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Grüne Tomaten schlafen wütend

Die Zoogeschichte

Erwachsene und Kinder haben unterschiedliche Einstellungen zu Tieren. Während Kinder Ponys am liebsten streicheln, bevorzugen Muttis sie auf dem Kopf und Papis sie auf dem Teller. Die Ansichten darüber, wo ein Familienmitglied aufhört und ein Familienbraten anfängt, ändern sich im Laufe des Lebens. Kinder treten die Wurst auf dem Tisch gern an den Hund auf dem Teppich ab. Eltern dagegen treten die Wurst des Hundes unterm Tisch nur ungern auf dem Teppich ab. Irgendwann sind Tiere statt lustig nur noch lästig. Da unterscheiden sich vierbeinige nicht von zweibeinigen Partnern. Alte Vierbeiner landen dann im Tierheim, alte Zweibeiner in Internet-Partnerbörsen und beide ab und an auch auf einem einsamen Autobahnparkplatz in der Hoffnung, dass jemand Fremdes kommt …

Gibt es als Kind nichts Schöneres als Ferien auf dem Bauernhof, verzichtet man als Erwachsener bewusst auf Urlaube mit Kühen und Ochsen, die nur Mist machen, um nicht auch noch in der Freizeit an die Arbeitskollegen erinnert zu werden. Der Wunsch nach einem eigenen Kater verschwindet bei Heranwachsenden meist nach dem ersten Suff. Vieles was in jungen Jahren affengeil war, ist im Alter nur noch affig. Selbst wer früher von fremden Vögeln fasziniert war, ist irgendwann vom Fremden Vögeln frustriert. Störte es als Kind damals niemanden, wenn man die Katze des Nachbarn streichelte, handelt man sich als Erwachsener nur Ärger ein, wenn man Gleiches mit der Muschi der Nachbarin macht. Dabei geht es damals wie heute nur darum, Einsamen zu helfen…

Sehnlichster Wunsch vieler Kinder ist es, einen Tag im Zoo zu verbringen, sehnlichster Wunsch vieler Eltern dagegen, dass dieser Tag schnell vorbeigeht. Der Besuch von Tieren, die sich ebenso wenig für einen interessieren wie man sich für sie, zählt neben Steuerklärung, Prostata-Untersuchungen und Verwandtschaftsbesuchen zu den Dingen, auf die man als Erwachsener gut verzichten kann. Es sei denn, man findet Gefallen an muffigen Reptilienhäusern, deren Geruch an alte Sportsocken erinnert, und liebt es, Flamingos dabei zuzusehen, wie sie gelangweilt auf einem Bein stehen. Wem schon einmal im Vogelhaus ein frei fliegender Kolibri gleich zu Besuchsbeginn einen albatrosgroßen Haufen auf die Jacke gesetzt hat, wird bestätigen, dass Zootage beschissen beginnen und auch so enden…

 

Aber was tut man nicht alles für die lieben Kleinen. So fand also auch ich mich letztens mit meinem Patenkind im Zoo wieder. Auch wenn wir zum Bestaunen seltsamer Lebewesen besser öffentliche Grünflächen in der Stadt besucht hätten. An der Zookasse ahnte ich noch nicht, dass spannender als das Beobachten der Primaten hinter den Gittern das Beobachten der Primaten vor den Gittern werden würde. Wenn ich außer der Tatsache, dass Zoogiraffen wie japanische Autos heißen, an diesem Tag eins gelernt habe, dann dass die wahre Attraktion eines Zoos seine Besucher sind und Einzäunungen Tiere vor Menschen schützen und nicht umgekehrt. Der Zustand der Zootoiletten bestätigt übrigens, dass im Menschen noch ein Tier schlummert, wenn auch weniger ein Affe als vielmehr ein Schwein…

Wer erwartet, dass es die Kinder sind, die im Zoo herumplärren, sich vordrängeln und vor Käfigen Grimassen schneiden, der unterschätzt die 4-jährigen Erwachsenen von morgen und überschätzt die 40-jährigen Erwachsenen von heute. Da fragt man sich, ob nun derjenige hinter oder vor dem Gitter größere Verhaltensstörungen zeigt. Vielen Erwachsenen scheint offenbar nicht bewusst zu sein, dass es die Tiere, die auf den Märchenbüchern ihrer Kinder abgebildet sind, wirklich gibt, auch wenn sie in Realität vielleicht nicht so akzentfrei Deutsch sprechen wie in Disney-Filmen. Anders lässt sich die Aufregung kaum erklären, die Eltern in Zoos an den Tag legen. Mehr Hysterie ist nur denkbar, wenn der Lieferant von Zalando, die Zeugen Jehovas und die GEZ gleichzeitig vor der Haustür stehen…

