht das Martyrium einer Risikoschwangerschaft mit Dauerreizbarkeit der werdenden Mutter über sich ergehen lassen musste, weder „bezaubernd“, noch „engelsgleich“ oder das „süßeste Baby der Welt“…

Jede neugeborene Katze und jedes frisch geschlüpfte Küken ist zweifellos hübscher als das, was den jungen Vater die letzten zwei Halbjahre täglich beschäftigt hat und die nächsten zwei Jahrzehnte täglich beschäftigen wird. Im Vergleich zu Tierbabys sind Menschenbabys einfach unansehnlich. Da kann Papi nur hoffen, dass sich wie bei einer vakuumverpackten Matratze auch die Falten des Neugeborenen nach wenigen Tagen von selbst glätten. Dann ähnelt er vielleicht endlich auch mehr seinem Vater als dessen Opa nach einer Stunde in der Sauna…

Was im Moment der Freude, dass neun Monate des Übergebens und der Schwangerschafts-Vorbereitung nun endlich vorüber sind, oft nicht bedacht wird, ist, dass sich Geburten wie Todesfälle, Affären und Lottogewinne in Familie und Nachbarschaft verbreiten wie ein Lauffeuer. Alle führen sie dazu, dass plötzlich Menschen vor der Tür stehen, die man seit Jahren nicht gesehen hat, obwohl sie nur zwei Häuser entfernt wohnen. Es sind die Menschen, die nie erreichbar sind, wenn man im Garten Hilfe braucht, jedoch als erstes auf der Matte stehen, wenn es Freibier und Schnittchen gibt…

Verwandtschaft und Nachbarschaft vermerken sich eine Geburt ähnlich akribisch im Küchenkalender wie die frischen Eltern. Nur dass hinter dem Namen des Neugeborenen keine Bärchen kleben, sondern Messer und Gabel. Wie Süßes Stechmücken anlockt, locken Geburten Verwandte und Bekannte an, einschließlich Menschen, die glauben, dazu zu gehören. Faszinierend wie viele Cousins und beste Schulfreude, die beim Bäcker sonst nicht einmal grüßen, einen zur Geburt gratulieren möchten und die höfliche Einladung auf ein Glas Sekt bis um vier in der Früh annehmen…

Eltern sollten vorsichtig sein, wenn es um die frohe Kunde der Geburt geht, um zu vermeiden, dass aus späteren Kindergeburtstagen mit Wasserpistolen und Kissenschlachten Facebook-Partys mit Wasserwerfern und Straßenschlachten werden. Das Internet vergisst nichts, Verwandte vergessen jedoch noch viel weniger. Wer sich bei Omas Beerdigung wunderte, woher all die Menschen kamen, die trauernd Blumen ins Grab hinunterwarfen und danach feiernd Schnaps in sich hinunterschütteten, sollte überlegen, ob er die Geburt des Nachwuchses nicht erst mit dessen Volljährigkeit bekannt gibt…

Für Verwandte und Nachbarn wäre es fatal, von der Geburt aus der Zeitung zu erfahren und damit den Moment zu verpassen, wenn der Holzstorch im Garten verkündet, dass es beim übernächtigten Jungvater kostenlose Vollverpflegung für alle gibt, die sich zu einem „Alles Gute“ überwinden können. Vor allem Gratulanten, die „gerade in der Nähe waren“ sind oft diejenigen, die den Eindruck erwecken, ein halbes Jahr zuvor hungernd verbracht zu haben. Sie schaffen es in Minuten, das Häppchen-Buffet in Schutt und Asche zu legen, das eigentlich für ein Dutzend Gäste mehr reichen sollte…

Aber was soll’s. Schließlich wird Mann nicht alle Tage Vater. Wer will an einem solchen Tag alten Bekannten da ein oder zwei Bierchen verweigern… oder zehn. Bei der dritten Fahrt zum Nachkauf von Bier und Schnaps fragt sich der stark angetrunkene Gastgeber dann, warum er nicht schon längst mit all den Freunden mal wieder so ausgelassen gefeiert hat. Diese Frage beantwortet sich nach einer Nacht neben der Toilette von selbst, wenn der junge Vater realisiert, dass Geburtsschmerzen nicht nur bei Müttern auftreten und sich bei Vätern nicht wegatmen lassen…

Wer dennoch nicht umher kommt, von der frohen Kunde zu informieren, sollte in seiner Kurznachricht an Gott und die Welt erwähnen, dass die Entbindung im Urlaub auf Hawaii stattgefunden hat. Das erspart Kondolenzbesuche und Kopfschmerzen. Alles Gute kommt von unten… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Gratulanten sind wie Hämorrhoiden. Kaum sind die ersten weg, kommen die nächsten.

Dackelblick

Letztens wurde ich gefragt, als was ich wiedergeboren werden möchte. Als Basketballspieler dachte ich zunächst, schließlich habe ich in diesem Leben viele Erfahrungen mit Körben gesammelt. Dann kam mir in den Sinn, wer es in diesem Leben von allen am besten hat. Nicht etwa Stars, Millionäre oder Könige, sondern Tiere! Hätte man vor einigen Millionen Jahren an der Supermarktkasse vor einem Dinosaurier gestanden, man hätte ihn vorgelassen, denn Dinosaurier regierten damals die Welt. Auch wenn die Riesenechsen mittlerweile ausgestorben sind, hat sich nichts daran geändert, dass Tiere die wahren Herrscher unseres Planeten sind. Die Mächtigsten unter ihnen sind dabei nicht etwa gefährliche Raubkatzen, sondern diejenigen, die am harmlosesten erscheinen: Haustiere…

Wer der irrigen Meinung ist, wir Menschen hätten Macht über Tiere, nur weil wir gelegentlich eines von ihnen überfahren, auf den Grill werfen oder als Jacke tragen, der verkennt, dass Katze, Hund und Co. nicht deswegen den ganzen Tag faul in einer Ecke liegen, weil sie von der Evolution benachteiligt wurden, sondern weil sie es können! Ihnen ist bewusst, dass stets etwas im Fressnapf ist, ohne dass sie dafür eine Pfote krumm machen müssen. Da sollte man sich als Mensch die Frage stellen, wer sich durch Domestizierung nun wen oder wem unterworfen hat und ob Vierbeiner Zweibeinern gehorchen, weil sie Leckerlis geben, oder Zweibeiner Vierbeinern, weil sie Leckerlis möchten…

Haustiere leben den Traum eines jeden Mannes: Schlafen, Saufen, Fressen und den pelzigen Bauch gestreichelt bekommen. Anders als bei ihrem menschlichen Gefährten stört es Frauen bei ihrem tierischen Gefährten nicht, wenn er aus dem Hals riecht oder dauernd auf dem Sofa liegt, um sich mit seinen Genitalien zu beschäftigen. Es ist nicht tragisch, wenn ein Hund auf die Terrasse pinkelt, eine Katze Haare im Bad hinterlässt oder einem Hamster das Essen nicht schmeckt. Als Mann hängt nach so etwas stets der Haussegen schief. Wird ein Kater mit einer gerade aufgerissenen Maus im Bett erwischt, bekommt er von Frauchen Liebe mit Lob statt wie ein Mann Hiebe mit dem Mopp…

