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Grüne Tomaten schlafen wütend

Fast furios

Während heutzutage schon derjenige als Draufgänger gilt, der sich nicht nach jedem Essen die Zähne putzt, seinen leeren Joghurtbecher ungespült in die gelben Tonne wirft oder die FFP2-Maske nicht täglich wechselt, gab es früher noch richtige Gesetzlose, die das wirkliche Abenteuer suchten. An ihrer Seite nicht mehr als ein treues Pferd, ein Säckchen Gold und ein Revolver. Nur eine kleine, um die Welt verstreute Gruppe Menschen hat sich diese Freiheit bis heute bewahrt. Sie wissen nicht, wohin ihr Schicksal sie führen und welche Aufgabe ihre nächste sein wird. Sie sind die Outlaws unserer Zeit und leben auf der Straße, wo jeder sie fürchtet. Sie sind Taxifahrer…

Taxifahrer sind die Cowboys unserer Städte. Ihr treues Pferd ist ein Mercedes Diesel, ihr Säckchen Gold ein Beutel Wechselgeld und ihr Revolver ein Elektroschocker in der Türablage. Sie sind die Wildwesthelden von heute. Sie leben aus, wovon andere träumen: Unabhängigkeit, Ungebundenheit und Fahren auf der Busspur. Keine Ampel ist ihnen zu rot, keine Lücke zu eng, kein Auffahren zu dicht. Nur Taxifahrer wagen es, den Verkehrsregeln vor den Augen der Polizei zu trotzen und sich Straßenbahnen in den Weg zu stellen. Taxi bedeutet Vorfahrt. Hand an der Hupe, Fuß auf dem Gas, das ist ihr Leben. Dazu ihr Ehrenkodex: Keine Zeit verschenken und erst recht keinen Euro…

Völlig zu Unrecht werden Taxifahrer von vielen als arbeitslose Lehrer oder Langzeitstudenten abgestempelt und ihnen nachgesagt, sie seien raubeinige Straßenrassisten mit Lederjacke und Ellbogen im geöffneten Seitenfenster, die Worte wie Deo und Freundlichkeit nur aus dem Kreuzworträtselbuch auf dem Armaturenbrett kennen. Ja, viele Taxifahrer schnallen sich nicht an und biegen ab, ohne zu blinken. Ja, die meisten Taxifahrer kümmern Geschwindigkeitsbegrenzungen wenig. Ja, Taxifahrer nutzen ihren Mittelfinger zum Grüßen anderer Verkehrsteilnehmer. Alles richtig, aber das Leben auf der Straße ist eben nicht, wie es einem in der Fahrschule vorgegaukelt wird…

Ein Leben als Taxifahrer ist ein Leben auf der Überholspur. An manchen Tagen hat man dabei mehr nach Alkohol stinkende Typen bei sich drinnen als eine gut besuchte Prostituierte. Hier wie dort geht es um schnelles Geld und darum, rasch zum Ziel und danach an den nächsten Kunden zu kommen. Die Konversation beschränkt sich derweil nur auf das Notwendigste. Man sollte sich über Taxifahrer jedoch nicht beschweren, sondern stattdessen diesen Helden des Alltags lieber Tribut zollen. Da sie Tag für Tag rund um die Uhr auf Abruf zu Diensten stehen, um uns nach dem Verlust von Muttersprache und Gleichgewicht von der Kneipe sicher zu unserem eigenen Auto zu fahren…

Man muss kein Uber-Flieger sein, um als Taxifahrer Erfolg zu haben, jedoch wissen, wo die eigenen Grenzen sind und wann man an den Bahngleisen dem heraneilenden Schnellzug den Vorrang lässt. Der Kunde ist im Taxi König, zumindest so lange er nicht auf den Rücksitz kotzt und Trinkgeld zahlt. Was Taxifahrer auszeichnet, ist mehr als ihr Wissen, was auf der Titelseite der aktuellen Bildzeitung steht, und die Kenntnis, wo die besten Strapsibars der Stadt sind. Es ist vor allem ihre Gelassenheit, wenn sie tiefenentspannt mit 80 Sachen durch verkehrsberuhigte Zonen cruisen und Rentner mit Rollatoren mittels Lichthupe dazu anspornen, schneller zur Seite zu gehen…

Es ist schon erstaunlich, wie Taxifahrer es schaffen, ihre elfenbeinfarbenen Boliden mit einer Hand am Lenkrad und der anderen Hand im Schritt durch spielende Kinder zu manövrieren, ohne dabei freie Kindergartenplätze zu schaffen. Der Fahrgast im vollklimatisierten Fond der Limousine bekommt derweil vom Gekreische heraneilender Waldorfkindergarten-Mütter nichts mit und genießt das Gefühl der Geborgenheit, das ihm Seitenaufprallschutz und Airbags vermitteln. Nie fühlte man sich sicherer in einem Auto, das eine knappe Million Kilometer auf dem Tacho hat und von jemandem gefahren wird, der im Monat mehr Punkte in Flensburg sammelt als man selbst in einem Jahr im Supermarkt…