Wer hätte geahnt, dass es außer den Hunden der Besucher in einem Zoo noch andere Tiere gibt? Wäre ich in einem Elektrofachmarkt und neben mir würde ein Lemur Obst essen, wäre wohl auch ich verwundert. Aber in einem Zoo sollten exotische Tiere keinen überraschen. Wer sich dort über Affen wundert, wundert sich bei einem Behördenbesuch auch darüber, dass niemand für einen zuständig ist. Und dann auch noch diese gefährlichen Bestien, die in Zoos frei herumlaufen! Ein Pfau, das gefährlichste Tier der Welt, das mehr Menschen auf dem Gewissen hat als alle Haie und Krokodile zusammen und heimtückischer ist als der Gilb, der die Gardinen grau macht. Hätte ein Pfau Hände, er würde bei solch einer Hysterie diese statt seines Rads über dem Kopf zusammenschlagen…

Besondere Zooattraktion sind für mich Mütter des Typs Bäckereifachverkäuferin mit tätowierten Kindsnamen auf dem Unterarm, die ihrem Nachwuchs mit Zigarette in der Linken und Handy in der Rechten in einer grammatikfreien Sprache erklären, dass die Geparde Tiger und die Kaninchen Hasen sind. Dabei irren sie umher, da sie die Elefanten nicht finden, die es in diesem Zoo gar nicht gibt. Keiner erwartet von jemandem, der sich in der Backstube nicht merken kann, ob er mit dem Plastikhandschuh nun ins Brot oder in die Kasse greifen soll, ein Zoologiediplom. Man muss nicht unbedingt Seehund und Seelöwe auseinanderhalten können. Aber der Unterschied zwischen Seehund und Seepferd sollte schon jedem klar sein, der aufrecht geht…

Am meisten zu bemitleiden sind die Tiere im Streichelzoo. Weltweit wird angeprangert, wenn Nashörner gejagt und Tiere zum Spaß gequält werden. Wo sind Tierschutzorganisationen, wenn es um Streichelzoos geht, in denen übermütige Grundschulkinder mit ausgestreckten Armen wie Zombies kleine Zicklein jagen, um sie zu drücken bis ihnen die Luft wegbleibt? Während vor dem Zaun Eltern wie bei Gladiatorenkämpfen im alten Rom ihre kleinen Kevins, Marlons, Cheyennes und Shakiras dazu antreiben, die Tiere „ei zu machen“ und das Ganze für ein weiteres überflüssiges Video mit dem Smartphone festhalten. Da hat keine Ziege Bock drauf! Pferde sind da zu beneiden, da ihnen zumindest die Hoffnung bleibt, nach jahrelangem Ponyreiten Ruhe und Frieden als Salami zu finden…

Apropos Wurst. Faszinierender als die Fütterung am Pinguinbecken ist die am Zooimbiss. Ein Löwe, der ein Gnu zerfleischt, hat bessere Tischsitten als viele Zoobesucher beim Burgeressen. Schlimmer als das Gekeife, wenn es um die letzte Portion Pommes geht, sind nicht einmal Rudelkämpfe unter Wölfen. Bei dem Anblick ist zu verstehen, warum manche Tiere ihre Außengehege meiden und lieber in ihrem Käfig an die Wand statt draußen auf dümmliche Menschen starren. Nicht-Füttern-Schilder gelten übrigens nicht für Kinder, die Jonathan, Jakob oder Carl heißen und von ihren Akademiker-Eltern darin geschult werden, wie das mitgebrachte Oliven-Ciabatta richtig zu verfüttern ist. Da ist absehbar, wie die zukünftige Generation erwachsener Zoobesucher aussehen wird…

Nach einem Tag im Zoo bleibt am Ende die Erkenntnis: Wir Menschen sind immer noch die dümmsten Tiere. Aber wir haben zumindest Bausparverträge. Die Zoogeschichte… gruenetomaten@live-magazin.de.

 

Patrik Wolf

 

P. S. Ein Huhn mit Frack ist noch lange kein Pinguin.

 

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