Tiere dürfen alles, was wir Männer nicht dürfen. Auch an fremden Weibchen schnüffeln und im Stehen pinkeln. Keiner verlangt von Tieren, eine Hose zu tragen, wenn die Großeltern zu Besuch kommen oder nur im Freien zu pupsen. Um mit all dem durchzukommen, tun Haustiere das ganze Jahr nichts anderes als wir Männer am Valentinstag, nur mit mehr Erfolg: Sie heucheln ihrem Frauchen Liebe vor und hoffen, nicht an der kurzen Leine gehalten zu werden. Während Frauen derartige Zutraulichkeit bei Männern direkt als miese Masche entlarven, werten sie sie bei Tieren als Zeichen der Liebe. Ein fataler Fehler! Haustiere manipulieren Frauen wie wir Männer es uns nur erträumen können…

Vor allem der Hund als liebstes Haustier des Deutschen nach dem Silberfisch hat sich die Frau perfekt abgerichtet. Hat Bello nachts Durst, streunt er so lange ums Bett bis Frauchen ihm Wasser gibt. Als Mann könnte man nachts röchelnd verdursten, die Bettnachbarin würde nicht einmal wachwerden, geschweige denn aufstehen. Will ein Hund spielen während Frauchen schläft, wedelt er einfach mit seinem Schwanz und leckt ihr durchs Gesicht. Damit hat er garantierten Erfolg. Anders als ein Mann, der Gleiches tut und danach für die nächsten 14 Tage auf der Wohnzimmercouch schlafen darf. Für uns Männer ist es manchmal schon ein Hundeleben…

Die meisten Frauen mögen Männer, lieben aber Tiere. Das kommt daher, dass Tiere bei sexueller Erregung meist schon mit einem Hosenbein zufrieden sind. Außerdem sind sie nie schlecht gelaunt, wenn Frauchen wieder Unmengen für Schuhe ausgegeben hat. Anders als bei Männern akzeptieren Frauen bei Haustieren ohne zickig zu werden, wenn diese keine Lust auf Streicheleinheiten haben und lieber um die Häuser ziehen. Tiere müssen nie an Jahrestage denken oder den Müll rausbringen und dürfen bei Liebesfilmen einschlafen. Kommt eine Katze nach einer Balgerei mit Blessuren nach Hause, kümmert sich Frauchen liebevoll. Ein Mann bekommt noch eins mit dem Nudelholz über…

Wir Männer müssen uns damit abfinden, dass wir in der Rudelhierarchie erst hinter Josie, der Katze, Sam, dem Mops und Schnitzel, dem Ferkel kommen. Jeder Mann, dessen Freundin ein Pferd hat, wird bestätigen, dass er weit seltener geritten wird als sein Konkurrent mit den Hufen. Es kann auch schon mal sein, dass nach all der teuren Fellpflege und all dem Premium-Futter für den Vierbeiner am Monatsende für den Zweibeiner nur noch Kernseife und Dosenravioli übrig bleiben. Mann sollte dennoch gar nicht erst versuchen, mit Tieren mithalten zu wollen und demütig akzeptieren, wenn bei Doggy-Style statt einer feuchten Muschi nur ein nasser Hund im Bett wartet…

Frauen kraulen Fell eben nur dann gerne, wenn es zu einem Rüden und nicht zu einem Rüdiger gehört. Affen sind so lange niedlich, so lange man sie im Zoo sieht und nicht in der Sauna. Frauen stört es zwar nicht, wenn sich beim Familienausflug in den Tierpark ein Gorilla vor Publikum an seinem Gemächt kratzt, seltsamer Weise aber, wenn der Playboy des Partners beim Besuch ihrer Eltern noch im Bad liegt. Was für uns Männer jedoch am wenigsten nachvollziehbar ist: Wieso finden Frauen Gefallen daran, Katzen mit einem Wollschnürchen zu beschäftigen? Als Mann hat man da eher schlechte Erfahrungen gemacht, was Pussies und Schnürchen angeht…

Bei vielen Frauen sind Tiere Kinderersatz. Nervige Vierbeiner haben dabei den Vorteil, einfacher an der Autobahn ausgesetzt werden zu können als nervige Zweibeiner. Auch ruft niemand die Polizei, wenn man Bello statt Benno mit dem Teppichklopfer durchs Haus drischt. Man ist zudem gelassener, wenn einem bewusst ist, dass im Alter, in dem Kinder in die Pubertät kommen, Wuffi weiter unterm Tisch liegt und nicht auf die Idee kommt, sich sein Fell bunt färben und seine Schnauze piercen zu lassen. Außerdem braucht man mit Tier statt Kind das Ersparte nicht für irgendwelche Erben zusammen zu halten. Schließlich überlebt man sein Haustier. Es sei denn, es ist eine Schildkröte…

Tiere merken übrigens, wenn Männer es auf ihr Frauchen abgesehen haben. Ihnen ist bewusst, dass Mann bei Frau nur landen kann, wenn er ihre Tiere mag. Daher lassen sie, sobald der menschliche Widersacher sie auf dem Arm hält, den Dingen gerne einmal ihren Lauf. So wird dem Konkurrenten schneller warm ums Herz als ihm lieb ist. Ein feuchtfröhliches Date stellt Mann sich anders vor. In seltenen Momenten, in denen Frauen doch einmal uns Männer den Tieren vorziehen, reagieren Tiere meist eifersüchtig. Romantik wird dann schwierig, wenn der Wellensittich just dann aus dem Käfig ausbricht, wenn Frauchen sich gerade anderweitig mit Vögeln beschäftigen will…

Es ist wie es ist. Wir Männern müssen akzeptieren, dass wir in diesem Leben nie so süß sein werden wie Haustiere. Aber vielleicht dafür im Nächsten. Bis dahin können wir ihn ja schon einmal üben, den Dackelblick… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Warum gibt es eigentlich kein Katzenfutter mit Mausgeschmack?