Taxifahrer, das ist eine Mischung aus Psychologen und Psychopaten. Wie keine andere Berufsgruppe des Personenbeförderungsgewerbes verstehen sie es, aus einer einfachen Stadtfahrt eine Reise per Anhalter durch die Galaxis zu machen. In einer Viertelstunde prasseln auf den Fahrgast Eindrücke nieder, die sich außerhalb des Taxenkosmos nur in Jahren der Kriegsgefangenschaft ansammeln. Anders als Busfahrer oder Polizisten, die einen sonst heim bringen, baut sich zwischen Taxifahrer und Fahrgast in wenigen Minuten ein Verhältnis auf, das jeden Fahrgast dazu bewegt, seine Probleme jemand Wildfremdem anzuvertrauen, dem er sonst nicht einmal freiwillig die Uhrzeit sagen würde…

Eine Taxifahrt bleibt meist unvergesslich. Ob nun wegen des Kettenrauchers hinter dem Steuer, der beim Einsteigen des Gastes auf das Rauchen-Verboten-Schild am Handschuhfach deutet, oder wegen der Fahrtroute, die an das Einkreisen von Wild bei der Treibjagd erinnert. Aber wer will schon morgens um vier den kürzesten Weg nach Hause, wenn er für ein paar Euro mehr einen pittoresken Ausflug durch die schönsten Gewerbegebiete der Umgebung bekommt? Dank moderner Computer kann man verlässlich das Wetter der nächsten drei Wochen voraussagen, jedoch nicht die Fahrtroute eines Taxis in den nächsten drei Minuten. Ideal für Menschen mit Verfolgungswahn…

Wie bei einem Blinddate weiß man auch bei einer Taxifahrt vorher nie, was einen erwartet. Die Zahl unterschiedlicher Taxis ist so groß wie die Zahl unterschiedlicher Routen zum gleichen Ziel. Vom akkuraten deutschen Taxi mit gehäkelten Sitzüberzügen, das am liebsten rechts abbiegt, bis hin zum fahrenden indischen Gemischtwarenladen mit eigenem E-Bay-Shop ist alles möglich. Wartet am Steuer nun ein Osteuropäer mit dem mimiklosen Gesicht eines Profikillers, der seinen Auftrag ohne Fragen erledigt, oder doch ein Südländer, der wasserfallartig von seiner Großfamilie berichtet und Fotos zeigt, auf denen alle seine Verwandten unabhängig vom Geschlecht einen Bart tragen…

Vielleicht erwischt man aber auch ein heimisches Urgestein, das seit 50 Jahren „Kraftdroschke“ fährt und es schafft, in fünf Minuten sein gesamtes Lebens zu erzählen. Wobei er ohne Redepause den Spagat zwischen Wetter, Politik, Exfrau und seiner Vorliebe für thailändische Prostituierte schafft und nicht hinter dem Zaun hält, dass die Pandemie längst vorbei wäre, wenn jeder tun würde, was er sagt. Besonders beeindruckend sind auch Taxifahrer, die selbst keine zehn Worte Deutsch sprechen, es aber schaffen, den Röchellauten ihrer sturzbetrunkenen Fahrgäste das gewünschte Fahrziel richtig zu entnehmen. Dies bestätigt dann wohl, dass sich jede Sprache nach zwölf Bier gleich anhört…

Wer selten Taxi fährt, dem sei Folgendes als Tipp mit auf den Weg gegeben: 1.) Man ist kein Rassist, wenn man ein weißes Taxi mit ausgestrecktem Arm anhält. 2.) Die vermeintliche Stoppuhr, die vorne im Taxi mitläuft, zeigt nicht den Jackpot der nächsten Lotto-Ziehung an, sondern den Fahrpreis, der schneller steigt als die Zahl der Corona-Neuinfektionen. 3.) Stets in den letzten Wagen am Taxistand einsteigen und nie in eine der Taxen davor, die schon seit Stunden auf Kundschaft warten. – Wer nach der Fahrt zufrieden war, sollte 19,90 Euro ruhig mal gerade sein lassen und sich großzügig mit einem Zwanziger bedanken. Taxifahrer zu sein, ist: Fast furios… gruenetomaten@live-magazin.de

Patrik Wolf

P.S. Gegen den Typen am Taxifunk spricht René Mariks Maulwurf perfektes Deutsch.

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