Aprilwetter

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch der April und mit ihm die Zeit, in der das Wetter unberechenbarer ist als ein russisches Staatsoberhaupt. Beschränkt der Mensch seine üblen Späße im April für gewöhnlich auf den Monatsersten, präsentiert das Wetter seine Aprilscherze nicht selten den ganzen Monat lang. Da ist es schon einmal möglich, dass man bei zwanzig Grad und blauem Himmel mit dem Auto in die Waschstraße fährt und diese bei zwei Grad und Schneeregen wieder verlässt. Die lang ersehnte erste Cabriofahrt des Jahres kann einem im April schon einmal vermiest werden, wenn man blauäugig dem Wetterbericht vertraut und Sonne erwartet, dann jedoch mit offenem Verdeck auf der Autobahn eines Besseren belehrt wird und bis zur nächsten Haltemöglichkeit das Wasser schön knöchelhoch im Fußraum hat…

Früher machte Petrus das Wetter, später dann Jörg Kachelmann. Mittlerweile präsentieren unzählige Internetseiten und Smartphone-Apps für den gleichen Ort zur gleichen Zeit völlig unterschiedliche Wetterprognosen, die alle nur darin übereinstimmen, dass keine von ihnen richtig ist. Darüber sehen viele Nutzer jedoch großzügig hinweg, solange zumindest die neben den bunten Wettersymbolen eingeblendeten noch bunteren Werbeanzeigen für Schuh- oder Viagra-Schnäppchen der Wahrheit entsprechen. Früher hielten sich die Wettervorhersagen gerade im April mit klaren Aussagen bewusst zurück und kündigten stets nur „heiter bis wolkig, zeitweise Regen“ an. Keiner traute sich damals mehr Verbindlichkeit zu. Heute liefern Internet und Apps bereits Monate im Voraus zielsicher Temperatur- und Luftdruckangaben auf die zweite Nachkommastelle genau für jede Hausnummer…

Allen Wetterdiensten und Wetterregeln zum Trotz ist zu Beginn des Frühjahrs niemand wirklich in der Lage, verlässlich vorherzusagen, was sich in der Atmosphäre tut. Egal ob über Deutschland oder der Ukraine. Selbst Siri und Alexa wissen morgens noch nicht, ob man mittags besser Flipflops oder Gummistiefel tragen sollte. Das Wetter im April verhält sich wie ein Teenager mit Frühlingsgefühlen, dessen Stimmungsschwankungen einem den Tag verhageln können. Auch wenn kein Wetterfrosch es zugeben würde, übersteigt die Prognosegenauigkeit der Wettermodelle am Frühlingsanfang kaum die Trefferquote einer Jahrmarktswahrsagerin. Eher findet man die richtigen Lottozahlen in einer Buchstabensuppe als die richtigen Temperaturen im Wetterbericht. Irgendwie passen die Vorhersagen nicht zum Wetter oder – wie der Meteorologe sagen würde – das Wetter nicht zu den Vorhersagen…

Wenn zur Eröffnung der Grillsaison bei angekündigten frühsommerlichen Temperaturen erst einmal der Grill vom Schnee befreit werden muss, wird von Wetterexperten die Schuld nachträglich wieder auf ein Tief geschoben, das irgendwie nicht hoch kam und sich lange nicht entscheiden konnte, ob es nun über Island schlummern oder sich bei uns austoben will. Man muss sich ja auch nicht wundern, dass das Wetter nie zur angekündigten Zeit am angekündigten Ort ist: Bei dem Gewirr aus Linien, Zahlen und Farben ist es mit Wetterkarten nicht anders als mit Autofaltkarten von früher. Die halfen auch nie dabei, ans richtige Ziel zu kommen und ließen mehr als nur einen Urlaub ins Wasser fallen. Vor allem wenn Vati erst nach Stunden auffiel, dass Mutti die Karte falsch herum hält und man den anstehenden Mittelmeerurlaub deshalb an der Nordsee verbringen durfte…

In Wetterberichten von früher war stets der Golf von Biskaya der Ursprung allen Übels. Als Kind lernte man damals, dass schlechte Menschen aus Russland, schlechte Angewohnheiten vom vielen Fernsehen und schlechtes Wetter aus dem Golf kommt, von dem niemand wusste, wo er liegt. Irgendwann hat es sich die Biskaya dann wohl mit dem Deutschen Wetterdienst verscherzt. Seitdem hört man vielmehr von Funtensee, dem deutschen Kältepol bei Berchtesgaden. Ankündigungen von Fronten und Stürmen aus Berchtesgaden sind dem deutschen Volk ja vertraut. Dort wusste man schließlich schon vor achtzig Jahren, ob man Bombenwetter oder Blitz kriegt. Hätte man damals zeitig erkannt, dass die angekündigten Hochs eigentlich Tiefs waren, man hätte sich für den Ausflug nach Stalingrad noch ein Paar Socken mehr einpacken können…

Wer den Wetterbericht im Fernsehen verfolgt, dem stellen sich unweigerlich Fragen: 1.) Nach welchem Prinzip werden eigentlich die Städte ausgewählt, die auf den Wetterkarten abgebildet sind? 2.) Sind die Ratiopharm-Zwillinge und der Grippostad-Pinguin überhaupt daran interessiert, dass es gutes Wetter gibt? Und 3.) Woher kommen die vermeintlich seriösen Wetterfeen, die keine Schwierigkeiten hätten, bei Heidi Klum einen Vertrag zu bekommen, es aber vorziehen, im Nachmittagsprogramm über Kaltluft im Hunsrück zu berichten? Geht man von der üblichen Meteorologie-Studentin aus, die selbst nackt aussieht als würde sie einen Norwegerpulli tragen, vollbringt Fernsehschminke entweder wahre Wunder oder aber die Modelmiezen, die tief dekolletiert über das Wetter am Jadebusen berichten, haben keine Ahnung von dem, was sie ablesen und halten einen Zyklon für eine einäugige Sagengestalt und Graupel für den Körnerkram in Omas Suppe…

Und so warte ich in diesen Tagen wieder jeden Abend gespannt vor dem Fernseher auf eine neue Wettermärchenstunde, während ich mich mit Wolldecke und Tee von dem am Vortag angekündigten „ersten herrlichen Frühlingstag“ erhole, der mich mittags beinahe weggeblasen hätte, wäre ich nicht vorher schon weggespült geworden. Während im Fernsehen etwas von einer gestern noch nicht absehbaren Verzögerung des Hochs und garantiert blauem Himmel morgen berichtet wird, beginnen meine Terrassenmöbel über den überfluteten Balkon zu schwimmen, während seltsam weißes Zeug vom Himmel fällt. Aber was will man auch von einem Hoch erwarten, das Kevin heißt? Aprilwetter… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Satte 299 Euro plus Mehrwertsteuer kostet die Namenspatenschaft für ein Hochdruckgebiet. Dafür kann man nun wirklich gutes Wetter erwarten.

Endlich wieder Urlaub

Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Christoph Columbus zum Beispiel wusste was zu erzählen, nachdem er auf der Suche nach einem Seeweg nach Indien irgendwo im Atlantik falsch abbog und Amerika entdeckte. Was ihm bis heute niemand verziehen hat. Ebenso Marco Polo, der alle übrigen Länder der Welt entdeckte und seine Erlebnisse in kleinen Reiseführern mit Insider-Tipps niederschrieb. Selbst meine Ex-Freundin weiß stets von ihren Reisen zu erzählen. Wenn auch nur, dass sie in der Karibik nicht nur Rum mochte, sondern auch rum machte. Was ihr einen unvergesslichen Trip, vor allem aber auch einen noch unvergesslicheren Tripper bescherte…

Reisen dienen seit jeher dazu, fremde Kulturen und Arten zu erleben. Egal ob im tiefsten Südamerika, Senegal oder Sachsen. Noch besser geeignet sind Reisen jedoch dazu, bereits bekannte Kulturen und Unarten zu erleben. Noch lehrreicher als einen Vierbeiner des Nachbarkontinents im Zoo zu beobachten, ist es, einen Zweibeiner des Nachbartischs im Urlaub zu beobachten. Ganz ohne Zaun oder Gitter kann man da Verhaltensweisen studieren, die man sonst nur aus Tierreportagen im Fernsehen kennt: Futterneid, Revierkämpfe und Balzrituale. Der Urwald auf Madagaskar ist nichts gegen den Urlaub auf Mallorca. Das hätte man nach zwei Jahren Pandemie fast schon vergessen…

Im Vergleich zu Menschen in einem Pauschalurlaub verhalten sich Tiere in freier Wildbahn geradezu menschlich. Beobachtet man das Gedränge und Geschiebe am Büffet eines Pauschalurlauber-Hotels, gewinnt man den Eindruck, es ginge um Leben oder Tod und nicht bloß um Fleisch oder Fisch. Als stünde ein Krieg bevor, kennen hungrige All-Inclusive-Urlauber keine Gnade, wenn es um die größten Portionen geht. Ob das, was da im Affekt handbreit auf dem Teller übereinander gestapelt wird, überhaupt zusammenpasst oder ob man da nicht doch gerade Eierlikörsoße über den Blumenkohl gießt, ist erst einmal Nebensache. Liegenlassen kann man es ja schließlich immer noch…

Wie wir alle spätestens seit Corona wissen dürften: Der Mensch kann einfach nicht das intelligenteste Lebewesen auf diesem Planeten sein. Ameisen schaffen es zu Abertausenden, sich zu organisieren und aus dem Weg zu gehen. Wir Menschen dagegen sind nicht einmal im Dutzend in der Lage, zu begreifen, an welcher Seite einer Büffetschlange man sich anstellen muss. Dabei sind es keineswegs nur die an Linksverkehr gewöhnten Engländer, die einem am Büffet als Geisterfahrer mit Teller und Besteck entgegenkommen. Wahrscheinlich würde es eine mittelbegabte Ameise auch eher schaffen, eine FFP2-Maske richtig über ihrer Nase zu tragen, wenn sie denn eine Maske und eine Nase hätte…

Wenn es um Essen geht, muss Corona kurz warten. Was das Einhalten von Abständen betrifft, sollte man gerade mit uns Männern Nachsicht haben. Seit der Pubertät haben wir nachweislich Probleme damit, Längen richtig abzuschätzen. Beim wem 30 Zentimeter gerade einmal so lange sind wie ein Finger, ist 1,50 Meter Abstand zum Vordermann eben auch nicht mehr als eine Tellerbreite. Gerade für viele männliche Ü20er ist aufgrund der Corona-Beschränkungen in Bars und Diskotheken das Hotelbüffet noch die einzige Möglichkeit, beim Malle-Urlaub dem anderen Geschlecht ungefragt näher zu kommen und ihm das Sommerkleid zu versauen…

Im Gegensatz zum Verhalten vieler Hotelurlauber beim Essen wirkt es geradezu friedfertig, wenn ein ausgehungerter Löwe ein Gnu bei lebendigem Leibe zerfetzt. Die Tischsitten in Urlaubshotels erinnern weniger an das Essverhalten von Homo sapiens als an das von Würgeschlangen, die Beute am Stück herunterschlingen. Die lange Zeit im Home-Office in der Pandemie hat auch hier Spuren hinterlassen. Viele haben hörbar vergessen, dass Rülpsen und Furzen ursprünglich keine üblichen Tischgespräche waren. Es ist faszinierend wie erschreckend zugleich, wie manche Menschen ein weichgekochtes Ei essen und es schaffen, dass danach der Tisch aussieht, als wäre ein ganzes Huhn explodiert…

Die Geräuschkulisse in All-In-Hotelrestaurants erinnert an das Geschmatze einer Ferkelherde. Von fressenden Schweinen sind essende Hotelgäste oft nur durch die teilweise Bedeckung ihres Specks zu unterscheiden. Sofern Muskelshirts bei Ihm und Wickeltücher bei Ihr als Kleidung zählen und nicht bereits als Zumutung. Da kann im Hotelprospekt zigmal stehen, dass Abendgarderobe erwünscht ist. Wenn Papi Shorts, Sandalen und Socken tragen möchte und Mutti ein zu knappes, durchsichtiges Strandkleid, dann tun sie es. Der Gast ist schließlich König. Ich bin für solche Anblicke eigentlich immer dankbar, mindern sie als natürliche Appetitzügler doch die Gefahr, im Urlaub zuzunehmen…

Es ist beeindruckend wie befremdlich zugleich, die Hast und Aggression vieler Erholungssuchender zu sehen, die im Urlaub mehr Stress haben als zuhause. Daher sind viele nach zwei Wochen auch froh, wenn es wieder heimwärts geht, wo alles seine gewohnte Ordnung hat und es sonntags Rinderrouladen gibt. Schließlich ist Erholen gar nicht so einfach, wenn man sich andauernd Gedanken machen muss, ob noch genügend Nachtisch und freie Plätze am Pool vorhanden sind. Vor allem bei uns Deutschen gilt: Was inklusive ist, wird auch genutzt! Das gilt für Snacks am Mittag ebenso wie für Shows am Abend. Egal ob man Lust auf sie hat oder nicht. Bezahlt ist schließlich bezahlt…

Auch wenn er gar nicht vorhat, sich an den Pool zu legen, markiert der anständige Deutsche in aller Herrgottsfrühe mit seinem Handtuch oder jetzt noch wirksamer mit seiner Mund-Nasen-Maske sein Territorium am Becken. Auch wenn er die Liege eigentlich gar nicht braucht, heißt das nicht, dass er sie jemand anderem gönnt. Dabei ist der Pool eigentlich nichts für Deutsche mittleren Alters. Sammeln sich im Wasser doch immer nur Keime und Kinder. Und beide möchte man sich im Urlaub vom Leibe halten. Außerdem ist da ja eh wieder kein Hotelpersonal, das überwacht, dass niemand vom Beckenrand springt. Da könnte man sich ja nicht mal erholen, wenn man sich erholen könnte…

Wer glaubt, entsprechenden Exemplaren der eigenen Spezies aus dem Weg gehen zu können, indem er sich ein Urlaubsziel sucht, das nicht jeder kennt, der muss leider eines Besseren belehrt werden oder in die Antarktis reisen. Egal ob Mallorca, Malta oder Madeira, Pauschalurlauber gibt es wie Corona überall. Und beide nerven ähnlich. Weltreisen, die Columbus und Polo noch Ewigkeiten im Voraus planen mussten, können heute last-minute beim Discounter gebucht werden. Was Herpesviren für den Menschen, sind Pauschaltouristen für Urlaubsorte: Jeder hat sie, es ist nur die Frage, wann sie unangenehm in Erscheinung treten und einem die Laune vermiesen…

Warum ich selbst trotz allem ab und an Pauschalurlaub mache? Weil ich gerne Bücher auf blockierten Poolliegen vertausche und es mag, mir am Büffet ausgiebig Zeit zum Studieren der Essensschilder zu nehmen. Das entspannt ungemein, zumindest mich. Das Gute am Pauschalurlaub während der Pandemie ist übrigens, dass man sich dank hoher Inzidenzwerte und überfülltem Charterflug keine Gedanken mehr zu machen braucht, was man den Lieben zuhause mitbringt. Und was ist nach einer Woche Urlaub im Süden schöner als noch eine Woche Urlaub zuhause hinterher? Manches muss man eben einfach positiv sehen. Endlich wieder Urlaub… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Geschichten, Hotelhandtücher oder Corona – Mitbringsel gehören zu jedem Urlaub.

Fast furios

Während heutzutage schon derjenige als Draufgänger gilt, der sich nicht nach jedem Essen die Zähne putzt, seinen leeren Joghurtbecher ungespült in die gelben Tonne wirft oder die FFP2-Maske nicht täglich wechselt, gab es früher noch richtige Gesetzlose, die das wirkliche Abenteuer suchten. An ihrer Seite nicht mehr als ein treues Pferd, ein Säckchen Gold und ein Revolver. Nur eine kleine, um die Welt verstreute Gruppe Menschen hat sich diese Freiheit bis heute bewahrt. Sie wissen nicht, wohin ihr Schicksal sie führen und welche Aufgabe ihre nächste sein wird. Sie sind die Outlaws unserer Zeit und leben auf der Straße, wo jeder sie fürchtet. Sie sind Taxifahrer…

Taxifahrer sind die Cowboys unserer Städte. Ihr treues Pferd ist ein Mercedes Diesel, ihr Säckchen Gold ein Beutel Wechselgeld und ihr Revolver ein Elektroschocker in der Türablage. Sie sind die Wildwesthelden von heute. Sie leben aus, wovon andere träumen: Unabhängigkeit, Ungebundenheit und Fahren auf der Busspur. Keine Ampel ist ihnen zu rot, keine Lücke zu eng, kein Auffahren zu dicht. Nur Taxifahrer wagen es, den Verkehrsregeln vor den Augen der Polizei zu trotzen und sich Straßenbahnen in den Weg zu stellen. Taxi bedeutet Vorfahrt. Hand an der Hupe, Fuß auf dem Gas, das ist ihr Leben. Dazu ihr Ehrenkodex: Keine Zeit verschenken und erst recht keinen Euro…

Völlig zu Unrecht werden Taxifahrer von vielen als arbeitslose Lehrer oder Langzeitstudenten abgestempelt und ihnen nachgesagt, sie seien raubeinige Straßenrassisten mit Lederjacke und Ellbogen im geöffneten Seitenfenster, die Worte wie Deo und Freundlichkeit nur aus dem Kreuzworträtselbuch auf dem Armaturenbrett kennen. Ja, viele Taxifahrer schnallen sich nicht an und biegen ab, ohne zu blinken. Ja, die meisten Taxifahrer kümmern Geschwindigkeitsbegrenzungen wenig. Ja, Taxifahrer nutzen ihren Mittelfinger zum Grüßen anderer Verkehrsteilnehmer. Alles richtig, aber das Leben auf der Straße ist eben nicht, wie es einem in der Fahrschule vorgegaukelt wird…

Ein Leben als Taxifahrer ist ein Leben auf der Überholspur. An manchen Tagen hat man dabei mehr nach Alkohol stinkende Typen bei sich drinnen als eine gut besuchte Prostituierte. Hier wie dort geht es um schnelles Geld und darum, rasch zum Ziel und danach an den nächsten Kunden zu kommen. Die Konversation beschränkt sich derweil nur auf das Notwendigste. Man sollte sich über Taxifahrer jedoch nicht beschweren, sondern stattdessen diesen Helden des Alltags lieber Tribut zollen. Da sie Tag für Tag rund um die Uhr auf Abruf zu Diensten stehen, um uns nach dem Verlust von Muttersprache und Gleichgewicht von der Kneipe sicher zu unserem eigenen Auto zu fahren…

Man muss kein Uber-Flieger sein, um als Taxifahrer Erfolg zu haben, jedoch wissen, wo die eigenen Grenzen sind und wann man an den Bahngleisen dem heraneilenden Schnellzug den Vorrang lässt. Der Kunde ist im Taxi König, zumindest so lange er nicht auf den Rücksitz kotzt und Trinkgeld zahlt. Was Taxifahrer auszeichnet, ist mehr als ihr Wissen, was auf der Titelseite der aktuellen Bildzeitung steht, und die Kenntnis, wo die besten Strapsibars der Stadt sind. Es ist vor allem ihre Gelassenheit, wenn sie tiefenentspannt mit 80 Sachen durch verkehrsberuhigte Zonen cruisen und Rentner mit Rollatoren mittels Lichthupe dazu anspornen, schneller zur Seite zu gehen…

Es ist schon erstaunlich, wie Taxifahrer es schaffen, ihre elfenbeinfarbenen Boliden mit einer Hand am Lenkrad und der anderen Hand im Schritt durch spielende Kinder zu manövrieren, ohne dabei freie Kindergartenplätze zu schaffen. Der Fahrgast im vollklimatisierten Fond der Limousine bekommt derweil vom Gekreische heraneilender Waldorfkindergarten-Mütter nichts mit und genießt das Gefühl der Geborgenheit, das ihm Seitenaufprallschutz und Airbags vermitteln. Nie fühlte man sich sicherer in einem Auto, das eine knappe Million Kilometer auf dem Tacho hat und von jemandem gefahren wird, der im Monat mehr Punkte in Flensburg sammelt als man selbst in einem Jahr im Supermarkt…

Taxifahrer, das ist eine Mischung aus Psychologen und Psychopaten. Wie keine andere Berufsgruppe des Personenbeförderungsgewerbes verstehen sie es, aus einer einfachen Stadtfahrt eine Reise per Anhalter durch die Galaxis zu machen. In einer Viertelstunde prasseln auf den Fahrgast Eindrücke nieder, die sich außerhalb des Taxenkosmos nur in Jahren der Kriegsgefangenschaft ansammeln. Anders als Busfahrer oder Polizisten, die einen sonst heim bringen, baut sich zwischen Taxifahrer und Fahrgast in wenigen Minuten ein Verhältnis auf, das jeden Fahrgast dazu bewegt, seine Probleme jemand Wildfremdem anzuvertrauen, dem er sonst nicht einmal freiwillig die Uhrzeit sagen würde…

Eine Taxifahrt bleibt meist unvergesslich. Ob nun wegen des Kettenrauchers hinter dem Steuer, der beim Einsteigen des Gastes auf das Rauchen-Verboten-Schild am Handschuhfach deutet, oder wegen der Fahrtroute, die an das Einkreisen von Wild bei der Treibjagd erinnert. Aber wer will schon morgens um vier den kürzesten Weg nach Hause, wenn er für ein paar Euro mehr einen pittoresken Ausflug durch die schönsten Gewerbegebiete der Umgebung bekommt? Dank moderner Computer kann man verlässlich das Wetter der nächsten drei Wochen voraussagen, jedoch nicht die Fahrtroute eines Taxis in den nächsten drei Minuten. Ideal für Menschen mit Verfolgungswahn…

Wie bei einem Blinddate weiß man auch bei einer Taxifahrt vorher nie, was einen erwartet. Die Zahl unterschiedlicher Taxis ist so groß wie die Zahl unterschiedlicher Routen zum gleichen Ziel. Vom akkuraten deutschen Taxi mit gehäkelten Sitzüberzügen, das am liebsten rechts abbiegt, bis hin zum fahrenden indischen Gemischtwarenladen mit eigenem E-Bay-Shop ist alles möglich. Wartet am Steuer nun ein Osteuropäer mit dem mimiklosen Gesicht eines Profikillers, der seinen Auftrag ohne Fragen erledigt, oder doch ein Südländer, der wasserfallartig von seiner Großfamilie berichtet und Fotos zeigt, auf denen alle seine Verwandten unabhängig vom Geschlecht einen Bart tragen…

Vielleicht erwischt man aber auch ein heimisches Urgestein, das seit 50 Jahren „Kraftdroschke“ fährt und es schafft, in fünf Minuten sein gesamtes Lebens zu erzählen. Wobei er ohne Redepause den Spagat zwischen Wetter, Politik, Exfrau und seiner Vorliebe für thailändische Prostituierte schafft und nicht hinter dem Zaun hält, dass die Pandemie längst vorbei wäre, wenn jeder tun würde, was er sagt. Besonders beeindruckend sind auch Taxifahrer, die selbst keine zehn Worte Deutsch sprechen, es aber schaffen, den Röchellauten ihrer sturzbetrunkenen Fahrgäste das gewünschte Fahrziel richtig zu entnehmen. Dies bestätigt dann wohl, dass sich jede Sprache nach zwölf Bier gleich anhört…

Wer selten Taxi fährt, dem sei Folgendes als Tipp mit auf den Weg gegeben: 1.) Man ist kein Rassist, wenn man ein weißes Taxi mit ausgestrecktem Arm anhält. 2.) Die vermeintliche Stoppuhr, die vorne im Taxi mitläuft, zeigt nicht den Jackpot der nächsten Lotto-Ziehung an, sondern den Fahrpreis, der schneller steigt als die Zahl der Corona-Neuinfektionen. 3.) Stets in den letzten Wagen am Taxistand einsteigen und nie in eine der Taxen davor, die schon seit Stunden auf Kundschaft warten. – Wer nach der Fahrt zufrieden war, sollte 19,90 Euro ruhig mal gerade sein lassen und sich großzügig mit einem Zwanziger bedanken. Taxifahrer zu sein, ist: Fast furios… gruenetomaten@live-magazin.de

Patrik Wolf

P.S. Gegen den Typen am Taxifunk spricht René Mariks Maulwurf perfektes Deutsch.

Gehen wir heim?

Man braucht kein Hellseher zu sein oder mit einer Bibel unter dem Kopfkissen zu schlafen, um zu wissen, dass der Tag kommen wird, an dem die Menschheit vor ihrem Ende steht. Nie war das klarer als gerade jetzt. Nach fast zwei Jahren Pandemie wissen wir, dass unsere größten Probleme darin bestehen, nicht genug Toilettenpapier in der Lieblingsfarbe auf Vorrat zu haben und Sangria alleine aus Gläsern trinken zu müssen statt in Gruppen aus Eimern. Zählten wir Deutsche einst zu den schlausten Köpfen überhaupt, als wir Buchdruck, Automobil und Weltkrieg erfanden, schaffen wir es heute nicht einmal mehr ein Stück Stoff richtig über Mund und Nase zu tragen. Hätten wir alle doch gerade nur halb so viel Vertrauen in die Wissenschaft wie in Tupperware…

Obwohl wir uns bereits vor Corona am liebsten unser Essen beim Lieferservice, unsere Klamotten bei Amazon und unsere Freunde bei Instagram besorgt haben, fühlen wir uns nun eingeschränkt, da wir nicht mehr ohne Weiteres in die Restaurants, Kaufhäuser und Clubs dürfen, in denen wir eh schon seit Jahren nicht mehr waren. Weil es uns zu umständlich war, es für unseren realen Anblick keinen schönenden Weichfilter gab oder wir eine Hose hätten tragen müssen. Es ist so, als würden Nichtraucher sich plötzlich beschweren, dass sie im Linienbus nicht mehr rauchen dürfen. Obwohl sie noch nie eine Zigarette im Mund hatten, geschweige denn jemals mit dem ÖPNV gefahren sind. Wir sind derzeit alle so schnell erregt. Leider eben nur nicht auf die gute Art und Weise…

Viele Menschen haben es derzeit wirklich nicht leicht. Krankenhaus- und Pflegepersonal zum Beispiel oder Pärchen, die zur gleichen Zeit im Home-Office arbeiten. Und Gymnasiallehrer, die alles besser wissen, aber nichts ändern können und damit wie Oppositionspolitiker sind. Mit dem Unterschied, dass sie Cordhosen und Outdoor-Jacken tragen statt Anzüge und Sakkos und nicht wie Motten das Scheinwerferlicht der Presse suchen. Und ja, es gibt auch Menschen, die mit der Pandemie gute Geschäfte machen. Das ist nicht anders als mit Kriegen und Drogen. Des einen Leid ist des anderen Freud. Und mit Berufen während Corona ist es eben wie mit Tinder: Es gibt Gewinner und Verlierer. Ob man den Richtigen erwischt hat, lässt sich erst sagen, wenn man sich nichts eingefangen hat…

Einst war ich der Meinung, dass entweder ein Meteorit oder vielleicht sogar Außerirdische, zumindest aber der altbewährte Kalte Krieg der Menschheit irgendwann zum Verhängnis würde. Mittlerweile ist absehbar, dass es wohl eher unsere eigene Dummheit sein wird, niedergeschrieben unter obskuren Synonymen in sozialen Netzwerken, die uns zu den Fossilien von morgen macht. Plankton aus längst vergangenen Zeiten schaffte es, nach ein paar hundert Millionen Jahren Erdöl zu werden und damit wertvoll für nachfolgende Lebewesen zu sein. Man darf gespannt sein, welchen Dienst wir einmal denjenigen erweisen können, die nach uns diesen Planeten bevölkern. Außer, dass sie dank uns an Stränden Smartphones finden werden wie wir heute Muscheln…

Als Alexander Flemming im Jahr 1928 unverhofft in Schimmel das Penicillin entdeckte, konnte er sich glücklich schätzen, dass es noch keine Telegram-Gruppen gab, die wetterten, dass das alles Volksverdummung und eine Weltverschwörung sei und vegane Detox-Ernährung viel besser gegen Infektionen wirken würde als zusammengemischter Laborkram in Spritzen. Flemming kam damals zugute, dass er sich nicht andauernd via Twitter und in Sonntagabend-Talkshows gegen vermeintliche Besserwisser rechtfertigen musste, die ihre Expertise damit begründen, dass ihnen auch schon einmal etwas verschimmelt sei. Er hatte vor allem aber das Glück, dass der Zweite Weltkrieg ausbrach, was sich im Nachhinein als ziemlich gute Feld(lazarett)studie erwies…

So wie wir uns heute fragen, ob das Huhn oder das Ei zuerst da waren, wird sich irgendwann irgendwer auf Erden einmal fragen, was im 21. Jahrhundert wohl zuerst war: Klimawandel, Pandemie oder Netflix und was davon letztendlich der Menschheit den Garaus gemacht hat, weil es das Leben für immer veränderte. Gut möglich, dass man sich dann auch auf den menschlichen Egoismus als Grund einigt, der die Entscheidungen bei allen dreien bestimmt. Egal ob es schlussendlich das Klima sein wird, das die letzte Balkonpflanze auf dem Gewissen hat, die Serienauswahl, die die letzte Beziehung auf dem Gewissen hat, oder die Pandemie, die einen selbst auf dem Gewissen hat. Trotz oder wegen der Impfungen oder der Tatsache, dass man fünfzig Kippen am Tag raucht…

Ist der Tag X einmal gekommen, wird Schrecken und Angst hereinbrechen und unvorstellbares Leid uns alle erfüllen. Das sagen zumindest namhafte Religionen und Verschwörungstheorien. Überall wird es lodern und brennen. Schreckliche Klänge werden uns durch Mark und Bein gehen und uns quälen, bis wir das Ende herbeisehnen. Damit dürfte das Ende der Welt nicht viel anders ablaufen als das Ende eines jeden Jahres, wenn man Weihnachten im Kreise der Familie verbringt. Mit dem Unterschied, dass das Höllenfeuer weniger heimelig sein dürfte als das Kaminfeuer und es dann, wenn wir alle in der Hölle in siedendem Fett garen, kein Problem mehr darstellen sollte, wenn einem beim Silvester-Fondue versehentlich etwas auf die Tischdecke tropft…

Insgeheim hoffen wir bei der Pandemie wie beim Klimawandel und bei Netflix auf ein unerwartetes Happyend. Dann wird es letztendlich doch vielleicht die bombige Idee von jemandem sein, auf einen roten Knopf zu drücken, die uns allen ein jähes Ende bereitet. Sicher ist nur, dass dann, wenn sich die Erde zu einem roten Riesen aufbläht und danach zu weißer Asche zerfällt wie damals Opa bei der Feuerbestattung, die Zeit vorüber ist, sich Gedanken über einen neuen Bausparvertrag zu machen. Stand heute bleibt nur noch wenig Zeit. Wir sollten uns daher mit den wirklich wichtigen Fragen beschäftigen. Und diese sind nicht, warum man bei TikTok keine Videos im Querformat machen kann, Zitroneneis nicht gelb ist und der Paketbote immer dann klingelt, wenn man unter der Dusche steht…

Ein zeitgenössischer deutscher Philosoph hat einmal gesagt: „Was machen wir jetzt? Hören wir auf? Gehen wir heim? Was ist los gerade?“. Entweder wir versuchen in diesen Zeiten, uns auf das zu besinnen, was dazu geführt hat, dass wir die Bäume verlassen und den aufrechten Gang erlernt haben und wir nutzen unseren angeblichen Verstand dazu, um ruhig und vernünftig zu agieren. Oder wir ziehen grölend in Fackelzügen durch die Städte und klettern danach auf allen Vieren zurück auf die Bäume. Sobald es unsere Lungenfunktion nach der Intensivstation wieder zulässt. Dort warten wir dann bis diejenigen, die als nächstes vom Baum herabsteigen, es besser machen als wir. Eichhörnchen sind sehr intelligent. Gehen wir heim? … gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P.S. Ob wir Menschen für die Lebewesen, die nach uns die Erde regieren, auch einmal so kultig sein werden wie Dinosaurier für uns?

Oh Du Fröhliche

Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende heißt es immer. Dass beides sich nicht ausschließen muss, zeigt das zweite Pandemiejahr, das sich langsam seinem Ende neigt und in dem die meisten von uns nun völlig ihr Zeitgefühl verloren haben. War Montag sonst immer der Tag, an dem man sich nach einem erlebnisreichen Wochenende eine Dusche und frische Klamotten gönnte, mangelt es nach anderthalb Jahren weitgehendem Home-Office völlig am Gefühl, wann es wieder Zeit für Körperhygiene und neue Unterwäsche ist. Hätte man sich früher dafür geschämt, den ganzen Tag im Schlafanzug zuhause zu sitzen, erscheint es einem mittlerweile absolut normal, selbigen nicht einmal mehr zum Einkaufen auszuziehen. Mit Mund-Nasen-Schutz erkennt einen ja eh niemand…

Als wäre Corona alleine nicht schon genug, um einem die Laune zu vermiesen, fiel in diesem Jahr auch noch der Sommer ins Wasser. Was bedeutete, dass nicht einmal mehr die Zeit im Home-Office auf dem heimischen Balkon Spaß machte. Statt Sonne wie auf Mallorca gab es Regen wie auf Island und ein Wetter, das einem nicht nur das Autodach, sondern vor allem auch die Laune verhagelte. Der verregnete Herbst begann gefühlt direkt nach dem verregneten Winter, in den er auch jetzt wieder übergegangen ist. Das hat jedem von uns ein weiteres Jahr Zeit verschafft, sich der Illusion hinzugeben, dass man die Corona-Kilos bis zum nächsten Sommer wieder von den Hüften bekommt. Leidtragende des zweiten Pandemiejahrs waren vor allem die Kinder und die eigenen Leberwerte…

Irgendwie hatte man bis vor Kurzem noch die kindlich-naive Hoffnung, dass das mit dem Virus bald ein Ende hat und der Sommer 2021 doch noch kommen wird. Plötzlich ist es Dezember und die Inzidenzen steigen schneller als der Pegel der Ahr im letzten Juli; mit ähnlich verheerenden Auswirkungen. Meine Eltern meinten immer, es sei normal, dass Zeit mit zunehmendem Alter schneller vergeht. Das habe Vorteile, da so der im Alter Ü60 nur noch quartalsmäßige Beischlaf als genauso häufig empfunden würde wie früher der tägliche Sex Ü20, man jedoch weniger oft die Bettlaken wechseln müsse. Wegen des veränderten Zeitempfindens gälte bei älteren Menschen daher jeder Sex noch als Quickie, der kürzer dauert als zwei Folgen „Richterin Barbara Salesch“…

Pandemie, Klimawandel und das Fernseh-Comeback von „Wetten-Dass“ und „TV-Total“ im selben Jahr, das hätte man früher sogar für einen Weltuntergangs-Blockbuster aus Hollywood für zu viel erachtet. Im Gegensatz zum Ende der Pandemie braucht man jedoch zumindest was das Ende des Jahres angeht, keine bösen Überraschungen zu erwarten. Auch mit 2021 wird am 31.12. Schluss sein. Es ist ja nicht so, dass der Kalender dieses Jahr einen Monat mehr oder weniger hätte oder ein Jahreswechsel nach dem Dezember außergewöhnlich wäre. Dennoch blicken die meisten von uns in diesen Wochen immer wieder ungläubig auf den Kalender, um die Tage zu zählen, die noch bleiben, bis alles von vorne beginnt, von dem man gerade froh war, es hinter sich zu haben…

Wieder am Anfang des Teufelskreises. Steuererklärung, Zahnarzttermin, Familienbesuche, alles was man gerade abgearbeitet hatte, steht plötzlich wieder an. Eben noch ein voller Kalender mit Erledigtem, plötzlich wieder ein leerer Kalender mit zu Erledigendem. Wenigstens als Ausrede fürs Aufschieben ist so eine Pandemie gut. Sie macht einen jedoch reizbarer und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass man beim nächsten Suchen von Quittungen für die Steuer, bei der nächsten Zahnarztspritze, die nur etwas pieksen soll, und bei der nächsten Frage von Tante Elfriede, ob man nicht doch noch ein Stück Torte möchte, mit Bürotacker, Speichelsauger oder Kuchenschaufel bewaffnet einen Amoklauf abliefert, der es noch vor Corona in die 20 Uhr-Nachrichten schafft….

Ob das neue Jahr besser wird als das alte? Spoiler-Alarm! Nein. Bestenfalls aber anders. Meinem Gefühl nach war es erst kürzlich, dass ich mich wunderte, dass das Jahr schon wieder halb vorüber ist und es die ersten Lebkuchen gibt. Dabei war das vor einem halben Jahr. Nun werden bereits Silvesterfeuerwerk und erste Faschingskostüme angekündigt. Da ist es nicht mehr weit bis Ostern, Halloween und Weihnachten 2022. Ob bis dahin dann alles wieder „normal“ sein wird? Essen wir sicherheitshalber mal alle unsere Teller leer. Die Zeit rast so, dass ich den Sonnenschirm auf dem Balkon im Winter schon gar nicht mehr einklappe und den Weihnachtsbaum das ganze Jahr in der Wohnung stehen lasse, was dank Plastiktanne deutlich einfacher ist als früher mit echtem Baum…

Die Zeit vergeht Jahr um Jahr schneller als zuvor und vor allem schneller als man Sachen in den Keller räumen und von dort wieder heraufholen kann. Zumal man nicht mehr weiß, ob man Dank des Klimawandels Badesachen nun im Juli oder im Dezember braucht oder Dank Corona das ganze Jahr im Schrank lassen kann. Kaum hat man unten seine Winterschuhe zugebunden, muss man oben schon wieder einen Sonnenhut aufsetzen. Da ist es doch nicht verwunderlich, wenn man irgendwann in kurzer Hose und Flipflops vor der Tür im Schnee steht, nur weil man noch schnell seine Mund-Nasen-Maske gesucht hat. Einzig die Zeit, die man braucht, um in einem Baumarkt einen Mitarbeiter aus der richtigen Abteilung zu finden, scheint sich zu weigern, im Zeitraffer ablaufen zu wollen…

Irgendwie will ich mich nicht damit abfinden, dass ein Jahr im Kalender mittlerweile schneller vergeht als früher eine Woche in den Ferien. Und vor allem, dass dieses Jahr wie das vorangegangene Jahr wenig Schönes zu bieten hatte, sieht man einmal vom niedrigeren Wasser- und Wäscheverbrauch aus den genannten Gründen ab. Es bleiben keine vier Wochen mehr, die guten Vorsätze für das laufende Jahr, die man die letzten elf Monate erfolgreich vor sich hergeschoben hat, umzusetzen. Denn dann muss man sich bereits wieder neue vornehmen. Für gewöhnlich breche ich den ersten Vorsatz schon am Neujahrsmorgen nach zu viel Sekt in einen Vorgarten. Ich hoffe inständig, dass das dann nicht das einzige Erlebnis in 2022 sein wird, auf das ich dann später zurückblicke…

Bald ist also wieder Silvester. Es wird geknallt, danach gibt es Feuerwerk und die Uhr steht wieder auf Null. Gerade 365 Tage hinter uns, nun wieder 365 Tage vor uns. Man ist dort, wo man genau ein Jahr zuvor schon war. Nur eben schwerer auf der Waage, leichter auf der Bank und deutlich desillusionierter, was die Hoffnung angeht, dass das Abklingen der Pandemie schnell und der Verfall des eigenen Körpers langsam vorangeht. Schon jetzt trifft einen nicht selten der Schlag, wenn Menschen, die man seit gut anderthalb Jahren entweder nicht oder nur mit Maske gesehen hat, einem plötzlich mit nacktem Gesicht gegenüberstehen. Wie schnell aus einst süßen Fältchen bittere Runsen werden, wenn einem 18 Monate lang ständig der eigene Atem ins Gesicht weht…

Doch jetzt kommt erst einmal noch die Weihnachtszeit. Eine Gottesgeißel, die uns seit zweitausend Jahren heimsucht. War es als Kind die ungeduldige Erwartung, dass am Heiligabend das Glöckchen klingelt und das Christkind kommt, ist es als Erwachsener nun die ungeduldige Erwartung am Heiligmorgen, dass die Türglocke klingelt und es der Paketfahrer ist. Der Rentierschlitten vom Nordpol ist zum Kleinbus von DHL geworden. Als wäre Corona schon nicht schlimm genug. Oh Du Fröhliche… gruenetomaten@live-magazin.de.

Patrik Wolf

P. S. Meine Stimmung an Weihnachten ist wie eine Waschmaschine. Beide sind meist im Keller.